Freyr - You Want Love

Freyr – Ein Song, der das Bergpanorama absucht

Es ist ein Song, wie für die Untermalung eines Panoramas gemacht. Da hören wir, wie die sanften Gitarrensaiten ihre Töne vibrierend verbreiten und lauschen entspannt zu Freyr Flodgrens warmer Stimme. Hier kommt unweigerlich ein Bild vor Augen, das von Einsamkeit, Wärme und Ferne geprägt ist. Dass das nicht von ungefähr kommt, zeigt sich in einem Interview Flodgrens, der hier sagt, dass er den Song während eines Aufenthaltes in Vancouver aufgenommen und das Panorama der hohen Berge genossen hat. Mit You Want Love schauen wir also auf ein Bild, in dem sich unzählige Details verstecken. Beeindruckt von den schieren Ausmaßen der Berge, finden wir mal eine Straße, in der aus der Ferne immer wieder Scheinwerfer – wie kleine Glühwürmchen – entlang des Hanges ziehen, mal sind es Wolken, die sich im Berg verhangen zu haben scheinen und jeden Moment einen Schneeschauer auslösen könnten. Die Augen ziehen mit wenigen Bewegungen ihre Kreise auf einer Fläche, die so groß scheint, dass man sich vor Ort darin verlieren würde.

Freyr Flodgren
Freyr Flodgren

Freyr schafft es in seinem neuen Song, genau dieses Gefühl von Neugier, Faszination, Ruhe und Wärme zu verbinden und sorgt für eine Atmosphäre, die sich an uns anzuschmiegen scheint. Hier finden wir Geborgenheit und Gemütlichkeit und hören einen der wohl passendsten Songs für die aktuelle Jahreszeit – in der man sich Abends gerne in eine Decke einkuschelt, die Kerzen anmacht und draußen, auf der anderen Seite des Fensters, das raue Wetter vorbeiziehen sieht. You Want Love ist ein Song, um sich darin zu verlieren und strahlt mit einer Wärme, die von innen heraus kommt. Mit You Want Love veröffentlicht de Schwede mit isländischen Wurzeln – nach Avalon – den zweiten Song aus seinem, für Mai 2021 angekündigten Album, welches uns bereits jetzt das Herz höher schlagen lässt. Freyrs Musik ist ein Schatz, der so pur und authentisch ist, dass man sich ihm und seiner Stimme nur ergeben kann.

Beatsteaks - Glory Box

Beatsteaks – Darf man diesen ewigen Überhit covern?!

Es ist ein Song, der das Wort Geschichte nicht besser beschreiben könnte. Denn während wir heute die Interpretation der Beatsteaks hören, hat Glory Box von Portishead bereits einen jahrzehntelangen Weg hinter sich, der bei dem britischen Duo nicht etwa aufhört, sondern bis in das Jahr 1969 zurückgeht. Stammt das Original des Songs von der belgischen Band Wallace Collection, war es in den BeNeLux-Staaten ein riesiger Erfolg. Doch obwohl der Song auf Englisch gesungen wurde, blieb ein Erfolg in den englischsprachigen Ländern weitestgehend aus. Ende der 80er Jahre nahm sich der Oscar- und Grammy-Award-Gewinner Isaac Hayes – der sich für den Theme-Song des Films Shaft verantwortlich zeichnet – die Melodieabfolge vor und veröffentlichte mit Ike’s Rap 2 eine Version des Songs, den wir bis heute kennen und lieben. Auf dem 1994er Debütalbum Dummy, des – aus Bristol in Großbritannien kommenden – Duos Portishead, befand sich ein Song, der für die Folgejahre richtungsweisend sein sollte. Denn mit Glory Box schaffte die Band nicht nur in Großbritannien ihren Durchbruch, sondern verbreitete den britischen Sound des Trip-Hops auch weltweit. Gleichzeitig hauchte die Frontsängerin Beth Gibbons dem Song eine Atmosphäre von Mystik, Distanz und Lethargie ein, wie wir es faszinierender nie wieder zu hören bekamen. 2001 stieß schließlich das, ebenfalls aus Großbritannien kommende, Duo I Monster auf die Liste der Interpretationen der Melodiefolge von Wallace Collection hinzu und veröffentlichte ihren Song Daydream In Blue.

