Nathan Ball - All Comes Back To You

Nathan Ball – Wo gehör ich hin?

Es erstaunt fast ein wenig, dass wir von Nathan Ball neues Material zu hören bekommen, welches keinen elektronischen Beat unterlegt hat. Mit den letzten beiden Kollaboration auf Faithless‘ This Feeling und Icarus‘ Meet Me There hat sich der, aus Südwestengland kommende, Singer/Songwriter auf ungewohntes Terrain begeben. Weg war sein ruhiger Folksound und gaben plötzlich Dancebeats den Ton an. Dabei kennen wir Ball durch seine Songs Call It Love, Right Place und Echo eher aus dem Folk-Bereich. Nun hat der Brite mit seinem neuen Song All Comes Back To You einem Gefühl Bilder verliehen und zeigt uns eindrucksvoll seine Momentaufnahme des ersten Lockdowns. Geschrieben in seiner Heimat Cornwall, hat der Song die Einsamkeit und Verlorenheit als Ursprung. Denn während sich im Lockdown Paare und Familien gegenseitig stützen können, hatte man es als Single äußerst schwer.

Nathan Ball
Nathan Ball

Die daraus resultierende Einsamkeit baute sich in Ball immer mehr zu einem verloren fühlen auf. Dabei ist All Comes Back To You eine reduzierte Ballade, die sich ganz auf die Gitarre und den Gesang Balls konzentriert. Hier kommt eine Stimmung auf, die sich von dem Wunsch eine Neupositionierung speist. Das Gefühl des verloren seins ist dabei allgegenwärtig und gibt uns ein Gefühl von Trauer, Abschiedsgedanken und rohen Gefühlsausbrücken. Und es zeugt von einem Sänger, der seine durcheinander geratenen Gefühle aufgrund der ganzen Geschehnisse um ihn herum nicht mehr einordnen kann. Im Stile des zweiten Ben Howard Albums I Forget Where We Were ist Nathan Balls neue Single noch reduzierter und spricht eine musikalisch ästhetische Sprache, die sich über die sanften Nuances in Balls Stimme zu transportieren wissen.

SG Lewis feat. Lucky Daye - Feed The Fire

SG Lewis feat. Lucky Daye – Für funkige Disconächte und mit Debütalbum

Es kommt! Samuel George Lewis hat mit seiner neuen Single Feed The Fire nun endlich sein Debütalbum Times angekündigt. Dieses soll am 19. Februar 2021 erscheinen und neben dem hypnotisierend, euphorischen Chemicals auch die Dancefloorbombe Impact enthalten, die der aus Reading kommende Produzent zusammen mit Channel Tres und Robyn aufgenommen hat. Darüber hinaus hält das Album neben der neuen Single Feed The Fire noch sieben weitere Songs bereit, über die allerdings noch nicht einmal die Titel bekannt sind. Zusammen mit dem US-Amerikanischen Singer/Songwriter David Debrandon Brown – alias Lucky Daye – hat SG Lewis wieder einmal die Messlatte für funkige Discosounds höher gesetzt. Dabei ist für Lewis mit Feed The Fire gleich in mehrerlei Hinsicht ein Traum in Erfüllung gegangen, denn während er das Debütalbum Painted des New Orleaner Musikers Lucky Daye seit seiner Veröffentlichung im Frühling 2019 rauf und runter hört, wollte der britische Produzent immer auch wissen, wie sich die soulige Stimme mit Clubbeats unterlegt anhören würde.

