Ben Böhmer & Panama - Weightless

Ben Böhmer & Panama – In neue Sphären treiben

Es braucht keine 20 Sekunden, da entstehen in unserem Kopf Bilder von fernen Landschaften – von Urwald bewachsenen Bergen, malerischen Inseln und menschenleeren Weiten. Keine Überfrachtung, keine leuchtenden Lichter von Zivilisation und doch irgendwie urban. So klingt der neueste Song des deutschen Produzenten Ben Böhmer aus Göttingen. Mit seinem Deep House hat es der Göttinger binnen kürzester Zeit von nur sechs Jahren zum renommierten Houselabel Anjunadeep geschafft. Dabei ist die Musik des 26-jährigen Produzenten sphärisch und euphorisch zugleich. 2019 veröffentlichte Böhmer mit Breathing sein Debütalbum, welches er nur ein Jahr später als Remix-Album erneut rausbrachte. Mit Live From Printworks London hatte er im vergangenem Jahr sogar ein erstes Live-Album veröffentlicht. Vor wenigen Wochen kam mit Run Away eine erste neue Single Böhmers raus, die zusammen mit Felix Raphael und Tinlicker produziert wurde. Nun folgt bereits die zweite Single und hat den umtriebigen Panama mit dabei. Auf Weightless passt alles so wunderbar zusammen, dass man sich regelrecht verlieren kann. Schließt man die Augen, fühlt sich der Körper an, wie in einem endlosen Fall, bei dem wir uns immer wieder im Kreis drehen und das prickelnde Gefühl des freien Falls genießen.

Ben Böhmer & Panama - Weightless (Video)
Ben Böhmer & Panama – Weightless (Video)

Böhmer, der in jungen Jahren Klavier und Trompete zu spielen gelernt hat, arbeitet sich durch wunderbare Harmonien aus schwebenden Synthies und tiefen Bässen, die sich nach dem Moment unseres Lebens anfühlen. Durch Panamas warme Vocals entsteht gleichzeitig eine melancholische Stimmung, die uns an die ganzen verpassten Gelegenheiten erinnert, die wir in den vergangenen zwölf Monaten mit unseren Freunden hätten haben können. Weightless liegt schwer auf dem Herzen, lässt unsere Gedanken fliegen und Gefühle aufkommen, die von Zerrissenheit, Wärme, Melancholie und Zufriedenheit getrieben sind. Gleichzeitig bringt uns der Song aber auch zum tanzen. Mit geschlossenen Augen, die Arme in die Luft gestreckt sehen wir uns dann plötzlich wieder in den fernen Landschaften, die eingangs bereits die perfekten Bilder geliefert haben. Böhmer ist damit auf dem besten Weg, sich in die vorderste Reihe der Deep House Produzenten in Deutschland zu arbeiten.

Provinz - Hymne gegen euch

Provinz Was heisst hier „werden“?

Es ist in fast jedem Artikel zu lesen – nun werden sie politisch. Gleichzeitig wird auf das neue Musikvideo der Band Provinz hingewiesen. Selbst die eigen Plattenfirma nutzt dieses Schlagzeile. Dabei hat die Band schon in früheren Songs mit gesellschaftskritischen Themen eine Jugend skizziert, die fernab von unreflektiertem Verhalten ist. Mit ihrer neuen Single Hymne gegen euch sprechen sie das aus, was diese Generation immer öfter umtreibt. Denn unpolitisch ist die Generation Z bei weitem nicht. Sie stehen auf, gehen auf die Barrikaden, zeigen Probleme auf und stellen Forderungen. Die Bandmitglieder von Provinz sind Teil dieser Generation, der viel zu oft die hochnäsige Haltung entgegengebracht wird, sich für nichts einzusetzen und doch nur an Partys interessiert zu sein. Ob mit Organisationen wie Fridays For Future, Extinction Rebellion, Sunrise Movement, Greenpeace oder den Bewegungen Black Lives Matter, #MeToo und der Abschaffung des Abtreibungsparagraphen § 219a – alle werden von der Jugend im großen Stile getragen, unterstützt und werden Veränderungen gefordert. Somit ist klar, dass junge Erwachsene und Jugendliche politisch sind und es nicht erst werden, wenn sie es das erste mal aussprechen. Ähnlich findet dies gerade bei Provinz statt, die mit ihrem Debütalbum Wir Bauten Uns Amerika und Singles, wie Wenn Die Party Vorbei Ist, Nur Freunde oder Tanz Für Mich im vergangenen Jahr auf Platz 4 der deutschen Albumcharts einstiegen.

