Lane 8 feat. Julia Church - Oh, Miles

Lane 8 feat. Julia Church – Mit neuem Song in die Tiefe eintauchend

Es ist eine ganz eigene Generation der Musizierenden herangewachsen, die sich im elektronischen Bereich aufhält. Da sind zum Beispiel Petit Biscuit und OTR , die mit ihren Songs auch auf SOML schon mehrmals mit Songneuvorstellungen vertreten waren. Allen voran geht aber der Kalifornier Lane 8 aus San Francisco, der bereits 2015 mit seinem Debütalbum Rise und anschließend mit den Folgealben Little By Little (2018) und Brightest Lights (2020) immer wieder durch seine instinktiven Songs aus organischen Sounds und treibenden Beats begeistert. Seine Alben sind Geschichten, die man erst in voller Gänze versteht, wenn man sich seine Alben von Anfang bis Ende anhört. Vor einigen Jahren schon startete der US-Amerikaner auch mit seinem eigenen Label This Never Happened so richtig durch. Nun hat Daniel Goldstein mit seinem Projekt Lane 8 einen ersten, neuen Song – seit dem dritten Album – veröffentlicht und präsentiert sich wieder einmal in Höchstform. Zusammen mit Julia Church aus Südafrika, die 2020 mit ihrer Single don’t really care what we call it für einen kleinen Hit im südlichsten Land des afrikanischen Kontinents sorgte, veröffentlicht Lane 8 mit Oh, Miles eine starke Dancehymne, die wie für ein Augenschließen und mit den Gedanken abschweifen gemacht ist.

Lane 8 Photo by Jason Siegel
Lane 8 Photo by Jason Siegel

Hier kommen die bekannt starken Synthie-Elemente zusammen und lassen den Song zu einem Gefühl der Einkehr heranwachsen. Läuft der Song, hören wir in uns hinein und lassen Bilder vor unserem inneren Auge ablaufen – ob auf dem Boden liegend mit weit ausgebreiteten Armen und tief atmend oder an einen Moment erinnernd, in dem wir die größtmögliche Geborgenheit fühlten. Doch auch an einem heißen Tag im Frühjahr, bei dem wir alle Fenster weit aufgerissen, die Frühlingsluft unsere Wohnung fluten lassen, oder auch für den melancholischen Moment der Erhabenheit passt Oh, Miles perfekt. Denn genau darin liegt die großartige Kunst von Lane 8. Mit starken Beats und einem melancholischen Gesang veröffentlicht der Produzenten immer wieder elektronische Songs, die eine unglaubliche Tiefe besitzen. Diese Tiefe kann man besonders gut an seinen letzten Veröffentlichungen sehen, die mit der Sängerin Channy Leaneagh von Poliça auf No Captain (2017) und Brightest Lights, sowie einer Sängerin – die unbekannt bleiben möchte – auf Stir Me Up glänzt. Doch auch männliche Stimmen entwickeln einen ganz eigenen Charme im Soundkostüm von Lane 8 – wie Yard Two Stone zeigt. Mit Oh, Miles zeigt uns Lane 8, dass er mit neuer Musik auf ein viertes Album hinarbeitet. Mit dem Wissen, dass erst im vergangenen Jahr sein drittes Album rauskam, dürften wir dieses Jahr wohl nicht mit einer weiteren Albumveröffentlichung rechnen – doch kann uns die Songveröffentlichung darüber hinwegtrösten.

