Balthazar – Vom Fieber der Zukunft

Maarten Devoldere hat musikalisch schon einiges durchgemacht. Gründete er mit vier Freunden 2004 die Band, folgte ein Aufstieg, der verheißungsvoll war. Mit den ersten beiden Alben Applause (2010) und Rats (2012) erarbeitete sich das Quintett eine Hörerschaft, welche die Band schließlich bis nach Südafrika und in die USA brachte. Doch hatte dieser enorme Erfolg auch seine dunklen Seiten. Denn bereits 3 Jahre zuvor verabschiedeten sich zwei der fünf Gründungsmitglieder von der Band und wurden durch andere ersetzt. 2015 konntet Ihr bereits hier auf SOML über die Single Bunker lesen, doch 2018 folgte – nach 14 Jahren Bandzugehörigkeit – mit Patricia Vanneste die weibliche Stimme der Band. Bereits in den beiden Jahren zuvor, hatte sich Balthazar in eine kreative Pause verabschiedet, in der drei der fünf Bandmitglieder Soloplatten veröffentlichten. Nun ist die neu erstarkten Band mit frischem Material zurück und veröffentlicht am 25. Januar mit Fever ihr viertes Studioalbum. Die gleichnamige Single ist dabei eine starke, treibende Nummer, die zwischen Indie und Alternative changiert und in einem fast schon hypnotisierenden Soundgerüst aufgeht. Dabei klingt Devolderes Stimme entspannt aber auch immer etwas bedrängend. Fever ist außergewöhnlich – in vielerlei Hinsicht – und bedeutet eine Zäsur in der bisherigen Bandgeschichte der Belgier. Denn das, was mit dem neuen Album kommen mag, scheint deutlich größer zu werden, als das bisher Bekannte.

Advertisements

The 1975 – Ein Liebeslied an das Böse

Es sind die Zeilen And all I do is sit and think about you
If I knew what you’d do
 die uns Glauben schenken, dass uns The 1975 eines der besten Liebeslieder der vergangenen Monate schenken. Mit einem fesselnden Synthiebeat und Matty Healys sanft, poppigem Gesang klingt It’s Not Living (If It’s Not With You) so sehr nach einem 80er-Jahre Power-Lovesong, dass wir uns schon freuen, die heimliche Liebe Healys kennenlernen zu dürfen. Doch hört man den Lyrics weiter zu, wird klar, dass Healy hier von einem deutlich ernsteren Thema singt. Denn die Zuneigung, die er hier beschreibt, galt für einige Zeit den Drogen wie Heroin. Dies behandelt Healy in It’s Not Living (If It’s Not With You) so pur in direkt, dass man ihm nur gratulieren kann, wieder clean zu sein. Das dieser Weg schwer sein musste, zeigt die Band nun auch in dem dazugehörigen Musikvideo, indem Healy mit den Nebenwirkungen der Drogen – in Form von Panikattacken und Ängsten – zu kämpfen hatte und selbst auf der Bühne nicht davon verschont blieb. The 1975 stehen mit ihrem, gerade veröffentlichten, dritten Album A Brief Inquiry into Online Relationships gerade davor, weltweit zu einer der größten Rockbands unserer Zeit aufzusteigen. Da kommt die neu entfachte, drogenfreie Energie von Frontmann Healy genau richtig. Mit rotzigen Kommentaren, großen Songs und bereits einem vierten Album für Mai 2019, das Notes on a Conditional Form heißen wird, in der Pipeline, greifen The 1975 nun frontal an und sind auf dem besten Weg ihren Platz im Olymp einzunehmen.

Foster The People – Mit Ohrwurm in den Winter

Es braucht nicht immer nur einen Hit, um nach ganz oben zu kommen. Foster The People hatten 2010 mit Pumped Up Kicks alles richtig gemacht. War der Song ein so wunderbarer Ohrwurm, sprangen die Radiostationen weltweit schnell auf und sorgten dafür, dass uns die Textzeilen All the other kids with the pumped up kicks. You’d better run, better run, out run my gun. All the other kids with the pumped up kicks- You’d better run, better run, faster than my bullet bis in das Jahr 2011 begleiteten. Nicht zuletzt auch wegen des brisanten Themas der immer wieder aufkeimenden Waffengewalt an Schulen und von Schülern, wurde Pumped Up Kicks zu einem Symbolsong. Ihr dazugehöriges Debütalbum Torches verkaufte sich dann, ob der Präsenz von Pumped Up Kicks, 2011 millionenfach. Mit ihrem Nachfolgealbum Supermodel schafften sie es schließlich, in vielen bedeutenden Musikmärkten, weltweit sogar nich höhere Positionen zu erreichen. Doch ein Hit wie Pumped Up Kicks blieb seitdem aus. Bis heute haben die vier Kalifornier mit den Verkaufszahlen nicht wieder an die der Debütsingle anknüpfen können und dennoch einen Ohrwurm nach dem anderen veröffentlicht. Dass sie sich auf ihrem Ruhm ausruhen, kann man – guckt man sich die aktuelle Veröffentlichungsgeschwindigkeit an – nicht behaupten. Haben sie vor 15 Monaten ihr drittes Album Sacred Hearts Club veröffentlicht, folgt nun mit der Single Worst Night bereits ein Song, der nicht mehr auf dem Album zu finden ist. Ist dies vielleicht ein Indiz auf ein nahendes, viertes Studioalbum oder doch nur eine Möglichkeit, eine limitierte Extended Albumversion zu Weihnachten zu veröffentlichen? Wie auch immer, Worst Night ist ein schmissiger Ohrwurm, ganz in Foster The People Manier, der mit Chorgesang und Mark Fosters markanter Stimme allemal zu einem neuen Radiohit taugt. Nun liegt es an den Stationen, diese Nummer aufzugreifen.

