Lane 8 – Elektromusik als Weiterentwicklung

Lane 8 hat sich etwas zur Aufgabe gesetzt. Musik nicht als Imbiss zu betrachten. Selbst, wenn es die allgegenwärtigen Popsongs kaum noch anders darstellen. Ungleich schwieriger wird es, wenn man Elektrokünstler ist – liegt es leider zu oft am Genre selbst, schnelllebig und unpersönlich zu klingen. Daniel Goldstein – alias Lane 8 – hat hier seine ganz eigene Art gefunden, darauf zu reagieren. Bereits zu seinem ersten Album gab er allen – so sehr an Downloadsongs gewöhnten – Medienvertretern, die Interesse an seiner Musik hatten, zu verstehen, dass ein Album eine ganz eigene Sprache spricht – unabhängig des Genres. Nun kommt diesen Freitag sein zweites Album Little By Little raus und passend dazu auch die neue Single Stir Me Up die dabei als Brücke des Albums dient. So nutzt er Stir Me Up als Bruch im Album, um von einem Gefühl, zu einem anderen zu wechseln und dabei den Übergang so sanft wie möglich zu gestalten. Hier trifft Deep House auf einen relaxten Gesang und einem schwebenden Sound. Stir Me Up ist dabei gleichzeitig intim und zeigt Verletzbarkeit auf. Hier hat es Lane 8 geschafft, dem schnelllebigen und unpersönlichen Genre das Gefühl von Geborgenheit zu geben. Lane 8’s Album Little By Little wird dabei zu einem der spannendsten Alben 2018.

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Mallrat – Angekommen und Better

Im Mai 2017 fiel die australische Sängerin Mallrat mit ihrer Single Uninvited das erste Mal so richtig auf. Durch ihren modernen Elektrosound und einem sarkastischen Thema über hippe und coole Twentysomethings fand die 19-Jährige sofort ihre Nische. Nun ist sie mit der Single Better zurück und überrascht mit einem deutlich softeren Sound. Hier hören wir fast schon eine Singer/Songwriterin mit einer Prise Folk. Dabei klingt Mallrat noch jünger, als auf Uninvited eh schon. Allgemein luftiger und deutlich verspielter wirkt Better, wie ein Song, eines Mädchens auf dem Land. Dabei keinesfalls langweilig, ist Better ein angenehmer Begleiter für Tage, an denen die Sonne nur selten zu sehen ist.

Gloria – Vergangenheit hochhalten

Angeteasert werden Gloria mit dem Begriff Erfolgsalbum Nummer 3. Kommerziell kann dies nicht gemeint sein, hatte es das Album Da schließlich nur eine Woche in die Albumcharts geschafft. Doch dies machen Reporter gerne, um die Besonderheit einer Band hervorzuheben. Doch das brauchen Gloria überhaupt nicht. Anders sieht dies nämlich beim Songwriting, der Produktion und den Gedanken aus, die hinter Glorias drittem Album stecken. Denn hier hat sich das Duo selbst ein kleines Denkmal gesetzt. Mit starken Texten nehmen sie auch auf der zweiten Singleauskopplung Fahrt auf und sprechen auf Narben davon, Vergangenes hochzuhalten. Die Beschreibung Mark Tavassols hierbei trifft wohl auf vieles in unserem Leben zu, denn er meint, dass wir ein Mosaik unserer eigenen Begegnungen sind. Etwas kryptisch dargestellt, kann Narben als Liebeslied, als Freundschaftsbeweis oder als Trauerhymne gemeint sein. Hier liegt es am Hörer, sich den Song anzueignen und mit seiner eigenen Gefühlslage verschmelzen zu lassen. So sind Gloria gerade – neben Kettcars neuem Album – eine der wichtigsten deutschen Bands, wenn es um geistreiches Songwriting und einen starken Sound geht.

