Chet Fakers neuer Song Over You fühlt sich an wie ein offener Horizont. Nicht, weil er Antworten gibt, sondern weil er Platz schafft. Ein Stück Musik, das nicht festhält, sondern atmen lässt. Es steht da wie eine weite Landschaft am frühen Morgen, noch leicht verhangen, still, aber voller Bewegung unter der Oberfläche.
Over You entfaltet sich langsam, ohne Dringlichkeit. Klänge kommen und gehen wie Wolken, die vom Wind weitergeschoben werden, ohne Eile, ohne Ziel. In diesem Fluss liegt eine besondere Ruhe. Over You wirkt nicht abgeschlossen, eher offen – als würde er einen Zustand beschreiben, der noch im Werden ist. Kein lauter Abschied, kein endgültiger Schnitt, sondern ein Weitergehen mit leichtem Gepäck.
Mit Chet Faker steht hinter diesem Song ein Künstler, der sich seit seinen frühen Veröffentlichungen nie dafür interessiert hat, alles auszuerklären. So bringt der Australier auch immer wieder abwechselnd unter seinem bürgerlichen Namen Nick Murphy und seinem Alias Chet Faker Alben raus. War 2021 das Album Take In The Roses als Nick Murphy & The Program erschienen folgt nun mit A Love For Strangers Ende Februar wieder ein Chet Faker Album und damit gleichzeitig das dritte Album unter diesem Alias.
Seine Musik lebt dabei von Zurückhaltung, von Brüchen und von dem Mut, Lücken zu lassen. Soul, Elektronik, Pop – das sind nur grobe Koordinaten. Wichtiger ist die Stimmung, dieses ständige Pendeln zwischen Nähe und Distanz. Chet Faker klingt oft so, als würde er eher beobachten als erzählen. Und genau das verleiht seinen Songs Tiefe.

In Over You trägt seine Stimme diese Haltung besonders klar. Sie liegt nicht im Vordergrund, sie schwebt darüber, fast wie Nebel über einem See. Worte werden zu Texturen, nicht zu Botschaften. Man hört weniger eine Geschichte als einen inneren Zustand. Etwas ist vorbei, aber es hallt noch nach. Wie Fußspuren im Sand, die langsam vom Wasser erreicht werden.
Die Musik selbst wirkt erdig und weit zugleich. Tiefe Frequenzen geben Halt, während darüber Raum entsteht. Es fühlt sich an wie ein Blick über offene Felder, bei dem der Himmel größer ist als alles andere. Kein Moment drängt sich auf, alles darf sein. Diese Gelassenheit ist selten. Sie verlangt Aufmerksamkeit, aber sie fordert sie nicht ein.
Over You ist kein Song für laute Tage. Er passt zu langen Wegen, zu Landschaften, die sich verändern, ohne dass man es sofort bemerkt. Zu Momenten, in denen man innehält und spürt, dass Loslassen nicht immer ein Bruch sein muss. Manchmal ist es ein leises Entfernen, Schritt für Schritt, begleitet von dem Wissen, dass etwas Neues Raum braucht.
Am Ende bleibt kein großes Gefühl zurück, sondern Weite. Und vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses Songs: Er lässt einen nicht leer zurück, sondern offen. Wie ein Himmel, der noch lange Licht trägt, auch wenn die Sonne schon tiefer steht.