Passenger - Sword From The Stone

Passenger – Musik in unglaublicher Schlagzahl

Es ist fast schon verrückt – in was für einer Schlagzahl der britische Singer/Songwriter Passenger seine Musik veröffentlicht. Seit 2014 erschien jedes Jahr ein neues Album. Erst 2012 hatte er mit dem Song Let Her Go von seinem fünften Album All The Little Things den großen Durchbruch. Sein siebtes Studioalbum Young As The Morning, Old As The Sea (2016) erreichte mit der Single Hell Or High Water dann erstmals die Spitzenposition der britischen Albumcharts. Mit Sometimes It’s Something, Sometimes It’s Nothing At All (2019) und Patchwork (2020) veröffentlichte Michael David Rosenberg zuletzt zwei Alben, dessen Einnahmen er komplett an Hilfsorganisationen spendete. Die Einnahmen von Sometimes It’s Something, Sometimes It’s Nothing At All gingen hierbei an Shelter – eine Organisation für Obdachlose in England und Schottland. Mit Patchwork spendete Passenger die kompletten Einnahmen an Essensausgaben im Land. Nun ist der 36-jährige Sänger mit dem neuen Album Songs For The Drunk And Broken Hearted zurück und veröffentlicht mit Sword From The Stone heute die Leadsingle des Albums. An dieser hat kein Geringerer als Ed Sheeran mitgearbeitet und den Track – für eine deutlich radiotauglichere Version – neu produziert.

Passenger - Photo by Mila Austin
Passenger – Photo by Mila Austin

Sheeran und Passenger sind dabei bereits seit Jahren gute Freunde und im regen Austausch. Mit gewohnt ruhigen Gitarren und Passengers markant, zittriger Stimme ist Sword From The Stone ein wunderbarer Begleiter durch eine schwere Zeit. Ursprünglich wollte Passenger sein 13. Album bereits letztes Jahr rausbringen, was er durch Produktionsschwierigkeiten, die durch die Pandemie verursacht wurden, verschieben musste. Schließlich – von den Eindrücken der Pandemie überwältigt – überarbeitete der Brite sein Album und schmiss drei Songs von der ehemals fertigen Platte, um drei neu geschriebene mit draufzupacken. Diese sind von den Erlebnissen des Jahres 2020 geprägt und geben dem Album noch einen deutlich aktuelleren Bezug. Auf Sword From The Stone im Gingerbread Mix – hinter dem sich der rothaarige Sheeran verbirgt – hören wir eine deutlich schnellere Version des Originalsongs und erkennen hier deutlich Sheerans Schriftzug. Beide Versionen gehen in unterschiedliche Richtungen und transportieren damit – ob des gleichen Textes – unterschiedliche Gefühle. Passenger ist ein Jongleur der emotionalen Hymnen und spielt sich aufs Neue mit Sword From The Stone in unsere Herzen.

London Grammar - Lose Your Head

London Grammar – Rauschen des Meeres

Es ist bereits die dritte Singleauskopplung, aus ihrem, sehnlichst erwarteten, dritten Studioalbum Californian Soil. Nach Baby It’s You und dem Titelsong Californian Soil haben London Grammar nun mit Lose Your Head die dritte Single ausgekoppelt und vermischen sich mit den Sounds ihrer letzten beiden Alben und den Tiefen ihrer ganz persönlichen Erfahrungen. So haben die drei Musiker auf kalifornischen Boden an dem neuen Album gearbeitet und sehr viel Selbstreflexion betrieben. Herausgekommen ist bei Hannah Reid die Erkenntnis, dass sie und ihre Bandkollegen etwas unglaublich großes und emotional wertvolles erschaffen, allerdings das Gefühl haben, teilweise fremdbestimmt zu sein. Im Tonstudio mit Produzent George FitzGerald hat die Band nun daran gearbeitet, diese Vielschichtigkeit und die Zweifel herauszuarbeiten und gleichwohl auch den Wachstum der Band musikalisch wiederzugeben. Herausgekommen sind Songs, die unwirklich schön und ungewohnt elektronisch sind. Auf Lose Your Head hören wir einen Pulsschal aus Beats, der sich um Reids Stimme legt und mit ihr zu einem Schwall aus Emotionen heranwächst.