Karen O – die Stimme der 2000er ist zurück

Mit ihrer Band Yeah Yeah Yeahs hatte Karen O die 2000er mit ihrem aggressiven, Indie-Rock geprägt. Neben Gossip, Fall Out Boys und anderen, waren die Yeah Yeah Yeahs die lautesten und zogen eine ganz neue Bewegung – die der Indie-Rocker – hinter sich her. 2013 kam das bisher letzte Album Mosquito der Band raus, ein Jahr später folgte mit Crush Songs O’s Solo-Debüt. Nun kommt O mit einem Song für den Soundtrack eines KENZO Werbekurzfilms zurück und hat sich dafür den Briten Michael Kiwanuka dazugeholt. Dass Soundtracks nicht Neues für sie sind, zeigte O bereits 2009, als sie die Filmmusik des Fantasy-Dramas Where The Wild Things Are machte. Nun hat sie mit Kiwanuka ein romantisches aber auch melodramatisches Stück gemacht, dass – laut O’s eigener Aussage – an asiatische Melodramen erinnern soll. Und tatsächlich, wirkt diese Vorstellung sehr realistisch, betrachtet man den Kampagnenfilm KENZOs. Hier kommt es zu quietschbunten Szenen, bei denen Karen O brachial und laut ist, um nur kurze Momente später in einem lethargischen Traumzustand zu versinken. Yo! My Saint ist diese kunstvolle amerikanische Sängerin, die vor allem durch einen hohen Output an musikalischer Vielfalt stets überzeugt. Dabei klingt Kiwanuka, wie aus einem 70er Jahre Krimifilm, der in den Straßen New Yorks spielt und ganz viel Trenchcoat mit Stehkragen beinhaltet. Karen O lässt mit Yo! My Saint nach längerem wieder etwas von sich hören und wir liegen ihr zu Füßen.

Little Hours – Folk trifft Remix

Über zwei Jahre begleitete SOML das irische Duo Little Hours und hatten uns vom ersten Song an in die handgemachte Musik der beiden Jungs verliebt. Zuletzt hatten sie im März 2017 mit Water, aus der Too Much Patience EP, einen so gefühlvollen Song veröffentlicht, dass die Gänsehaut vorprogrammiert war. Auf dieser EP enthalten, ist auch der Mitte November veröffentlichte Song Later On, der deutlich mehr nach vorne geht. Hier sorgt ein treibendes Gitarrenspiel und das, im Refrain im Vordergrund stehende, Schlagzeug für einen wunderbar vollen Sound. Um diese Zeit der Veröffentlichung herum, passierte allerdings mit dem Duo eine Menge. Persönliche Wünsche nach neuen Projekten führten schließlich dazu, dass sich das Duo im Herbst dazu entschloss, getrennte Wege zu gehen. Somit verließ Ryan McCloskey die Band im freundschaftlichen und macht John Doherty nunmehr als Solokünstler hinter Little Hours weiter. Klingt Little Hours auch weiterhin natürlich und roh, gab es anscheinend von Doherty den Wunsch, nach einer Zäsur. Diese sah so aus, dass – ihr noch gemeinsam geschriebener Song Later On – als Remix veröffentlicht werden sollte. Und so hat das österreichische Produzenten-Duo MÖWE den Song geremixt und dafür gesorgt, dass sich Later On dem Tropical House hin gibt, den MÖWE so gut beherrschen. Dabei haben sich MÖWE mit etwas Ehrfurcht an den Song gewagt – denn hier bleibt der treibende Sound und Gesang Dohertys klar im Vordergrund, wird allerdings von einem prägnanten House-Beat unterstützt. Wir dürfen gespannt sein, wie sich Doherty als Solokünstler mit Little Hours weiterentwickeln wird, sind uns aber sicher, dass uns der Singer/Songwriter Sound noch lange begleiten wird. Live sehen könnt Ihr Little Hours übrigens am 2. Februar im Berliner Privatclub und am 3. Februar im Hamburger Molotow als Support des Singer/Songwriter und Geschwister-Duo’s Hudson Taylor. Hier könnt Ihr jetzt beide Versionen hören und selbst entscheiden, welcher Euch besser gefällt.

