Lollapalooza Berlin 2017 Tag 1

Lollapalooza Berlin Festival 2017

Ein Festival, das auch im dritten Jahr keine Konstante entwickelt hat – wo fängt man da an? Es war bereits am Sonntagmorgen viel über den ersten Tag des Lollapalooza Festivals zu lesen – eigentlich nicht über den Tag selbst, sondern eher über die Nacht zum Sonntag. Denn an diesem, versuchten Tausende Besucher des Festivals durch einen eingleisigen S-Bahnhof wieder in die Innenstadt und somit nach Hause zu kommen.

Anfangs geht es an dieser Stelle allerdings um das Festivalgelände, die Acts und das Lebensgefühl – denn davon gab es reichlich.

Betrat man am Samstag das Festivalgelände, stand man in Mitten eines riesigen Spielfeldes. Auf der einen Seite allerlei Stände für den kleinen und großen Hunger, auf der anderen Seite die beiden Mainstages. An den jeweiligen Enden links und rechts schlossen die Alternative- und Perry’s-Stage das Mittelfeld der Rennbahn Hoppegarten ab. Dass hier einmal 80.000 Menschen gleichzeitig feiern würden, hätte sich die Gemeinde Dahlwitz-Hoppegarten bis vor einem Jahr wohl nicht vorstellen können. Doch mit Künstlern wie den Foo Fighters, Mumford & Sons, The XX oder Cro zog das diesjährige Line-Up wirklich alle Musikrichtungen und Zielgruppen an.

Entdecken einer Spielwiese

So hatte der Samstag, nach einer Schlange am Einlass mit Roosevelt auf der Mainstage 2 begonnen. Marius Lauber erinnerte hier mit seinem weissen Outfit stark an die Dresdener Band Polarkreis 18, die ebenfalls immer in weißen raumanzugähnlichen Outfits auftraten. Seine Songs bestanden allesamt aus dem Besten seiner EP’s und des Debütalbums. Und so spielte er Moving On, Elliot, Colours und Fever energievoll und forderte zum Tanzen auf. Es folgten Montreal, Hold On und Sea, womit Roosevelt sich frei spielte und deutlich souveräner performte, als noch auf dem Melt! Festival im letzten Jahr.

Festivals leben von einer minütlich durchgetakteten Zeitschiene, die man vor allem auf dem Lollapalooza Festival zu spüren bekam. So hörte Roosevelt mit einen Schlag auf und auf der Mainstage 1 begannen die Kolumbianer von Bomba Estéreo mit ihrem Mix aus Dancehall, Elektro, Hip-Hop und Reggae die Menge in Fahrt zu bringen. Dies gelang zusätzlich durch Liliana Saumets wunderbar mitreißender Performance und ihren kunterbunten Outfits.

Bomba Estéreo stampfen alles platt

Auf der Mainstage 2 wurde indes alles für den Auftritt der Briten von Bear’s Den aufgebaut. Hatte sich 2016 Joey Haynes von der Band getrennt, spielt seitdem der Niederländer Christof van der Ven mit und sorgt so für eine gewisse Art von Frische, die der Band gerade so viel Energie verleiht, dass sie ihrem Folk treu bleiben aber dennoch an Geschwindigkeit gewinnen. Bei Ihrem Auftritt auf dem Lollapalooza Festival zeigten sie diese Geschwindigkeit, gepaart mit einer Opulenz, die dem zweiten Album Red Earth & Pouring Rain zu verdanken war. Denn hier zeigten Bear’s Den nicht nur, dass sie eine der wichtigsten Folkbands sind, sondern gleichzeitig auch eine der wichtigsten Rockbands der letzten Jahre. Dies konnte man beeindruckend am vergangenen Samstag auf der Bühne des Lollapalooza Festivals sehen, auf dem sie mit dem Titelsong Red Earth & Pouring Rain ihren Auftritt eröffneten. Dass genau zu diesem Zeitpunkt der Regen auf die Festivalbesucher niederging, war – wie einst auf dem Glastonbury Festival als Travis während eines Regengusses ihren Song Why Does It Always Rain On Me performten und damit in die Popgeschichte eingingen – ein fast schon magischer Moment. Mit Emeralds, New Jerusalem, Elysium, Isaac und Magdalene aber auch mit Greenwoods Bethlehem und When You Break breiteten sie ihre emotionalen Flügel aus und legten diese über das Publikum. Immer wieder flammten hierbei epische Momente auf, in denen die Band mit einer Weite die Trabrennbahn Hoppegarten bespielte, die vor allem Songs wie Auld Wives ein ergreifendes Bett ebneten. Schließlich kamen die Jungs um Frontsänger Andrew Davie aus sich heraus und feierten sogar mit einem kleinen Ständchen Christofs Geburtstag, der anschließend einmal Crowdsurfen ging, um pünktlich zu Dew On The Vine und Above The Clouds Of Pompeii wieder auf der Bühne zu stehen. Schließlich beendeten sie mit Agape ihr einstündiges Konzert.

