Møme feat. Ricky Ducati

Møme feat. Ricky Ducati – Der imaginäre Radiosender

Flashback FM – das ist der imaginäre Radiosender, den der französische Produzent Jérémy Souillart – alias Møme – zusammen mit dem kanadischen Sänger Ricky Ducati ins Leben gerufen hat. Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen Piratensender, sondern vielmehr um die kommende Platte des, aus Nizza kommenden, Musikers. Wie schon auf Got It Made, They Said und Moves arbeitet Møme auch auf der neuesten Veröffentlichung I Know wieder mit Ducati zusammen. Hier erleben wir erneut eine Reise zurück in die große Zeit der Schulterpolster und Dauerwellen. Die 80er Jahre stehen aktuell, wie kein anderes Jahrzehnt, im Fokus der Musikszene. Die Tatsache, dass Blinding Lights von The Weeknd die erfolgreichste Single 2020 war und mit so starken Referenzen an die 80er Jahre arbeitet, verdeutlicht diesen Trend. Dabei bedient sich Møme am IDM – der Intelligent Dance Music – die sich seit den 90er Jahren von Großbritannien aus verbreitet hat.

Møme feat. Ricky - Flashback FM
Møme feat. Ricky – Flashback FM

Mit wabernden Synthies, Drums und der markant weichen Stimme Ducatis lässt sich I Know auf Szenen einer Dystopie á là Dark City oder Blade ein und wird zum Soundtrack einer dunklen Realität. Gleichzeitig zeigt der Song aber auch Hoffnung auf und wird durch das 3D-Video eine Verbindung dargestellt, die sich über eine Entfernung ergibt. Wie so viele Menschen aktuell, haben auch Møme und Ducati ihre komplette Produktion über, aus der Distanz zueinander gearbeitet. Der eine in Frankreich, der andere in seiner Wahlheimat Los Angeles. Es stellt sich raus, dass Møme und Ducati gemeinsam ein Album produzieren, das trotz der klaren und ausgeprägten Referenz an die 80er Jahre auch zeitlos erscheint und mit den besten Einflüssen aus French- und Tropical House verbindet. Damit steht nun auch das Veröffentlichungsdatum ihrer gemeinsamen Platte Flashback FM fest und wird für den 12. Februar angegeben. Møme und Ducati schaffen es, uns mit ihrer Musik zum tanzen, in nostalgische Stimmung und in Partylaune gleichzeitig zu bringen und lassen auf ein Album mit satten 15 Songs hoffen, dass wir genau das auch zu ihrem Album tun werden.

Lane 8 feat. Julia Church - Oh, Miles

Lane 8 feat. Julia Church – Mit neuem Song in die Tiefe eintauchend

Es ist eine ganz eigene Generation der Musizierenden herangewachsen, die sich im elektronischen Bereich aufhält. Da sind zum Beispiel Petit Biscuit und OTR , die mit ihren Songs auch auf SOML schon mehrmals mit Songneuvorstellungen vertreten waren. Allen voran geht aber der Kalifornier Lane 8 aus San Francisco, der bereits 2015 mit seinem Debütalbum Rise und anschließend mit den Folgealben Little By Little (2018) und Brightest Lights (2020) immer wieder durch seine instinktiven Songs aus organischen Sounds und treibenden Beats begeistert. Seine Alben sind Geschichten, die man erst in voller Gänze versteht, wenn man sich seine Alben von Anfang bis Ende anhört. Vor einigen Jahren schon startete der US-Amerikaner auch mit seinem eigenen Label This Never Happened so richtig durch. Nun hat Daniel Goldstein mit seinem Projekt Lane 8 einen ersten, neuen Song – seit dem dritten Album – veröffentlicht und präsentiert sich wieder einmal in Höchstform. Zusammen mit Julia Church aus Südafrika, die 2020 mit ihrer Single don’t really care what we call it für einen kleinen Hit im südlichsten Land des afrikanischen Kontinents sorgte, veröffentlicht Lane 8 mit Oh, Miles eine starke Dancehymne, die wie für ein Augenschließen und mit den Gedanken abschweifen gemacht ist.