Douwe Bob & Jacqueline Govaert – Gewinner mit Gefühl

Mit einer 1A-Castinglaufbahn hat sich der niederländische Singer/Songwriter Douwe Bob in den letzten Jahren zu einem der bekanntesten Sänger des Landes gemausert. Hat er seit seinem Sieg der Castingshow De beste singer-songwriter van Nederland 2012 bereits drei Alben veröffentlicht, konnten sich diese allesamt in den Top-10 platzieren und eines sogar den Thron besteigen. Nun steht seit letzten Freitag mit The Shape I’m In sein viertes Studioalbum sowie die Single I Do in den Regalen. Auf I Do hat er sich seine ehemalige Jurorin Jacqueline Govaert dazugeholt und präsentiert sich damit im Duett. Govaert – selbst über 12 Jahre Frontsängerin der sehr erfolgreichen Band Krezip – gibt mit ihrer warmen und unverkennbaren Stimme die Gesangspartnerin. Beide lassen I Do zu einer fantastischen Ballade wachsen, die wunderbar in die besinnliche Jahreszeit passt. Nur von einem Piano begleitet, singen sie so klar und warm, dass wir uns am liebsten zu ihnen an den Kamin gesellen möchten.

Mumford & Sons – Mit If I Say gehört das Stadion ihnen

Und sie schaffen es immer und immer wieder. Mumford & Sons haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Hatte sich ihr unverkennbarer Folk Ende der 00er Jahre zu einem großen Phänomen entwickelt, ging ihr letztes Album Wilder Mind mit elektronischeren Rocksounds in eine deutlich größere Richtung. Nun haben sie nach Guiding Light mit If I Say die zweite Single ihres vierten Studioalbums Delta – das für Mitte November angekündigt ist – veröffentlicht und zeigen, dass sie diesen Weg konsequent fortführen. Hier kommt zum ersten Mal in der Geschichte der Londoner Band ein Stimmverzerrer zum Einsatz und fügt so, im Intro, Marcus Mumfords Gesang eine ganz besondere Note der Verletzbarkeit hinzu. Darauf folgend setzen immer häufiger Streicher ein und geben dem ganzen eine Opulenz, die im letzten Drittel auszubrechen scheint und doch nach tiefen Emotionen klingt. Zum Schluß fügen sich alle Elemente zusammen – und so wird If I Say zu einem Bombastsong, der zeigt, dass Stillstand ein Wort ist, welches die Band nicht zu kennen scheint. Damit begeistern Mumford & Sons abermals mit einem Song, der den epischen Moment – in einem Stadion aufgeführt zu werden – der Gesamtheit beinhaltet und damit so intim wird und jeden anspricht und doch immer auch die große Weite einfängt.

The Ting Tings – Im Wandel befindend

The Tings Tings hatten ihre großen Jahre während des ersten (We Started Nothing) und zweiten (Sounds from Nowheresville) Albums. Waren sie mit den Überhits That’s Not My NameShut Up And Let Me Go und Hands Stammgäste im Radio und bescherten uns so einige Ohrwürmer. Ihr drittes Album Super Critical notierte mit Belgien, Japan und Großbritannien nur drei Charteintritte und alle samt in den Rängen ferner der Top 100. Nun haben sie The Black Light und damit ihr viertes Studioalbum für den 26. Oktober angekündigt und mit der Single Estranged einen Song veröffentlicht, der zeigt, wie sehr sich die Band mittlerweile von ihren Popnummern der ersten Alben gelöst hat. Dabei begeistern sie zunehmend auch die Musikkritiker und heben ihre Arbeit auf ein höheres Niveau, das jedoch weiterhin Popaffin bleibt. Estranged beginnt hierbei ausschließlich mit einer Gitarre und Katie Whietes – fast schon gesprochenen – Gesang. Dabei ergibt sich eine Tiefe, die roh, ehrlich und berührend klingt. Im weiteren Verlauf der 5:14 Minuten steigert sich White – hört man gar eine Vocoder verzerrte Stimme heraus – und kommen Bass und Schlagzeug dazu. So klingt Estranged am Ende fast chaotisch – nur, um rabiat und mit clever eingesetzten Synthies schließlich zum Höhepunkt zu kommen. The Ting Tings haben damit einen hoch ambitionierten Song veröffentlicht, der die Messlatte, für das vierte Album deutlich höher ansetzt, als man es von den Vorgängern gewohnt war.