London Grammar
London Grammar

Schließlich geht das Anschwellen in eine, von Trompeten, Streichern und Perkussions geprägte Auflösung über und lässt den Song durch seine Opulenz scheinen. Hinter dem Song steckt der Gedanke, die Energie und Kontrolle in einer Beziehung zu beschreiben. Trotz des dunklen Songtextes wollte das britische Trio den Song in einer Upbeat-Version haben und arbeiteten schließlich all diese kräftigen Feinheiten des Songs heraus. London Grammar lassen uns als Hörer immer wieder den Moment des sich-verlierens erleben und steuern mit ihrer Musik und Hannah Reids Gesang einen enormen Teil dazu bei, sich immer wieder aufs Neue in die Band und ihre Songs zu verlieben. Mit der Veröffentlichung von Lose Your Head haben London Grammar nun mitteilen müssen, dass sie Californian Soil, das ursprünglich am 13. Februar erscheinen sollte, um zwei Monate nach hinten schieben müssen und nun am 9. April erscheinen wird. Mit den bereits bekannten Songs lässt sich aber immer deutlicher feststellen, dass das neue Album eine Richtungsänderung vornimmt, die Lust auf mehr macht.

Graeme James - No Memories Of Tomorrow

Graeme James – Die Ruhe im Sturm

Es sind diese Momente im Leben, die einem den Boden unter den Füßen wegreißen und uns klar machen, dass wir untergehen oder stark sein müssen, um diese Erfahrungen zu überstehen. Während man sich den Zeitpunkt dieser Erfahrungen zumeist nicht aussuchen kann, kann man sich aber mit Hilfe der Jahreszeiten in eine Gefühlslage versetzen, die solchen Erfahrungen nahe kommt. So hat es auch der neuseeländische Singer/Songwriter Graeme James gemacht und ist vom anderen Ende der Welt in die Niederlande gezogen. Hier hat James dem schwarzen und dunklen Winter Europas entgegengesehen und auf sein Innerstes gehört. Herausgekommen ist die EP The Weight of Many Winters, die vom Tod, von Schwäche und Verzweiflung handelt. Dieser EP hört man die Trauer, die Last und den Schmerz, den James mit sich herumträgt und sich in seiner Musik ausdrückt, an. Dabei ist interessant, dass James mit zwei gegensätzlichen Werkzeugen spielt. Während seine Musik zumeist melancholisch, minimalistisch und beruhigend klingt, ist dies in seiner Stimme deutlich weniger häufig zu hören und baut James mit einer – fast schon – euphorisch, hellen Stimmlage auf die Hoffnung, die letztendlich alles durchzieht. Mit der ersten Single No Memories Of Tomorrow aus der, am 1. Januar 2021 erscheinenden EP The Weight of Many Winters, teilt James dann auch gleich eine sehr persönliche Erinnerung an vergangene Winter.

Graeme James - The Weight of Many Winters
Graeme James – The Weight of Many Winters