Middle Kids - Questions

Middle Kids – Melancholische Rebellion

Zugegeben, die Kombination, die das australische Trio Middle Kids mit ihrer neuen Single Questions gewählt hat, ist fast schon ungooglebar. Gibt man es doch ein, bekommt man wahlweise die Top-10, Top-20 oder Top-50 Fakten über Kinder und Jugendliche, die sich als Middle Kids einordnen lassen. Hier werden so interessante Positionen, wie Kids, die jüngere und ältere Geschwister haben, werden immer vernachlässigt oder Kids, die jüngere und ältere Geschwister haben, bekommen immer die Kleidung, die von den älteren Geschwistern schon getragen wurden. Doch wenn es um das australische Trio, rund um Frontsängerin Hannah Joy, geht, gelangen wir unweigerlich wieder zu dem starken Indiesound der Band, den wir bereits auf Real Thing und R U 4 Me? hören konnten. Letzterer kam im vergangenen Oktober raus und setzte alle Zeichen auf ein kommendes Album. Überhaupt sind die Middle Kids sehr rege am Veröffentlichen von Platten. Hatten sie 2017 mit Middle Kids ihre Debüt-EP veröffentlicht, folgte nur ein Jahr später mit Lost Friends das Debütalbum. Wiederum ein Jahr später legten sie mit New Songs For Old Problems eine weitere EP nach und kommen nun zurück mit einem zweiten Album, das Today We’re The Greatest heißen wird und am 19. März erscheint.

Middle Kids
Middle Kids

Während Lost Friend 2018 aus dem Stand in die australischen Top-10 der Albumcharts einsteigen konnte, gewann das Trio zusätzlich mit Album Of The Year einen der wichtigsten Preise des australischen Radiosender Triple J. Auf ihrer neuen Single Questions stellen die Middle Kids Fragen des Vertrauens, des Respekts und der Aufrichtigkeit in einer Beziehung. So beginnt der Song gleich mit den direkten Fragen Wie soll ich Dir vertrauen, wenn du mich die ganze Zeit belügst. Woher soll ich wissen, wer du bist, wenn du die ganze Zeit betrunken bist. Es ist die Wahl dieser direkten Worte, die Middle Kids auch auf Questions wieder so spannend werden lassen und in einen Sound umwandeln, der erneut zwischen Melancholie und Aufbäumen changiert. Mit großen Trompeten kommen die drei schließlich zu dem Punkt, an dem sie sich fragen Ich habe Fragen und Du kennst die Antworten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob diese Tatsachen oder nur Einbildungen sind. Das dazugehörige Musikvideo ist ein One-Take-Clip, bei dem sich die Band in einem Café wiederfindet und mit Blaskapelle und weißem Schimmel durch den Song singt. Die Middle Kids sind ein absoluter Grower. Ihre Songs entfalten ihre Wirkung erst nach mehrmaligem Hören, werden dann aber zu großartigen Indiehymnen und sorgen immer dafür, dass wir zu den Songs der Band tanzen wollen.

Lana Del Rey - Chemtrails Over The Country Club (Single)

Lana Del Rey – Bleibt mit neuer Single standhaft

Lana Del Rey hatte in den vergangenen Jahren zunehmend mit kritischen Publikum bzw. Fans zu tun, die ihr Handeln bis ins kleinste Detail beobachteten. War es 2018 ein umstrittener Auftritt auf dem Meteor Festival in Israel, den sie kurz vorher absagte oder der immer öfter aufkommende Shitstorm bezüglich ihrer Social-Media-Präsenz. Hier wird der New Yorker Singer/Songwriterin zunehmend vorgeworfen, die People Of Color oder Women of Color für ihre Zwecke zu nutzen. Nun hat Del Rey, im Zuge der Ankündigung ihres neuen Studioalbums Chemtrails Over The Country Club Klartext gesprochen und alle Hater in ihre Schranken gewiesen. Dabei zeigt Del Rey auf dem Cover des kommenden Albums, wie sie mit ihren Freundinnen – bei denen es sich tatsächlich um private Freundschaften der Sängerin handelt – um einen Tisch versammelt steht, fröhlich in die Kamera lacht und ein Abbild verschiedenster Herkünfte zeigt. Dazu schreibt Del Rey, dass sie schon immer inklusiv war und seit jeher mit Menschen aller Nationen und Hautfarben zusammenlebt und -arbeitet und die Kritik daher aufhören soll.