Beatselfie Credit Beatsteaks
Beatselfie Credit Beatsteaks

Doch auch wenn es immer wieder Bands und Künstler gab, die diese ganz markante Melodie und das Gefühl des Songs versuchten zu kopieren, blieb Portisheads Version bis heute unerreicht. Nun haben die Beatsteaks aus Berlin die zweite Single aus ihrer, am 11. Dezember erscheinenden EP In The Presence Of herausgebracht und somit ihre Version des Portishead Songs veröffentlicht. Dabei zeigen die Beatsteaks, nach der Coverversion von Monotonie, erneut, wie hoch sie die Interpretinnen schätzen, deren Songs sie covern. Denn auch auf Glory Box behalten die Beatsteaks diese mystisch, bedrohliche Atmosphäre von Gibbons bei. Was der Band allerdings nicht gelingt und auch nicht gewollt zu sein scheint, ist die Fragiliät, die Gibbons auf Glory Box in ihre Stimme legt. Die Beatsteaks brechen behutsam aus dem lethargischen Korsett des Portishead-Songs aus und lassen mit überwältigenden Gitarrensoli und berstenden Drums eine Wand von Sound entstehen, ehe im nächsten Moment wieder alles in sich zusammenfällt und zum Gefühl des Bristoler Duos zurückkehrt. Sind mit Monotonie und Glory Box nun bereits zwei Songs der kommenden EP bekannt, halten die Beatsteak die vier noch ausstehenden Songs weiterhin streng geheim – umso größer wird die Überraschung mit jedem weiteren Release und dürfte vor der EP-Veröffentlichung bestimmt noch ein Song zur Vorabveröffentlichung drin sein.

L'aupaire feat. Martin Rott - Bubbles

L’aupaire – Musikalisch neu aufstellen

Mit Rollercoaster Girl gelang dem Gießener Musiker L’aupaire 2014 ein sensationeller Erfolg. Mit einer Mischung aus rauer und gefühlvoller Stimme und treibenden Sounds wurde er schnell vom Geheimtipp zum gefragten Act in Radioshows, auf Festivals und auf der Konzertbühne. Das dazugehörige Album Flowers landete schließlich 2016 auf Platz 51 der deutschen Albumcharts. Mit den darauf enthalten Songs wurde die Nachfrage nach dem – mittlerweile in Berlin lebenden – Musiker schließlich so groß, dass er die Reißleine ziehen musste und sich eine Auszeit nahm. Der Druck und das ständige Touren führten bei Robert Laupert zu einem Überdenken seiner Arbeit. Nach einigen Monaten ohne jegliche Gedanken an die Musik schlossen sich plötzlich Türen und öffneten sich woanders, wie der Musiker dem Gießener Anzeiger in einem Interview erzählte. Dabei kam wieder neuer Elan auf und plötzlich sprudelten die Ideen für neue Songs. Hier schloß sich auch die Tür bei dem Plattenlabel Virgin Records – bei dem L’aupaire noch sein Debütalbum veröffentlichte – und öffnete sich eine andere bei Vertigo Music. Mit Reframing folgte im August 2019 L’aupaires zweites Album für das es auch eine kleine Deutschlandtour geben sollte. Doch nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung des neuen Albums teilte L’aupaire über seine sozialen Kanäle mit, dass er auf unbestimmte Zeit keine Konzerte mehr geben kann. Dies zahnt in den Reaktionen seines Körpers, der ihm genug Zeichen gesendet habe, diesen Schritt zu gehen – so der Musiker. Wer die Songs L’aupaires kennt, wird wissen, dass alle gemein einer Intimität und Gefühlswelt entstammen, die nicht auf Hektik, hartem Abliefern und Dauer-Druck-empfinden fußen, sondern durchzogen sind, von weichen, emotionalen Gefühlen und Erlebnissen.