SG Lewis - Times
SG Lewis – Times

Während Daye mit Painted satte vier Grammy-Nominierungen für Best R&B Album, Best R&B Song, Best R&B Performance und Best Traditional R&B Performance einsacken konnte, wurde es mit der Zusammenarbeit von Lewis und Lucky Daye schließlich ernst und sie trafen sich im Studio. Gleichzeitig hat SG Lewis mit zwei seiner absoluten Favoriten zusammengearbeitet. Denn Matt Johnson und Simon Hale haben bereits an mehreren Alben Jamiroquais mitgearbeitet und dafür Klavier-Parts und Streicher-Arrangements beigesteuert. Ist Jamiroquai selbst bereits seit jeher ein großes Vorbild für SG Lewis, war diese Zusammenarbeit für den jungen Produzenten mehr als nur ein Wunsch, der in Erfüllung ging. So sieht man den Briten in einem seiner Facebook-Posts dann auch sichtlich gerührt und mit Tränen in den Augen, als er bei den Aufnahmen von Simon Hale mit im Studio sein durfte und erlebte, wie seine Musik zum Leben erweckt wird. Hier wundert es nicht, wenn eine gewisse Nähe zu eben diesem unverwechselbaren Disco-Funk-Sound Jamiroquais aufkommt, doch behalten die Songs gleichzeitig immer auch SG Lewis‘ Handschrift. Feed The Fire hat die Attitüde eines amüsant, hochnäsigen Augenblicks auf der Tanzfläche, bei der man mit seinen Freunden zusammen den Moment zelebriert und gerne auch mal nicht all zu ernst nehmend, den Augenblick genießt.

Axel Flóvent - You Stay By The Sea

Axel Flóvent – Eine Stimme, wie ein Streichen der Seele

Was tragen die Bewohner skandinarvischer Länder in sich, dass von ihnen so viel tiefgründige, berührende Musik ausgeht. Ob Ásgeir, Sigur Rós, Freyr oder Albert af Ekenstam – nur um einige zu nennen. Alle liefern uns einen Sound, der so tiefgreifend ist und uns emotional einfach enorm berührt. Hier hören wir gebrochene Seelen, wieder auferstehende Persönlichkeiten, die Weite der dünn besiedelten Länder und etwas zurückgezogenes. Auch bei dem Isländer Axel Flóvent erkennen wir all diese Attribute in seiner Musik wieder. Dabei ist der Singer/Songwriter lange gereist, um seinen Lebensmittelpunkt zu finden. Aus dem isländischen Húsavik kommend, das gerade einmal knapp 2.300 Einwohner zählt, zog es in in die Niederländische Hauptstadt Amsterdam. Hat er hier zwar einen Plattenvertrag unterzeichnen können, war ihm die Stadt zu groß. So zog er auf die andere Seite des Ärmelkanals, ins Südenglische Brighton und musste schließlich auch hier feststellen, dass es für ihn keinen emotional reicheren Ort gibt, als seine Heimatstadt. So zog es ihn also wieder nach Húsavik zurück, wo er die Ruhe, die Einsamkeit und die Melancholie wiederfand, um sich an sein Debütalbum zu setzen.

Axel Flóvent - Photo by Magnus Andersen
Axel Flóvent – Photo by Magnus Andersen

Herausgekommen ist You Stay By The Sea, das am 15. Januar 2021 erscheinen wird. Dieses ist mit zwölf eindrucksvollen Songs versehen, die alle unsere innersten Gefühle wachrütteln. Plötzlich sehen wir auf eine kalte See, stehen am Strand im Winter und fühlen den eisig, frischen Wind auf unserer Haut – der mal wie Nadeln sticht, mal erfrischen belebend wirkt. Dabei ist gar nicht wichtig, was wir sehen, wenn wir die Musik Flóvents hören. Vielmehr ist es das, was wir vor unserem inneren Auge sehen und was sich in unserem Kopf abspielt, welches die Musik des jungen Isländers ausmacht. Allesamt bedeuten die Songs einen wertvollen und emotionalen Reichtum an Wahrhaftigkeit, die wir viel zu oft in der Musik suchen. Axel Flóvent öffnet bei uns mit seinen Songs eine Tür zur Reflexion, zum Austausch zwischen unserem äußeren und inneren Ich und transportiert so wunderbar pur die Gefühle, der er gehabt haben muss, als er die Songs schrieb. Hier gibt es nicht einen der zwölf Songs, der auch nur in die Nähe eines mittelmäßigen Songs oder gar darunter kommen würde und verspricht nicht weniger, als eines der angesehensten Folk- und Singer/Songwriter-Alben zu werden, die der Winter 2020/2021 zu bieten hat.

