BOY - Tempodrom 23.11.2015

BOY – Konzertkritik

Lange Schlangen standen vor dem Tempodrom in Berlin. Fünf oder sechs von diesen Warteschlangen reichten bis zum Rasen. Es war kalt, fast schon frostig, als an diesem Abend zwei ganz besondere Frauen zu einem Konzert einluden. Das Duo BOY, bestehend aus der Hamburgerin Sonja Glass und der aus Zürich kommenden Valeska Steiner, wollten ihr zweites Album We Were Here vorstellen und sollten von einem restlos ausverkauften Tempodrom empfangen werden. Was bereits im Vorfeld angekündigt wurde, brachte so auch die Wartenden nicht aus der Ruhe, gab es doch, nach den Ereignissen in Paris, verschärfte Sicherheitsmaßnahmen. So wurde jeder Besucher einzeln abgetastet und durchsucht. Dies sollte der Stimmung jedoch nicht schaden und so fand sich ein gemischtes Publikum aus knapp 3.700 Menschen zusammen um den Klängen dieses Duos zu lauschen.

Small Fires - Tempodrom 23.11.2015
Small Fires – Tempodrom 23.11.2015

Vom Traum dahinzuschweben

Mit einer Seltenheit in der heutigen Konzertlandschaft, wurde mit jeweils einem Gong 10 Minuten, 5 Minuten und zu Beginn darauf hingewiesen, dass die Vorband nun beginnen würde. War man bereits vom Gebäude an ein Theaterzelt erinnert, ließ ein der Gong spätestens vollends dies verspüren. Mit der Hamburger Band Small Fires hatten sich BOY dann auch eine passende Band als Support eingeladen. War doch die Musik der drei Jungs aufrichtiger Alternative, der sich nicht schämte nach Pop zu klingen und durch seine sphärisch, elektronischen Elemente sofort ins Herz ging. Mit Songs wie Lay A Cloud On Me und Take It On The Chin sorgten sie für eine bassgeladene aber angenehm, heimelige Stimmung. Selbst schnellere Songs wie The Weight und vor allem Set To Glow veränderten sich in ihrem Sound hin zu einer gewaltigen, wabernden Blase, die überwältigend mit der richtig eingesetzten Lichtshow harmonierte. Shuffle The Deck soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, war der Song doch durch den Bass und mit Hilfe eines perfekten Gitarrenspiels fast schon perfekt und wirkt im Tempodrom, als würde man in einem Traum dahinschweben.

BOY - Tempodrom 23.11.2015
BOY – Tempodrom 23.11.2015

Allgemein sollte, dieses Gefühl des verträumten dahinschwebens noch so einige Male an diesem Abend erzeugt werden. Und so ging Punkt 21 Uhr das Licht im Saal aus und Sonja und Valeska betraten die Bühne – unter frenetischem Jubel. Die ersten Töne deuteten We Were Here als Opener des Abends an. Valeska sang zu einem sachten Soundaufbau der sich im Verlaufe des Songs soweit steigern sollte, dass sich sowohl das Nebelhorn als auch das Licht und die Melodie zu einem riesigen Gerüst formten und die gesamte Halle einhüllen sollten. Dies war gleich zu Beginn eine unerwartet große Offenbarung und öffnete so die Herzen des Publikums. Es waren vor allem die ruhigeren, verträumteren Songs, die an diesem Abend wirken. So waren Army und Hotel wahre Seelenstreichler und war Into The Wild, als erster Song der ersten Zugabe, der sanfte Wind der das Publikum in Geborgenheit zu hüllen schien. Es war bedächtig, es wurden Feuerzeuge und Handyblitze angemacht und auch wenn das Licht dieser beiden Quellen nicht unterschiedlicher wirken könnte, wurde der Raum in eine Traumwelt, aus funkelnden Punkten, gehüllt.

BOY - Tempodrom 23.11.2015
BOY – Tempodrom 23.11.2015

Sieben kleine Zahlen bewegen 3.700

Zwischendurch wurden immer wieder Uptempo-Nummern wie Drive Darling, This Is The Beginning, Waitress oder Oh Boy gespielt. Mit Boris sang Valeska dann über eine Erfahrung, die sie mit einem penetranten jungen Mann in einer Züricher Bar machen durfte. So bittersüß kann eine Abrechnung sein. Es folgten Songs wie New York und schließlich Little Numbers, das nicht nur das Publikum im Innenraum, sondern auch die Ränge zum tanzen brachte. So bewegte sich der Innenraum wie eine seichte Welle immer wieder auf und ab.

BOY - Tempodrom 23.11.2015
BOY – Tempodrom 23.11.2015

Was folgte war eine zweite Zugabe, ehe sich die Band endgültig von der Bühne verabschiedete. Das Tempodrom stand an diesem Abend vor allem für eines, für Glück. Denn genau dieses Gefühl war durchgehend in jeder Minute zu verspüren – beim Publikum gleichermaßen wie bei den beiden von BOY. Und so wurde auch die Bedeutung des Satzes Es sei nicht leicht in der aktuellen Zeit glückliche Musik zu machen vom Publikum honoriert und mit Applaus bestätigt. Denn das ist es, was man von Valeska Steiner und Sonja Glass geboten bekam, das Gefühl sich für anderthalb Stunden fernab der heutigen Zeit geborgen und glücklich zu fühlen. Und so werden viele, nach diesem Konzert, das Tempodrom mit einem Gefühl verlassen haben, das es heißt, so lange wie möglich zu bewahren. Vielleicht wird es dem ein oder anderen auf dem Nachhauseweg ganz ähnlich der Textzeile gegangen sein; There’s something big about to start, for the dreamer […] no sleep, no sleep for the dreamer, es wäre die Schuld der Band, mit dieser sie wahrlich gerne leben könnten.

BOY - Tempodrom 23.11.2015
BOY – Tempodrom 23.11.2015
BOY - We Were Here

BOY – Einfach BOY, einfach GROß

Zürich und Hamburg sind zwei grundverschiedene Städte. Doch eint sie eines – drei Buchstaben. BOY. Das ist die aus Zürich kommende Valeska Steiner und die Hamburgerin Sonja Glass. Im Herbst 2011 hatten sie mit ihrem Album Mutual Friends und der Single Little Numbers für Furore gesorgt. Seitdem ist viel passiert. Neben eines erfolgreichen Debütalbums und weltweit ausverkauften Konzerten hatten sie es mit Little Numbers sogar in die Japanischen Top5 geschafft. Zudem lief Little Numbers in einem europaweiten Werbespot der Lufthansa.
Dann wurde es lange drei Jahre still um die beiden. Doch seit Mai dieses Jahres gibt es Hoffnung auf ein baldiges zweites Album. Denn mit der ersten Single We Were Here kündigen BOY nun den gleichnamigen Nachfolger von Mutual Friends für Ende des Sommers an.
War der Sound von BOY von Beginn an sehr international und hatte immer wieder zu Vergleichen mit Feist geführt, ist die nun veröffentlichte Single We Were Here eine enorme Steigerung ihres Sounds. We Were Here klingt hier elektronischer aber auch sphärischer. So wabert ein dumpfes Nebelhorn im Rhythmus und lässt Steiners Stimme komplexer und präsenter klingen. Diese Veränderung ist nicht gravierend, doch macht sie deutlich, dass die Musik von BOY lebt und sich logisch weiterentwickeln musste. Dadurch ist jedweder Erfolg, den BOY bisher hatten nur zu begründet und stößt die Türen für noch mehr Aufmerksamkeit auf.