Everything Everything - In Birdsong

Everything Everything – Ein audiovisuelles Erlebnis

Wenn wir aktuell die Fenster öffnen, wird den meisten ein Geräusch aufgefallen sein, das man in der Schnelllebigkeit unsere Zeit mit Unachtsamkeit gestraft hatte. Es ist das Gezwitscher der Vögel, das uns momentan deutlich lauter und präsenter vorkommt. Fast so, als würden sie uns mit aller Macht zeigen wollen, dass es für den Menschen Zeit ist, eine Pause einzulegen und die Natur wieder zum Zuge kommen muss. Und tatsächliche sehen wir Berichte über die Rückkehr von Tieren in bewohnte Gebiete – aus denen sie einst der Mensch verdrängt hatte – sauberere Meere und Seen und eine Erholung der Umwelt. Dass dieser Übergang von unserem Alltag – wie er noch bis Mitte Februar ablief – zu der neuen Normalität dabei so machtvoll, wie beeindruckend war, stellt die britische Art-Rock Band Everything Everything auf ihrem neuen Song In Birdsong dar – denn hier ist nichts normal. Bereits früh galt die – 2007 in Manchester gegründete –  Band, die vor allem mit den Songs Distant PastRegret (beide 2015) und Can’t Do (2017) viel Zuspruch erfuhr, als Aushängeschild einer dystopischen Welt, die wir lange Zeit nur aus Science-Fiction Filmen kannten. Doch 2020 macht dieses Gefühl greifbarer. In Birdsong ist dabei ein Zusammenspiel der verschiedenen Gefühle – mal erinnert Jonathan Higgs Falsettgesang an On Melancholy Hill von den Gorillaz, mal klingt der Song so unkontrolliert und eindrucksvoll, als würde er vom Sigur Rós Album () stammen. Dabei gibt uns ein stetig pulsierender Beat die Struktur, über die sich immer wieder exzentrisch Parts legen. Hier treffen knarzende Synthies auf Gitarren und gehen in einem exaltierten Höhepunkt auf. Dass die Briten gerade jetzt In Birdsong veröffentlichen, liegt an der wunderbaren Fähigkeit des Songs, sich wie eine zweite Hülle um die Veränderungen zu legen, welche die Gesellschaft durch die aktuelle Pandemie durchlebt. Dabei macht vor allem auch das Musikvideo diesen Sound sichtbar. Denn wie ein dreidimensionales Bild bauen sich die Ansichten aus den Klänge, Beats und der Stimme Jonathan Higgs auf und werden zu einem eindrucksvollen audiovisuell Erlebnis. Mit In Birdsong setzen Everything Everything einmal mehr einen neuen Standard in Sachen Rock-Musik und gleichzeitig den Startschuss für ein Jahr mit noch weiteren Überraschungen, die von der Band noch kommen werden.

Felix Räuber @Frannz Club www.soundtrack-of-my-life.com

Felix Räuber – Konzertkritik (Frannz Club)

Es ist fast genau ein Jahr her, da trat Felix Räuber im Berliner ACUD auf die Bühne und präsentierte Musik, an der er in den Jahren zuvor so intensiv gearbeitet hatte. Seitdem sind 12 Monate vergangen, in denen der Sänger eine Remix-Version seiner Debüt-EP Wall veröffentlichte und mit solch monumentalen Songs wie dem akustischen Birth immer wieder neue Musik veröffentlichte. Mit der angekündigten, zweiten EP ME holt der Wahlberliner nun etwas in sich hervor, das so sehr mit Leben gefüllt ist, dass man sich eines Kopfkinos nicht verwehren kann. Diese Songs hatte Räuber nun am vergangenen Freitag im Berliner Frannz Club vorgestellt und damit eindrucksvoll bewiesen, dass seine Musik wertvoll ist und das Publikum sichtlich angetan war, diesen Moment mit dem Sänger zu teilen.