Lane 8 Photo by Jason Siegel
Lane 8 Photo by Jason Siegel

Hier kommen die bekannt starken Synthie-Elemente zusammen und lassen den Song zu einem Gefühl der Einkehr heranwachsen. Läuft der Song, hören wir in uns hinein und lassen Bilder vor unserem inneren Auge ablaufen – ob auf dem Boden liegend mit weit ausgebreiteten Armen und tief atmend oder an einen Moment erinnernd, in dem wir die größtmögliche Geborgenheit fühlten. Doch auch an einem heißen Tag im Frühjahr, bei dem wir alle Fenster weit aufgerissen, die Frühlingsluft unsere Wohnung fluten lassen, oder auch für den melancholischen Moment der Erhabenheit passt Oh, Miles perfekt. Denn genau darin liegt die großartige Kunst von Lane 8. Mit starken Beats und einem melancholischen Gesang veröffentlicht der Produzenten immer wieder elektronische Songs, die eine unglaubliche Tiefe besitzen. Diese Tiefe kann man besonders gut an seinen letzten Veröffentlichungen sehen, die mit der Sängerin Channy Leaneagh von Poliça auf No Captain (2017) und Brightest Lights, sowie einer Sängerin – die unbekannt bleiben möchte – auf Stir Me Up glänzt. Doch auch männliche Stimmen entwickeln einen ganz eigenen Charme im Soundkostüm von Lane 8 – wie Yard Two Stone zeigt. Mit Oh, Miles zeigt uns Lane 8, dass er mit neuer Musik auf ein viertes Album hinarbeitet. Mit dem Wissen, dass erst im vergangenen Jahr sein drittes Album rauskam, dürften wir dieses Jahr wohl nicht mit einer weiteren Albumveröffentlichung rechnen – doch kann uns die Songveröffentlichung darüber hinwegtrösten.

The Fratellis - Action Replay

The Fratellis – Indie weicht dem Dreampop

Das kam unverhofft. Konntet ihr hier Ende Februar 2020 noch davon lesen, dass The Fratellis mit Six Days In June eine neue Single veröffentlichten, die sich an dem alten Sound der Indie-Helden anschließt, kündigten sie damals auch ihr sechstes Album Half Drunk Under A Full Moon für den 8. Mai an. Doch das war alles noch vor der Pandemie, die ab Anfang März das Geschehen beherrschen sollte. So gaben die Schotten Im Frühjahr bekannt, dass sie ihre Tour und das Album auf 2021 verschieben würden. Nun – knapp ein Jahr später – stehen wir unverändert vor selbiger Situation und ist es immer noch nicht möglich, Konzerte zu spielen. Doch eines hat sich geändert – die Motivation von Bands und Acts, Musik unter einem neuen Hintergrund zu veröffentlichen. Nachdem das Album erst auf den Oktober 2020 verschoben wurde, soll es nun schließlich am 9. April erscheinen und hat mit Action Replay eine neue Single im Gepäck. Diese kann man als komplettes Gegenteil von Six Days In June werten, sind doch alle schnellen Gitarren verschwunden und klingt Jon Fratelli schwelgerischer denn je. Dabei schweift das Trio fast schon in den Dreampop ab und kommt mit der neuen Single den Songs von Beach House nahe.

The Fratellis
The Fratellis

Alle Songs auf dem neuen Album folgen einer Farbe, die sich Jon Fratellis als Konzept überlegt und mit denen er unterschiedliche Intensitäten während des Schreibprozesses erlebt hat. So wüsste er heute nicht, ob er diesen Weg des Schreibens noch einmal wählen würde. Mit Action Replay und dem dazugehörigen Musikvideo haben The Fratellis gleich auch eine Fortsetzung ihrer ersten Singleauskopplung des neuen Albums veröffentlicht und nochmals den britischen Schauspieler Rory J. Saper engagiert. Dieser ist aktuell in der dritten Staffel der Deutsch/Französischen Co-Produktion Find Me In Paris zu sehen. Mit ihrem fünften Studioalbum In Your Own Sweet Time (2018) haben es the Fratellis bis auf Platz 2 der schottischen und Platz 5 der britischen Albumcharts geschafft und können sich als Band glücklich schätzen, denn die Menschen möchten so gerne wieder auf Konzerte gehen und wir haben genau jetzt ein Album gemacht, dass genau zu dieser Stimmung passt. Als Band, die eine treue Fangemeinde hat, können wir uns glücklich schätzen, in dieser Lage zu sein, so die Band. Mit den beiden Singleauskopplungen Six Days In June und Action Replay haben The Fratellis zwei Songs veröffentlicht, die uns neugierig darauf machen, wie das Album mit den acht weiteren Songs sein wird. Action Replay ist dabei ein perfekter Vorbote, der uns die Ungeduld förmlich diktiert.

