Shura – Zärtlich, warm und intim

Das Paradebeispiel einer neuen Selbstverständlichkeit ist die Britin Aleksandra Lilah Denton – alias Shura – nach Songs wie Indesicion2ShyWhat’s It Gonna Be auf jeden Fall. Wer so offen mit seiner Sexualität und der gleichgeschlechtlichen Liebe umgeht, ohne diese plakativ zu präsentieren und dennoch eine ganze Gemeinde hinter sich versammelt, zeigt, dass es Normalität geworden ist, Divers zu sein. In Shuras neuem Song BKLYNLDN spricht sie daher eine ganz besondere Beziehung an. Nämlich die zu einer Frau, die in New York lebt, während Shura in London wohnt. Über das Internet kennengelernt, bahnt sich alles mögliche an und es entsteht Liebe auf Distanz. Schließlich besingt sie den Schritt der Freundin, von Brooklyn in New York nach London zu ziehen. Ist der Song und das Video bis zum letzten Viertel kühl, sanft und verträumt gehalten, bricht er im letzten viertel schließlich auf und präsentiert uns den Drehpunkt in der Geschichte. Denn nun sieht sich Shura plötzlich in New York und hat selbst damit den Schritt des Umzugs gemacht, von dem sie vorher nicht ausging. Dabei verändert sich der Song zu einem smoothen Sommersound, der zwar immer noch verträumt klingt, aber mit einer aufblitzenden, positiven Grundstimmung endet. Mit BKLYNLDN kündigt Shura die erste Single aus ihrem kommenden, zweiten Album an, welches bisher weder einen Titel, noch ein Veröffentlichungsdatum hat aber eine Menge Möglichkeiten mit nur einem Song preisgibt.

Werbeanzeigen

Palace – Eine Konstante unter den Unterschätzten

Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Haben die Briten von Palace erst vor wenigen Wochen mit No Other und Heaven Up There zwei grandiose Single aus ihrem, im Sommer erscheinenden, zweiten Album Life After veröffentlicht, kommt nun mit Martyr die dritte Singles ihres sehnsüchtig erwarteten Albums auf den Markt. Und dieses Mal schreibt sich die Geschichte anders. War ihr Debüt von Dunkelheit geprägt, spielt sich Life After im Sonnenschein ab. War So Long Forever vor drei Jahren ein Winteralbum, ist es nun ein satter Sommersound. Hatten sich Palace 2016 in Selbstaufgabe und Hoffnungslosigkeit befunden, steht das neue Werk für Aufbruch, Neuanfang und Mut. Dabei hat sich ihr Sound nur im Detail verändert doch entsprechen Songs wie Break The Silence heute nicht mehr ihrem Gemütszustand. Strahlt das neue Album doch vielmehr Farbe, Lust, Energie und Kraft aus. Martyr ist dabei ein Spiel mit dem Feuer. Denn hier erzählt uns Frontsänger Leo Wyndham davon, sich von einer Person loszureißen, die einmal zu den engsten Personen zählte und nun Gift für die eigne Persönlichkeit ist. Das Spiel aus Liebe, Vertrauen und Macht lässt Martyr – voller Emotionen bekräftigt – wie eine große Ballade unter einem, in Zeitraffa vorbeiziehenden, Sternenhimmel zur Vollkommenheit werden und löst ein wohlig warmes Gefühl in uns aus.

J.S. Ondara – Eine Stimme als wahrhaftiges Seelenstreicheln

Passt eine Lebensgeschichte auf die Startseite eines Musikers? Bei J.S. Ondara ist dies so. Zugegeben sind es satte 149 Zeilen, in die der heute 26-Jährige sein bisheriges Leben packt. Vom Aufwachsen in Nairobi und seiner damit verbundenen Armut – seine Mutter und seine Geschwister hatten in Ondaras Kindheit nur das Nötigste und musten immer hart arbeiten um überhaupt etwas zu essen zu haben – über die gesellschaftlichen Regeln – gehörst du nicht zur Mittel- oder Oberschicht, wirst Du auch nicht dorthin aufschließen können – bis hin zu seiner Emigration in die USA und dem wahr werden seines Traumes, Musiker zu werden. All das finden wir in den 149 Zeilen des Musikers und bekommen ein umfassendes Bild des Musikers und Lebenskünstlers. Nun ist mit Tales Of America sein Debütalbum erschienen und präsentiert einen Longplayer mit so viel Soul, Geschichten, Emotionen und Erlebnissen, dass man sich als Hörer kaum verwehren kann sich in der Musik zu verlieren. Ondaras Stimme ist dabei die größte Gabe, die der Sänger haben kann. So klar, so direkt und präsent singt er über Liebe, Sehnsucht und Trauer und wird immer nur von einfachen Instrumenten begleitet, die wahlweise als Gitarre, mal als Cello oder einem ruhigen Schlagzeug auftreten. J.S. Ondara ist diese Art Künstler, der uns inspiriert weiter zu denken, uns zu öffnen, Gefühle zuzulassen und uns einer Entwicklung auszusetzen, indem er durch seine Musik spricht. Ondara ist zeitlos, modern und wichtig – Musik, die Freude in uns auslöst.