Muttis-Lieblinge sind auch Lollapalooza-Lieblinge

Auf der Nachbarbühne folgte im Wiener Schmäh der Rotzrock der Österreicher von Wanda. Das Phänomen, das mittlerweile bereits drei Alben lang anhält, ließ sich auch auf der Bühne nicht übersehen. Standen doch hier fünf Jungs auf der Bühne, die auch Muttis Lieblinge hätten sein können. Allerdings mit einer 80er-Jahre Rockattitüde, die sie gerade soweit von den Lieblingen absetzt, dass sie cool genug für die Massen war. Mit vergleichsweise wenigen Songs füllten sie ihre Stunde und konzentrierten sich auf die Gassenhauer ihrer drei Alben. So schwelgten und grölten die Massen zu neuen Songs wie 0043 oder auch zu den modernen Klassikern, wie Bologna, Bussi Baby, Gib mir Alles, Meine beiden Schwestern oder 1,2,3,4. Mit Zigaretten im Mundwinkel und simpler Begeisterung des Publikums waren die Jungs um Frontsänger Marco Michael Wanda, oder bürgerlich auch als Michael Marco Fitzthum bekannt, gerade durch ihre Nähe so sympathisch. Und wenn es dann eben durch die Refrains von Bussi Baby oder Bologna ging und tausende mitsangen war dieser Moment da, in dem sich alle zugehörig fühlten. Diese simple Regel im Musikgeschäft beherrschten Wanda an diesem Abend, als wären sie damit aufgewachsen.

Nach einem kurzen Abstecher zur Alternative Stage, auf der die Britrocker von The Vaccine auftraten und gerade die Songs Your Love Is My Favorite Band, Wetsuit, Post Break-Up Sex und Melody Calling zum Besten gaben, fiel vor allem Frontsänger Justin Young durch seine selbstverliebte Art zu performen auf. Erinnerte sein Outfit ein wenig an Freddie Mercury, feierte er sich konsequent selbst und heizte damit die Fans an.

Zwischen Rotz- und Punkrock

Währenddessen hatten die Vorbereitungen für einen der Hauptacts auf der Mainstage 1 bereits begonnen. Hier sollten die Lokalmatadore von den Beatsteaks in wenigen Minuten ihre Songs präsentieren. Mit einem Repertoire aus über 20 Jahren Bandgeschichte räumten die Jungs in den letzten Jahren alles ab, was es zu holen gab. Dementsprechend sah auch ihre Setlist aus. Fingen sie mit den Songs des gerade erst veröffentlichten Albums Yours an, waren Break Down, 40 Degrees und You In Your Memories drei der prägendsten Songs des neuen Albums. Zur Setlist selbst kamen Automatic, Gentleman Of The Year, Hello Joe, Hand In Hand und natürlich auch Jane Became Insane hinzu. Mit einer Interpretation des Queen-Klassikers I Want To Break Free den die Beatsteaks gleich zweimal hintereinander spielten, kam dann auch Frontsänger Arnim Teuteborg-Weiss vom Bühnenpodest herunter zu den Fans und ging auf Tuchfühlung. Doch so entspannt, wie bei diesem Song ging es nicht all zu oft zu. Sollte hier vor allem Crowdsurfing und der Circle Of Death, bei dem die Menge einen Kreisrunden Fleck freimacht und bei einem Song, wie Let Me In, zum Einsetzen des Refrains „stürmen“, zur Untermalung der Songs dienen. Hey Du, Frida Und Die Bomben und schließlich I Don’t Care As Long As You Sing rundeten die knappe 1:15 Stunde ab und ließen verschwitzt, glückliche Fans zurück.