Krezip - You Are Not Alone

Krezip – Die Geschichte schreibt sich weiter

Es war eine fulminante Rückkehr der niederländischen Erfolgsband Krezip, die sie 2019 hinlegten. Nach zehn Jahren der Trennung von 2009 bis 2019, gaben sie Anfang des Jahres 2019 bekannt, wieder zusammen aufzutreten und veröffentlichten nur wenige Tage später mit Lost Without You die erste Single. Was folgte, waren mit How Would You Feel eine weitere Single im Sommer und ein erstes neues Album, nach 12 Jahren, im Herbst 2019. Dabei nutzen sie für die Veröffentlichung des Albums Sweet High den Konzertmarathon im Amsterdamer Ziggo Dome, den sie an drei Tagen hintereinander ausverkauften und damit über 50.000 Fans wiedersahen. Am Ende des Jahres standen erfolgreich ausverkaufte Konzerte, eine Albumveröffentlichung, die Goldstatus erreichte und mit Lost Without You eine neue Platin-Single. Das 2020 anders ablief, als es sich die Band vorgestellt hatte, dürfte nicht erstaunen, doch hat die Band um Frontsängerin Jacqueline Goveart die Monate ohne Auftritte genutzt, um an neuer Musik zu schreiben. Herausgekommen ist mit You Are Not Alone ein Song, der pünktlich zum neuen Jahr gestern veröffentlicht wurde und sich als eine Heilung für das vergangene Jahr verstehen lässt.

Krezip
Krezip

Mit der Botschaft, nicht zu sehr, nach hinten zu schauen oder an alten Dingen festzuhalten, halten sie uns an, sich auf das zu besinnen, was uns ausmacht. Dabei harmoniert der Song in typischer Krezip-Manier mit Govaerts wunderbar, klarer Stimme und einem steten, leichten Gittarenspiel, bis sich in der zweiten Hälfte schließlich ein Orchester einbringt und mit Anne Govaert und Annelies Kuijsters wieder zum mehrstimmigen Refrain angesetzt wird. Für alle Fans der, 1997 in Tilburg gegründeten, Band ist You Are Not Alone ein absoluter Herzenssong, der mit all den bekannten und beliebten Elementen der Popband aufwartet. Gleichzeitig ist You Are Not Alone der Titelsong des dritten Teils der niederländischen Comedyfilmreihe Soof. Auch Krezip hatten 2020 viel Zeit, um an neuer Musik zu arbeiten. Hier hören wir nun das erste Ergebnis dieser Arbeit und hoffen, dass uns 2021 noch mehr Songs der niederländischen Erfolgsband bringen wird.

Roosevelt - Strangers

Roosevelt – Die Weihnachtszeit in Zeitlupe

Genau dieses Gefühl bekommen wir, wenn wir den neuen Song von Roosevelt zum ersten Mal hören. Strangers ist einmal mehr eine wunderbar funkige Synthie-Nummer, die sich an die große Disco-Zeit anlehnt und mit Loops und Streicher-Arrangements deutlich an Tiefe gewinnt. Hierbei hat Marius Lauber die vier Hamburger Streicher vom Kaiser Quartett dazugeholt und einen Disco-Hit produziert, der uns an Daft Pank erinnert. Dabei hat sich Roosevelt ein Schlagzeug-Sample zu nutzen gemacht und sagt über die Produktion Es war super aufregend an einem Streicherarrangement für den Song zu arbeiten. Das hat Strangers wirklich auf eine andere Ebene gebracht. Mit der Veröffentlichung des neuen Songs folgt Roosevelt seinem zwei-Monats-Zyklus in der Songveröffentlichung. Ist es fast genau zwei Monate her, dass der Kölner mit Feels Right seine dritte Single ausgekoppelt hatte, ist auch die am 26. August veröffentlichte Single Echoes und Sign, der Anfang Juni herauskam, auf dem dritten Album Polydans zu finden. Dieses wird am 26. Februar erscheinen und wieder den Weg zurück, zu seinem ursprünglichen Discosound finden, mit dem Roosevelt auf seinen ersten EP’s alle begeisterte.