Provinz Photo: Mike Kipper
Provinz Photo: Mike Kipper

Denn mit ihrer neuen Single Hymne gegen euch möchten sie klar machen, dass die Jugend es selbst in die Hand nimmt, wie ihre Zukunft auszusehen hat. Dabei sagte schon der Titel des Debütalbums mit Wir bauten uns Amerika aus, dass die Do-it-yourself-Haltung schon damals fest verankert war. Mit drängendem Sound aus Schlagzeug und Klavier singt sich Frontmann Vincent mit aufbrausender Kraft gegen die Haltung des stumm bleibens. Er [Der Song Hymne gegen Euch] soll die Leute aufwecken, die denken, sie hätten kein Recht dazu, sich jetzt zu äußern, weil sie sich vielleicht nicht hundertprozentig auskennen. Die derselben Meinung sind, aber kein Ventil finden und nicht so richtig wissen: Was mache ich jetzt? Wie soll ich mich verhalten? Denen will ich damit eine Stimme geben. Auf Hymne gegen euch ist es nicht der tanzbare Sound, der die Stimmung anheizt, sondern der Druck, den die Jungs nicht zuletzt mit den Worten und der Musik aufbauen. Produziert wurde der Song – wie auch die dazugehörige EP Zu spät um umzudrehen die am 11. Juni erscheinen wird – von Tim Tautorat, der sich auch schon für den Sound von AnnenMayKantereit verantwortlich zeichnet. Geschrieben hat Vincent die Texte dieses Mal jedoch nicht mehr alleine – wie sonst üblich – sondern hat sich mit dem Hamburger Singer/Songwriter Fayzen zusammengesetzt. Wir dürfen daher gespannt sein, was sich auf der kommenden EP noch alles befindet und können schon mit Hymne gegen euch sagen, dass Provinz einfach nicht aufhören uns mit starken Songs zu begeistern.

Balthazar - On A Roll

Balthazar – Kommen ins Rollen

Anfang November veröffentlichten die Belgier von Balthazar mit Losers einen ersten Vorgeschmack auf ihr kommendes Album Sand. Mit funkigen Gitarren und einem gewohnt charmanten Gesang, arbeitete sich der Song zu uns vor. Nachdem dann vier Wochen später mit You Won’t Come Around die zweite Single veröffentlicht wurde, steht nun mit On A Roll die dritte Single in den Startlöchern und geht nach You Won’t Come Around wieder mehr nach vorne. Dabei hat sich die Herangehensweise der Band mit den Aufnahmen der neuen Platte gänzlich von denen der Fever-Platte unterschieden. Denn selbst für ein Band, die im selben Land, sogar in der selben Region lebt, war der Lockdown prägend und hinderlich zugleich. So haben die Frontmänner Maarten Devoldere und Jinte Deprez das erste mal an einem Album gearbeitet, ohne sich direkt gegenüber gestanden zu haben. In unzähligen Onlinesessions und Telefonaten haben sich die beiden durch die Songs ihres neuen Albums gearbeitet und dieses Mal einen deutlich größeren Fokus auf Drum-Samples und Synthesizer gelegt. Herausgekommen ist ein Album, das von diesen Erfahrungen geprägt ist und einer Zeit, die zur Reflexion einlud.