Mit der nun einstündigen Pause, bis zum Hauptact des Tages – Mumford & Sons, war es nochmal Zeit, die Toiletten, die Ess- und Bierstände zu stürmen. Allerdings sahen das auch Tausende andere Festivalbesucher so und sorgten deshalb für endlose Schlangen, die sich mitunter 100-Meter lang zogen. Hinzu kam, dass das deutlich unterbesetzte Personal an den Bierständen viel zu langsam war und dadurch zu Unmut bei den Anstehenden führte. Denn so ging es oftmals – ohne verrichteter Dinge – zurück zur Bühne des gewünschten Acts, damit man wenigstens nicht zu weit hinten stand.

Mumford & Sons – Von Zurückhaltung keine Spur

Mit knapp 10 Minuten Verspätung kamen schließlich die Briten von Mumford & Sons auf die Bühne und setzten das Publikum mit Snake Eyes und Little Lion Man in Brand. Satte 17 Songs sollten in den kommenden 2 Stunden folgen und die Band sich wie eh und je von der sympathischsten Seite zeigen. Dass die Band dort steht, wo sie heute ist, hätte man am Abend des 17. November 2009 nur erahnen können. Denn spielten sie hier vor knapp 100 Menschen im Berliner Magnet Club, der damals noch in der Greifswalder Straße beheimatet war und kämpften sich durch Soundprobleme. Mit Kontrabass, Banjo und Akustikgitarre auf der Bühne, pflegte Marcus Mumford eine regelrechte Unterhaltung mit dem Publikum zu führen. 8 Jahre später spielten sie nun vor knapp einer Woche vor 80.000 Menschen und hatten sich trotz der großen Bühne keineswegs von den Fans entfernt. Waren hier bei den älteren Folksongs auch noch immer die Instrumente auf der Bühne, kam ein entscheidender, neuer Teil hinzu. Der, der musikalischen Öffnung hin zum Rock. Immerhin setzten die Jungs mit dem dritten Album Wilder Mind einen Strich unter die ersten beiden Alben und öffneten sich dem Alternative Rock. Dass dies nicht allen Fans gefiel, bekamen sie kurz darauf auf den sozialen Kanälen zu spüren, doch gab ihnen dieses Album die Möglichkeit, sich anderen Sounds zu widmen. Mumford & Sons sind damit zu einer der erfolgreichsten und wichtigsten Bands dieser beiden Genre geworden, was vor allem an der Art mit den Fans zu kommunizieren und, wie sie für die Musik brennen, liegt. Am besten konnte man dies an diesem Abend in Hoppegarten bei dem Song Believe sehen,war dieser doch von einer Sehnsucht geprägt, die sich auf das gesamte Publikum ausbreitete. Da wurden nicht nur unzählige Handyblitze eingeschaltet, sondern auch der Refrain wehmütig mitgesungen und das dazu passende Feuerwerk bejubelt. Somit war Believe einer der Höhepunkte und besten Songs des Konzertes. Ihre 2016 veröffentlichte EP Johannesburg zeigte ebenso eindrucksvoll die Mischung aus Folk, Rock und traditioneller, afrikanischer Musik. Denn hier sind neben der südafrikanischen Band Beatenberg auch der Senegalesische Sänger Baaba Maal zu hören. Dieser war an diesem Abend dann auch der Überraschungsgast und performte mit den Briten die Songs Si Tu Veux, Wona und There Will Be Time. War There Will Be Time auch gleichzeitig der letzte Song, feuerte die Band vorher – bei The Wolf – ein Bühnenfeuerwerk ab, das aus Funkenregen, Nebel und Stroboskoplicht bestand und setzten mit einem grellen Blitz und lautem Knall zum letzten Höhepunkt ihres Konzertes an. Dass man den vier Briten die Mainstage 1 und zwei Stunden Spielzeit gab, war daher nur zu verständlich.