Walking On Cars – Mit Synthies kommt der neue Sound

Sie sind für ihre Hymnen bekannt. Mit ihrem ersten Album Everything This Way und den daraus veröffentlichten sechs Singles wie Speeding Cars, Always Be With You oder Catch Me If You Can hatten Walking On Cars ein grandioses Debütalbum veröffentlicht. War es doch gespickt mit großartigen Rockhymnen, die für das Stadion gemacht schienen. Der Erfolg, der im Anschluss folgte, bestätigte dies schließlich. Dass dieser Erfolg nicht von großen Plattenbossen kam, zeigt die Geschichte der Band. Denn hier kann man sehen, dass sie ihre Musik bereits vor ihrem Plattenvertrag mit auffällig guten Musikvideos veröffentlichte und die Songs selbst in einer Detailtreue in ihrer Heimat Irland produzierten. So konnte man, bereits bevor sie zu Virgin EMI kamen, die meisten Songs in Form von Musikvideos im Netz finden. Dieses Jahr kommen Walking On Cars mit dem zweiten Album Colours zurück und haben mit Monster Ende letzten Jahres bereits eine erste Single veröffentlicht. Nun folgt mit Coldest Water die zweite Auskopplung und überrascht mit einem Sound, der deutlich elektronischer ist. Hier schafft es die Band um Frontsänger Patrick Sheehy Alternative, Pop und Elektropop so zusammenzubringen, dass daraus eine frische aber doch auch neue Farbe der Band zum Vorschein kommt. Mit Coldest Water zeigen Walking On Cars eine angenehm neue Seite, ohne ihren Fans der ersten Stunde zu viel zuzumuten.

Fisher – Es braucht nur einen Song

Was macht man, wenn man einen Song produziert hat, den auf Festivals spielt und irgendwann merkt, dass er eine eigene Dynamik entwickelt hat und von vielen DJ’s als Bootleg aufgegriffen wird? Richtig – man veröffentlicht ihn selbst. So ist die Geschichte des Hits Losing It des australischen DJ’s und Produzenten Paul Nicholas Fisher – alias Fisher – in Kurzform zusammengefasst. Dabei erstaunt, dass es Losing It schon seit fast zwei Jahren gibt und erst im Sommer 2018 so richtig zündete. So war Losing It auf jedem Festival zu hören und schaffte es schließlich sogar in die offiziellen Singlecharts in Großbritannien, Schottland, Australien, Irland, Belgien, Ungarn und Neuseeland. Dass der Track nun auch den Mainstream erreicht hat, zeigen die Airplaycharts, in denen Losing It stetig nach oben steigt. Losing It folgt dabei einem so einfachen wie effektiven Muster eines typischen Ohrwurms. Denn wird die Textzeile I’m Losing It… gefühlt ununterbrochen wiederholt, legt sich ein derber Housebeat über die Stimme und lässt den Track düster und brachial klingen. Für Fisher ist Losing It die erste Chartnotierung überhaupt und darf sich darüber hinaus auch gleich, durch die Nominierung des Grammy Gremiums auf einen Grammy in der Kategorie Best Dance Recording freuen. Wir drücken Fisher dafür die Daumen!

