HVOB – Tiefe elektronische Melancholie

HVOB – das ist das österreichische Produzenten-Duo um Anna Müller und Paul Wallner. Haben sie sich 2012 zu HVOB zusammengetan, wurde ihnen schon 2013 mit der melancholisch treibenden Coverversion Always Like This, der britischen Band Bombay Bicycle Club, eine große Aufmerksamkeit zu Teil. Über die nachfolgenden Jahre schaffte es das Duo mit Songs wie MoonCool Melt oder Clap Eyes enormes Interesse auf sich zu lenken. So listete selbst das Billboard Magazin aus den USA das Wiener Duo in seiner Rubrik Next Big Sound unter den Top-15 für 2013. Dass die beiden zu Recht dafür nominiert wurden, zeigt der neue Song 2nd World eindrucksvoll. Dieser ist eine herrlich reduzierte Elektronik-Ballade. Geizt 2nd World zwar mit Lyrics und großen Gesten – lässt der Song aber gerade durch diese minimalistische Produktion eine wunderbar Dreampop angehauchte Stimmung aufkeimen und ehe man sich versieht, ist man im Strudel der Musik gefangen und bricht der Song auf. HVOB machen eine völlig eigenständige Musik und überlassen das Genre einordnen anderen.

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Svavar Knutur – Imposanter Schmerz

Dieser Song bricht förmlich heraus. Beginnt The Hurting vom isländischen Singer/Songwriter Svavar Knutur mit einem einfachen Gitarrenspiel und Knuturs roher Stimme – die irgendwo zwischen brechender Höhe und dunkler Tiefe liegt – erwächst aus dieser Ruhe von Sekunde zu Sekunde ein sattes Rockbrett, dass sich schließlich im Refrain entlädt und herausbricht – nur, um anschließend wieder mit der Stille von vorne zu beginnen und schließlich auszubrechen. The Hurting ist ein imposantes Stück Singer/Songwriter/Rock, welches sich durch das Gefühl, das in Knuturs Stimme liegt und ständig aufflammt, erst vollends entfaltet. Nach mehreren Produktionen zusammen mit der tschechischen Sängerin Markéta Irglová ist der Isländer nun mit der kräftigen Single The Hurting zurück und gibt eine brachiale Sensibilität preis, die uns lange beschäftigen wird.

Haevn – Kino trifft Sommer

Das niederländische Duo Haevn hat bereits einige Veröffentlichungen hinter sich, ehe vor zwei Wochen endlich ihr langerwartete Debütalbum Eyes Closed das Licht der Welt erblickte. Darauf enthalten sind alle bisher veröffentlichten Singles Where the Heart IsBright LightsFinding Out MoreFortitude und die aktuelle Single Back In The Water. Damit ist das Album voller cineastischer Songs, die einem Soundtrack entstammen könnten. Nicht von ungefähr kommt diese Assoziation – besteht das Duo doch aus einem Singer/Songwriter und einem Filmmusikkomponisten. Mit Back In The Water veröffentlichen Haevn nun allerdings eine Remix Version des irischen Produzenten und Remixers Mark McCabe offiziell. McCabe war bereits 2016 als Remixer des Gavin James‘ Songs Nervous beteiligt und bringt mit seiner Version des Haevn-Songs nun etwas Summer-Feeling in die Produktion. Dabei klingt Back In The Water immer noch nach Haevn, hat aber zusätzlich die Leichtigkeit der aktuellen EDM-Trends im Gepäck.

Chris James – Keine Angst vor Pop

Pop hat heute einen recht negativen Beigeschmack. Zu oft gibt es lieblose Produktionen, die von „Stimmgebern“ präsentiert werden. Dass die Festplatten vieler Plattenfirmen voll mit vorproduzierten Songs sind, die nur darauf warten, einem neuen Sänger oder Sängerin übergestülpt zu werden, wird niemanden überraschen, doch ist gerade der Mut zum waschechten Pop oft lohnenswert. Dabei war sich der in Deutschland lebende Amerikaner Chris James lange gar nicht bewusst, was er wollte und reiste von Hilden, in Nordrhein-Westfalen, nach Los Angeles, Nashville, um schließlich – wieder zurück in Deutschland – nach Berlin zu ziehen. All diese Etappen beeinflussten James so sehr, dass er sich zwischen R&B, Songwriter und Pop für letzteres Schwergewicht entschied. Natürlich nicht, ohne auch ein bisschen von den anderen beiden Genres zu übernehmen. Auf seiner aktuellen Single I Know You Can Dance präsentiert James dann auch mit einer gewissen Kindsköpfigkeit seinen Song, der mit einem markanten Sound und dem wunderbar, rhythmischen Refrain direkt ins Ohr geht. Hier wird man an Songs à la Britney Spears‘ … Baby One More Time oder High School Musical erinnert. Mit schmissigen Gitarren und Breakbeats rechnet man jeden Moment damit, dass eine Baseball- und Cheerleadermannschaft um die Ecke kommt und eine Choreografie abliefert. I Know You Kan Dance ist ein Moment fernab von Stress, der einfach nur Spaß macht.