Aber der Reihe nach. Eröffnet hatte den Abend ebenfalls ein Wahlberliner. Hierbei standen Max Wiegand alias Badger – mit Gitarrist Levin Siert und Sean Prieske an den Synths zu dritt auf der Bühne und überraschten mit einem Sound, der satt, elektronisch und erfrischend war. Mit tiefen Bässen, dunklen Sounds und Songs wie MirrorsThe MiddleOf What Will Come Tomorrow oder You Move schafften die drei Jungs es in Windeseile, das Publikum von sich zu überzeugen. Dabei sprach Wiegand immer wieder ganz direkt zum Publikum und präsentierte damit eine entspannte Gelassenheit – auch wenn man hier und da einen angespannten Gesichtsausdruck nicht verstecken konnte. Badger ist ein großartiges Erlebnis mit einer Musik, die sich irgendwo, zwischen 80er-Jahre Synthies, modernem House und klassischem Gesang ansiedelt und live großartig aufregend ist.

Nach kurzer Umbauphase trat schließlich Felix Räuber auf die Bühne und hatte neben seinen beiden Tourmitgliedern am Schlagzeug und am Keyboard, noch vier Orchesterspielerinnen mit dabei. Hierbei bestand das Mondena Quartett aus der ersten und die zweiten Geige, einer Bratsche und einem Cello, welches für eine überwältigende Opulenz in Räubers Songs sorgte.

Man konnte Räuber ansehen, dass er sich in den letzten Monaten verändert hatte. Gewichen war die Anspannung, dass seine Musik eventuell keinem gefallen würde. Indes gewachsen war der Entertainer in ihm. Denn führte uns Räuber mit vielen Anekdoten durch Songs wie Running Out Of TimeHomeBetween The LinesNothing Can Go Wrong, war es immer wieder auch die körperliche Gewandtheit in ihm, die Räuber erhaben, in Gefühlen vertieft und zufrieden zeigte. Bei dem darauffolgenden Gitarrensolo, welches dem Song Birth gleich kam zeigte sich das unglaubliche Potential, das in Räuber und seiner Vorstellung von vielseitiger Musik liegt.

Schließlich folgten mit Every MotionEchoesWall und Burning Sky vier Songs, die allesamt die Wandlungsfähigkeit des Sängers darstellten. Hierbei war vor allem die Präsentation eines der zentralen Punkte, die ein Felix Räuber Auftritt so unterhaltsam machen. Und dabei steht unterhaltsam für einen Auftritt, wie er so auch in den großen Samstagabend-Shows der öffentlich-rechtlichen Sender hätte passen können.

Zum Abschluss spielte Räuber nochmals einen Song, den er bereits zur Mitte des Konzertes sang. Und so entließ uns der Sänger mit Wall im Geistha-Remix und ließ durch die markanten Keys eine Verbindung zum Bronski Beat Hit Smalltown Boy erwachen.

Felix Räuber ist vieles – einsamer Mensch, Liebender, Gefangener und Jagender – doch eines bleibt immer erkennbar, der Mittelpunkt seines Lebens. Und dass ist Musik – in all ihren Facetten, universell und bedeutet dem Sänger vielleicht gerade deswegen so viel.