Mit dem Post eines alten Bildes, auf dem man den Musiker mit seinem jüngeren Bruder an einem Wintertag auf einer niederländischen Straße sieht, schreibt der Musiker Für immer her: Mein kleiner Bruder und ich spielen im Schnee, nur wenige Kilometer von meinem heutigen Wohnort in den Niederlanden entfernt. Es ist seltsam, wie eine Erinnerung in einem Kopf so klar sein kann und dennoch so aussieht, als wäre sie aus einem anderen Leben. Meine neue Single No Memories Of Tomorrow wurde im Winter geschrieben und ist eine persönliche Retrospektive, in der ich mein Leben aus der Perspektive eines Menschen in den letzten Tagen erkunde – in der Wintersaison des Lebens. Es ist ziemlich real. Diese Worte sitzen so tief, dass sie ein Mitgefühl erzeugen, welches aus unseren eigenen Erfahrungen von Verlusten geprägt ist. Graeme James schafft es mit seiner Musik, eine melodische Nebensächlichkeit und gleichzeitig hochemotionale Gewichtung zu vermitteln und streichelt uns mit seinem sanften Folk-Sound die Seele. The Weight of Many Winters ist die zweite EP aus seinem 4-EPs umfassenden Vier-Jahreszeiten-Projekt, unter dem bereits im September mit Old Storms in New Places die ersten Herbst-EP mit sechs Songs veröffentlicht wurde. The Weight of Many Winters ist nun die Winter-EP und zeigt uns einen Winter, der emotionaler nicht sein könnte.

L'aupaire feat. Martin Rott - Bubbles

L’aupaire – Musikalisch neu aufstellen

Mit Rollercoaster Girl gelang dem Gießener Musiker L’aupaire 2014 ein sensationeller Erfolg. Mit einer Mischung aus rauer und gefühlvoller Stimme und treibenden Sounds wurde er schnell vom Geheimtipp zum gefragten Act in Radioshows, auf Festivals und auf der Konzertbühne. Das dazugehörige Album Flowers landete schließlich 2016 auf Platz 51 der deutschen Albumcharts. Mit den darauf enthalten Songs wurde die Nachfrage nach dem – mittlerweile in Berlin lebenden – Musiker schließlich so groß, dass er die Reißleine ziehen musste und sich eine Auszeit nahm. Der Druck und das ständige Touren führten bei Robert Laupert zu einem Überdenken seiner Arbeit. Nach einigen Monaten ohne jegliche Gedanken an die Musik schlossen sich plötzlich Türen und öffneten sich woanders, wie der Musiker dem Gießener Anzeiger in einem Interview erzählte. Dabei kam wieder neuer Elan auf und plötzlich sprudelten die Ideen für neue Songs. Hier schloß sich auch die Tür bei dem Plattenlabel Virgin Records – bei dem L’aupaire noch sein Debütalbum veröffentlichte – und öffnete sich eine andere bei Vertigo Music. Mit Reframing folgte im August 2019 L’aupaires zweites Album für das es auch eine kleine Deutschlandtour geben sollte. Doch nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung des neuen Albums teilte L’aupaire über seine sozialen Kanäle mit, dass er auf unbestimmte Zeit keine Konzerte mehr geben kann. Dies zahnt in den Reaktionen seines Körpers, der ihm genug Zeichen gesendet habe, diesen Schritt zu gehen – so der Musiker. Wer die Songs L’aupaires kennt, wird wissen, dass alle gemein einer Intimität und Gefühlswelt entstammen, die nicht auf Hektik, hartem Abliefern und Dauer-Druck-empfinden fußen, sondern durchzogen sind, von weichen, emotionalen Gefühlen und Erlebnissen.