Balthazar
Balthazar

Über das Album Sand sagen Balthazar nun, dass es eine Geschichte gibt, die sich durch alle Tracks zieht: Warten, Unruhe, nicht in der Lage zu sein, im Moment zu leben oder Vertrauen in die Zukunft zu setzen. Wir sind an einem Punkt in unserem Leben, an dem wir diese Aspekte des Lebens berücksichtigen müssen. Deshalb heißt das Album Sand – nach dem Sand in einer Sanduhr. Etwas kryptisch gesprochen, werden sie dann bei On A Roll konkreter – der Song und das Video handeln von dem wiederholten Mangel an Kontrolle, den wir über Situationen, unser Leben und unsere eigenen Wege haben. Selbst für einen Moment, in dem wir glauben, wir könnten unseren eigenen Gewohnheiten entkommen, finden wir uns plötzlich am Anfang wieder und finden heraus, dass die Veränderungen weder das Ergebnis noch uns verändert haben. Damit haben Balthazer ihre dritte Single etwas düsterer werden lassen, ohne, dass dabei auf die hypnotisierenden Sounds der Belgier verzichtet werden muss. Sollte Sand bereits am 29. Januar erscheinen, wurde es nun auf den 26. Februar geschoben. Nach Fever wird das fünfte Album Sand den erfolgreichen Weg des Vorgängers aber weitergehen.

Fickle Friends - Weird Years (Season 1)

Fickle Friends – Quitschbunter Pop gegen den Lockdownblues

Zugegeben, manchmal kann man schon in den Moment verfallen, an dem man sich fragt, ob das quietschbunte Auftreten der Brightoner Band Fickle Friends nicht ein wenig zu viel ist. Doch gleichzeitig pustet auch der kindlich, frische Sound diese Gedanken sofort wieder weg. Denn Fickle Friends können es einfach – gute Laune mit ihren Songs verbreiten. Voller Energie springen sie auf der Bühne rum, jagen nach Festival-Auftritten durch die Menge und nehmen jeden Moment so mit, wie er kommt. Denn diese Momente sind es, die uns alle wieder verbinden und nach denen wir uns aktuell mehr denn je sehnen. Da passt es wunderbar, dass die vier Südengländer vor zwei Wochen mit Weird Years (Season 1) eine EP veröffentlicht haben, die das verrückte Jahr 2020 musikalisch zusammenfasst. Mit Season 1 in Klammern stehend, deuten die Briten dann auch die potentielle Möglichkeit einer Season 2 an, die uns Angst macht – wollen wir doch nicht noch ein volles Jahr mit Pandemie, Lockdown und Social-Distancing verbringen. Gleichzeitig weckt es aber auch die Vorfreude auf eine weitere Platte voller gut gelaunter Tracks. Auf ihrer aktuellen Single IRL singt sich Frontsängerin Nat Shiner über die Tücken des Datings in Zeiten von Social-Distancing. Da wischt man nach rechts und links, vergibt Herzchen, chattet mit einem interessanten Menschen und telefoniert oder videochattet zusammen.

Fickle Friends - IRL
Fickle Friends – IRL

Doch wie kann man herausfinden, ob die Chemie auch im echten Leben – in real life – stimmt? Denn dafür steht die Abkürzung IRL. Im dazugehörigen Video sehen sich die Bandmitglieder nach den ersten Lockerungen des harten Lockdowns im Sommer erstmals wieder und wollten ein Musikvideo machen, das die angestaute Energie der vergangenen Monate komplett rauslässt. Nach so einem Song und Video finden wir uns schlussendlich dann – wie schon bei Songs, wie Swim, Could Be Wrong, Say No More, Cry Baby, The Moment, Amateurs oder Eats Me Up – wieder in einem Moment der kindlichen Freude um einen Song, der es ganz locker schafft, uns um den Finger zu wickeln und den unbekümmerten Partygänger in uns zu wecken. Gleichzeitig steht für dieses Jahr auch das zweite Album der Band an, das den Titel Weird Years tragen und in Form einer Serie veröffentlicht wird. So planen Fickle Friends gerade, dass sie über die kommenden Monate mit mehreren EPs – wie bei einer Serie – einzelne Seasons veröffentlichen werden und am Ende daraus eine Art Box-Set, in der vielleicht bis zu 20 Songs landen können, entsteht. Doch ob es soweit kommt oder noch viel weiter geht, hält sich die Band offen und lässt es einfach auf sich zukommen. Wir können gespannt sein, womit uns die Briten dieses Jahr noch so überraschen werden.