Roosevelt
Roosevelt

Strangers ist dabei der vertonte Moment dieser Weihnachts- und Silvestersaison. Wünschen wir uns alle nichts mehr, als mit unseren Familien und Freunden ein ausgelassenes Weihnachtsfest und eine erinnerungswürdige Nacht ins neue Jahr zu feiern, wird es dieses Jahr eher bei den Erinnerungen an vergangene Feiern bleiben. Roosevelt schafft es, Sounds zu produzieren, die nach vorne gehen, euphorisch sind und gleichzeitig eine zeitlupenartige Melancholie zu Tage bringen. Immer wieder fliehen die Songs dabei aus ihrer – mitunter introvertiert wirkenden – eigenen Welt und graben sich mit extrem tanzbaren Rhythmen und verspielten Arrangements in unser Herz. Polydans verspricht dabei nicht weniger, als ein erneut großartiges Album des Produzenten zu werden, welches Roosevelt in knapp zwei Monaten auf uns loslässt. Mit kindlicher Vorfreude sehnen wir dem Release entgegen und tanzen zu jedem seiner bisher veröffentlichten Songs in unseren vier Wänden, als wäre es die größte Clubtanzfläche der Stadt.

RAZZ - 1969 -Conrad

Razz – Auf dem Weg zum dritten Album

Letztes Jahr haben die Emsländer von Razz mit Bloc Party die Open-Air-Bühnen Deutschlands bespielt – nun stehen die Zeichen gut, dass wir uns bald auf Album Nummer 3 freuen dürfen. Dabei haben sich Razz in den vergangenen Jahren zu einer beliebten Liveband gespielt. Mit energiegeladenen Bühnenperformances und einem ursympathischen Auftreten bekommen sie immer auch die letzte Reihe zum Tanzen. Nach ihrem Debütalbum With Your Hands We’ll Conquer – mit dem sie auf Anhieb in die Charts kamen – und den Singles Youth & Enjoyment und Turning Shadows wurden sie in den Feuilletons landauf, landab gefeiert – und das, als gerade einmal, im Schnitt, 15-Jährige. 2017 folgte dann mit Nocturnal das zweite Album, das den Erfolg des Debüts noch übertreffen konnte. Mit dabei war nicht nur die Single Let It In, Let It Out, sondern mit Another Heart/ Another Mind auch die Kollaboration mit den Giant Rooks – die ebenfalls zur gleichen Zeit ihren Aufstieg erlebten. Spannend dabei ist, dass die beiden Bands unterschiedliche Wege genommen haben, ihre Musik zu veröffentlichen.

RAZZ - Credit- Martha Friedel
RAZZ – Credit- Martha Friedel

Während die Giant Rooks immer wieder einzelne Songs streuen und EP’s und Alben veröffentlichen, arbeiten Razz im Kontext der Albumproduktion zumeist relativ stringent. So arbeiteten Razz bisher an einem Album und veröffentlichen ersten Songs als Leadsingle daraus, wenn eine bevorstehende Albumveröffentlichung naht. Nun sind Razz vor einiger Zeit nach Berlin gezogen und haben sich im Umfeld der Hauptstadt musikalisch deutlich weiterentwickelt. War ihr Klang auf den bisherigen Veröffentlichungen von schnellen Gitarrenriffs geprägt, die immer auch den Klang einer Teenagerband hatten, klingen die Jungs um Frontsänger Niklas Keiser auf ihrer neuen Single 1969 – Conrad nun nach einem größeren Ganzen. Hier spielen die Synthies und Gitarren mit dem Bass ein Wechselspiel und lassen Keisers Stimme so großartig neu klingen, dass man nicht drum herum kommt, sich irgendwie an eine Stimme der Vergangenheit zu erinnern. Razz haben mit 1969 – Conrad eine grandiose neue Single veröffentlicht, die groß, frisch und reif klingt und Lust auf mehr macht.