L'aupaire
L’aupaire

Während sich L’aupaire über die vergangenen zwölf Monate somit immer wieder freischwamm und durch Erlebnisse – wie die Geburt seines zweiten Kindes oder die Eindrücke eines Roadtrips mit seiner jungen Familie – neue Kraft fand, entstand daraus auch wieder neue Musik. Die dabei veröffentlichten Songs bilden die Vielfältigkeit des Musikers ab, wie wir es bisher kaum zu hören bekamen. Ob mit dem körperlichen Flamenco, dass von den unzähligen ersten Malen handelt, die man im Leben erlebt, oder dem unglaublich warmen Ocean Girl bei dem wir ganz persönliche Einblicke in L’Aupairs Familienleben bekommen und bei dem er über die Verantwortung für seine kleinen Kinder singt und ebenso darüber, diese Verantwortung auch wieder abgeben zu können, um sie auf ihren eigenen Weg zu schicken. Nun hat L’aupaire mit Bubbles die dritte Singles dieses Jahres veröffentlicht und einen gänzlich neuen Sound eingeschlagen. Gänzlich neu ist dabei, dass die Erstversion der Veröffentlichung ein grooviger Dancesong ist, der mit 80er-Jahre Synthies aufwartet und von Martin Rott – der bereits mit Wallis Bird, Alexa Faser, Max Giesinger und Stephanie Neigel zusammenarbeitete – einen neuen Mix erhielt. Rott hat dabei gerade erst Ende August seine Debüt-EP Circles veröffentlicht und aus L’aupaires Folk- und Blues-Sound eine tanzbare, lebensbejahende Dancepopnummer gemacht. Hierbei kommt ein Retrogefühl auf, welches uns Bilder in den Kopf setzt, wie man in den 80er-Jahren, zusammen mit seinen Freunden, zum nächsten Kiosk gegangen ist, um sich für ein paar Pfennige Süßigkeiten und Kaugummis kaufen zu können. Mit Bubbles gibt uns L’aupaire einen Eindruck von der Vielfalt, die noch in ihm schlummert und macht gleichzeitig Lust auf die kommenden Veröffentlichungen. Alles braucht seine Zeit – auch für Künstler gilt dies, um ganz bei sich selbst zu bleiben.

Lui Hill - Creatures

Lui Hill – Was ist passiert?!

Mit I Owe You hatte Lui Hill im Sommer 2019 einen emotionalen Song veröffentlicht, der sich an seine an Demenz erkrankte Mutter richtete. Damit hat er ihr sein persönliches Denkmal gesetzt und einen kleinen Teil von dem, was sie für ihn geleistet hat, zurückgeben wollen. Nach diesem Song wurde es allerdings wieder ruhiger um den musikalischen Tausendsassa. Dass er allerdings keine Eintagsfliege ist, zeigt sich, schaut man sich den Werdegang von Hill einmal an. Bereits vor über zehn Jahren machte Hill – damals noch in Darmstadt lebend – Musik auf allen Ebenen. Ob als Veranstaltungsinitiator, als Songwriter, Produzent oder einfach nur zum Beisteuern eines Instrumentes – Hill bedient alles. Schließlich nahm er 2009 sogar am Bundesvision Song Contest von Stefan Raab teil und war ein Mitglied der Formation Flowin Immo et les Freaqz. Nachdem er auf I Owe You die Geschichte seiner Eltern verarbeitet hat, folgt nun mit dem Song Creatures die Bewältigung seiner ganz eigenen, inneren Kreaturen. Damit ist nicht etwa gemeint, dass wir in uns etwas Böses tragen, sondern sind vielmehr die verschiedenen Charaktere, die ab und zu ausbrechen müssen, besungen.

Lui Hill - Photo by Nicolas Blanchadell
Lui Hill – Photo by Nicolas Blanchadell

Dass dieser, so ungewöhnliche, Song gerade jetzt veröffentlicht wird, liegt an der Pandemie und dem damit verbundenem Auseinandersetzen mit sich selbst. So beschreibt Hill den Moment, an dem er plötzlich aufhören musste, mit seinem Auftritten wie folgt: Ich war auf Tournee, und ganz plötzlich war der Lärm um mich herum weg, das ständige Geräusch, das ich als normal empfand. Diese überwältigende Stille machte Stimmen hörbar. Ich konnte vorher nichts hören. Ich nannte sie Kreaturen. Einige von ihnen sind beunruhigend und beängstigend, andere ermutigend und sanftmütig und hatten eine Menge Weisheiten. Ich versuchte, mich mit allen anzufreunden. Musikalisch bricht Hill dabei völlig mit seinem bisherigen Sound und präsentiert uns einen French-House Song par excellence. Hier treffen wunderbare Housebeats, auf einen hypnotisierenden Refrain, der nur mit den wenigen Worten Calling the creatures I do have inside auskommt. Creatures ist unglaublich groovig und erinnert tatsächlich an die französischen Helden des French-House-Sounds Justice. Lui Hill hat innerhalb eines Jahres zwar nich viele Songs veröffentlicht, dabei aber zwei so bemerkenswerte, dass man sich gespannt fragt, was die, für das Frühjahr 2021 angekündigte, EP noch alles bereithalten wird.