Clueso - Aber Ohne Dich

Clueso – Packende Lyrics zu frischen Beats

Mit seinen letzten Veröffentlichungen Sag Mir Was Du Willst, Tanzen und Flugmodus überraschte der Erfurter Singer/Songwriter mit ungewohnt beatlastigen Sounds. War es auf Sag Mir Was Du Willst die musikalische Referenz an den Hip-Hop-Sound seiner Anfangstage, ertönten auf Tanzen orientalisch anmutende Flötenspiele, ehe mit Flugmodus ein satter Sommerhit veröffentlicht wurde. Nun hat Clueso mit Aber Ohne Dich die vierte Single in diesem Jahr veröffentlicht und geht dieses Mal in die Tiefe. Denn mit Aber Ohne Dich behandelt Clueso das Thema der Trennung. In dem Stadium befindend, zwischen dem Beziehungsende und dem Moment, noch kein glücklicher Single zu sein, beschreibt Clueso in dem Song diese Zwischenwelt, die geprägt von Gefühlsstürmen ist. Mal ganz zuversichtlich und stark in die Zukunft blickend, mal ein emotionales Wrack seiend – all diese Momente kennen wir nur zu gut und verlieren uns hier und da auch mal gerne im Selbstmitleid. Geschrieben hat Clueso den Text zu Aber Ohne Dich zusammen mit Baris Aladag, der auch schon am großartigen Song Gewinner beteiligt war. Gleichzeitig ist Aladag auch ein guter Freund Cluesos und zeichnet sich neben den Lyrics zu Aber Ohne Dich in seiner eigentlichen Tätigkeit als Regisseur für die Musikvideos Gewinner, Freidrehen, Wenn Du Liebst und Du und Ich aus.

Clueso
Clueso

Produziert wurde Aber Ohne Dich von Alexis Troy, der vor allem als Produzent für Gangsta-Rap bekannt ist. Hier hatte sich Clueso ganz unkonventionell im Januar 2019 an den Produzenten gewandt und gefragt, ob er Bock habe, mit dem Thüringer zusammenzuarbeiten. Hatte er – wie wir nun hören können. Aber Ohne Dich ist eine soulige Ballade, die mit einem entspannten aber schnellen Beat im Kontrast zum Gefühl des Songs steht. Dieser wirkt, als würde er sich in einer Blase abspielen, in der man drinnen nicht hört, was draussen passiert. Genau dieses Gefühl eben, welches wir haben, wenn wir uns in der Zwischenwelt nach einem Beziehungsende und vor dem glücklichen Single sein befinden. Auffällig ist, dass – bis auf Sag Mir Was Du Willst, der 3:03 Minuten geht – alle Songs unter 3 Minuten lang sind und sich somit vermutlich am Trend des Streamingmarktes orientieren, der besagt, dass Songs immer kürzer sein müssen, um Erfolg zu haben. Aber Ohne Dich hätte es gut gestanden, auch noch eine Minute länger zu gehen und lässt weiter hoffen, dass auch wieder längere Songs des Sängers veröffentlicht werden. Mit der neuen Single ist gleichzeitig auch die 4-Track EP Aber Ohne Dich erschienen, die alle vier nun veröffentlichte Songs enthält. 2020 war ein reges Jahr für Clueso, wir sind gespannt, was der Musiker 2021 für uns bereithält.

Jono McCleery - Call Me

Jono McCleery – Ein Fels in der Brandung

Seine Songs bilden das Fundament für ein losgelöstes Wesen. Wurde der 37-jährige Singer/Songwriter Jono McCleery in London geboren, ist er zwar Teil der dortigen Musikszene, doch erzählt sein Schaffen eine Sprache, die vielmehr mit der rauen Landschaft der südenglischen Ländereien verbunden ist, als es die Millionenmetropole kann. In der Londoner Musikszene aufgewachsen, ist der introvertierte Musiker als Teil des dortigen Projektes One Taste Collective immer weiter in den Vordergrund gerückt. Hier hat McCleery dafür gesorgt, dass er londonweit zum Namen wurde. Unterstützt das Projekt One Taste Collective Bands bei ihren ersten Schritten, verhalf es unter Anderem Little Dragon und Jamie Woon zum Durchbruch. McCleery hat dabei in den vergangenen Jahren die Alben Darkest Light (2008), There Is (2011), Pagodes (2015) und Seeds Of A Dandelion (2018) veröffentlicht. Mit Here I Am And There Are You kommt am 20. November McCleerys fünftes Album auf den Markt und konzentriert sich wieder auf die warmen Sounds des Musikers. Mit der nun veröffentlichten Single Call Me zeigt der Brite, wie es sich anfühlt, getrennt zu sein. Dabei steht nicht im Vordergrund, ob durch eine räumliche Distanz getrennt, oder durch eine endende Beziehung. Vielmehr packt uns McCleery mit seiner unglaublich warmen Stimme und reisst uns mit, auf eine Tour durch den schönen Schmerz der Einsamkeit.