L'aupaire
L’aupaire

Während sich L’aupaire über die vergangenen zwölf Monate somit immer wieder freischwamm und durch Erlebnisse – wie die Geburt seines zweiten Kindes oder die Eindrücke eines Roadtrips mit seiner jungen Familie – neue Kraft fand, entstand daraus auch wieder neue Musik. Die dabei veröffentlichten Songs bilden die Vielfältigkeit des Musikers ab, wie wir es bisher kaum zu hören bekamen. Ob mit dem körperlichen Flamenco, dass von den unzähligen ersten Malen handelt, die man im Leben erlebt, oder dem unglaublich warmen Ocean Girl bei dem wir ganz persönliche Einblicke in L’Aupairs Familienleben bekommen und bei dem er über die Verantwortung für seine kleinen Kinder singt und ebenso darüber, diese Verantwortung auch wieder abgeben zu können, um sie auf ihren eigenen Weg zu schicken. Nun hat L’aupaire mit Bubbles die dritte Singles dieses Jahres veröffentlicht und einen gänzlich neuen Sound eingeschlagen. Gänzlich neu ist dabei, dass die Erstversion der Veröffentlichung ein grooviger Dancesong ist, der mit 80er-Jahre Synthies aufwartet und von Martin Rott – der bereits mit Wallis Bird, Alexa Faser, Max Giesinger und Stephanie Neigel zusammenarbeitete – einen neuen Mix erhielt. Rott hat dabei gerade erst Ende August seine Debüt-EP Circles veröffentlicht und aus L’aupaires Folk- und Blues-Sound eine tanzbare, lebensbejahende Dancepopnummer gemacht. Hierbei kommt ein Retrogefühl auf, welches uns Bilder in den Kopf setzt, wie man in den 80er-Jahren, zusammen mit seinen Freunden, zum nächsten Kiosk gegangen ist, um sich für ein paar Pfennige Süßigkeiten und Kaugummis kaufen zu können. Mit Bubbles gibt uns L’aupaire einen Eindruck von der Vielfalt, die noch in ihm schlummert und macht gleichzeitig Lust auf die kommenden Veröffentlichungen. Alles braucht seine Zeit – auch für Künstler gilt dies, um ganz bei sich selbst zu bleiben.

Tones And I - Fly Away

Tones And I – Der universelle Sound

Mit Dance Monkey hatte die australische Sängerin und Songwriterin Tones And I einen Überraschungshit veröffentlicht, der auch heute noch – anderthalb Jahre nach seiner Veröffentlichung – in den Charts weltweit vertreten ist. Dabei hat es Dance Monkey nicht nur in sagenhaften 38 Ländern auf Platz 1 der länderspezifischen Charts geschafft, sondern gleichzeitig auch noch einen Rekord nach dem anderen gebrochen. Allein in ihrem Heimatland Australien stand der Song sagenhafte 24 Wochen auf Platz 1 der Singlecharts und löste sogar den dortigen Allzeitrekordhalter White Christmas von Bing Crosby ab – der immerhin 77 Jahren lang keine ernstzunehmende Konkurrenz hatte. Gleichzeitig schnellten die Verkaufs- und Streamingzahlen überall in die Höhe und verkaufte sich Dance Monkey bis heute über 11 Millionen mal. In Deutschland stand Dance Monkey 10 Wochen auf Platz ein, war satte 34 Wochen in den Top-10 und ist aktuell – in Woche 66 – immer noch nicht aus den Charts wegzudenken. Und obwohl Dance Monkey noch immer rege im Radio gespielt und gekauft wird, hat die Australierin Toni Watson mit Fly Away nun einen weiteren neuen Song veröffentlicht. Was auffällt ist, dass der Sound von Tones And I universell und gerade deshalb so langlebig und erfolgreich ist. Denn einmal mehr wird auf Fly Away die unverwechselbare Stimme der 27-jährigen Sängerin von einem positiven und euphorischen Elektropop-Sound begleitet.

Tones And I
Tones And I

Neben dem unglaublich eingängigen Sound ist es auch die Message, die einmal mehr inklusiv ist und versucht, alle zu erreichen. Hier geht es der Sängerin um die eigenen Träume, die jeder hat. Das Musikvideo zu ihrem neuen Song zeigt dann auch Menschen aller Hautfarben, Herkünfte und Orientierungen. Dabei möchte Tones And I den Menschen zeigen, was im Leben glücklich macht und was die Menschen zu glauben scheinen, was sie glücklich macht. Hier hat sich die Australierin ihren Großvater als Beispiel genommen, der in seinem hohen Alter über vieles aus seinem Leben glücklich ist. Dabei zeigt sich, dass mit dem heutigen Jagen nach Likes auf den sozialen Kanälen, dem Präsentieren materieller Werte, wie Klamotten und Consumer Electronics und der eigene Schein nicht zu dem Gefühl des glücklich seins beitragen, wie eine innige Freundschaft, einen vertrauten Menschen zu sehen oder sich zu verlieben. Diese Messages sind es, mit denen Tones And I die Menschen überall auf der Welt erreicht. Und das nicht nur über ihre Musik, sondern eben auch über die Geschichte hinter den Songs. Fly Away könnte dabei nach ihrer erfolgreichen Debüt-EP The Kids Are Coming (2019) der erste Vorbote für ein kommendes Debütalbum sein. Musikalisch schafft es Tones And I damit einmal mehr, einen Ohrwurm zu erzeugen und für gute Laune zu sorgen.