Axel Flóvent - You Stay By The Sea

Axel Flóvent – Eine Stimme, wie ein Streichen der Seele

Was tragen die Bewohner skandinarvischer Länder in sich, dass von ihnen so viel tiefgründige, berührende Musik ausgeht. Ob Ásgeir, Sigur Rós, Freyr oder Albert af Ekenstam – nur um einige zu nennen. Alle liefern uns einen Sound, der so tiefgreifend ist und uns emotional einfach enorm berührt. Hier hören wir gebrochene Seelen, wieder auferstehende Persönlichkeiten, die Weite der dünn besiedelten Länder und etwas zurückgezogenes. Auch bei dem Isländer Axel Flóvent erkennen wir all diese Attribute in seiner Musik wieder. Dabei ist der Singer/Songwriter lange gereist, um seinen Lebensmittelpunkt zu finden. Aus dem isländischen Húsavik kommend, das gerade einmal knapp 2.300 Einwohner zählt, zog es in in die Niederländische Hauptstadt Amsterdam. Hat er hier zwar einen Plattenvertrag unterzeichnen können, war ihm die Stadt zu groß. So zog er auf die andere Seite des Ärmelkanals, ins Südenglische Brighton und musste schließlich auch hier feststellen, dass es für ihn keinen emotional reicheren Ort gibt, als seine Heimatstadt. So zog es ihn also wieder nach Húsavik zurück, wo er die Ruhe, die Einsamkeit und die Melancholie wiederfand, um sich an sein Debütalbum zu setzen.

Axel Flóvent - Photo by Magnus Andersen
Axel Flóvent – Photo by Magnus Andersen

Herausgekommen ist You Stay By The Sea, das am 15. Januar 2021 erscheinen wird. Dieses ist mit zwölf eindrucksvollen Songs versehen, die alle unsere innersten Gefühle wachrütteln. Plötzlich sehen wir auf eine kalte See, stehen am Strand im Winter und fühlen den eisig, frischen Wind auf unserer Haut – der mal wie Nadeln sticht, mal erfrischen belebend wirkt. Dabei ist gar nicht wichtig, was wir sehen, wenn wir die Musik Flóvents hören. Vielmehr ist es das, was wir vor unserem inneren Auge sehen und was sich in unserem Kopf abspielt, welches die Musik des jungen Isländers ausmacht. Allesamt bedeuten die Songs einen wertvollen und emotionalen Reichtum an Wahrhaftigkeit, die wir viel zu oft in der Musik suchen. Axel Flóvent öffnet bei uns mit seinen Songs eine Tür zur Reflexion, zum Austausch zwischen unserem äußeren und inneren Ich und transportiert so wunderbar pur die Gefühle, der er gehabt haben muss, als er die Songs schrieb. Hier gibt es nicht einen der zwölf Songs, der auch nur in die Nähe eines mittelmäßigen Songs oder gar darunter kommen würde und verspricht nicht weniger, als eines der angesehensten Folk- und Singer/Songwriter-Alben zu werden, die der Winter 2020/2021 zu bieten hat.