Jono McCleery
Jono McCleery

Dass dieser Schmerz nicht immer negativ sein muss und durchaus produktive und euphorische Momente hervorbringen kann, sehen wir im dazugehörigen Musikvideo. Hier sehen wir einen Mann, der sich, bedingt durch die Einsamkeit, in eine Welt flüchtet, in der er mit einer imaginären Freundin all die mitreissenden Momente erlebt, die er so vermisst. Dabei wirkt die Szenerie manchmal abstrakt, manchmal überzeichnet und wiederum einige Male einfach nur tief verbunden. Call Me begleitet die Bilder dabei mit einem sanften Gitarren- und Schlagzeugspiel, welches durch die kräftige Stimme McCleerys eine Wehmütigkeit entstehen lässt. War McCleery bereits mit Bonobo, Fink, Little Dragon und Jamie Woon zusammen auf Tour, sind seine Einflüsse vor allem durch die Musik von Fink und Bonobo geprägt. Das warme Timbre von Finian Paul Greenall – alias Fink – zusammen mit der introvertierten Weite von Bonobos treibenden Sound, lassen Jono McCleery in einem tiefen und berührenden Soundkostüm aufgehen, in das seine Stimme wie maßgeschneidert passt. Call Me ist damit der musikalische Ruf des Herbstes geworden, uns einen warmen und geborgenen Augenblick zu verschaffen.

Simen Mitlid - Birds; or, Stories from Charlie B’s Travels, From Grønland to the Sun, and back again

Simen Mitlid – Leiser Folk

Von kaum greifbaren Songs, über verstörend schöne Autotune-Balladen, bis hin zu ganz leisen Folkschätzen gibt es auf dem neuen Album des norwegischen Singer/Songwriters Simen Mitlid ganz viel von seinem wunderbaren Dreampop-, Indie- und Folk-Sound zu hören. Die aktuelle Single Grateful Dead ist dabei nur der neueste Beweis für diese introvertierte Version eines Rockstars. Hier klingt alles danach, dass sich ein großer Künstler so zurückhaltend und klein verkauft, dass man für einen kurzen Moment argwöhnisch aufschauen möchte – doch gleich im nächsten Atemzug wieder von der weichen Stimme Mitlids zurückgeholt wird und sich im wabernden Sound verliert. Mal klingt er auf seinem nunmehr dritten Studioalbum Birds; or, Stories from Charlie B’s Travels, From Grønland to the Sun, and back again nach José González (Bird), mal fühlt man sich an Kanye Wests beginnende Autotune-Phase erinnert (While Heaven Is on Fire) und wiederum ein anderes Mal, wie bei der aktuellen Single Grateful Dead an eine langsame Version der Songs vom Shout Out Louds Album Work.

