Bosse - Warum Geht Es Mir So Dreckig

Bosse – Erinnerung an Ton Steine Scherben hochhalten

Sie waren eine der ersten ernstzunehmenden Rockbands Deutschlands und haben mit ihren Songs bis heute einen großen Einfluss auf die deutsche Musiklandschaft ausgeübt. Mit Rio Reiser und Nikel Pallat als Sänger und deren politischer Texte wurde die Band schnell zur Ikone der Jugend und linken Szene Deutschlands. Gleichzeitig provozierte die Band aber auch immer wieder mit aufsehenerregenden Auftritten. Legendär ist dabei Pallats Auftritt bei der WDR-Talkshow Ende Offen, bei der er 1971 mit einem Beil versuchte den Moderationstisch zu zerstören. Doch sprechen die Songs der Band eine weitaus wichtigere Sprache und waren die Messlatte dessen, was heute unsere Rock- und Punkmusik ausmacht. Selbst heute – 50 Jahre nach der Bandgründung sind Sätze, wie Keine Macht für Niemand oder Macht kaputt, was euch kaputt macht geflügelte Worte und fest im deutschen Sprachgebrauch verankert.

Wir müssen hier raus – Eine Hommage an Ton Steine Scherben und Rio Reiser
Wir müssen hier raus – Eine Hommage an Ton Steine Scherben und Rio Reiser

Für die Compilation Wir Müssen Hier Raus haben verschiedene Künstler*innen der deutschen Musikszene Songs der Band neu eingespielt und lassen damit den „Soundtrack der Revolte“ neu aufleben. Haben Ton Steine Scherben von Beginn an ihren Einfluss auf die Musikszene ausgeübt, waren es in den Folgejahren Bands und Künstler*innen, wie Fettes Brot, Beatsteaks, Wir Sind Helden, Clueso, Die Sterne, Marianne Rosenberg, Echt, Die Toten Hosen oder Nina Hagen, welche deren Songs neu interpretierten. Nun sind abermals die großen Namen der Musikszene zusammengekommen und haben die Beatsteaks, Die Sterne, Gisbert zu Knyphausen, Fehlfarben, Jan Delay oder Bosse und viele andere die Songs neu eingespielt. Letzterer hat mit seiner Version von Warum Geht Es Mir So Dreckig ein wahres Ausrufezeichen gesetzt. Denn in den vergangenen Jahren ist Axel Bosse vor allem mit melodischen Pophymnen erfolgreich gewesen und hat seine letzten beiden Alben Engtanz (2016) und Alles ist jetzt (2018) jeweils auf Platz 1 der deutschen Albumcharts platzieren können. Nun kommt der Musiker mit Band deutlich rockiger daher und lässt den Politrock wieder aufleben. Gerade weil Bosses Sound normalerweise sanfter ist, wird die Neuauflage von Warum Geht Es Mir So Dreckig nicht jedem Ohr gleichermaßen gefallen, doch ist es wichtig und richtig als Sprachrohr mit so vielen Zuhörenden, die Songs der Band und ihre kontroversen Texte auch im Jahr 50 nach Bandgründung in die Welt zu rufen. Und dies tut Bosse hierbei so gut, dass man ihn gerne auch öfter als Rockmusiker hören möchte.

Beatsteaks - Glory Box

Beatsteaks – Darf man diesen ewigen Überhit covern?!