Clueso - Aber Ohne Dich

Clueso – Packende Lyrics zu frischen Beats

Mit seinen letzten Veröffentlichungen Sag Mir Was Du Willst, Tanzen und Flugmodus überraschte der Erfurter Singer/Songwriter mit ungewohnt beatlastigen Sounds. War es auf Sag Mir Was Du Willst die musikalische Referenz an den Hip-Hop-Sound seiner Anfangstage, ertönten auf Tanzen orientalisch anmutende Flötenspiele, ehe mit Flugmodus ein satter Sommerhit veröffentlicht wurde. Nun hat Clueso mit Aber Ohne Dich die vierte Single in diesem Jahr veröffentlicht und geht dieses Mal in die Tiefe. Denn mit Aber Ohne Dich behandelt Clueso das Thema der Trennung. In dem Stadium befindend, zwischen dem Beziehungsende und dem Moment, noch kein glücklicher Single zu sein, beschreibt Clueso in dem Song diese Zwischenwelt, die geprägt von Gefühlsstürmen ist. Mal ganz zuversichtlich und stark in die Zukunft blickend, mal ein emotionales Wrack seiend – all diese Momente kennen wir nur zu gut und verlieren uns hier und da auch mal gerne im Selbstmitleid. Geschrieben hat Clueso den Text zu Aber Ohne Dich zusammen mit Baris Aladag, der auch schon am großartigen Song Gewinner beteiligt war. Gleichzeitig ist Aladag auch ein guter Freund Cluesos und zeichnet sich neben den Lyrics zu Aber Ohne Dich in seiner eigentlichen Tätigkeit als Regisseur für die Musikvideos Gewinner, Freidrehen, Wenn Du Liebst und Du und Ich aus.

Clueso
Clueso

Produziert wurde Aber Ohne Dich von Alexis Troy, der vor allem als Produzent für Gangsta-Rap bekannt ist. Hier hatte sich Clueso ganz unkonventionell im Januar 2019 an den Produzenten gewandt und gefragt, ob er Bock habe, mit dem Thüringer zusammenzuarbeiten. Hatte er – wie wir nun hören können. Aber Ohne Dich ist eine soulige Ballade, die mit einem entspannten aber schnellen Beat im Kontrast zum Gefühl des Songs steht. Dieser wirkt, als würde er sich in einer Blase abspielen, in der man drinnen nicht hört, was draussen passiert. Genau dieses Gefühl eben, welches wir haben, wenn wir uns in der Zwischenwelt nach einem Beziehungsende und vor dem glücklichen Single sein befinden. Auffällig ist, dass – bis auf Sag Mir Was Du Willst, der 3:03 Minuten geht – alle Songs unter 3 Minuten lang sind und sich somit vermutlich am Trend des Streamingmarktes orientieren, der besagt, dass Songs immer kürzer sein müssen, um Erfolg zu haben. Aber Ohne Dich hätte es gut gestanden, auch noch eine Minute länger zu gehen und lässt weiter hoffen, dass auch wieder längere Songs des Sängers veröffentlicht werden. Mit der neuen Single ist gleichzeitig auch die 4-Track EP Aber Ohne Dich erschienen, die alle vier nun veröffentlichte Songs enthält. 2020 war ein reges Jahr für Clueso, wir sind gespannt, was der Musiker 2021 für uns bereithält.

Kristofer Åström - Hard Times

Kristofer Åström – Der Wunsch eines unbeachteten Jungen nach Anerkennung

Es gibt Gesichter, die schaut man sich an und kann so unglaublich viel darin lesen. Doch nicht etwa durch ein extrovertiertes Auftreten oder die Falten, die von einem bewegten Leben sprechen. Hier sind es die Augen und die Mimik, die eine Geschichte erzählen, der man gerne und andächtig zuhört. Der Schwede Kristofer Åström hat so ein Gesicht – das vieles sagt. Dabei trifft es sich gut, dass auch seine Stimme eine unglaubliche Tiefe vermittelt. Mit einer Mischung aus dem epischen Gefühl einer Highschoolband, wie Lifehouse oder dem erwachsenen Timbre eines Fink vermischen sich bei Åström die Gefühle. Dabei schwebt immer eine Bedächtigkeit, sowie Erhabenheit mit in seiner Musik. Auf der aktuellen Single In The Daylight erzählt uns der Sänger von einem 16-jährigen Schuljungen, der nicht der angesagte Junge der Schule war, sondern vielmehr Abseits stand. Gleichzeitig aber den Wunsch hegte, von dem angesagtesten Mädchen wahrgenommen zu werden. So entsteht im Verlaufe des Songs ein Zwiegespräch über all die Eventualitäten, die eintreten könnten, wenn er sich nur trauen würde, dieses Mädchen anzusprechen. Gleichzeitig wächst die Angst, sich zu öffnen und angreifbar zu machen. In The Daylight erzählt von dem Moment, an dem ein zurückgezogener Junge auf dem Schulhof alleine am Zaun steht und auf das Mädchen guckt, dass umringt von all ihren Freundinnen und beobachtet von den coolen Jungs, den Moment genießt, während der Junge das Gefühl von Einsamkeit erfährt.