Lana Del Rey - Chemtrails Over The Country Club (Album)
Lana Del Rey – Chemtrails Over The Country Club (Album)

Auf ihrem neuen Album, für das bereits im Oktober letzten Jahres mit Let Me Love You Like A Woman die erste Single veröffentlicht wurde, zeigt sich die Sängerin nun mit der neuen Singleauskopplung etwas verspielter. Denn hier sehen wir im Musikvideo zum Titelsong des Albums Chemtrails Over The Country Club, wie die Sängerin die guten alten Zeiten der Vereinigten Staaten von Amerika beschwört. Mit viel Glamour und einer gehörigen Portion Nostalgie hat Del Rey einen amüsanten Twist in das Musikvideo eingebaut. Zur Mitte des Videos, wird der Kurzfilm äußerst unterhaltsam und zeigt Del Rey einmal mehr in ihrem Element. Dabei überrascht Del Rey erneut mit einem Album, welches nur anderthalb Jahre nach Norman Fucking Rockwell! erscheint und ihre starken Texte präsentiert. Lana Del Rey ist eine Künstlerin, die sich nicht vergleichen lässt, schafft eine Welt, in der kein Platz für Hatespeech und Exklusion ist und wird auch mit ihrem siebten (!!) Album innerhalb von zehn Jahren überzeugen.

The Fratellis - Action Replay

The Fratellis – Indie weicht dem Dreampop

Das kam unverhofft. Konntet ihr hier Ende Februar 2020 noch davon lesen, dass The Fratellis mit Six Days In June eine neue Single veröffentlichten, die sich an dem alten Sound der Indie-Helden anschließt, kündigten sie damals auch ihr sechstes Album Half Drunk Under A Full Moon für den 8. Mai an. Doch das war alles noch vor der Pandemie, die ab Anfang März das Geschehen beherrschen sollte. So gaben die Schotten Im Frühjahr bekannt, dass sie ihre Tour und das Album auf 2021 verschieben würden. Nun – knapp ein Jahr später – stehen wir unverändert vor selbiger Situation und ist es immer noch nicht möglich, Konzerte zu spielen. Doch eines hat sich geändert – die Motivation von Bands und Acts, Musik unter einem neuen Hintergrund zu veröffentlichen. Nachdem das Album erst auf den Oktober 2020 verschoben wurde, soll es nun schließlich am 9. April erscheinen und hat mit Action Replay eine neue Single im Gepäck. Diese kann man als komplettes Gegenteil von Six Days In June werten, sind doch alle schnellen Gitarren verschwunden und klingt Jon Fratelli schwelgerischer denn je. Dabei schweift das Trio fast schon in den Dreampop ab und kommt mit der neuen Single den Songs von Beach House nahe.

The Fratellis
The Fratellis

Alle Songs auf dem neuen Album folgen einer Farbe, die sich Jon Fratellis als Konzept überlegt und mit denen er unterschiedliche Intensitäten während des Schreibprozesses erlebt hat. So wüsste er heute nicht, ob er diesen Weg des Schreibens noch einmal wählen würde. Mit Action Replay und dem dazugehörigen Musikvideo haben The Fratellis gleich auch eine Fortsetzung ihrer ersten Singleauskopplung des neuen Albums veröffentlicht und nochmals den britischen Schauspieler Rory J. Saper engagiert. Dieser ist aktuell in der dritten Staffel der Deutsch/Französischen Co-Produktion Find Me In Paris zu sehen. Mit ihrem fünften Studioalbum In Your Own Sweet Time (2018) haben es the Fratellis bis auf Platz 2 der schottischen und Platz 5 der britischen Albumcharts geschafft und können sich als Band glücklich schätzen, denn die Menschen möchten so gerne wieder auf Konzerte gehen und wir haben genau jetzt ein Album gemacht, dass genau zu dieser Stimmung passt. Als Band, die eine treue Fangemeinde hat, können wir uns glücklich schätzen, in dieser Lage zu sein, so die Band. Mit den beiden Singleauskopplungen Six Days In June und Action Replay haben The Fratellis zwei Songs veröffentlicht, die uns neugierig darauf machen, wie das Album mit den acht weiteren Songs sein wird. Action Replay ist dabei ein perfekter Vorbote, der uns die Ungeduld förmlich diktiert.