Simen Mitlid
Simen Mitlid

Mitlid selbst sagt über das Album, dass der Titel eine Anspielung auf Abenteuerromane ist. Die Rahmenhandlung ist also in etwa, dass ich in Oslo herumlaufe – und beobachte. Aus diesen Beobachtungen wurden mehrere kleine Geschichten über die verschiedenen Reisen, die Vögel, die Astronauten, die Archäologen (die auch herauszufinden versuchen, warum Menschen gereist sind), die Auswanderer aus Grönland (sowohl aus dem Land als auch aus dem Viertel in Oslo, wo ich mein Aufnahmestudio habe), die Charlie B (eine erfundene Figur, welche die ultimative Reise von Grönland zur Sonne unternimmt), die meine Familie, die mein Verstand, meinen Körper und die Erde (wenn sie sich um die Sonne dreht) während ihres Lebens unternehmen. Man kann sich diese einzelnen Geschichten bildlich vorstellen, hört man sich die einzelnen Songs an. Auf Bird wird diese Geschichte so greifbar, dass wir für einen kurzen Moment von der Baumkrone auf den regen Trubel der Straßen schauen. Mitlid hat mit seinem Album Birds; or, Stories from Charlie B’s Travels, From Grønland to the Sun, and back again, das am 30. Oktober erscheinen wird, eine naturnahe Soundkulisse für die Introspektive geschaffen und nebenbei wohl einen der längsten Albumtitel seit Chumbawambas The Boy Bands Have Won… (2008) veröffentlicht. Hier könnt Ihr schon jetzt in zwei seiner bisher veröffentlichten Songs aus dem neuen Album reinhören.

Kevin Morby - Sundowner

Kevin Morby – Auf den Spuren von Into The Wild

Es klingt alles so laid-back, was wir auf Kevin Morbys neuer Platte Sundowner zu hören bekommen. Da kommt das Gefühl auf, mit Emile Hirsch zusammen vor dem Bus aus dem Film Into The Wild zu sitzen und das ruhige Panorama der vor einem liegenden Steppe zu beobachten. Bei einem knisternden Lagerfeuer – das auch tagsüber vor sich hin brennt, um über die kühlen Tage zu kommen – gibt uns der US-Amerikanische Musiker, der in Texas geboren wurde und zwischenzeitlich in New York City lebte, ehe er sich in Los Angeles niederließ und schließlich vor drei Jahren zurück nach Kansas City zog, einen Ausschnitt aus seinem Leben. Dabei spielt der Tod auch immer eine Rolle, hat Morby doch in der Vergangenheit gleich mehrere Weggefährten und Freunde verloren. Sundowner erzeugt hierbei eine wunderbar warme und akustische Stimmung, die sich am Rock und Folk des Mittleren Westens orientiert. An den Songs für das Album arbeitet Morby bereits seit knapp drei Jahren und somit länger, als für die meisten Songs seines fünften Studioalbums Oh My God, das letztes Jahr erschien.

Kevin Morby
Kevin Morby

Nun ist am vergangenen Freitag die komplette Platte erschienen und begeistert mit einem organisch, knisternden Sound. Es ist der typische Aussteiger-Sound, dem Morby hier eine besondere Atmosphäre verleiht. Dabei sind die Songs des Singer/Songwriters nahe am Vibe von Künstlern, wie Angus & Julia Stone, lassen sich viel Zeit und geben den einzelnen Songs viel Raum, um sich zu entfalten. Oftmals erinnert Morbys Stimme an alte Bekannte, auf dessen Namen wir einfach nicht kommen wollen, bleibt sich aber immer auch treu und verfolgt die Erzähllinie seiner Geschichten, die sich um die Orte drehen, an denen er gelebt hat. Mit einer Ode an den Mittleren Westen und seine Heimatstadt Kansas City, in der er aufwuchs, hört man der gesamten Platte eine verschrobene Melancholie an, die sich zwischen den Gefühlen von Sehnsucht und Heimkehr bewegen. Sundowner ist ein Album, das für den Herbst und die Momente, wenn man sich unter einer warme Decke verkriecht, gemacht ist und mit ganz viel Wärme zu überzeugen weiß.