Kristofer Åström Photo by Ellika Henrikson
Kristofer Åström Photo by Ellika Henrikson

Dabei trifft Åström die Atmosphäre so gut mit seinem Klavier, der zurückhaltenden Gitarre und dem gleichmäßigen Drums, dass man auch ohne diese bildliche Vorstellung in einen Gemütszustand der Ruhe und des Überlegten kommt. Dann setzt der Gesang kurz aus und man hört dem wunderschönen wiederholenden Klavierspiel zu, welches gleichzeitig von einer gewissen Heiterkeit umgeben ist. In The Daylight ist die aktuellste Single aus Åströms neuen und zehnten Studioalbum Hard Times, welches am 6. November erscheinen wird. Und obwohl Åström selbst behauptet nicht nostalgisch zu sein oder zu sehr in der Vergangenheit zu leben, sehen andere Menschen in meinen Songs diese Art von Referenzen. Ich denke darüber nicht all zu viel nach. Ich bin einfach nur ein Songwriter, der seine Songs schreibt. Es kommt nicht von ungefähr, diese Assoziation aufzubauen, hört man sich Åströms Musik an. Auf Hard Times treffen wir auf eine Menge dieser Gefühle, die sich nicht abschütteln lassen und uns immer wieder in die Position des Betrachtenden bringen und Erinnerungen aufleben lassen. Mit In The Daylight zeigt uns der Schwede so sanft und warm, wie schön Erinnerungen sein können, die uns einst so sehr das Herz gebrochen haben aber heute für die intensivsten und emotionalsten Erinnerungen sorgen.

Møme & Ricky Ducati - They Said

Møme feat. Ricky Ducati – Klebrig süße 80s-Ballade

Vor etwas mehr als drei Monaten veröffentlichte der französische DJ und Produzent Møme mit dem US-amerikanischen Sänger Ricky Ducati den 80s-Discohit Got It Made, der so sehr an die Disco-Hochzeit erinnert, wie man es zuletzt durch The Weeknds Blinding Lights hören konnte. Fast ein wenig an die großen Hits der Scissor Sisters erinnernd, stampften die Beats zu einer Falsettstimme Ducatis. Bereits im Sommer kündigten die beiden ein gemeinsames Album an, das vielversprechend werden sollte. Nun haben Møme und Ducati mit They Said einen weiteren Song veröffentlicht, der auf dem kommenden Album Flashback FM enthalten sein wird. Musikalisch gehen die beiden auf They Said noch einen Schritt weiter in die 80er Jahre und arbeiten sich durch eine schnelle, klebrig-süße Synthieballade, die durch Ducatis Gesang so herzzerreissend niedlich klingt, dass man sich auf eine Abschlussparty einer US-amerikanischen Highschool versetzt fühlt. Mit vielen Slow-Motion-Szenen und einem Aussenseiter, der sich in das schönste Mädchen aller Abschlussklassen verliebt hat, kennen wir diese Szenen nur zu gut aus unzähligen Serien und Filmen.