Es ist ein Song, der das Wort Geschichte nicht besser beschreiben könnte. Denn während wir heute die Interpretation der Beatsteaks hören, hat Glory Box von Portishead bereits einen jahrzehntelangen Weg hinter sich, der bei dem britischen Duo nicht etwa aufhört, sondern bis in das Jahr 1969 zurückgeht. Stammt das Original des Songs von der belgischen Band Wallace Collection, war es in den BeNeLux-Staaten ein riesiger Erfolg. Doch obwohl der Song auf Englisch gesungen wurde, blieb ein Erfolg in den englischsprachigen Ländern weitestgehend aus. Ende der 80er Jahre nahm sich der Oscar- und Grammy-Award-Gewinner Isaac Hayes – der sich für den Theme-Song des Films Shaft verantwortlich zeichnet – die Melodieabfolge vor und veröffentlichte mit Ike’s Rap 2 eine Version des Songs, den wir bis heute kennen und lieben. Auf dem 1994er Debütalbum Dummy, des – aus Bristol in Großbritannien kommenden – Duos Portishead, befand sich ein Song, der für die Folgejahre richtungsweisend sein sollte. Denn mit Glory Box schaffte die Band nicht nur in Großbritannien ihren Durchbruch, sondern verbreitete den britischen Sound des Trip-Hops auch weltweit. Gleichzeitig hauchte die Frontsängerin Beth Gibbons dem Song eine Atmosphäre von Mystik, Distanz und Lethargie ein, wie wir es faszinierender nie wieder zu hören bekamen. 2001 stieß schließlich das, ebenfalls aus Großbritannien kommende, Duo I Monster auf die Liste der Interpretationen der Melodiefolge von Wallace Collection hinzu und veröffentlichte ihren Song Daydream In Blue.

Beatselfie Credit Beatsteaks
Beatselfie Credit Beatsteaks

Doch auch wenn es immer wieder Bands und Künstler gab, die diese ganz markante Melodie und das Gefühl des Songs versuchten zu kopieren, blieb Portisheads Version bis heute unerreicht. Nun haben die Beatsteaks aus Berlin die zweite Single aus ihrer, am 11. Dezember erscheinenden EP In The Presence Of herausgebracht und somit ihre Version des Portishead Songs veröffentlicht. Dabei zeigen die Beatsteaks, nach der Coverversion von Monotonie, erneut, wie hoch sie die Interpretinnen schätzen, deren Songs sie covern. Denn auch auf Glory Box behalten die Beatsteaks diese mystisch, bedrohliche Atmosphäre von Gibbons bei. Was der Band allerdings nicht gelingt und auch nicht gewollt zu sein scheint, ist die Fragiliät, die Gibbons auf Glory Box in ihre Stimme legt. Die Beatsteaks brechen behutsam aus dem lethargischen Korsett des Portishead-Songs aus und lassen mit überwältigenden Gitarrensoli und berstenden Drums eine Wand von Sound entstehen, ehe im nächsten Moment wieder alles in sich zusammenfällt und zum Gefühl des Bristoler Duos zurückkehrt. Sind mit Monotonie und Glory Box nun bereits zwei Songs der kommenden EP bekannt, halten die Beatsteak die vier noch ausstehenden Songs weiterhin streng geheim – umso größer wird die Überraschung mit jedem weiteren Release und dürfte vor der EP-Veröffentlichung bestimmt noch ein Song zur Vorabveröffentlichung drin sein.

AnnenMayKantereit - 12

AnnenMayKantereit – Es schlägt 12

Es ist schwer greifbar, was AnnenMayKantereit da in der Nacht zu Dienstag veröffentlicht haben. Ist es noch die selbe Band, die mit den großen, direkten Songs, wie Oft Gefragt, Nicht Nichts, Pocahontas, Marie, Ozean oder Ausgehen ein riesiges Publikum erreichten?! Mit ihren klaren Worten wurden sie zum Sprachrohr einer Generation und gleichzeitig schafften sie den Spagat, keineswegs kitschig zu klingen und damit selbst die größten Kritiker von deutschsprachigen Boybands zu begeistern. Genau genommen sind AnnenMayKatereit zwar eine Band voller Jungs, doch könnte ihre Musik nicht weiter weg von der Musik und Struktur einer Boyband sein. Mit ihrem Überraschungsalbum 12 haben Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit nun am späten Montagabend ihr drittes Album und gleichzeitig nichts Geringeres, als ein Kunstwerk veröffentlicht. Dabei ist es kaum greifbar, wie sich die drei Musiker durch die vergangenen Monate arbeiten. Denn 12 ist ein Lockdown-Album aus der Sicht von Menschen, denen als Musiker die Arbeitsgrundlage entzogen wurden, als Songwriter gegen eine Inspirationsbarriere kämpfen und als junge Menschen der Möglichkeit beraubt sind, soziale Interaktion auszuleben. Zählt Letzteres für die gesamte Bevölkerung in Deutschland, sprechen die Texte auf 12 Bänder von Entrüstung, Schock, Resignation und puren Momenten, in denen man sich wünscht, dass alles nur ein Traum ist und man schnellstmöglich aus dem Bett fallen möchte, um wieder aufzuwachen.