Black Eyed Peas – Comeback mit Comeback

Sieben Jahre nach ihrem letzten Album The Beginning sind die Black Eyed Peas mit einem neuen Song zurück. Hatten sie 2016 bereits mit ihrem Re-Release des Songs Where Is The Love für Aufsehen gesorgt – immerhin wirkten bei dieser Version und im Musikvideo Künstler wie Usher, Jamie Foxx, Mary J. Blige, Diddy, Snoop Dogg und viele Weitere mit. Nun sorgen die Black Eyed Peas abermals für Aufsehen und drehen ihre musikalische Uhr – zumindest auf Street Livin‘ – zurück und lassen das Jahrzehnt der Dance-Pop-Songs vergessen scheinen. Mit sehr viel 70er Jahre Soul und einer Referenz an den frühen R&B-Sound der 80er klingt Street Livin‘, als hätte man ihn auf einer Kassette, irgendwo im Keller gefunden und einen Song für sich entdeckt. Ohne Fergie aber dennoch mit einer weiblichen Stimme, ist der Song damit eine Rückbesinnung auf ihre Anfangszeit. Denn hier Rappen Will.I.Am, Taboo und Apl.de.ap mit harten Rhymes zu einem harten Thema. So greifen sie die politischen Themen auf, welche die Amerikaner spalten – das Einwanderungsgesetz, die Polizeigewalt oder der hemmungslose Gebrauch von Schusswaffen. Die Black Eyed Peas haben mit Street Livin‘ einen Song veröffentlicht, der versöhnt und gleichzeitig aufrüttelt. Hier werden sicherlich so einige Fans der ersten Stunde wieder ihren Weg zurück finden. Dabei nutzen die Black Eyed Peas gleichzeitig ihre Bekanntheit um auszusprechen, was falsch läuft.

Jack Grace – Minimalistisch schön mit neuer Single

Vor 15 Monaten hatte Jack Grace mit All Lost alle überrascht – war seine Mischung aus Trip-Hop, Elektro und Gospel doch im September 2016 wie ein komplett neues Genre. Nun hat Grace zu Beginn des neuen Jahres mit Row Me Home einen neuen Song veröffentlicht und zeigt sich damit noch reduzierter. Hier hören wir Grace‘ Stimme Eingangs nur von einem Klavier begleitet, ehe sein Gesang irgendwo zwischen Vocoder und Synthieblase aufzuweichen scheint. Bereits 2014 am Genfer See geschrieben, fragen wir uns, was den Australier damals beeinflusst haben muss, um Row Me Home so fragil und irritiert klingen zu lassen. Glücklicherweise kommt Grace auch hier nicht ohne seinen gospelhaften Gesang aus, der Row Me Home zeitweilig wirken lässt, als würde er direkt aus einer Kirche mit Gospelchor übertragen. Jack Grace macht emotionale, Singer/Songwriter Musik und vermischt sie mit Elektro und Soul. So scheint es fast, als hätte Grace die Zeit des Songwritings am Genfer See, im Winter verbracht – passt die Stimmung doch perfekt zur kalten, dunklen Jahreszeit.