SYML - I Wanted To Leave

SYML – Ganz eigene Gymnopédies

Wir haben schon viele Songs vom US-Amerikanischen Musiker SYML gehört. Mal waren es ganz leise Balladen, die durch Folk, Singer/Songwriter und Pop geprägt waren – wie seine letzte Veröffentlichung The Dark, mal waren es schnelle und laute Rockhymnen, die nach Indie und Alternative griffen. Alle gemein hatten aber immer wieder das Überraschungsmoment. So klingt kaum ein Song, wie der andere. Nun hat sich Brian Fennell – der mit seinem Output an Songs immerhin bereits auf satte acht Beiträge auf SOML gekommen ist – an eine weitere genreübergreifende Ausdrucksweise gewagt – dem Instrumentalsong. Mit nur einem Klavier spielt sich SYML auf dem Song I Wanted To Leave so frei, das wir völlig vergessen, dass dieser Song gerade erst veröffentlicht wurde. Dabei hat SYML bereits einige seiner Songs als Pianoversion veröffentlicht, doch waren diese immer nur Abwandlungen seiner früheren Songs mit Gesang. I Wanted To Leave hat SYML erstmals als reinen Pianotrack geschrieben und komponiert. Mit sanften Klavieranschlägen und markanten Highlights setzt sich I Wanted To Leave fragil zusammen und erinnert an die großartigen Kompositionen von Eric Saties Gymnopédies No. 1, Yann Tiersens Comptine d’Un Autre Été aus dem Film Die fabelhaften Welt der Amélie oder Brian Reitzells Beginners (Theme Suite) aus dem gleichnamigen Film Beginners. Alle gemein haben, dass sie es geschafft haben – ob der klassischen Instrumentierung – im Mainstream beachtet und über Jahre hinweg als zeitlos aktuell empfunden zu werden.

Brian Fennell
Brian Fennell

SYML greift dabei die Sprache der Emotionen auf und erzählt uns über die Dramaturgie des Songs eine Geschichte, die vom kalten Gefühl ferner Orte handelt. Obwohl der Musiker an so vielen großartigen Orten der Welt sein kann, stellt sich im Laufe der Zeit irgendwann das Gefühl von Kälte ein, bei der er immer deutlicher das Verlangen empfindet, nach Hause kommen zu wollen. Als Musiker ist dieses Gefühl ein stetiger Begleiter auf Tour und zeugt von dem unfassbaren Verlangen nach Heimat. Die tiefen Klaviertöne von I Wanted To Leave lassen dieses Gefühl noch stärker werden und zeigen eine Traurigkeit, die gleichzeitig durch das Spiel im Hintergrund eine Dynamik entwickelt, die vom Veränderungsdrang geprägt ist. Mit den hellen Tönen in der Mitte des Songs strahlt schließlich auch der I Wanted To Leave in einem hellen Licht, ehe er wieder in ein tiefes Gefühl der Melancholie versinkt. SYML schafft es, die Sprache seiner Emotionen so gekonnt auf die verschiedenen Musikstile aufzuteilen, dass man sich jedes Mal wieder öffnet und seinen Gefühle freie Lauf lässt. Auffällig dabei ist, dass er über die Jahre in seinen Produktionen immer ruhiger geworden ist und damit den Emotionen deutlich mehr Raum haben. Mit I Wanted To Leave kündigt SYML gleichzeitig weitere Songs dieser Art an und könnte auf eine instrumentale EP hindeuten. Solange wärmen wir uns mit den warmen Klaviertönen seiner aktuellen Veröffentlichung ein wenig.

Freyr - Avalon

Freyr – Musik, ganz unabhängig von Genres

Es ist ein treibender Takt, der gleich zu Beginn des neuen Songs von Freyr Flodgren einsetzt. Ein Takt, der sich vertraut anfühlt, der nicht in Hektik ausbricht und doch so viele Schichten aufweist. Avalon ist der Soundtrack einer Nacht, in der wir durch die dunklen, verlassenen Straßen einer Großstadt ziehen. Gleichzeit gibt es irgendwo auf dem Land einen Menschen, der entlang der leeren Landstraßen am Wegesrand für einen Moment verweilt und die kalte, feuchte Luft des Herbstes einatmet. Im Kopf – immer dieser Takt, der uns runterholt, einen Moment inne halten und sich auf uns selbst konzentrieren lässt. In diesen Momenten sehen wir das gebrochene Herz in uns, das – vor Liebe – berstende Herz, die Freude und die Wehmut, die Einsamkeit, sowie die Geborgenheit. Es ist ein Song, der die tiefsten Gefühle in uns weckt und sich dafür noch nicht einmal anstrengen muss. Freyr hat diesen Song aus den Eindrücken eines einjährigen Aufenthaltes in Vancouver geschrieben. Doch nicht nur die Tempel in der kanadischen Stadt waren die Inspiration zu Avalon. Textlich verarbeitet Freyr hier die Erlebnisse einer Reise an die Mittelmeerküste Südfrankreichs.