AnnenMayKantereit Foto: Lenny Rothenberg
AnnenMayKantereit Foto: Lenny Rothenberg

Hier hören wir Songs – wie Gegenwart – der von der Angst des Sängers mit Blick auf die Zukunft spricht. Erzählt er hier von geschlossenen Kneipen, Kinos und Theatern, wird das Gefühl, in Zeitlupe zu leben, unweigerlich stärker. Auf Gegenwartsbewältigung wird dem Schock auch der Grund genannt. Corona. 12 ist gerade deshalb ein so bemerkenswertes Album, da sich die Band in eine völlig neue Umgebung begibt. Hier spielen erzählerische Elemente eine große Rolle und wirkt das ganze Album wie ein Poetry Slam und Spoken Word Moment. Es ist weniger der melodische Gesang, der auf 12 so fasziniert. Durch Wiederholungen spielt May mit den Worten und ihrer Wirkung. AnnenMayKantereit haben mit 12 ein Album veröffentlicht, das keiner auf dem Schirm hatte – Anfang 2020 wohl selbst die Band nicht einmal. Was sich dabei entwickelt hat, ist ein Tagebuch mit 16 Kapiteln, welches die Eindrücke der Band so pur wiedergibt, dass wir uns – ähnlich eines Hörbuchs – nach jeder einzelnen Geschichte in Songform auf die nächste Geschichte freuen. AnnenMayKantereit bleiben auch mit ihrem dritten Album eine der wichtigsten Bands in der deutschen Musiklandschaft und faszinieren mit Texten, die so klar und gewaltig sind, dass das Album auch nach mehrmaligem Hören nicht seine komplette Weite erkennen lässt.

Balthazar - Losers

Balthazar – Liefern in kürzester Zeit nach

Zwischen 2010 und 2018 hat die belgische Band Balthazar mit den Alben Applause (2010), Rats (2012) und Thin Walls (2015) drei Longplayer veröffentlicht, die vor allem im flämischen Teil des Landes äußerst erfolgreich waren. Doch erst das 2019er Album Fever schaffte es, sich in weiteren europäischen Ländern in den oberen Chartregionen zu platzieren. Dabei wurde Fever bereits im Januar 2019 veröffentlicht, zündete aber erst im Spätsommer so richtig durch. In Deutschland war das Album nicht zuletzt durch die Singles Fever und Entertainment in aller Munde. Noch am 28. Februar 2020 spielte die Band – aus den beiden Städten Kortrijk und Gent – im Berliner Astra Kulturhaus ein Konzert. Nur zwei Wochen später stand alles still. Live sind Balthazar allerdings auf jeden Fall ein Erlebnis. Denn je nachdem, wie spät es wird, werden die beiden Frontmänner Maarten Devoldere und Jinte Deprez auch schon mal unglaublich unterhaltsam und springen in das Publikum, um von da aus weiterzusingen.