David Byrne – Ein Held macht diplomatisch Politik

Die Überschriften sind groß. Er ist zurück, Comeback nach 14 Jahren, Erste Soloplatte seit 2014ließt man heute überall. Dass große Headlines bei niemanden geringeren als David Byrne angebracht sind, steht indes außer Frage. War er von 1977 bis 1991 Sänger der Talking Heads, hat er in dieser Zeit die Popkultur, mit Songs wie Burning Down The House, Once In A Lifetime oder Road To Nowhere geprägt. Hier stand er und seine Band wie nur wenige Andere für das Verschmelzen von den Siebzigern und Achtzigern und hat musikalische Grenzen aufgesprengt. Doch auch nach dem Ende der Talking Heads wurde es um Byrne nicht still. So hat er mit Künstlern wie Philip Glass, X-Press 2, Paul Van Dyk, Arcade Fire oder De La Soul ein wunderbares Potpourri aus den verschiedensten Musikgenres in seiner Diskografie angehäuft. Zwischenzeitlich sogar Alben mit St. Vincent und seinem langjährigen Produzentenfreund Brian Eno veröffentlicht, hat Byrne nun für den 9. März 2018 mit American Utopia ein neues Album angekündigt. Die erste Single daraus, wurde zusammen mit Brian Eno und Sampha produziert. Everybody’s Coming To My House heißt der erste Vorgeschmack des Albums, welches sehr diplomatisch Politik betreibt. Anders, als seine Kollegen von Arcade Fire, Moby oder den Gorillaz, hält sich Byrne mit direkter Kritik gegen bestimmte Personen zurück. Vielmehr fängt er die Stimmung auf den Straßen und stellt die Frage We look around and we ask ourselves—well, does it have to be like this? Is there another way? These songs are about that looking and that asking. Dabei klingt Byrne verspielt, groovig und gleichzeitig kantig. Sein Art-Pop hält die Erinnerung an David Bowie hoch und öffnet sich dem heutigen Pop. David Byrne ist Referenz so vieler, heute höchst erfolgreicher, Künstler. Daher ist ein wenig Superlative bei einer neuen Veröffentlichung des Schottisch-Amerikanischen Sängers durchaus angebracht.

Petit Biscuit feat. Panama – Innovation hoch 2

Mit dem gerade einmal 18 jährigen, französischen Produzenten Petit Biscuit und Panama haben sich auf dem heutigen Song zwei Künstler gefunden, die für innovativen und modernen Elektrosound stehen und dennoch einem großen Publikum bisher verwehrt geblieben sind. Mit Sunset Lover hatte Petit Biscuit 2015 einen ersten, internationalen Achtungserfolg feiern können und erreichte in seinem Heimatland sogar Platz 6 der Singlecharts. Sein Debütalbum Presence kam im November 2017 auf den Markt und beinhaltet die nun veröffentlichte Single Waterfall, auf dieser der Australier Panama dabei ist. Panama selbst ist gerade mit seinem Song The Highs in Europa auf dem Vormarsch und überzeugt mit seinem euphorischen Sound die Kritiker. Was beide Künstler gemein haben, ist der treibende Sound, der sich mal im Tropical-House, mal im Indie-Pop oder auch Elektro wiederfindet. Auf Waterfall vermischen sie nun ihre Einflüsse zu einem verspielt, modernen Sound, der sich gekonnt im Pop aufhält und dennoch tanzbar und clubtauglich ist. Ebenso passend zu einem anbrechenden Frühlingstag im Freien, wie zu einem sommerlichen Open-Air, ist Waterfall ein starker House-Track, der den Weg in den Sommer 2018 finden könnte.

Justin Timberlake – Irritierender Futurepop

Er ist zurück – Justin Timberlake hat mit seiner, am Freitag veröffentlichten, Single Filthy für ein euphorisches Stirnrunzeln gesorgt. Denn entgegen seiner Ankündigung und des Namens seines fünften Studioalbums Man Of The Woods – bei dem sich die Fans und Kritiker gleichermaßen einen reduzierten und akustisch reduzierten Sound erwartet hatten – ist mit Filthy eine futuresker Song der Popmusik geworden, der mit Elektro-Funk beschrieben werden kann. Hier stolpern wir über brechende Beats, die typisch für Produzentenfreund Timbaland sind und werden immer wieder durch abbrechend klingende Stilwechsel rausgerissen. Dabei wechselt Timberlake zwischen Gesang und Rap und hat immer auch R&B in der Stimme. Timberlake hat so, knapp 4,5 Jahre nach seinem 2013er Doppelreleasejahr mit The 20/20 Experience ein neues Album am Start, das er nicht nur am 2. Februar 2018 veröffentlicht, sondern Filthy gleich auch noch am 4. Februar 2018 in der Halbzeitshow des Super Bowl präsentieren wird – und er somit 14 Jahre nach seinem Skandalauftritt mit Janet Jackson wohl als rehabilitiert bezeichnen werden kann.  Tanzbar trotz der Beatwechsel ist Timberlakes Filthy wahrlich Zukunftsmusik und damit dem Pop unserer Zeit erneut weit voraus.