Cloves – Das ganz große Gefühl

Was macht man, wenn man aus einer Beziehung kommt, die friedvoll und gelassen warnt man selbst genau das Gegenteil ist?! Das weiß die australische Sängerin Cloves – alias Kaity Dunstan. Die in Melbourne lebende Sängerin hat ein aufregendes Jahr vor sich. Vor neun Jahren begann die heute 22 Jährige in Bars zu spielen, 2016 veröffentlichte sie schließlich ihre erste EP XIII. Nun hat Cloves mit Bringing The House Down einen Song veröffentlicht und dabei gleichzeitig angekündigt, dass 2018 wohl mit ihrem Debütalbum zu rechnen ist. Mit Bringing The House Down liefert Cloves dann auch die perfekte Werbung für ein kommendes Album ab. Liegt Cloves Stimme irgendwo zwischen The Noisettes und Gabriella Cilmi, klingt der Sound nach großen Momenten. Zart und direkt singt Cloves darüber, wie es war, in einer Beziehung zu leben, die einfach nur nett und ruhig war. So frustrierte sie, dass es keine Ups und Downs gab – kein Ausbrechen und verrückte Dinge machen. Produziert wurde Bringing The House Down dabei vom amerikanischen Produzenten Ariel Rechtshaid, der bereits für Madonna, Beyonce, Kylie Minogue, U2 oder auch Justin Bieber Songs produzierte. Ebenso wie bei der Produktion, wurde für das Musikvideo keine geringere als die britische Regisseurin Sophie Muller ins Boot geholt. Muller produziert seit 35 Jahren Musikvideos und hat Künstlern wie Eurythmics, Sade, Kings Of Leon, London Grammar und Coldplay fantastische Videos beschert. Somit zeigt Cloves, dass sie nichts dem Zufall überlässt und hört man sich ihre Single erst einmal an, weiß man, dass sich die Australierin mit Bringen The House Down auch keine Sorgen machen braucht.

Chvrches – Wenn Pop, dann aggressiv!

2013 hatten Chvrches mit ihrem Debütalbum The Bones of What You Believe einen fulminanten Start hingelegt. Mit den Songs The Mother We Share und Recover wurden sie innerhalb kürzester Zeit zu Helden der Indie-Szene. Ihr 2015 veröffentlichtes Nachfolgealbum Every Open Eye führte dies nahtlos fort. Allerdings wurden sie darauf rauer und ließen ihren Synthie-Pop etwas in den Hintergrund rutschen. Nun hat das Schottische Trio mit Get Out die erste Single ihres kommenden, dritten Albums Love Is Dead veröffentlicht und kehrt damit wieder zu ihren Anfängen zurück. So haben sie mit Greg Kurstin das erste Mal einen Produzenten verpflichtet. Hatten Chvrches ihre ersten beiden Alben selbst produziert, erklären sie nun, dass sie aus ihrer Komfortzone raus wollten. Im Produktionsprozess hatte sich schließlich herausgestellt, dass ihre Songs, wenn sie dann wieder mehr in Richtung Synthie-Pop gehen würden, deutlich aggressiver klingen sollen. Dies haben sie mit Get Out auch geschafft. Neben den typischen Synthesizern gibt es einen deutlich brachialeren Grundton. Dabei klingt Lauren Eve Mayberry immer auch zart, jung und frisch. Gibt es ein Geheimnis der Band, ist es die Mischung aus Synthesizern, klarer Gesangsstimme und hymnenhafter Produktion. Mit Get Out kommen Chvrches ganz groß zurück und holen sich die Krone zurück.

Gloria – Vergangenheit hochhalten

Angeteasert werden Gloria mit dem Begriff Erfolgsalbum Nummer 3. Kommerziell kann dies nicht gemeint sein, hatte es das Album Da schließlich nur eine Woche in die Albumcharts geschafft. Doch dies machen Reporter gerne, um die Besonderheit einer Band hervorzuheben. Doch das brauchen Gloria überhaupt nicht. Anders sieht dies nämlich beim Songwriting, der Produktion und den Gedanken aus, die hinter Glorias drittem Album stecken. Denn hier hat sich das Duo selbst ein kleines Denkmal gesetzt. Mit starken Texten nehmen sie auch auf der zweiten Singleauskopplung Fahrt auf und sprechen auf Narben davon, Vergangenes hochzuhalten. Die Beschreibung Mark Tavassols hierbei trifft wohl auf vieles in unserem Leben zu, denn er meint, dass wir ein Mosaik unserer eigenen Begegnungen sind. Etwas kryptisch dargestellt, kann Narben als Liebeslied, als Freundschaftsbeweis oder als Trauerhymne gemeint sein. Hier liegt es am Hörer, sich den Song anzueignen und mit seiner eigenen Gefühlslage verschmelzen zu lassen. So sind Gloria gerade – neben Kettcars neuem Album – eine der wichtigsten deutschen Bands, wenn es um geistreiches Songwriting und einen starken Sound geht.

RY X – Pure Kunst!

Die Stimme, das Gefühl, der Sound, das Video – pure Kunst. RY X, alias Ry Cuming aus Australien, ist seit jeher ein Garant für emotional hochexplosive Musik. Seine sanften Töne und sein schwerer Sound hatte RY X in der Vergangenheit viel Beachtung geschenkt. Ob seine Songs Berlin, Sweat oder Only – allesamt tragen sie diese Schwere in sich, die RY X dieses magische Gefühl von Verletzlichkeit und Sensibilität verleiht. Dabei kann RY X auch deutlich größer klingen, hört man sich nur seine Kollaboration mit Frank Wiedemann und dem Projekt Howling an, das mit großen, sphärischen Elektrosound dahin wabert. Auf RY X‘ neuer Single Bad Love ist davon nichts zu hören. Viel mehr klingt der Song mit seinen tiefen Bässen und dem tropfenden Sound nach einem gebrochenen Menschen, der versucht das Licht am Ende des Tunnels zu erreichen. Dass RY X damit so unglaublich berührt, ist der Reichhaltigkeit der Produktion zu verdanken. Noch ist kein neues Album angekündigt, doch deuten die regelmäßigen Veröffentlichungen neuer Songs darauf hin, dass es bald wieder für einen Langspieler reichen könnte. Bis dahin hören wir Bad Love in Dauerschleife.