London Grammar - Lose Your Head

London Grammar – Rauschen des Meeres

Es ist bereits die dritte Singleauskopplung, aus ihrem, sehnlichst erwarteten, dritten Studioalbum Californian Soil. Nach Baby It’s You und dem Titelsong Californian Soil haben London Grammar nun mit Lose Your Head die dritte Single ausgekoppelt und vermischen sich mit den Sounds ihrer letzten beiden Alben und den Tiefen ihrer ganz persönlichen Erfahrungen. So haben die drei Musiker auf kalifornischen Boden an dem neuen Album gearbeitet und sehr viel Selbstreflexion betrieben. Herausgekommen ist bei Hannah Reid die Erkenntnis, dass sie und ihre Bandkollegen etwas unglaublich großes und emotional wertvolles erschaffen, allerdings das Gefühl haben, teilweise fremdbestimmt zu sein. Im Tonstudio mit Produzent George FitzGerald hat die Band nun daran gearbeitet, diese Vielschichtigkeit und die Zweifel herauszuarbeiten und gleichwohl auch den Wachstum der Band musikalisch wiederzugeben. Herausgekommen sind Songs, die unwirklich schön und ungewohnt elektronisch sind. Auf Lose Your Head hören wir einen Pulsschal aus Beats, der sich um Reids Stimme legt und mit ihr zu einem Schwall aus Emotionen heranwächst.

London Grammar
London Grammar

Schließlich geht das Anschwellen in eine, von Trompeten, Streichern und Perkussions geprägte Auflösung über und lässt den Song durch seine Opulenz scheinen. Hinter dem Song steckt der Gedanke, die Energie und Kontrolle in einer Beziehung zu beschreiben. Trotz des dunklen Songtextes wollte das britische Trio den Song in einer Upbeat-Version haben und arbeiteten schließlich all diese kräftigen Feinheiten des Songs heraus. London Grammar lassen uns als Hörer immer wieder den Moment des sich-verlierens erleben und steuern mit ihrer Musik und Hannah Reids Gesang einen enormen Teil dazu bei, sich immer wieder aufs Neue in die Band und ihre Songs zu verlieben. Mit der Veröffentlichung von Lose Your Head haben London Grammar nun mitteilen müssen, dass sie Californian Soil, das ursprünglich am 13. Februar erscheinen sollte, um zwei Monate nach hinten schieben müssen und nun am 9. April erscheinen wird. Mit den bereits bekannten Songs lässt sich aber immer deutlicher feststellen, dass das neue Album eine Richtungsänderung vornimmt, die Lust auf mehr macht.

Schiller - Der Goldene Engel

Schiller – Der Soundtrack einer Stadt

Es ist der Winter des Christopher von Deylen. Erst Ende Oktober hat von Deylen unter seinem bürgerlichen Namen mit Colors sein erstes Album veröffentlicht und ist damit direkt auf Platz 1 der deutschen Albumcharts eingestiegen. Zählt man die Veröffentlichungen seine Projektes Schiller mit dazu, hat der rastlose Ex-Berliner damit insgesamt sieben Alben auf Platz 1 bringen können. Bereits wenige Tage nach der Veröffentlichung von Colors konnte dann auch schon das nächste Album des Produzenten vorbestellt werden. Dieses wird am 12. Februar erscheinen und Summer In Berlin heißen. Nachdem von Deylen vor Jahren seine festen Zelte in Berlin-Friedrichshain abgebaut hat und durch die Welt reiste, hat er der großen Stadt nun endgültig den Rücken gekehrt. In den Norden Deutschlands gezogen, bedeutet dies aber nicht, dass er Berlin nichts mehr abgewinnen kann. Und so ist sein kommendes Album vielleicht ja als Abschiedsode an die Stadt gedacht, die ihn über viele Jahre inspiriert hat. Dabei hat von Deylen mit Summer In Berlin den Atemzug der Stadt in Musik umgesetzt.