lùisa - Deep Sea State Of Mine

lùisa – Flutende Erwartungen

Wir sind die Gesellschaft des Optimierens. Der Satz sitzt. Egal, wohin wir gucken, überall werden uns Aufforderungen, das beste aus uns herauszuholen, uns zu verändern, uns anzupassen und gleichzeitig unsere Individualität herauszuarbeiten gefordert. Nur – um in der Gesellschaft anzukommen und ein vermeintlich erfolgreiches Leben zu führen. Der daraus entstehende Druck wird dabei immer öfter zum psychischen Problem und endet nicht selten auch in einer körperlichen Erkrankung. Dabei zieht sich dieser Druck durch alle Generation. Ob die Generation Z – die sich in der digitalen Welt versucht zu behaupten oder Generation Y – die mit einem ständigen Druck, mehr erreichen zu müssen durchs Leben gehen. Die Schlagzahl an Aufgaben, Herausforderungen, Erwartungen und Momenten des vermeintlichen Scheiterns fluten uns hierbei regelrecht. Die Hamburger Sängerin lùisa hat dafür eine musikalische Antwort geschrieben und mit Deep Sea State of Mind einen starken Song veröffentlicht, der Größe und Verletzlichkeit ausstrahlt.

lùisa
lùisa

Dabei sagt sie über den Song, Man sagt uns, wir sollen uns optimieren und konstanten Output liefern. Manchmal fühlt sich alles zu viel an, zu hell, zu laut, wir verlieren die Verbindung zu dem, was wirklich wichtig ist. Dann sucht unser Geist tiefergehende Antworten, und wir brauchen den Raum, in dem wir die eigene Verletzlichkeit und Traurigkeit nicht als Schwäche sehen, sondern als unsere menschliche Tiefe. Mit dieser menschlichen Tiefe als reinigende Kraft schaffen wir einen Katalysator für den Druck, dem wir ausgesetzt sind. In Deep Sea State of Mind singt lùisa mit einer kräftigen Stimme über einen wabernden Beat, der sich schwer und träge im Raum verteilt. lùisa wechselt dabei einige Male ihre präsente Stimme und klingt mitunter, als würde sie brechen. Nach den beiden Alben One Youth Ago (2012) und Never Own (2015) kündigt die Wahlhamburgerin für das Frühjahr 2021 ihr drittes Studioalbum an, für das noch kein Name oder genaueres Veröffentlichungsdatum feststeht. Deep Sea State of Mind ist der beste Vorbote, den die 28-jährige Sängerin veröffentlichen kann und lässt uns in einen Traum von einen Song eintauchen.

Nathan Ball - All Comes Back To You

Nathan Ball – Wo gehör ich hin?

Es erstaunt fast ein wenig, dass wir von Nathan Ball neues Material zu hören bekommen, welches keinen elektronischen Beat unterlegt hat. Mit den letzten beiden Kollaboration auf Faithless‘ This Feeling und Icarus‘ Meet Me There hat sich der, aus Südwestengland kommende, Singer/Songwriter auf ungewohntes Terrain begeben. Weg war sein ruhiger Folksound und gaben plötzlich Dancebeats den Ton an. Dabei kennen wir Ball durch seine Songs Call It Love, Right Place und Echo eher aus dem Folk-Bereich. Nun hat der Brite mit seinem neuen Song All Comes Back To You einem Gefühl Bilder verliehen und zeigt uns eindrucksvoll seine Momentaufnahme des ersten Lockdowns. Geschrieben in seiner Heimat Cornwall, hat der Song die Einsamkeit und Verlorenheit als Ursprung. Denn während sich im Lockdown Paare und Familien gegenseitig stützen können, hatte man es als Single äußerst schwer.