Balthazar - Sand
Balthazar – Sand

Nachdem bereits Mitte Februar der neue Song Halfway veröffentlicht wurde, kamen Spekulationen – nach einem neuen Album oder einer EP – auf. Nun haben Balthazar mit einer weiteren Singleveröffentlichung ihr fünftes Studioalbum Sand angekündigt. Dieses wird am 29. Januar 2021 erscheinen und neben Halfway auch die Single Losers enthalten. Diese erinnert nicht zuletzt durch ihren markanten Refrain und die Kopfstimme an den Queens Of The Stone Age Klassiker Make It Wit Chu. Mit dem prominente Einsatz einer Twang-Gitarre, den Synthies und einer tiefen Gesangsstimme in den Bridges wird Losers zu einem unverwechselbaren Balthazar-Song, der in uns das gleiche freudige Gefühl auf die neue Platte Sand erzeugt, wie wir es zuletzt bei Fever hatten. Nach nur knapp zwei Jahren ist Sand dann auch sehr schnell hinterhergekommen und wird nicht zuletzt durch die Pandemie, für extra Zeit im Studio gesorgt haben. Balthazar liefern ab und klingen dabei mit ihrem Sound mehr als angekommen.

JEREMIAS - hdl

Jeremias – Vom Rauschzustand in den lähmenden Stillstand

Es ist noch gar nicht so lange her, da haben die vier Jungs von Jeremias mit alma ihre zweite EP veröffentlicht. Genauer gesagt, ist es erst fünf Monate her, dass Songs, wie schon okay und keine liebe in EP-Format herauskamen. Doch während der Alltag, nach dem ersten harten Lockdown, zum Teil wieder zurück in unser Leben fand, ist es für die Kultur und vor allen für Künstler*innen im Musikbereich seit nunmehr neun Monaten fast komplett untersagt, ihren Beruf auszuüben. Noch im Sommer gab es einen kleinen Lichtblick und konnten Bands und Soloartists auf Picknick-Konzerten zumindest einen Teil ihrer Fans live erreichen. Mit einsetzen des Herbstes und der wachsenden Zahl an Infektionen wurde dies wieder komplett runtergefahren. Eine noch junge Band, wie es Jeremias sind, hat dabei nicht nur mit dem Auftrittsverbot zu kämpfen, sondern vielmehr auch mit den Begleiterscheinungen. Zwar hatten Sänger Jeremias Heimbach, Gitarrist Oliver Sparkuhle, Bassist Ben Hoffmann und Drummer Jonas Herrmann noch das Glück und konnten im Februar ihre Tour beenden, blieb der Band aber das weitere Aufbauen von direkten Fankontakten via Liveauftritten verwehrt.

JEREMIAS Photo Credits - Lucio Vignolo
JEREMIAS Photo Credits – Lucio Vignolo

In einem Statement haben die Jeremias nun auf ihre Situation aufmerksam gemacht, ohne dabei Schuld zu suchen oder Schuld zuzuweisen. Vielmehr möchten sie ihre Gedanken und Gefühle, die in ihnen immer größer zu werden scheinen, mit den Fans teilen. Nur wenige Tage vor dem Statement wurde mit hdl eine neue Single veröffentlicht, die im Sommer in den Hansa Studios Berlin aufgenommen wurde. Dabei geht es offenkundig um eine verflossene Beziehung, die sich mit allen Begleiterscheinungen eines jungen Erwachsenen zeigt. Unter Betrachtung des – wenige Tage später – veröffentlichten Statements zu ihrer Lage in Zeiten der Pandemie, wirken die einzelnen Songzeilen deutlich vielseitiger einsetzbar. So singt Heimbach gleich zu Beginn Und jeder wartet auf das Eine. „Hab dich lieb“ und Langeweile. Der Applaus ist mir zu leise. Ich schreib‘ ’ne Zeile und find‘ sie scheiße. Vermisse alles, was mal war. Ich schwör‘, ich mach‘ dann alles wieder gut. Fang‘ gerade erst an, mach‘ alles richtig. Ich werd‘ ein guter Mann, weiß jetzt was wichtig ist, ja. Weiß jetzt, was wichtig ist. Ist der Applaus wegen der fehlenden Auftrittsmöglichkeiten gerade zu leise, gibt es kein Hab dich lieb mehr von der Band an die Fans. Gleichzeitig schaffen es Jeremias einmal mehr mit dem funkig, groovigen Sound ein sattes Gegenstück zum melancholischen Text des Songs zu erzeugen. Aktuell ist es wichtiger denn je, die Kultur nicht als gegeben anzusehen und die Künstler*innen, die wir lieben, zu unterstützen. Jeremias geben uns, nicht zuletzt durch ihre neue Single hdl, allen Grund dazu.