Schiller - Summer In Berlin
Schiller – Summer In Berlin

Gleich in der ersten Singleveröffentlichung Der Goldene Engel hören wir altbekannte Klänge, die an das Debütalbum Zeitgeist erinnern lassen. Mit großen Synthies und frischen Basslines gibt Schiller einen Puls der Stadt wieder, der sich an der Hektik der Straße, dem unerschöpflichen Nachtleben und den – fast schon mystisch wirkenden – Heimwegen durch die leeren Straßen der Stadt, an dem orientiert, was für die meisten ihrer Bewohner unbeachtet links liegen gelassen wird. Im Gegensatz zu Colors, ist auf der neuen Single der treibende Beat zurückgekehrt, für den das Projekt Schiller so bekannt ist. Sicherlich hinkt der Vergleich zu Colors etwas – ist die Veröffentlichung unter von Deylens Realnamen gerade auch deshalb gewollt abgegrenzt worden, weil dieser Musik eine andere organische Entstehung zuteil wurde. Der Goldene Engel ist hierbei der Beginn einer Abschiedshommage an eine Stadt, die von Deylen immer viel zugetraut und gleichzeitig auch zugemutet hat. Stetig im Wandel der Veränderung ist von Deylen mit dem neuesten Album unter seinem Projektnamen Schiller bereit, ein Kapitel abzuschießen und dabei die Tür offenzuhalten, sich davon inspirieren zu lassen.

Arlo Parks - Caroline

Arlo Parks – Der Traum der Generation Z

Wie fühlt es sich für junge Erwachsene an, in einer Welt der Nostalgie aufzuwachsen. Mehr noch, als zu Jugendzeiten der Generation Y hat die Generation Z damit umzugehen, dass sie eine, noch nie dagewesene, nostalgische Melancholie umgibt. Von einem Revival an Songs, welche die späten 90er und frühen 2000er bestimmten, bis hin zu den Phrasen, dass früher alles besser war, stehen die gerade volljährig gewordenen Menschen in einer Blase, die sie versuchen aufzuploppen um ihre eigene Identität zu formen. Arlo Parks ist eines der besten Beispiele für diese Zerrissenheit der Jugend. Es ist nach wie vor angesagt cool zu sein, doch hat Anaïs Oluwatoyin Estelle Marinho – wie Arlo Parks bürgerlich heißt – einen Weg gefunden, diese zwiespältige Jugend in Musik umzusetzen. Gleich mit ihrer ersten EP nutzte sie den Titel, um darauf aufmerksam zu machen und nannte ihre Debüt-EP Super Sad Generation. Hier sagt die Musikerin über die Songs, dass es eine Erinnerung daran ist, dass Verrat unvermeidlich ist, wenn es um hübsche Menschen geht, die denken, Blumen reparieren alles. Mit einem intelligenten Mix aus Bedroom-Pop, Indie und Folk hat Arlo Parks so in den vergangenen zwei Jahren eine Reihe an Songs veröffentlicht, die keine leichten Popsongs sind und erwarten, dass man sich mit den Tracks auseinandersetzt.