Nathan Ball
Nathan Ball

Die daraus resultierende Einsamkeit baute sich in Ball immer mehr zu einem verloren fühlen auf. Dabei ist All Comes Back To You eine reduzierte Ballade, die sich ganz auf die Gitarre und den Gesang Balls konzentriert. Hier kommt eine Stimmung auf, die sich von dem Wunsch eine Neupositionierung speist. Das Gefühl des verloren seins ist dabei allgegenwärtig und gibt uns ein Gefühl von Trauer, Abschiedsgedanken und rohen Gefühlsausbrücken. Und es zeugt von einem Sänger, der seine durcheinander geratenen Gefühle aufgrund der ganzen Geschehnisse um ihn herum nicht mehr einordnen kann. Im Stile des zweiten Ben Howard Albums I Forget Where We Were ist Nathan Balls neue Single noch reduzierter und spricht eine musikalisch ästhetische Sprache, die sich über die sanften Nuances in Balls Stimme zu transportieren wissen.

SG Lewis feat. Lucky Daye - Feed The Fire

SG Lewis feat. Lucky Daye – Für funkige Disconächte und mit Debütalbum

Es kommt! Samuel George Lewis hat mit seiner neuen Single Feed The Fire nun endlich sein Debütalbum Times angekündigt. Dieses soll am 19. Februar 2021 erscheinen und neben dem hypnotisierend, euphorischen Chemicals auch die Dancefloorbombe Impact enthalten, die der aus Reading kommende Produzent zusammen mit Channel Tres und Robyn aufgenommen hat. Darüber hinaus hält das Album neben der neuen Single Feed The Fire noch sieben weitere Songs bereit, über die allerdings noch nicht einmal die Titel bekannt sind. Zusammen mit dem US-Amerikanischen Singer/Songwriter David Debrandon Brown – alias Lucky Daye – hat SG Lewis wieder einmal die Messlatte für funkige Discosounds höher gesetzt. Dabei ist für Lewis mit Feed The Fire gleich in mehrerlei Hinsicht ein Traum in Erfüllung gegangen, denn während er das Debütalbum Painted des New Orleaner Musikers Lucky Daye seit seiner Veröffentlichung im Frühling 2019 rauf und runter hört, wollte der britische Produzent immer auch wissen, wie sich die soulige Stimme mit Clubbeats unterlegt anhören würde.

SG Lewis - Times
SG Lewis – Times

Während Daye mit Painted satte vier Grammy-Nominierungen für Best R&B Album, Best R&B Song, Best R&B Performance und Best Traditional R&B Performance einsacken konnte, wurde es mit der Zusammenarbeit von Lewis und Lucky Daye schließlich ernst und sie trafen sich im Studio. Gleichzeitig hat SG Lewis mit zwei seiner absoluten Favoriten zusammengearbeitet. Denn Matt Johnson und Simon Hale haben bereits an mehreren Alben Jamiroquais mitgearbeitet und dafür Klavier-Parts und Streicher-Arrangements beigesteuert. Ist Jamiroquai selbst bereits seit jeher ein großes Vorbild für SG Lewis, war diese Zusammenarbeit für den jungen Produzenten mehr als nur ein Wunsch, der in Erfüllung ging. So sieht man den Briten in einem seiner Facebook-Posts dann auch sichtlich gerührt und mit Tränen in den Augen, als er bei den Aufnahmen von Simon Hale mit im Studio sein durfte und erlebte, wie seine Musik zum Leben erweckt wird. Hier wundert es nicht, wenn eine gewisse Nähe zu eben diesem unverwechselbaren Disco-Funk-Sound Jamiroquais aufkommt, doch behalten die Songs gleichzeitig immer auch SG Lewis‘ Handschrift. Feed The Fire hat die Attitüde eines amüsant, hochnäsigen Augenblicks auf der Tanzfläche, bei der man mit seinen Freunden zusammen den Moment zelebriert und gerne auch mal nicht all zu ernst nehmend, den Augenblick genießt.