Freyr
Freyr

Mit Eindrücken und Emotionen dieser beiden Orte und dem tiefen Gefühl, das Freyr in sich trägt, hat der isländisch/schwedische Singer/Songwriter einen Song geschrieben, der sich tief in unsere Seele vorarbeitet. Aus reinen Gefühlen hört man Avalon heraus, dass die Emotionen gelebt wurden. Freyr selbst hat dabei bereits eine bewegte Zeit hinter sich – wie Ihr im Beitrag zu Neighbour Boy erfahren konntet. Während erst im Sommer dieses Jahres seine EP Sorry erschienen ist, kündigte der Musiker mit Avalon nun eine Veröffentlichungsreihe an, die – laut eines Posts auf seiner WordPress-Seite – in einer neuen EP münden sollte. Doch nur wenige Tage später veröffentlichte Freyr auf Facebook die Info, dass es ein Album geben wird. Mit der gesammelten Hoffnung auf einen Longplayer in dieser Stimmung, steht Freyr bereits jetzt auf einer Stufe mit Ben Howard, Damien Rice und José González und dürfte damit unsere Sehnsucht nach seinem tiefen Sound in Form eines Albums stillen.

Beck - Wow

Beck – 4-jähriger Boomerang

Da war er wieder – der Moment, in dem man einen Song zum ersten mal hört und nach Stunden des Shazamens und Googelns rausbekommt, dass es den Song bereits seit 4 Jahren gibt. Mindestens einmal hat das wohl jeder schon Mal erlebt. Auch wenn der Künstler des heutigen Songs seit über 35 Jahren Musik macht, ist er nie als der große Popstar in Erscheinung getreten. Nur, um letztendlich doch einer der größten Popstars zu sein. Mit Beck Hansen – kurz Beck – haben wir einen Künstler der genresprengend und probierfreudig ist, wie kaum ein anderer Künstler. Denn in seiner Musiklaufbahn hat der US-Amerikanische Singe/Songwriter und Produzent bereits Tracks produziert, die in die Sparten Folk, Singer/Songwriter, Alternative, Elektro, Hip-Hop, Country, Soul oder Funk fallen. Damit ist er einer der kreativsten und gleichzeitig selten greifbaren Musiker unserer Zeit. Hat Beck zuletzt Ende 2019 mit Hyperspace sein 14. Studioalbum veröffentlicht, welches er zusammen mit Pharrell Williams und Paul Epworth produzierte, sorgt gerade ein Song aus seinem 13. Album Colors für ordentlich Furore. Denn mit der zweiten Singleauskopplung Wow – die bereits ein Jahr früher als das Album Colors veröffentlicht wurde – wird gerade ordentlich die Werbetrommel für eine elektrische Zahnbürste gerührt. Dabei ist der futuristisch anmutende Song in einem guten Umfeld.

Beck - Wow (Musikvideo)
Beck – Wow (Musikvideo)

Mit der dazugehörigen TV- und Internetwerbung hat sich die Marke BRAUN einen ikonischen Werbeclip gegönnt, der fernab von einer normalen Promotion eines Hygieneartikels ist. Hier wird ein ganz neues Gefühl transportiert, dass an Werbeclips von Apple erinnert. Beck als musikalische Untermalung vervollständigt den Clip und gibt dem Song damit nochmal einen neuen Push. Mit einem ikonischen Flötenintro, pulsierenden Basslines und dem euphorischen Gesang Becks ist Wow ein wahnsinniger Ohrwurm, der nicht nur schon 2016 wirkte, sondern auch 2020 noch genauso stark klingt und einen zeitlos, frischen Sound besitzt. Die Vorzüge eines Beck-Songs liegen damit auf der Hand – seine zeitlose Arbeit mit genreübergreifenden Elementen schafft es, auch Jahre später noch top-aktuell zu klingen. Und während wir uns dessen bewusst werden, kommt Beck mit seinen euphorischen Lyrics um die Ecke und wir alle stimmen ein, zu Bored of these limits, let me get, let me get it like. Wooooow! It’s like right now. It’s like woooow!