Jarle Skavhellen - Drive

Jarle Skavhellen – Wie ein seichter Bach im Winter

Gleich zu Beginn des aktuellen Songs Drive kommen einem – mit seinen verspielten Pianoschlägen – Bilder in den Kopf, die von seichten Bächen durch schneebedeckte Wälder geprägt sind. Dann plötzlich setzt der Gesang des norwegischen Singer/Songwriters Jarle Skavhellen ein und tauscht das kühle Bild gegen eines, das von Wüsten und unendlich langen Straßen dominiert wird. All 50 Kilometer mal an einem Haus oder Shop vorbeikommend, ist Drive genau das, was der Song zum Ausdruck bringt – eine warme, ruhige Umgebung für gerade rastende aber sonst rastlose Menschen. So hat es Skavhellen auch genau in diesen Sound getrieben. Hatte sein 2018er Debütalbum The Ghost In Your Smile nicht nur in Norwegen, sondern auch international Interesse geweckt, zählten seine Spotify-Streams immer häufiger Zugriffe aus aller Welt. Getrieben vom Wunsch, sich weiterzuentwickeln, trieb es ihn schließlich nach Portland in den USA, um dort mit dem Produzenten Tucker Martine am zweiten Album Beech Street zu arbeiten. Und plötzlich änderte sich der Sound.

Jarle Skavhellen Credit: Andris S. Visdal
Jarle Skavhellen Credit: Andris S. Visdal

Mit einer Mischung aus Americana und europäischen Folk ist das, am 8. Januar 2021 erscheinende, zweite Album eine Weiterentwicklung in die Richtung, nach der Skavhellen immer suchte. So beschreibt Skavhellen den Sound seinen Albums dann auch mit Dieses Projekt ist mehr von allem. Die ruhigen Stücke sind ruhiger. Die großen Songs sind größer, doch die Unvollkommenheiten kommen durch. Es ist organischer und pompöser zugleich. Ich habe den Sound gefunden, auf den ich die ganze Zeit hingearbeitet habe. Das bin ich. Hört man sich das Album an, kann man erahnen, was der Norweger damit meint. Gehen wir zurück zu Drive überrascht uns schließlich zum Refrain hin eine gewisse Überfrachtung der Sounds. Hier wird der Song plötzlich energisch und spült den seichten Start förmlich hinweg. Dabei fällt auf, dass Skavhellen stimmlich hier und da an Placebo-Frontsänger Brian Molko erinnert. Mit seiner sanften und markanten Stimme schleicht sich Skavhellen in unser Gemüt, macht es sich dort mit seinen Songs bequem und lassen ihm unterbewusst – während wir seinen Songs zuhören – schon mal das Bett zum Bleiben machen.

AnnenMayKantereit - 12

AnnenMayKantereit – Es schlägt 12

Es ist schwer greifbar, was AnnenMayKantereit da in der Nacht zu Dienstag veröffentlicht haben. Ist es noch die selbe Band, die mit den großen, direkten Songs, wie Oft Gefragt, Nicht Nichts, Pocahontas, Marie, Ozean oder Ausgehen ein riesiges Publikum erreichten?! Mit ihren klaren Worten wurden sie zum Sprachrohr einer Generation und gleichzeitig schafften sie den Spagat, keineswegs kitschig zu klingen und damit selbst die größten Kritiker von deutschsprachigen Boybands zu begeistern. Genau genommen sind AnnenMayKatereit zwar eine Band voller Jungs, doch könnte ihre Musik nicht weiter weg von der Musik und Struktur einer Boyband sein. Mit ihrem Überraschungsalbum 12 haben Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit nun am späten Montagabend ihr drittes Album und gleichzeitig nichts Geringeres, als ein Kunstwerk veröffentlicht. Dabei ist es kaum greifbar, wie sich die drei Musiker durch die vergangenen Monate arbeiten. Denn 12 ist ein Lockdown-Album aus der Sicht von Menschen, denen als Musiker die Arbeitsgrundlage entzogen wurden, als Songwriter gegen eine Inspirationsbarriere kämpfen und als junge Menschen der Möglichkeit beraubt sind, soziale Interaktion auszuleben. Zählt Letzteres für die gesamte Bevölkerung in Deutschland, sprechen die Texte auf 12 Bänder von Entrüstung, Schock, Resignation und puren Momenten, in denen man sich wünscht, dass alles nur ein Traum ist und man schnellstmöglich aus dem Bett fallen möchte, um wieder aufzuwachen.