Glasvegas - Dying To Live

Glasvegas – Das roughe Leben einer Glasgower Band

Im vergangenen Sommer überraschte uns das Schottische Trio Glasvegas – nach sieben Jahren der Stille – plötzlich mit neuer Musik. So kam Mitte August 2020 mit Keep Me A Space die erste Single seit ihrem dritten Studioalbum Later…When the TV Turns to Static (2013) raus. Nachdem die Band um Frontsänger James Allan Anfang Dezember mit My Body Is A Glasshouse (A Thousand Stones Ago) eine zweite Single veröffentlichte, folgt nun mit Dying To Live die dritte Auskopplung, bevor im April mit Godspeed das vierte Album der Band erscheinen wird. Dabei behandelt Dying To Live die Abhängigkeit von Drogen und hier ganz besonders von Heroin. Allan, der alle Texte selber geschrieben hat, beschreibt hier – ohne, dass er Heroin jemals angefasst hat – wie es sich anfühlen muss. Denn für ihn gab es eine Zeit, in der er verwirrt und auf der Suche nach einem ganz bestimmten Gefühl war. So hatte er sich vorgestellt, ob wohl Heroin diese Gefühle wecken würde. Dem wiederstehend, schrieb der Schotte die Lyrics zu dem Song und setzte ein raues Gitarrenspiel drunter. Dabei erinnert Dying To Live anfangs sogar ein wenig an die Riffs der Arctic Monkeys. Hierbei klingt Allans Stimme aggressiv und in den Bridges sogar arrogant – nur, um dem Song die Atmosphäre von etwas Bedrückendem zu verleihen. Zwischenzeitlich kommen auch psychedelische Parts hinzu, die dem Drängen von Glasvegas nur gerecht werden. Dying To Live ist eine große Rocknummer, die den Sound der Band neuerlich sehr stark und frisch präsentiert.

Cassia - Powerlines

Cassia – Mit Frohsinn durch den Lockdown

Bereits Anfang 2019 hatte das britische Trio Cassia mit Small Spaces einen Song veröffentlicht, der sie aus ihrer Realität reißen sollte. Mal nicht die Aufgaben und Pflichten eines Erwachsenen erfüllen müssen, war damals der Hintergrund dieses Tracks. Nun – zwei Jahre später – stehen Rob Ellis, Lou Cotterill und Jake Leff erneut vor dieser Aufgabe, stecken die – mittlerweile zu Wahlberlinern gewordenen – Jungs doch wegen des Lockdowns in ihrer Heimat nahe Manchesters fest. Was bleibt da anderes übrig, als neue Musik zu machen. Und so haben Cassia die letzten Monate damit verbracht, an Songs zu arbeiten und eine neue EP zusammenzustellen. Diese wird Powerlines heißen und am 5. Februar erscheinen. Bereits nach wenigen Stunden und der Ankündigung diverser, limitierter EP-Bundles, waren diese auch schon wieder ausverkauft. Das unterstreicht die enorme Fanbase, welche die Band mittlerweile aufgebaut hat. Neben Small Spaces war es vor allem Movers & Shapers, das vor knapp zwei Jahren zu dem Hype um die junge Band führte.