Anna Of The North - Believe

Anna Of The North – Glaubt an Cher und die Liebe

Es ist fast schon ein magischer Moment, den Anna Lotterud da auf ihrer neue EP gezaubert hat. Als Anna Of The North hat sie mit ihrer neuen EP Believe nicht nur fünf ganz wunderbare Songs veröffentlicht, sondern darunter auch ein Cover von Cher. Und wie Ihr Euch alle wohl jetzt denken könnt, ist es Chers größter Erfolg Believe, den sich die norwegische Sängerin ausgesucht hat und gleich auch die gesamte EP danach benannte. Die Geschichte um gerade diesen Song, liest sich so charmant, wie herzlich. Denn ist es mittlerweile zum Ritual geworden, dass sich Anna Lotterud und ihre Band vor jedem Auftritt mit dem Song pushen. Dabei hören sie Believe immer, wenn sie die Auftrittsorte, als die Konzerthallen, betreten. Doch auf der letzten Tour haben sich die Band und Lotterud gedacht, dass es auch toll wäre, diesen Song nach dem Konzert zu spielen. So setzten sie Chers Believe immer direkt nach der Zugabe dran und waren begeistert, wie die Fans dies aufgenommen hatten.

Anna Of The North - Believe (EP)
Anna Of The North – Believe (EP)

Denn hier entstand jedes Mal eine kleine Party, zu der alle in der Halle blieben und noch zu Believe tanzten – ob die Fans vor der Bühne oder Lotterud und die Band auf der Bühne. Hierbei entstand immer ein kleines Happening, welches enorm viel positive Gefühle freisetzte. Mit diesen Erinnerungen gingen schließlich die Fans nach Hause und hatten nicht nur Anna Of The North‘ schwebenden Dreampop im Kopf, sondern gleichzeitig auch einen der größten Pophits aller Zeiten im Ohr. Gleichzeitig ist die gesamte EP eine Momentaufnahme aus der ersten Lockdown-Zeit, in der Lotterud zwischenzeitlich in einem Hotel feststeckte und nicht zu sich nach Hause konnte. Der Sound Anna Of The North‘ ist einmal mehr verzaubernd, gleichzeitig aber auch euphorisch und so verträumt, dass wir mit jedem Song unser Herz vor Freude kaum bändigen können. Anna Of The North macht Herzensmusik – wie wir auf den Songs What We Do (2020), Playing Games (2019), Someone (2018) oder bei Had A Love (2016) zusammen mit Vessels hören können – die sich an uns schmiegt und vor allem in der kalten Jahreszeit als warme Decke dient.

Beatsteaks - LTPO

Beatsteaks – Von großartigen Frauen inspiriert

In den vergangenen Tagen und Wochen wurden wir immer ungeduldiger. Da haben die Berliner Rockhelden von den Beatsteaks doch immer wieder neue Schnipsel aus dem Tonstudio veröffentlicht und ließen uns gespannt warten, was da heute kommen mag. Doch auch wenn bis gestern nicht ganz klar war, ob wir einen Song, eine EP oder gar eine Albumankündigung erwarten können, ließt sich die Geschichte der Band, wie aus einem Rockmärchen und garantiert somit, dass etwas brillantes kommen wird. Gegründet 1995 spielten die Beatsteaks anfangs auf Straßenfesten und bei Musikwettbewerben, ehe sie 1997 mit 48/49 ihr Debütalbum veröffentlichten. Hier wurden sogar noch einige Songs auf Deutsch gesungen. Mit Launched folgte 1999 das zweite Album. Schließlich gelang der Band mit dem Album Living Targets und den darauf enthaltenen Songs Let Me In und Summer 2002 der Durchbruch. Hier wurden sie erstmals einem großen Publikum bekannt und gleichzeitig im Radio und auf den Musiksender im TV gespielt.