Tia Gostelow - Always

Tia Gostelow – Zwischen Aborigines und der Großstadt

Das bekommt man in Europa auch nicht oft geboten, die Musik einer Künstlerin aus den indigenen Völkern Australiens – den Aborigines – vorzustellen. Dabei ist unser Bild in Europa vielleicht nicht das aktuellste. Immerhin leben mittlerweile Dreiviertel der knapp 500.000 Aborigines ein modernes Leben in Großstädten, wie die restlichen Einwohner Australiens. Davon können wir uns bei Tia Gostelow überzeugen lassen. Denn am Freitag kommt ihr zweites Album Chrysalis auf den Markt und begeistert mit einem modernen Elektropop, der sich etwas verträumt und fast schon am Dreampop orientierend präsentiert. Die aktuelle Single Always zeigt dies eindrucksvoll. Hier klingt nichts zurückhaltend und singt die gerade einmal 21-jährige Sängerin frisch und selbstbewusst, was sie in den letzten zwei Jahren erlebt hat. Dabei spielt auch die Melancholie eine große Rolle in Gostelows neuem Album. Denn während sie den Hype um ihr 2018er Debütalbum Thick Skin fernab ihrer Eltern erlebte und seit nunmehr zwei Jahren in Brisbane lebt, hat sie nach wie vor stark damit zu kämpfen, mit der fehlenden familiären Nähe klarzukommen. So zeugt das neue Album auch von dieser Distanz und den einsamen Momenten der Musikerin in der großen Stadt.

Tia Gostelow @Jeff Andersen Jnr.
Tia Gostelow @Jeff Andersen Jnr.

Gostelows Sound klingt nicht neu und doch kann man sie nicht so recht einordnen. Mit großen Synthiebetten, vielen Soundspielereien und der fluoreszierenden Stimme Gostelows hat die Australierin ein Album produziert, welches sich an den dunklen Abenden orientiert, die beleuchtet und von strahlenden Blitzen durchzogen werden möchten. Mit Always bekommen wir einen weiteren Vorgeschmack auf diese farbenfrohe Musik. Sind die Songs des Albums vom Holy Holy-Gitarristen Oscar Dawson geprägt, singt auf Always sogar Holy Holy-Frontmann Timothy Carroll mit. Sowohl bei den Radiostationen, als auch den Musikblogs weltweit steht Tia Gostelow ganz oben auf den Listen der Artists to watch. Völlig zu Recht – wie wir ab Freitag auf Albumlänge hören können. Tia Gostelow ist aufregend, frisch und hat einen großartigen Sound im Gepäck, bei dem es Spaß macht, ihn zu entdecken.

Jono McCleery - Call Me

Jono McCleery – Ein Fels in der Brandung

Seine Songs bilden das Fundament für ein losgelöstes Wesen. Wurde der 37-jährige Singer/Songwriter Jono McCleery in London geboren, ist er zwar Teil der dortigen Musikszene, doch erzählt sein Schaffen eine Sprache, die vielmehr mit der rauen Landschaft der südenglischen Ländereien verbunden ist, als es die Millionenmetropole kann. In der Londoner Musikszene aufgewachsen, ist der introvertierte Musiker als Teil des dortigen Projektes One Taste Collective immer weiter in den Vordergrund gerückt. Hier hat McCleery dafür gesorgt, dass er londonweit zum Namen wurde. Unterstützt das Projekt One Taste Collective Bands bei ihren ersten Schritten, verhalf es unter Anderem Little Dragon und Jamie Woon zum Durchbruch. McCleery hat dabei in den vergangenen Jahren die Alben Darkest Light (2008), There Is (2011), Pagodes (2015) und Seeds Of A Dandelion (2018) veröffentlicht. Mit Here I Am And There Are You kommt am 20. November McCleerys fünftes Album auf den Markt und konzentriert sich wieder auf die warmen Sounds des Musikers. Mit der nun veröffentlichten Single Call Me zeigt der Brite, wie es sich anfühlt, getrennt zu sein. Dabei steht nicht im Vordergrund, ob durch eine räumliche Distanz getrennt, oder durch eine endende Beziehung. Vielmehr packt uns McCleery mit seiner unglaublich warmen Stimme und reisst uns mit, auf eine Tour durch den schönen Schmerz der Einsamkeit.