Cassia
Cassia

Damals schaffte es ihre Debüt-EP Replica auf anhieb bis auf Platz 79 der britischen Albumcharts. Nun kommt also die zweite EP der Briten raus und hat mit der gleichnamigen Leadsingle Powerlines gleich wieder eine wunderbar lockere und verschmitzte Single in petto. Hier begeistern uns Cassia erneut mit luftigen Indieklängen und ihrem typischen Calypso-Sound. Gleichzeitig ist Powerlines die perfekte Musik, um sich auf den Frühling und die ersten milden Sonnenstrahlen einzulassen. Ganz, wie in ihrem dazugehörigen Musikvideo, wünscht man sich, in einem Cabrio die Arme in die Luft zu strecken und die Frühlingsluft auf der Haut spüren zu können. Cassia sind keine Band für dunkle Momente und passen doch direkt zu diesen, um sie mit der vollen Ladung Spaß wegzupusten. Auf Powerlines, werden – neben der gleichnamigen Leadsingle – mit Do Right, Drifting und Don’t Make A Scene noch drei weitere Songs zu finden sein und den positiven Sound der Band fortschreiben.

Morcheeba - Sounds Of Blue

Morcheeba – Musik so lebendig, wie das Leben

Sie haben schon alles gehabt – vom internationalen Hit Rome Wasn’t Built In A Day bis zum Auseinanderbrechen der Band. Morcheeba haben in ihrer mittlerweile 26-jährigen Bandgeschichte alle Höhen und Tiefen miterlebt. Dabei schreibt sich in den Anfangsjahren alles so erfolgreich. Mit ihren ersten drei Alben konnten sie sich jeweils auf neue Höchstpositionen in den britischen Albumcharts katapultieren, was sie mit dem Album Fragments Of Freedom im Jahr 2000 bis auf Platz 6 stiegen ließ. Grund dafür war vor allem die Single Rome Wasn’t Built In A Day dessen funkiger Soul so betörend war, dass der Song auch heute noch in vielen Playlists zu finden ist und zeitlos erscheint. Nur drei Jahre später verließ die Frontsängerin Skye Edwards die Brüder Paul und Ross Godfrey und wurde durch Daisy Martey ersetzt. Seit 2010 und damit sieben Jahre später, ist Edwards wieder die Frontsängerin der Band und hat Morcheeba seitdem mit Blood Like Lemonade (2010) und Head Up High (2013) zwei Alben in der ursprünglichen Formation veröffentlicht. Schließlich kündigte der Produzent der Band Paul Godfrey 2014 an, die Band zu verlassen.

Morcheeba Credit: Michelle Hayward
Morcheeba Credit: Michelle Hayward

Mit dem 2018er Album Blaze Away, welches Morcheeba schließlich Duo veröffentlichte, konnten sie erstmals nicht mehr die britischen Albumcharts erreichen. Nun haben die Londoner mit Blackest Blue das zehnte Studioalbum für den 14. Mai angekündigt. Als Leadsingle veröffentlichen Morcheeba heute mit Sounds Of Blue den ersten Song daraus. Dieser bewegt sich nicht mehr ausschließlich in ihrem bekannten Soundkostüm, sondern bildet mit seinem Soundbett auf Basis ihres Trip-Hip-Hintergrunds die Grundlage, mit der sich Edwards und Godfrey schließlich auch Folk und leichten Country-Elementen offen zeigen. Gleichzeitig bedient sich das britische Duo am Dreampop und erzeugt mit diesem Gemisch einen universellen Song, der sich in verschiedenen Gemütszuständen einsetzten lässt. Sounds Of Blue ist ein Song, dem man die Geschichte der Band anhört. Immer ein wenig in der Vergangenheit schwelgend, hört man dennoch auch heraus, dass die Band durch schnell gesungenen Bridges den nächsten Schritt geht und dabei ist, wieder an die Oberfläche der britischen Popkultur zu kommen.