AnnenMayKantereit Foto: Lenny Rothenberg
AnnenMayKantereit Foto: Lenny Rothenberg

Hier hören wir Songs – wie Gegenwart – der von der Angst des Sängers mit Blick auf die Zukunft spricht. Erzählt er hier von geschlossenen Kneipen, Kinos und Theatern, wird das Gefühl, in Zeitlupe zu leben, unweigerlich stärker. Auf Gegenwartsbewältigung wird dem Schock auch der Grund genannt. Corona. 12 ist gerade deshalb ein so bemerkenswertes Album, da sich die Band in eine völlig neue Umgebung begibt. Hier spielen erzählerische Elemente eine große Rolle und wirkt das ganze Album wie ein Poetry Slam und Spoken Word Moment. Es ist weniger der melodische Gesang, der auf 12 so fasziniert. Durch Wiederholungen spielt May mit den Worten und ihrer Wirkung. AnnenMayKantereit haben mit 12 ein Album veröffentlicht, das keiner auf dem Schirm hatte – Anfang 2020 wohl selbst die Band nicht einmal. Was sich dabei entwickelt hat, ist ein Tagebuch mit 16 Kapiteln, welches die Eindrücke der Band so pur wiedergibt, dass wir uns – ähnlich eines Hörbuchs – nach jeder einzelnen Geschichte in Songform auf die nächste Geschichte freuen. AnnenMayKantereit bleiben auch mit ihrem dritten Album eine der wichtigsten Bands in der deutschen Musiklandschaft und faszinieren mit Texten, die so klar und gewaltig sind, dass das Album auch nach mehrmaligem Hören nicht seine komplette Weite erkennen lässt.

Christopher von Deylen - Heaven Can Wait

Christopher von Deylen – Der Sound eines Reisenden

Christopher van Deylen dürfte vielen unbekannt erscheinen, doch begleitet uns seine Musik seit mehr als zwanzig Jahren. Denn einst als Duo angefangen, steht von Deylen seit 17 Jahren alleine hinter dem Musikprojekt Schiller. Dahinter verbirgt sich eine Diskografie der Erfolge. Hat von Deylen unter dem Projekt Schiller bereits zehn Alben und sieben Live-Alben veröffentlicht, kamen früher noch große Singleveröffentlichungen, wie Das Glockenspiel, Dream Of You und Leben… I Feel You (beide mit Heppner), Die Nacht… Du bist nicht allein (feat. Thomas D), You (feat. Colbie Caillat), Sonne (feat. Unheilig), Morgenstund (mit Nena) oder Avalanche (mit SCHWARZ) hinzu. Heute ist es das Album an sich, welches als ein Gesamtwerk gesehen werden soll. Damals wie heute steht für von Deylen im Vordergrund, dass seine Musik den Hörer mit in eine andere Welt nimmt. Mit organischen Arrangements lässt er damit viele Emotionen entstehen. Die Verkaufszahlen geben ihm recht. Kein anderer Künstler ist in diesem Genre – dem Ambient – so erfolgreich, wie von Deylen. Mit sechs Nummer-1 Alben – von denen allein die letzten vier jeweils die Charts anführten – und weiteren vier Top-10 Titeln ist er ein fester Bestandteil der deutschen Musikszene und vereint viele namhaften Kollaborationen auf seinen Alben. Für sein neuestes Projekt wagt sich der Musiker und Produzent nun aus dem Schatten des Schiller-Universums raus und veröffentlicht am kommenden Freitag erstmals unter seinem eigenen Namen die Platte Colors.