Beatsteaks - Credits Chris Guse
Beatsteaks – Credits Chris Guse

Ihrem Status als Punkband blieben sie dabei, trotz der Kommerzialisierung ihrer Musik, stets treu und schafften es im weiteren Verlauf mit den Alben Smack Smash (2004) und Limbo Messiah (2007) erfolgreich in die deutschen Albumcharts. Seit Boombox (2011) sind sie auch immer wieder ein Garant für Nummer-1 Alben und platzierten neben diesem auch das selbstbetitelte Album Beatsteaks (2014) auf der Pole Position. Mit Yours kam 2017 das achte und bisher letzte Album auf den Markt. Nun sind die Beatsteaks mit neuem Material zurück und überraschen uns mit der neuen EP In The Presence of, die ausschließlich Coverversionen von Musikerinnen enthalten wird. Bis auf den heute veröffentlichten Track Monotonie bleibt vorerst geheim, welche Musikerinnen und Songs sich die Berliner noch für In The Presence ausgesucht haben. Hier werden wir wohl erst im Laufe der kommenden vier Wochen erfahren, was uns erwarten wird. Mit Monotonie zeigen uns die Beatsteaks auf jeden Fall schon Mal, dass sie den Jungs von Seeed in nichts nachstehen und einen ebenso chilligen Sommersound produzieren können. Dabei kommt das Original von Annette Humpe, die eine der erfolgreichsten Musikerinnen Deutschlands ist. Begonnen in den 80ern als Teil der Band Ideal, entstand hier auch der Song Monotonie.

Beatselfie - Credits Beatsteaks
Beatselfie – Credits Beatsteaks

Es folgten Projekte mit den Bands DÖF, Humpe & Humpe – zusammen mit ihrer Schwester Inga Humpe – und zuletzt Ich + Ich – bei dem Humpe zusammen mit Adel Tawil über 4 Millionen Platten verkaufte. Die Beatsteaks wiederum haben sich mit ihrer Version von Monotonie sehr nahe am Original gehalten und nur den Mittelrefrain ausgelassen. Doch auch klanglich übernehmen die Jungs um Arnim Teutoburg-Weiß den sommerlichen Reggaesound und heben den Song so in das Jahr 2020. Monotonie ist eine wahnsinnig lässige neue Single der Beatsteaks, die sich – wie im passenden Musikvideo zu sehen ist – nicht zu ernst nimmt und dabei die herausragende Arbeit weiblicher Musikerinnen verdeutlicht. Wird In The Presence Of am 11. Dezember veröffentlicht, gibt es sie dann überall digital zu bekommen und als Vinyl exklusiv auf der bandeigenen Shopseite http://www.beatstuff.de zu kaufen. Die Beatsteaks schaffen es mit Monotonie einmal mehr, ihren Status als eine der großartigsten Rockbands Deutschlands gerecht zu werden und werden mit der neuen EP alle begeistern.