Lana Del Rey – Pianoballade mit verschachtelter Geschichte

Lana Del Rey hat es in den vergangenen acht Jahren zu einer Art Vamp im Musikbusiness geschafft – immer im Mainstream abspielend, hält sie den Eindruck einer Musikerin, die da nie rein gehört. Durch die nostalgisch und retro-wirkenden Produktionen und mit ihrem gemächlichen – fast schon lethargischen – Auftreten ist Lana Del Rey bis heute – trotz zurückgehender Verkaufszahlen eine der ganz großen Musikerinnen unserer Zeit. Mit ihrer neuen Single Hope Is a Dangerous Thing for a Woman like Me to Have – but I Have It könnte sie nicht nur Anwärterin auf den längsten Songtitel der Geschichte werden, sondern gibt uns gleich auch einen Vorgeschmack auf ihr neues, Ende März erscheinendes, sechstes Studioalbum Norman Fucking Rockwell. Zugleich ist Hope is a Dangerous Thing… eine ungewohnte stripped-down Ballade, die nur mit einem Klavier und Del Reys Stimme auskommt. Kennt man Balladen von ihr doch sonst vorrangig mit theatralisch, untersetzten Soundbetten, ist auf Hope is a Dangerous Thing… alles noch ein wenig reduzierter. Genau das übt den Reiz aus, Del Reys Musik zu lauschen und sich in ihr regelrecht zu verlieren. So schafft sie es immer wieder, den Hörer aus der hektischen Welt zu entführen und zu sich selbst zu bringen – und das im Mainstream, ganz ohne Mainstream zu sein.

Ex:Re – Wenn Daughters Stimme zum Soloprojekt wird

Hört man die ersten Sekunden des Songs Romance, fühlt man sich unweigerlich an das britische Indie-Trio Daughter erinnert – ist die Stimme der Sängerin, hinter dem kryptischen Namen Ex:Re doch genauso zart und ruhig. Und natürlich kommt dieser Vergleich nicht von ungefähr, denn wer ein Fan Daughters und von Frontsängerin Elena Tonra ist, wird wissen, dass Ex:Re ihr neues Soloprojekt ist. Hier zeigt sich Tonra nochmals deutlich introvertierter, als bei Daughter. Dabei ist die Single zum selbst betitelten Debütalbum Ex:Re eine Offenbarung an den Moment eines Beziehungsendes. Die daraus entstandene Leere ist noch nicht gefüllt oder gekittet und lässt die Gefühle in einer Art Lethargie zurück. Mit den Worten Romance is dead and done. And it hits between the eyes on this side. The grass is dead and barren. And it hurts between my thighs on this side durch den Refrain führend, erzählt Tonra auf fast sieben Minuten Musik, ihre Geschichte von einer Trennung, die immer noch zu spüren ist. Dabei klingt sie so zerbrechlich, traurig aber auch wunderschön und lässt uns an diesem Gefühl teilhaben und ebenfalls Leere, Wärme und Schmerz empfinden. Gab es bisher nur einen Liveauftritt als Ex:Re in London, dürfen wir auf weitere Termine im neuen Jahr hoffen. Bis dahin wird das Album wohl so einige Male auf Repeat gespielt.

Elton John – Das ultimative Weihnachtsgefühl

Im Herbst 1970 veröffentlicht, hat Your Song von Elton John nunmehr fast 50 Jahre hinter sich. Dabei stellt er eine Art Evergreen dar, der durch die Popgeschichte wandert und immer wieder einer Neuinterpretation anderer Künstler dient. Als größte Erfolge sind hierbei die Versionen von Rod Stewart (1992), Ellie Goulding (2010) und Lady Gaga (2018) zu nennen, die sich allesamt in den Charts verschiedener Länder platzieren konnten. Dabei übertraf vor allem die Version Ellie Gouldings den Erfolg des Originals um das Doppelte im Heimatland Johns. Dies hatte allerdings nicht allein etwas mit Gouldings fantastischer Interpretation zu tun, sondern lag vor allem daran, dass die britische Warenhauskette John Lewis für seinen jährlichen Weihnachtsclip Gouldings Version auswählte. In dieser Tradition werden immer wieder äußerst bekannte Originale von Künstlern gecovert und als Balladen in der dazugehörigen Weihnachtswerbung des Kaufhauses verwendet. Dieses Jahr bricht die Warenhauskette allerdings mit dieser Regel und lässt – den zum britischen Kulturgut gehörenden – John selbst seinen 48 Jahre alten Song in der Werbung erklingen. Dabei mimt John ebenfalls sich selbst und sehen wir seinen Werdegang und die herausragenden Momente des Songs rückwärts abspielen, bis zu dem Punkt, an dem der vier- oder fünfjährige John Anfang der 50er Jahre zu Weihnachten ein Klavier geschenkt bekommt. Diese Minuten der Retrospektive und der Abfolge von emotionalen Erinnerungen münden in einem so warmen Gesichtsausdruck Johns, der einem in nur zwei Sekunden die Geschichte eines Lebens erzählt. Mit diesem Weihnachtsclip hat die Warenhauskette einmal mehr geschafft, was viele immer wieder zur Weihnachtszeit suchen. Herzlichkeit, Wärme und Zufriedenheit auszustrahlen und das mit einem Song, der diese Gefühle seit fast 50 Jahren ebenso transportiert.