Arlo Parks Credit: Alexandra Waespi
Arlo Parks Credit: Alexandra Waespi

Nun, in Vorbereitung auf ihr am 29. Januar 2021 erscheinendes Debütalbum Collapsed in Sunbeams, veröffentlicht die gebürtige Londonerin, mit nigerianisch, französisch, tschadischen Wurzeln die Single Caroline. Caroline ist eine Übung, bei der Menschen beobachten und sehen, wie sich Situationen ohne Kontext entwickeln. Es ist eine Erforschung, wie sich etwas, das einmal voller gesunder Leidenschaft war, in einem Augenblick auflösen kann so die Sängerin. Damit macht sie gleichzeitig darauf aufmerksam, wie reflektiert die Generation Z – im Vergleich zu ihren vorherigen Generationen – ist und für etwas einsteht, dass sich am Gemeinwohl orientiert. Arlo Parks gilt seit letztem Jahr als eine der größten Hoffnungen Großbritanniens und kann 2021 ihren, durch die Pandemie verpassten, Durchbruch in diesem Jahr mit der Veröffentlichung ihres ersten Albums endlich nachholen. Caroline ist ein Traum von einem Song, der es schafft, uns für einen kurzen Augenblick der konfusen Welt, vor unseren Türen, zu entreissen und uns in eine wohlig, warme Blase mitzunehmen, in der wir kurz durchatmen können.

Graeme James - No Memories Of Tomorrow

Graeme James – Die Ruhe im Sturm

Es sind diese Momente im Leben, die einem den Boden unter den Füßen wegreißen und uns klar machen, dass wir untergehen oder stark sein müssen, um diese Erfahrungen zu überstehen. Während man sich den Zeitpunkt dieser Erfahrungen zumeist nicht aussuchen kann, kann man sich aber mit Hilfe der Jahreszeiten in eine Gefühlslage versetzen, die solchen Erfahrungen nahe kommt. So hat es auch der neuseeländische Singer/Songwriter Graeme James gemacht und ist vom anderen Ende der Welt in die Niederlande gezogen. Hier hat James dem schwarzen und dunklen Winter Europas entgegengesehen und auf sein Innerstes gehört. Herausgekommen ist die EP The Weight of Many Winters, die vom Tod, von Schwäche und Verzweiflung handelt. Dieser EP hört man die Trauer, die Last und den Schmerz, den James mit sich herumträgt und sich in seiner Musik ausdrückt, an. Dabei ist interessant, dass James mit zwei gegensätzlichen Werkzeugen spielt. Während seine Musik zumeist melancholisch, minimalistisch und beruhigend klingt, ist dies in seiner Stimme deutlich weniger häufig zu hören und baut James mit einer – fast schon – euphorisch, hellen Stimmlage auf die Hoffnung, die letztendlich alles durchzieht. Mit der ersten Single No Memories Of Tomorrow aus der, am 1. Januar 2021 erscheinenden EP The Weight of Many Winters, teilt James dann auch gleich eine sehr persönliche Erinnerung an vergangene Winter.

Graeme James - The Weight of Many Winters
Graeme James – The Weight of Many Winters

Mit dem Post eines alten Bildes, auf dem man den Musiker mit seinem jüngeren Bruder an einem Wintertag auf einer niederländischen Straße sieht, schreibt der Musiker Für immer her: Mein kleiner Bruder und ich spielen im Schnee, nur wenige Kilometer von meinem heutigen Wohnort in den Niederlanden entfernt. Es ist seltsam, wie eine Erinnerung in einem Kopf so klar sein kann und dennoch so aussieht, als wäre sie aus einem anderen Leben. Meine neue Single No Memories Of Tomorrow wurde im Winter geschrieben und ist eine persönliche Retrospektive, in der ich mein Leben aus der Perspektive eines Menschen in den letzten Tagen erkunde – in der Wintersaison des Lebens. Es ist ziemlich real. Diese Worte sitzen so tief, dass sie ein Mitgefühl erzeugen, welches aus unseren eigenen Erfahrungen von Verlusten geprägt ist. Graeme James schafft es mit seiner Musik, eine melodische Nebensächlichkeit und gleichzeitig hochemotionale Gewichtung zu vermitteln und streichelt uns mit seinem sanften Folk-Sound die Seele. The Weight of Many Winters ist die zweite EP aus seinem 4-EPs umfassenden Vier-Jahreszeiten-Projekt, unter dem bereits im September mit Old Storms in New Places die ersten Herbst-EP mit sechs Songs veröffentlicht wurde. The Weight of Many Winters ist nun die Winter-EP und zeigt uns einen Winter, der emotionaler nicht sein könnte.