Ro Bergman - Animal

Ro Bergman – Nordischer Sound aus der Mitte Europas

Seine Musik passt viel besser in den Skandinavischen Norden Europas, wo kalte, dunkle Winter oder aber auch lange Sommertage den Sound der dünn besiedelten Gebiete wiedergibt. Hier bekommen wir wechselwirkend die Wärme, Einsamkeit, Ruhe, Reinheit, Melancholie oder Natürlichkeit zu spüren. All diese typisch nordischen Merkmale spüren wir in jeder Sekunde, wenn wir uns durch Ro Bergmans Songs, wie Clouds oder All We Are hören. Mit seiner 2019er Debüt-EP New Horizon verpackte er diesen Sound dann in eine 5-Track-EP, die auch mal etwas rauer und von Gitarren getrieben daherkam. Nun hat Bergman mit Animal einen neuen Song veröffentlicht, der den positiven Aspekt eines Perfektionisten wunderbar präsentiert. Denn während sich Bergman auf Animal locker und leicht hauchend in Fahrt singt, kommen zu der Gitarre, langsam auch ein Klavierspiel und weitere orchestrale Arrangements hinzu. Für wenige Momente gleitet Bergman hier in eine Kopfstimme ab, ehe er mit gedrückt intensiver Stimme die Zeilen I was a lion a rat and a thief. I was a killerwhale diving too deep. I see people laughing – I envy their tears singt.

Ro Bergman
Ro Bergman

Schließlich bricht der Song in ein großes Orchesterfeuerwerk aus, um nur wenig später mit einer einsamen Trompete dem Finale entgegenzutreten. Auf Animal kommt der sehnlichste Wunsch zu Tage, der Natur wieder ihren Abstand von der Menschheit zu geben. Mit imposanten Bildern, die das Kalkkögelmassiv südlich von Innsbruck zeigen, hat der Österreicher mit Tänzern der Wiener Staatsoper eine atemberaubende Performance aus menschlicher, non-verbaler Interaktion unter dem Eindruck der Naturgewalten um sie herum geschaffen und mit der emotionalen Gewalt seines Songs untermauert. Ro Bergman schafft es einmal mehr, sich von modernen Strömungen in der Musikszene fernzuhalten und seine ganz eigene Handschrift zu präsentieren. Diese Handschrift setzt starke Akzente, die mit leichter Feder immer wieder in gewaltigen emotionalen Ausbrüchen enden. Animal ist mit seinem Alternative-Pop, Folk und leichten Rockanleihen die erste Single aus seiner – für dieses Frühjahr angekündigte – zweite EP Hi Lo.

Møme feat. Ricky Ducati

Møme feat. Ricky Ducati – Der imaginäre Radiosender

Flashback FM – das ist der imaginäre Radiosender, den der französische Produzent Jérémy Souillart – alias Møme – zusammen mit dem kanadischen Sänger Ricky Ducati ins Leben gerufen hat. Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen Piratensender, sondern vielmehr um die kommende Platte des, aus Nizza kommenden, Musikers. Wie schon auf Got It Made, They Said und Moves arbeitet Møme auch auf der neuesten Veröffentlichung I Know wieder mit Ducati zusammen. Hier erleben wir erneut eine Reise zurück in die große Zeit der Schulterpolster und Dauerwellen. Die 80er Jahre stehen aktuell, wie kein anderes Jahrzehnt, im Fokus der Musikszene. Die Tatsache, dass Blinding Lights von The Weeknd die erfolgreichste Single 2020 war und mit so starken Referenzen an die 80er Jahre arbeitet, verdeutlicht diesen Trend. Dabei bedient sich Møme am IDM – der Intelligent Dance Music – die sich seit den 90er Jahren von Großbritannien aus verbreitet hat.

Møme feat. Ricky - Flashback FM
Møme feat. Ricky – Flashback FM

Mit wabernden Synthies, Drums und der markant weichen Stimme Ducatis lässt sich I Know auf Szenen einer Dystopie á là Dark City oder Blade ein und wird zum Soundtrack einer dunklen Realität. Gleichzeitig zeigt der Song aber auch Hoffnung auf und wird durch das 3D-Video eine Verbindung dargestellt, die sich über eine Entfernung ergibt. Wie so viele Menschen aktuell, haben auch Møme und Ducati ihre komplette Produktion über, aus der Distanz zueinander gearbeitet. Der eine in Frankreich, der andere in seiner Wahlheimat Los Angeles. Es stellt sich raus, dass Møme und Ducati gemeinsam ein Album produzieren, das trotz der klaren und ausgeprägten Referenz an die 80er Jahre auch zeitlos erscheint und mit den besten Einflüssen aus French- und Tropical House verbindet. Damit steht nun auch das Veröffentlichungsdatum ihrer gemeinsamen Platte Flashback FM fest und wird für den 12. Februar angegeben. Møme und Ducati schaffen es, uns mit ihrer Musik zum tanzen, in nostalgische Stimmung und in Partylaune gleichzeitig zu bringen und lassen auf ein Album mit satten 15 Songs hoffen, dass wir genau das auch zu ihrem Album tun werden.