The Blaze – Gewaltiges Glück, gewaltiger Schmerz

Die Bildsprache, der Sound, die Geschichten – das alles im Zusammenspiel präsentieren die beiden Cousins Jonathan und Guillaume Alric mit ihrer Band The Blaze. Dabei lassen sie Eindrücke und Gefühle entstehen, die von Wärme, Zuneigung, Trauer, Herzlichkeit, Aggression und Liebe handeln. Ihre kräftige Bildsprache erzählt kleine Kurzgeschichten, wie die in Territory. Hier geht es um einen Migranten, der aus Frankreich in seine Heimat – Algerien – zurückkehrt. Bei Virile erzählen die beiden Pariser die Geschichte einer männlichen Freundschaft, die durch Gemeinsamkeiten und Lebensfreude mehr als nur zwei Freunde darstellt. Auf Queen wiederum, dreht sich alles um die innige Freundschaft unter zwei jungen Frauen, die in einem Trailerpark leben und mit einer stets aggressiven Grundstimmung ihre Freundschaft bemessen. Das Gefühl – mit der besten Freundin – die Welt zu erobern, stärker als der Rest Dieser zu sein oder sich auch ganz einfach beweisen zu müssen, ist für den Ein oder Anderen sicherlich nicht unbekannt. Auf Queen wird jedoch die Zerbrechlichkeit dieser Beziehung deutlich und die Bedeutung derer in eindrucksvolle Bilder gepackt. Dabei klingt die Musik von The Blaze emotional, nostalgisch, ist aber immer auch tanzbar – und damit das Ziel der Band erreicht. Mit tiefem, gepitchten Gesang, treibenden French-House-Beats und einer Popanleihe verknüpfen The Blaze verschiedene Elemente zu einem hypnotisierenden Dancesound und erreichen uns damit auf verschiedenen Ebenen. Ihr Debütalbum Dancehall ist bereits im September erschienen und wird im kommenden März mit Konzerten in München (05. März 2019) und Berlin (18. März 2019) auch live zu erleben sein.

The Good, The Bad & The Queen – Goodbye Europe

Damon Albarn tanzt bekanntlich auf vielen Hochzeiten. Sei es als Solokünstler, als Mitglied von den Gorillaz oder Blur oder als Teil der Supergroup The Good, The Bad & The Queen. Mit letzterer Band ist Albarn nun wieder zurück. So veröffentlichte die vierköpfige Band am vergangenen Freitag – elf Jahre nach deren gleichnamigen Debütalbum – nun mit Merrie Land ihr zweites Studioalbum, das geprägt vom Brexit mit einem kritischen und irritierenden Blick auf die Geschehnisse in ihrem Land eine Stimmung aufgreift, die alles noch absurder wirken lässt. So beschreibt Paul Simonon, vormals als Bassist von The Clash bekannt, ihre Musik als Anspielung auf die nostalgische, sentimentale Vision der Menschen, wie England einst war – die es aber nie wirklich gegeben hat. Mit Drummer Tony Allen und Gitarrist und The Verve Keyboarder Simon Tong haben Albarn und Simonon ein Album produziert, das wie ein Abgesang auf die Zukunft klingt. Mit dem allseits gegenwärtigen Goodbye-Gefühl klingen die beiden Singles Gun To The Head und Merrie Land nach einer resignierenden Bevölkerung, die ihrem Übel müde entgegenblickt. Da werden die Songzeilen If you’re leaving can you please say goodbye. And if you are leaving can you leave your number. I’ll pack my case. And get in a cab. And wave you goodbye fast schon süffisant von Albarn intoniert. So, dass man sich kurzzeitig genötigt sieht, die Briten an die Hand zu nehmen und aufs Festland und an sich reißen zu wollen. The Good, The Bad & The Queen sind nach über einer Dekade mit einem politisch brisanten, zweiten Album zurück und werden so ein Teil der Geschichte des Verlassens von Großbritannien aus der EU sein.