Møme & Ricky Ducati
Møme & Ricky Ducati

Wichtig bei allen Szenen – ist die passende Musik, die im Bestfall nicht zu theatralisch und kitschig klingt. In Perfektion präsentiert wurde dies in der finalen Episode der Netflix-Serie 13 Reasons Why, die mit dem Song The Night We Met von Lord Huron die finale Episode der zweiten Staffel beendet wurde. Es ist davon auszugehen, dass Møme und Ducati nicht beabsichtigt haben, mit ihrer neuen Single einen solchen Moment zu kreieren, doch passt auch hier der seichte Beat mit dem nostalgisch, emotionalen Sound so perfekt zu einem melancholisch, befreienden Moment eines solchen Kalibers. Gleichzeitig atmet They Said eine luftig, sommerliche Brise ein, die an unbeschwerte Momente erinnert. Mit der passenden Melancholie in Ducatis Stimme bleibt They Said dennoch treibend und tanzbar und lässt sich wunderbar als Soundtrack eines Roadtrips nutzen. Bisher ist das Album Flashback FM nur relativ vage für das Frühjahr 2021 angekündigt, doch gilt es schon jetzt als eines der spannendsten Veröffentlichungen des Jahres zu werden.

Woodlock - Collateral

Woodlock – Wenn ein Stolpern den Weg frei macht

Sie klingt nach so vielen Emotionen – die neue EP Collateral des neuseeländisch/australischen Trios Woodlock. Bestehend aus den neuseeländischen Brüdern Zech und Eze Walters und dem Australier Bowen Purcell, hatte Zech in den vergangenen Jahren mit Zusammenbrüchen zu kämpfen, die ihm seinen Platz in der Welt in Frage stellen ließen. Mit dieser Herausforderung zu kämpfen hatte dadurch auch die ganze Band, die erst kurz zuvor mit ihren drei EPs Lemons (2013), Labour of Love (2014) und Sirens (2015) auch international vor dem Durchbruch standen. Doch entschied sich die Band, der Gesundheit Vorrang zu geben und nahm sich die Zeit, um Zech die volle Unterstützung zuzusagen. Nun sind sie nach vierjähriger Pause mit der EP Collateral zurück und reißen uns als Hörer in ein tiefes Loch der großen und tiefen Emotionen. Anders, als noch ihre letzte Veröffentlichung Something Broke That Day vor der Bandpause 2016 , klingen die sechs neuen Songs deutlich organischer und zurückhaltender und nehmen den Folk der Anfangsjahre wieder auf. Darauf behandelt jeder Song eine andere emotionale Geschichte.

Woodlock
Woodlock

Mit der Leadsingle Collateral greifen die Jungs ein enorm starkes Thema auf, das einen Einblick in die komplexen Gefühle von Zech gebt. Hier arbeitet sich die Band durch den zermürbenden Prozess eines Beziehungsendes. Hat man sich während der positiven Zeit geschworen, nie im Bösen auseinanderzugehen, werden plötzlich die Messer gewetzt und die umliegenden Personen aus der Familie und dem Freundeskreis mit hineingezogen. Der dadurch entstehende Hass und die Taten, die alle im Umfeld emotional verletzen, lassen nichts, als verbrannten Boden zurück. Welches Gefühl bleibt übrig, wenn man alle Energie darauf gesetzt hat, den anderen zu verletzten?! Hier setzt Collateral musikalisch ein äusserst hymnisches Ausrufezeichen. Normalerweise im Folk beheimatet, kommen in diesem Song die großen, euphorischen Sounds zum tragen. Es ist ein Song vom Erkennen der Situation und vom Wunsch, den Heilungsprozess zu beginnen. Mit voller Wucht reisst uns der Refrain plötzlich, vom Waldweg am Berghang auf die Bergspitze und gibt uns den Überblick zurück, den wir im dichten und dunklen Wald verloren zu haben schienen. Collateral ist dabei nur eines von insgesamt sechs Ausrufezeichen auf dieser so bedeutsamen EP. Auf ihr haben Woodlock die schwersten Momente in berührende, emotionale und aufwühlende Songs verwandelt und treffen dabei sofort ins Herz. Hier entsteht eine Gänsehaut, die von Betroffenheit genauso geprägt ist, wie sie ein erhabenes Gefühl umgibt – immer im Hinterkopf habend, wie schnell ein Zusammenbruch den Menschen mit sich reissen kann.