Lane 8 feat. Julia Church - Oh, Miles

Lane 8 feat. Julia Church – Mit neuem Song in die Tiefe eintauchend

Es ist eine ganz eigene Generation der Musizierenden herangewachsen, die sich im elektronischen Bereich aufhält. Da sind zum Beispiel Petit Biscuit und OTR , die mit ihren Songs auch auf SOML schon mehrmals mit Songneuvorstellungen vertreten waren. Allen voran geht aber der Kalifornier Lane 8 aus San Francisco, der bereits 2015 mit seinem Debütalbum Rise und anschließend mit den Folgealben Little By Little (2018) und Brightest Lights (2020) immer wieder durch seine instinktiven Songs aus organischen Sounds und treibenden Beats begeistert. Seine Alben sind Geschichten, die man erst in voller Gänze versteht, wenn man sich seine Alben von Anfang bis Ende anhört. Vor einigen Jahren schon startete der US-Amerikaner auch mit seinem eigenen Label This Never Happened so richtig durch. Nun hat Daniel Goldstein mit seinem Projekt Lane 8 einen ersten, neuen Song – seit dem dritten Album – veröffentlicht und präsentiert sich wieder einmal in Höchstform. Zusammen mit Julia Church aus Südafrika, die 2020 mit ihrer Single don’t really care what we call it für einen kleinen Hit im südlichsten Land des afrikanischen Kontinents sorgte, veröffentlicht Lane 8 mit Oh, Miles eine starke Dancehymne, die wie für ein Augenschließen und mit den Gedanken abschweifen gemacht ist.

Lane 8 Photo by Jason Siegel
Lane 8 Photo by Jason Siegel

Hier kommen die bekannt starken Synthie-Elemente zusammen und lassen den Song zu einem Gefühl der Einkehr heranwachsen. Läuft der Song, hören wir in uns hinein und lassen Bilder vor unserem inneren Auge ablaufen – ob auf dem Boden liegend mit weit ausgebreiteten Armen und tief atmend oder an einen Moment erinnernd, in dem wir die größtmögliche Geborgenheit fühlten. Doch auch an einem heißen Tag im Frühjahr, bei dem wir alle Fenster weit aufgerissen, die Frühlingsluft unsere Wohnung fluten lassen, oder auch für den melancholischen Moment der Erhabenheit passt Oh, Miles perfekt. Denn genau darin liegt die großartige Kunst von Lane 8. Mit starken Beats und einem melancholischen Gesang veröffentlicht der Produzenten immer wieder elektronische Songs, die eine unglaubliche Tiefe besitzen. Diese Tiefe kann man besonders gut an seinen letzten Veröffentlichungen sehen, die mit der Sängerin Channy Leaneagh von Poliça auf No Captain (2017) und Brightest Lights, sowie einer Sängerin – die unbekannt bleiben möchte – auf Stir Me Up glänzt. Doch auch männliche Stimmen entwickeln einen ganz eigenen Charme im Soundkostüm von Lane 8 – wie Yard Two Stone zeigt. Mit Oh, Miles zeigt uns Lane 8, dass er mit neuer Musik auf ein viertes Album hinarbeitet. Mit dem Wissen, dass erst im vergangenen Jahr sein drittes Album rauskam, dürften wir dieses Jahr wohl nicht mit einer weiteren Albumveröffentlichung rechnen – doch kann uns die Songveröffentlichung darüber hinwegtrösten.