Rhys Lewis – Ein Song mit Wow-Effekt

Würde Rhys Lewis auf einer Bühne einer Casting-Show stehen und seinen Song Better Than Today singen, wäre jetzt der Moment, Standing Ovations zu geben, obwohl sein Lied gerade einmal 20 Sekunden gelaufen wäre. Denn diese, so einfühlsame Stimme, die mal falsettartig hoch, mal kratzig und kräftig klingt beschert uns ein Gefühl der Empathie für ein Erlebnis, welches wir noch nicht einmal kennen. Dabei ist der britische Newcomer über die letzten 12 Monate so sehr gewachsen, dass seine Songs mittlerweile millionenfach aufgerufen werden. Hat alles mit kleinen Pub-Gigs begonnen, wurde ihm nur kurze Zeit später ein Plattenvertrag angeboten. Hat Lewis seine erste EP – Bad Timing –  vor knapp einem Jahr veröffentlicht, ist er nun mit der Single Better Than Today zurück und möchte den Song als Stütze wissen. Er habe den Song geschrieben, um mit seiner Angst vor den aktuellen Geschehnissen in der Welt umzugehen, und entlässt ihn als Trost in die Welt. Was sich pathetisch liesst, schafft Lewis mit nur einem Klavier wegzustoßen und Better Than Today als wunderbare Ballade zu präsentieren. Lewis steht damit ganz am Anfang seiner Karriere und wird 2019 sicherlich für den ein oder anderen Erfolg verantwortlich sein.

Girl In Red – Indie-Schlafzimmer-Sound

So direkt und offen, wie die norwegische Sängerin Marie Ulven alias Girl In Red ist, ist wohl selten eine Künstlerin gewesen. Denn trifft man auf die junge Musikerin, wird man regelrecht weggefegt – hat sie doch eine Ausstrahlung, die so stark ist, dass man sich fasziniert irgendwo festhalten möchte, um nicht weggeblasen zu werden. Sie schreibt und produziert fast ausschließlich in ihrem Schlafzimmer und hatte – bei nur 10 Live-Auftritten überhaupt – einen Gig in Frankreich als Support der amerikanischen Sängerin Clairo. Dabei so fasziniert von der Sängerin spricht Ulven in Interviews wie ein Fan von dem Erlebnis, welches sie vollkommen überwältigte – sei sie doch selbst ein riesiger Fan Clairos. Dabei ist die bisher veröffentlichte Musik der 19 Jahre jungen Sängerin so intim, euphorisch und mitreissen und besingt Themen, die Ulven selbst beschäftigen. Sie selbst hat in den letzten Jahren zu sich gefunden und besingt diesen Werdegang in einzelnen Kapiteln auf ihren Liedern. Mit der EP Chapter 1 hatte Ulven bereits zu Beginn des Jahres 2018 ihre erste Veröffentlichung notieren können. Nun arbeitet sie an einer zweiten EP und veröffentlicht mit We Fell In Love In October eine herzzerreißende Indie-Dreampopnummer, auf der sie über die Erlebnisse ihrer ersten Liebe zum selben Geschlecht singt. Einnehmend mit den Textzeilen My girl, my girl, my girl. You will be my girl. ist We Fell In Love In October ein absoluter Ohrwurm, der sich nicht hinter großen Stars verstecken muss. Dass Girl in Red zum Erfolg werden könnte, liegt nicht nur an den fantastischen Songs, sondern auch an der Eigensinnigkeit der Sängerin und, wie sie all dies präsentiert.

Isaac Gracie – Wunderkind mit sanfter Stimme

Eine Stimme kann alles verändern. Dies musste auch der Brite Isaac Gracie erfahren. Allerdings war es bei dem Jungen aus London die eigene Stimme, die in der Pubertät brach und ihn in die Situation brachte, seinen Jugendchor zu verlassen. Denn bereits mit sieben Jahren trat Gracie dem Ealing Abbey Choir bei und trat bis zu sechs Mal in der Woche auf. Dass sein Stimmbruch als traumatisches Erlebnis im Gedächtnis blieb, ließ ihn nicht von der Idee abkommen, es doch noch einmal mit Musik zu versuchen. Und so entdeckte der mittlerweile 23-jährige Sänger mit 18 Jahren die Gitarre für sich und beschloss von da an der nächste Bob Dylan zu werden. Und tatsächlich ist seine aktuelle Single Running On Empty eine solide Folk/Rock-Nummer, die mit einer angenehmen Wärme und einem Timbre daher kommt, wie es sie aktuell nur sehr selten gibt. Running On Empty ist eine Rockhymne, die die Arme öffnet und jeden einlädt, sich in Folk und Rock zu verlieren.