Jono McCleery
Jono McCleery

Dass dieser Schmerz nicht immer negativ sein muss und durchaus produktive und euphorische Momente hervorbringen kann, sehen wir im dazugehörigen Musikvideo. Hier sehen wir einen Mann, der sich, bedingt durch die Einsamkeit, in eine Welt flüchtet, in der er mit einer imaginären Freundin all die mitreissenden Momente erlebt, die er so vermisst. Dabei wirkt die Szenerie manchmal abstrakt, manchmal überzeichnet und wiederum einige Male einfach nur tief verbunden. Call Me begleitet die Bilder dabei mit einem sanften Gitarren- und Schlagzeugspiel, welches durch die kräftige Stimme McCleerys eine Wehmütigkeit entstehen lässt. War McCleery bereits mit Bonobo, Fink, Little Dragon und Jamie Woon zusammen auf Tour, sind seine Einflüsse vor allem durch die Musik von Fink und Bonobo geprägt. Das warme Timbre von Finian Paul Greenall – alias Fink – zusammen mit der introvertierten Weite von Bonobos treibenden Sound, lassen Jono McCleery in einem tiefen und berührenden Soundkostüm aufgehen, in das seine Stimme wie maßgeschneidert passt. Call Me ist damit der musikalische Ruf des Herbstes geworden, uns einen warmen und geborgenen Augenblick zu verschaffen.

Simen Mitlid - Birds; or, Stories from Charlie B’s Travels, From Grønland to the Sun, and back again

Simen Mitlid – Leiser Folk

Von kaum greifbaren Songs, über verstörend schöne Autotune-Balladen, bis hin zu ganz leisen Folkschätzen gibt es auf dem neuen Album des norwegischen Singer/Songwriters Simen Mitlid ganz viel von seinem wunderbaren Dreampop-, Indie- und Folk-Sound zu hören. Die aktuelle Single Grateful Dead ist dabei nur der neueste Beweis für diese introvertierte Version eines Rockstars. Hier klingt alles danach, dass sich ein großer Künstler so zurückhaltend und klein verkauft, dass man für einen kurzen Moment argwöhnisch aufschauen möchte – doch gleich im nächsten Atemzug wieder von der weichen Stimme Mitlids zurückgeholt wird und sich im wabernden Sound verliert. Mal klingt er auf seinem nunmehr dritten Studioalbum Birds; or, Stories from Charlie B’s Travels, From Grønland to the Sun, and back again nach José González (Bird), mal fühlt man sich an Kanye Wests beginnende Autotune-Phase erinnert (While Heaven Is on Fire) und wiederum ein anderes Mal, wie bei der aktuellen Single Grateful Dead an eine langsame Version der Songs vom Shout Out Louds Album Work.

Simen Mitlid
Simen Mitlid

Mitlid selbst sagt über das Album, dass der Titel eine Anspielung auf Abenteuerromane ist. Die Rahmenhandlung ist also in etwa, dass ich in Oslo herumlaufe – und beobachte. Aus diesen Beobachtungen wurden mehrere kleine Geschichten über die verschiedenen Reisen, die Vögel, die Astronauten, die Archäologen (die auch herauszufinden versuchen, warum Menschen gereist sind), die Auswanderer aus Grönland (sowohl aus dem Land als auch aus dem Viertel in Oslo, wo ich mein Aufnahmestudio habe), die Charlie B (eine erfundene Figur, welche die ultimative Reise von Grönland zur Sonne unternimmt), die meine Familie, die mein Verstand, meinen Körper und die Erde (wenn sie sich um die Sonne dreht) während ihres Lebens unternehmen. Man kann sich diese einzelnen Geschichten bildlich vorstellen, hört man sich die einzelnen Songs an. Auf Bird wird diese Geschichte so greifbar, dass wir für einen kurzen Moment von der Baumkrone auf den regen Trubel der Straßen schauen. Mitlid hat mit seinem Album Birds; or, Stories from Charlie B’s Travels, From Grønland to the Sun, and back again, das am 30. Oktober erscheinen wird, eine naturnahe Soundkulisse für die Introspektive geschaffen und nebenbei wohl einen der längsten Albumtitel seit Chumbawambas The Boy Bands Have Won… (2008) veröffentlicht. Hier könnt Ihr schon jetzt in zwei seiner bisher veröffentlichten Songs aus dem neuen Album reinhören.