Mit Two Door Cinema Club in die Nacht verabschiedet

Nicht ganz so verständlich war im Anschluss mit Two Door Cinema Club, der letzte Act des Abends. Denn wurde diese Performance akustisch auf ein Lautstärkepegel reduziert, dass die Anwohner der nahe gelegenen Wohnungen schützen sollte, wurde dadurch allerdings das Festivalfeeling auf das Niveau einer etwas lauteren Einweihungsparty minimierte. Hinzu kam, dass Frontsänger Alex Trimble mit raspelkurzen Haaren die Songs sang und durch die musikalische Veränderung des dritten Albums Gameshow mit hoher Stimme und lauten Synthies, eine andere Richtung einschlug, als es die beiden Vorgängeralben live zu bieten hatten. So hatten Two Door Cinema Club insgesamt eine durchwachsene Show abgeliefert, die noch auf dem MELT!-Festival 2016 deutlich mehr von Energie geprägt war. Im direkten Vergleich zum 2012er Melt!-Auftritt gar viel zu ruhig erschien, waren sie damals einer der Hauptacts und sorgten für Circle Of Death und einem absoluten Ausrasten.

Two Door Cinema Club @ Lollapalooza Berlin Festival 2017

So war Tag 1 auf dem Lollapalooza Berlin Festival 2017 ein wahres Auf und Ab, mit grandiosen Bands, starken Auftritten und einer schwierigen Festivalorganisation. Denn diese hatte den Anschein, dass die Anzahl an Toiletten, Ess- und Getränkeständen nicht ausreichend genug für 80.000 Besucher waren und kalkulierte nicht ein, dass der Hauptteil der Besucher sich fast ausschließlich zwischen Mainstage 1 und 2 aufhalten würde. Was zur Folge hatte, dass hier die drei Anlaufstelle stets und ständig überfüllt waren. Vom anschließendem Heimweg soll hier gar nicht erst gesprochen werden, gab es dazu genug in den Medien zu lesen. Diese Fehlplanung erstaunte vor allem deshalb, da das Debüt des Lollapalooza Berlin Festivals 2015 auf dem Tempelhofer Feld bereits mit fast den gleichen Problemen zu kämpfen hatte, doch im letzten Jahr, im Treptower Park, nichts davon zu erleben war. Dadurch geprägt, sollte der Tag 2 gut vorbereitet werden. Denn hier traten Bonaparte, AnnenMayKantereit, Cro und The XX auf. Und sollten die Foo Fighters ihr einziges Deutschlandkonzert geben. Dazu dann aber im Artikel zum zweiten Tag mehr.

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The Vaccines auf anderen Pfaden

The Vaccines - Give Me A Sign

The Vaccines – Give Me A Sign

The Vaccines überraschen immer wieder. Hatten sie mit ihrem 2011er Debüt ‚What Did You Expect From The Vaccines?‘ Sofort den Durchbruch geschafft, folgte nur ein Jahr später das zweite Album ‚Come Of Age‘. Beide bestachen durch einen, vom britischen Punk und Indie, beeinflussten Sound. Mit der darauffolgenden EP ‚Melody Calling‘ war erstmals eine musikalische Veränderung zu hören. Hier waren die Gitarren nicht mehr im Vordergrund und wirkte die Band doch deutlich erwachsener.

Nun haben The Vaccines dieses Jahr ihr drittes Album ‚English Grafitti‘ veröffentlicht und zeigen nun mit der Single ‚Give Me A Sign‘ abermals, dass sie sich nicht nur auf ein Genre festlegen wollen. ‚Give Me A Sign‘ hat mehr Glam-Rock-Momente. Inspiriert vom Album ‚The Woods‘, der Band Sleater-Kennay, wollten The Vaccines diesen Sound huldigen. Gelungen ist es ihnen allemal, klingt ‚Give Me A Sign‘ doch laut, frech und vor allem nach Spaß. So überzeugen die vier Londoner vor allem immer durch eines – ihre Lust sich weiterzuentwickeln.