Beatsteaks - Glory Box

Beatsteaks – Darf man diesen ewigen Überhit covern?!

Es ist ein Song, der das Wort Geschichte nicht besser beschreiben könnte. Denn während wir heute die Interpretation der Beatsteaks hören, hat Glory Box von Portishead bereits einen jahrzehntelangen Weg hinter sich, der bei dem britischen Duo nicht etwa aufhört, sondern bis in das Jahr 1969 zurückgeht. Stammt das Original des Songs von der belgischen Band Wallace Collection, war es in den BeNeLux-Staaten ein riesiger Erfolg. Doch obwohl der Song auf Englisch gesungen wurde, blieb ein Erfolg in den englischsprachigen Ländern weitestgehend aus. Ende der 80er Jahre nahm sich der Oscar- und Grammy-Award-Gewinner Isaac Hayes – der sich für den Theme-Song des Films Shaft verantwortlich zeichnet – die Melodieabfolge vor und veröffentlichte mit Ike’s Rap 2 eine Version des Songs, den wir bis heute kennen und lieben. Auf dem 1994er Debütalbum Dummy, des – aus Bristol in Großbritannien kommenden – Duos Portishead, befand sich ein Song, der für die Folgejahre richtungsweisend sein sollte. Denn mit Glory Box schaffte die Band nicht nur in Großbritannien ihren Durchbruch, sondern verbreitete den britischen Sound des Trip-Hops auch weltweit. Gleichzeitig hauchte die Frontsängerin Beth Gibbons dem Song eine Atmosphäre von Mystik, Distanz und Lethargie ein, wie wir es faszinierender nie wieder zu hören bekamen. 2001 stieß schließlich das, ebenfalls aus Großbritannien kommende, Duo I Monster auf die Liste der Interpretationen der Melodiefolge von Wallace Collection hinzu und veröffentlichte ihren Song Daydream In Blue.

Beatselfie Credit Beatsteaks
Beatselfie Credit Beatsteaks

Doch auch wenn es immer wieder Bands und Künstler gab, die diese ganz markante Melodie und das Gefühl des Songs versuchten zu kopieren, blieb Portisheads Version bis heute unerreicht. Nun haben die Beatsteaks aus Berlin die zweite Single aus ihrer, am 11. Dezember erscheinenden EP In The Presence Of herausgebracht und somit ihre Version des Portishead Songs veröffentlicht. Dabei zeigen die Beatsteaks, nach der Coverversion von Monotonie, erneut, wie hoch sie die Interpretinnen schätzen, deren Songs sie covern. Denn auch auf Glory Box behalten die Beatsteaks diese mystisch, bedrohliche Atmosphäre von Gibbons bei. Was der Band allerdings nicht gelingt und auch nicht gewollt zu sein scheint, ist die Fragiliät, die Gibbons auf Glory Box in ihre Stimme legt. Die Beatsteaks brechen behutsam aus dem lethargischen Korsett des Portishead-Songs aus und lassen mit überwältigenden Gitarrensoli und berstenden Drums eine Wand von Sound entstehen, ehe im nächsten Moment wieder alles in sich zusammenfällt und zum Gefühl des Bristoler Duos zurückkehrt. Sind mit Monotonie und Glory Box nun bereits zwei Songs der kommenden EP bekannt, halten die Beatsteak die vier noch ausstehenden Songs weiterhin streng geheim – umso größer wird die Überraschung mit jedem weiteren Release und dürfte vor der EP-Veröffentlichung bestimmt noch ein Song zur Vorabveröffentlichung drin sein.