Hot Chip feat. Jarvis Cocker - Straight To The Morning

Hot Chip feat. Jarvis Cocker – Gehen direkt auf die Tanzfläche

Ein wenig erstaunt hat es ja schon, dass Hot Chip plötzlich mit dem neuen Track Straight To The Morning aufwarteten. Denn während die Band zwischen 2004 und 2012 im Zwei-Jahres-Rhythmus insgesamt fünf Alben veröffentlichte, sollte das sechste Album Why Make Sense? bereits drei Jahre dauern und das siebte Album A Bath Full Of Ecstasy sogar vier Jahre benötigen, um im Sommer 2019 veröffentlicht zu werden. Somit dachte keiner daran, bereits ein Jahr später neue Musik der fünf Londoner zu hören. Mit Straight To The Morning nehmen uns die Briten dann aber doch direkt mit auf die Tanzfläche und zeigen uns, wie wir auch zu Hause unseren Clubmoment haben können. Aufgenommen wurde der Song, als letzte Studiosession noch vor dem Lockdown, zusammen mit der britischen Legende Jarvis Cocker – der als Sänger der britischen Indieband Pulp bereits seit Ende der 70er Jahre Musik macht.

Jarvis Cocker on Straight To The Morning
Jarvis Cocker on Straight To The Morning

Cocker beschrieb den Produktionsprozess dann auch damit, dass es sich ergreifend anfühlte, die ganze Nacht in einem Club ein Lied über das Tanzen zu singen, obwohl man wusste, dass es auf absehbare Zeit nicht möglich sein würde, so etwas zu tun. War dies im März, wissen wir selbst heute – neun Monate später – noch nicht, wann dies wieder der Fall sein wird. So widmen Hot Chip Straight To The Morning dann auch allen da draussen, um ein wenig Spaß zu haben. Straight to the Morning ist eine Disco-Hymne über das Ausgehen und für eine Zeit gedacht, in der die Leute es wirklich nicht können, sagen Hot Chip über den Song. Musikalisch könnte die Beschreibung des Songs nicht besser passen. Mit großartigen Discovibes und Alexis Taylors markantem Gesang fügt sich der Song wunderbar zusammen und versprüht den unweigerlichen Willen, eine Nacht durchzutanzen. Ganz im Sinne von Jarvis Cocker möchten wir mit Straight To The Morning bis in den Morgen tanzen und freuen uns schon jetzt auf den Remix des britischen Überfliegers Mighty Mouse, der auf der Vinyl des Songs – die Mitte Januar in einer limitierten Auflage von 500 Stück rauskommt – enthalten sein wird.

Lea Porcelain Choirs To Heaven

Lea Porcelain – In unruhigen Zeiten ein wenig träumen dürfen

Die Geschichte von Lea Porcelain fängt in Frankfurt am Main an und zieht sich seit einigen Jahren durch die Berliner Musiklandschaft. Das Duo ist so umtriebig, vernetzt und doch separiert, wie kaum eine andere Berliner Band. Genau diese Einflüsse lassen es zu, dass sich das Duo in eine Welt voller Synthiewänden, fließenden Sounds und lethargischen Gesängen flüchten kann. Mit insgesamt 8 Reviews und einer Konzertkritik sind Julien Bracht und Markus Nikolaus auf jeden Fall einer der Acts mit den meisten Erwähnungen auf SOML. Dabei ist es der Sound, der so introvertiert klingt und uns jedes Mal wieder in eine Welt entführt, die fernab von den aktuellen Zeiten zu sein scheint. Ihre neue Single Choirs To Heaven ist dabei größtenteils in Berlin und Spanien entstanden, während sie am Strand entlangliefen, das Salz auf den Lippen schmeckten und – aus heutiger Sicht – wie aus einer anderen Zeit zu kommen schienen.