Christopher von Deylen - Color
Christopher von Deylen – Color

Von Deylen selbst beschreibt das Album als Mischung aus Minimal Piano und elektronischen Sounds und soll dazu animieren, sich einmal in eine andere Welt zu träumen. Auf Colors verbindet der Musiker einmal mehr die treibenden Klangmuster seines Projektes Schiller und arbeitet damit den Sound eines Reisenden heraus. Hat von Deylen bereits vor einigen Jahren seinen festen Wohnsitz in Berlin aufgegeben, kann man ihn heute als glücklich heimatlos bezeichnen. Immer wieder wird seine Musik aus den Eindrücken auf Reisen geprägt und sucht von Deylen diese Momente direkt. Ob durch Südostasien, auf dem Forschungsschiff Polarstern durch die Arktis oder der US-Amerikanischen Mojave-Wüste reisend, findet von Deylen immer den passenden Sound. Mit seiner neuen Platte Colors erhalten wir nun erneut die Möglichkeit, Teil dieser Reise zu werden. Mit der Single Heaven Can Wait begeistert der Produzent mit großen, hallenden Synthiebrettern und einer euphorischen Soundproduktion. Immer auch präsent, ist das Piano, welches zur Rast einlädt, ehe der elektronische Beat wieder zum weiterziehen animiert. Von Deylens Heaven Can Wait ist der Soundtrack in unseren Köpfen, wenn wir in fernen Ländern aus der Scheibe des Busses oder der Bahn gucken und den vorbeiziehenden Eindrücken volle Aufmerksamkeit gewähren. Kaum ein Moment ist zeitloser als dieses Gefühl und bringt uns in eine emotional Verfassung, die intensiver nicht sein kann.

Danny Vera - The Weight

Danny Vera – Möchte nicht auf Ewig der Balladenjunge bleiben

Es ist eine spannende Zeit für den niederländischen Musiker Danny Vera. Noch Anfang des Jahres hatte er in seiner Heimat mit Roller Coaster für einen enormen Hit gesorgt. Völlig aus dem Nichts schaffte es Roller Coaster landesweit in die Radios und wurde zur erfolgreichsten Veröffentlichung des Sängers – und das in seinem 20. Jahr als Musiker. Fing er 1999 als Teil der Band Till Dawn an, Musik zu machen, veröffentlichte Vera 2003 mit For The Light In Your Eyes sein erstes Soloalbum. Mit dem, zu einem Doppelalbum zusammengefassten Alben Pressure Makes Diamonds 1 & 2 – The Year of the Snake & Pompadour Hippie – die einzeln sein elftes und zwölftes Album darstellten – hatte er 2018 und 2019 seine aktuellsten Alben veröffentlicht. Nun schwappt Roller Coaster – auch nach Deutschland über, findet hier erste Fans und landet in immer mehr Radioplaylisten der großen Stationen. Unterdessen veröffentlichte Vera gerade in seinem Heimatland mit The Weight eine brandneue Single, die zu seinem 13. Studioalbum The New Now gehören wird. Erscheint dieses Album in seinem Heimatland am 12. November, ist noch nicht ganz klar, ob es zeitgleich auch in Deutschland erhältlich sein wird – ist doch die Promotour zu Roller Coaster aus seinem letzten Album hierzulande gerade erst angelaufen.

Danny Vera
Danny Vera

Die neue Single ist dabei eine kleine Überraschung. Denn während Vera zumeist durch ruhige Songs, wie Balladen, bekannt geworden ist, ist der neue Song deutlich schneller. Mit einem großartigen Gitarrenspiel, weiten Klängen und einem fließenden Übergang zwischen den einzelnen Songblöcken ist The Weight eine Hymne für all diese Menschen, deren Leben sich als Roadtrip anfühlt. Rastlos und betäubt ist The Weight für den Moment der Einsamkeit und großen Gefühle in einem selbst geschrieben. Als Teil des neuen Albums geht es auf The Weight und auf The New Now darum, mit einem Wechselgefühl aus Sicherheit und großen emotionalen Momenten zu leben. So hat Vera zur Veröffentlichung des Songs folgendes gesagt: Es geht darum, dass man denkt Dinge gut verarbeitet zu haben und dann realisiert, dass es doch nicht der Fall ist. Der Tod meiner Eltern wird für mich immer heftig bleiben. Doch irgendwann denkt man: Ich bin darüber hinweggekommen und dann plötzlich trifft einen die Trauer doch wieder mit voller Wucht. Mit diesem Gefühl wird klar, warum The Weight an Geschwindigkeit zugenommen hat und passt plötzlich so perfekt auf den neuen Sound des Niederländers. Schließlich fügt Vera abschließend noch hinzu, dass sich sein Sound aber auch verändert musste, wenn er nicht ewig der Balladenjunge sein möchte. Es ist seine zurückhaltende Sympathie, die den Sänger so ausmacht. Gepaart mit den tiefen und bedeutungsstarken Songs, schafft es der Sänger sofort, Emotionen bei uns zu wecken. Mit diesen Merkmalen wird Vera auch in Deutschland recht bald zu den ganz Großen gehören.