L'aupaire feat. Martin Rott - Bubbles

L’aupaire – Musikalisch neu aufstellen

Mit Rollercoaster Girl gelang dem Gießener Musiker L’aupaire 2014 ein sensationeller Erfolg. Mit einer Mischung aus rauer und gefühlvoller Stimme und treibenden Sounds wurde er schnell vom Geheimtipp zum gefragten Act in Radioshows, auf Festivals und auf der Konzertbühne. Das dazugehörige Album Flowers landete schließlich 2016 auf Platz 51 der deutschen Albumcharts. Mit den darauf enthalten Songs wurde die Nachfrage nach dem – mittlerweile in Berlin lebenden – Musiker schließlich so groß, dass er die Reißleine ziehen musste und sich eine Auszeit nahm. Der Druck und das ständige Touren führten bei Robert Laupert zu einem Überdenken seiner Arbeit. Nach einigen Monaten ohne jegliche Gedanken an die Musik schlossen sich plötzlich Türen und öffneten sich woanders, wie der Musiker dem Gießener Anzeiger in einem Interview erzählte. Dabei kam wieder neuer Elan auf und plötzlich sprudelten die Ideen für neue Songs. Hier schloß sich auch die Tür bei dem Plattenlabel Virgin Records – bei dem L’aupaire noch sein Debütalbum veröffentlichte – und öffnete sich eine andere bei Vertigo Music. Mit Reframing folgte im August 2019 L’aupaires zweites Album für das es auch eine kleine Deutschlandtour geben sollte. Doch nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung des neuen Albums teilte L’aupaire über seine sozialen Kanäle mit, dass er auf unbestimmte Zeit keine Konzerte mehr geben kann. Dies zahnt in den Reaktionen seines Körpers, der ihm genug Zeichen gesendet habe, diesen Schritt zu gehen – so der Musiker. Wer die Songs L’aupaires kennt, wird wissen, dass alle gemein einer Intimität und Gefühlswelt entstammen, die nicht auf Hektik, hartem Abliefern und Dauer-Druck-empfinden fußen, sondern durchzogen sind, von weichen, emotionalen Gefühlen und Erlebnissen.

L'aupaire
L’aupaire

Während sich L’aupaire über die vergangenen zwölf Monate somit immer wieder freischwamm und durch Erlebnisse – wie die Geburt seines zweiten Kindes oder die Eindrücke eines Roadtrips mit seiner jungen Familie – neue Kraft fand, entstand daraus auch wieder neue Musik. Die dabei veröffentlichten Songs bilden die Vielfältigkeit des Musikers ab, wie wir es bisher kaum zu hören bekamen. Ob mit dem körperlichen Flamenco, dass von den unzähligen ersten Malen handelt, die man im Leben erlebt, oder dem unglaublich warmen Ocean Girl bei dem wir ganz persönliche Einblicke in L’Aupairs Familienleben bekommen und bei dem er über die Verantwortung für seine kleinen Kinder singt und ebenso darüber, diese Verantwortung auch wieder abgeben zu können, um sie auf ihren eigenen Weg zu schicken. Nun hat L’aupaire mit Bubbles die dritte Singles dieses Jahres veröffentlicht und einen gänzlich neuen Sound eingeschlagen. Gänzlich neu ist dabei, dass die Erstversion der Veröffentlichung ein grooviger Dancesong ist, der mit 80er-Jahre Synthies aufwartet und von Martin Rott – der bereits mit Wallis Bird, Alexa Faser, Max Giesinger und Stephanie Neigel zusammenarbeitete – einen neuen Mix erhielt. Rott hat dabei gerade erst Ende August seine Debüt-EP Circles veröffentlicht und aus L’aupaires Folk- und Blues-Sound eine tanzbare, lebensbejahende Dancepopnummer gemacht. Hierbei kommt ein Retrogefühl auf, welches uns Bilder in den Kopf setzt, wie man in den 80er-Jahren, zusammen mit seinen Freunden, zum nächsten Kiosk gegangen ist, um sich für ein paar Pfennige Süßigkeiten und Kaugummis kaufen zu können. Mit Bubbles gibt uns L’aupaire einen Eindruck von der Vielfalt, die noch in ihm schlummert und macht gleichzeitig Lust auf die kommenden Veröffentlichungen. Alles braucht seine Zeit – auch für Künstler gilt dies, um ganz bei sich selbst zu bleiben.