Lea Porcelain - Photo Credits KANE
Lea Porcelain – Photo Credits KANE

Choirs To Heaven zeugt von dem Wunsch nach Normalität. Um uns herum wächst eine neue Welt heran, in der wir unseren Platz suchen. Doch auch finden wir uns immer wieder in diesem einen Moment nach Frieden Ausschau haltend und in eine Traumwelt flüchtend um für einen kurzen Augenblick Ruhe und Glück zu empfinden. Dabei ist Choirs To Heaven der Moment auf der Autobahn, wenn wir die Hand bei 120 km/h wellenförmig durch den Fahrtwind gleiten lassen oder an den abgelegensten Orten der Welt die Natur erfühlen können. Wie auch schon auf den Songs, I Am Ok, Clock Of Time, Sink Into The Night und Future Hurry Slow präsentieren uns Lea Porcelain auch auf Choirs To Heaven einen weiten Sound, der voll und satt ist und uns mit einem Gefühl ausfüllt, das von Melancholie und Lethargie getrieben, niemals an Magie zu verlieren scheint. Mit dem neuen Song kündigt das Duo, das sich in den Studios im Funkhaus Nalepastraße mittlerweile häuslich eingerichtet zu haben scheint, ihr zweites Studioalbum lose für 2021 an und zeigt uns einmal mehr, auf was wir uns dabei freuen können.

CamelPhat feat. Lowes - Easier

CamelPhat feat. LOWES – Erreichen die Ziellinie

Sie haben uns lange darauf warten lassen, doch nun ist es da – das Debütalbum des britischen Elektroduos CamelPhat. Sie waren schon da und remixten Songs, wie Lola’s Theme von den Shapeshifters oder die 2004er Version von Depeche Modes Enjoy The Silence als diese zum Originalzeitpunkt veröffentlicht wurden. Doch erst mit der Single Cola (2017) erreichten sie den Ruhm, den ihre über 100 Remixe nicht erreichen konnten. Denn seit der Zusammenarbeit mit dem, ebenfalls aus Großbritannien kommenden Elderbrook, stehen sie ganz oben auf den Playlisten der Britischen Insel und mittlerweile auch weltweit. Was folgte, waren Songreleases, die allesamt nicht eine schwache Produktion hervorbrachten. So kam es zu der Zusammenarbeit mit der spanischen Sängerin Au/Ra auf Panic Room (2018), der Britin Jem Cooke auf Rabbit Hole (2019) und auf Breathe zusammen mit Christoph (2018) und Rabbit Hole (2019 und hier ohne Christoph) oder auch den bereits bekannten Namen, wie Jake Bugg auf Be Someone (2019) oder Foals-Frontsänger Yannis Philippakis auf Hypercolour (2020). Was auffällt; CamelPhat suchen sich immer wieder Künstlerinnen und Künstler aus, die nicht vorrangig im Elektro zu Hause, sondern zumeist sogar weit entfernt davon sind und bekannt durch ihre Wurzeln im Indie sind.

CamelPhat - Dark Matter
CamelPhat – Dark Matter

Heute ist mit Dark Matter das Debütalbum der beiden Liverpooler erschienen, das nur so mit Superlativen aufwartet. Denn weder kann man von vielen Acts behaupten, satte 16 Jahre zu benötigen, um ihr Debütalbum zu veröffentlichen, noch kommen die meisten Künstler auch nur annähernd an die Trackanzahl von satten 21 Songs oder die Spiellänge von 90 Minuten heran. Gleichzeitig vereinen Dave Whelan und Mike Di Scala auf Dark Matter satte 14 unterschiedliche Featuring-Acts. Neben den bereits bekannten sind auch Noel Gallagher und die Band LOWES dabei. Letztere sind ein Trio aus Lancaster, nördlich von Manchester. Doch das ist noch nicht alles. Auf dem heute veröffentlichten Song Easier ist neben LOWES auch Florence Welch von Florence + The Machine als Songwriterin angegeben. Und plötzlich fällt auf, dass eine der Stimmen auf Easier der von Florence Welch in vielen Passagen extrem ähnlich ist und nicht ganz unbegründet die Frage aufkommen lässt, ob sich Florence Welch hier mit LOWES zusammengetan hat. Mit Easier halten CamelPhat auf jeden Fall den größten Hit bereit, um ihr Debütalbum bestmöglich zu promoten. Dass dies bei so einer Hitdichte gar nicht wirklich notwendig ist, dürfte dann aber doch keinen wundern. CamelPhat haben das Album der Stunde produziert und begeistern mit einer vielschichtigen Produktion und vielen Einflüssen aus dem britischen Indie.