Highasakite – Rauheit so sanft verpackt

Die norwegische Band Highasakite ist bekannt für große Indie-Hymnen wie Since Last Wednesday, Darth Vader oder Golden Ticket. Doch nun kommen sie für ihr viertes Studioalbum, welches mit viel Glück noch dieses Jahr erscheinen könnte, deutlich ruhiger daher. Dabei beginnt ihre neue Single I Call Bullshit mit einem Klavier und sanften Tönen, zu denen Frontsängerin Helene Håvik ebenfalls sanft die rauen Zeilen wie I call bullshit the night is youngMy drug of choice and I sure ain’t done singt. Bereits 2014 geschrieben, sollte I Call Bullshit eigentlich deutlich lauter werden. Die, dem Umfeld geschuldete Zurückhaltung – Håviks Freund schlief nebenan, weshalb sie den Song nicht laut einsingen konnte – brachte die Wirkung des Songs allerdings in eine komplett neue Richtung, die der Band so sehr gefiel, dass sie es beibehalten. Dabei fungiert auch I Call Bullshit als astreine Hymne für den Moment, wenn man die Nacht durchgefeirt hat, die Freunde nach Hause ziehen, man selbst aber noch nicht aufhören möchte.

Mumford & Sons – Folk für die ganz große Bühne

Mit ihrem dritten Album Wilder Mind hatte das Londoner Folk-Quartett eine neue Ära eingeläutet. Mit einem Sound, der deutlich elektronischer war, eckte die Band 2015 zuerst bei den Fans der ersten Stunde an. Wurden sie doch wegen ihres herzlichen Folk-Rocks geliebt und hatten somit auf Wilder Mind eine ganze Menge ihrer Identität verändert. Doch, dass dies ihre bandinternen Laufbahn voran brachte, indem sich die Band aus ihrer Komfortzone entfernt hatte, zeigte der Zuspruch, der auf die Veröffentlichung des Albums folgte und der sich in einer ausverkauften Tour widerspiegelte. Nur ein Jahr später folgte mit der Johannesburg EP ein weiterer Schritt zur Öffnung des Sounds. Hier spielten sie zusammen mit Baaba Maal und Beatenberg Songs ein, die das afrikanische Gefühl präsentierten. Nun sind sie mit der neuen Single Guiding Light zurück und kündigen mit dieser Single auch ihr viertes Studioalbum Delta für Mitte November an. Dabei kehren Mumford & Sons etwas mehr zu ihren Wurzeln zurück und klingen wieder nach mehr Folk. Die elektronische Begleitung dabei nicht außen vor gelassen, benutzen sie diese – nur stark reduziert – im Hintergrund. Typisch für die vier Jungs hat auch Guiding Light die euphorische Wirkung eines Mumford & Sons Songs, jedoch wird dies hier ungewohnt hinausgezögert und setzt erst nach etwas mehr als zwei Minuten ein. Guiding Light bietet die perfekte Brücke zwischen all den Klangausflügen des letzten Albums, sowie der letzten EP und verbindet nicht nur ihre Musik, sondern auch wieder tausende von Menschen.

Razorlight – Mit Paukenschlag zurück

Es könnte das Comeback des Jahres sein. Die seit 2008 in der Versenkung verschwundenen Indie-Rocker von Razorlight sind zurück! Und das nicht etwa marktgerecht mit einer neuen Single, sondern gleich mit vier neuen Songs. Dazu auch immer das passende Musikvideo, bilden die vier Songs ein wunderbares Farbmuster. Dabei war es Frontsänger Johnny Borrell wichtig, den Fans – die so lange warten mussten – mehr zurückzugeben, als nur eine Single. Ist außer Borrell kein Mitglied der Ursprungsband mehr vorhanden, behalten Razorlight die Attitüde, eine waschechte Indie-Rock Band zu sein. So war es auch Borrells Intention, ein Album zu machen, dass die Hochzeit des britischen Indies der 2000er feiert und vor allem der Band viel Spaß machen sollte. Hört man sich die Singles Sorry?JapanrockGot To Let The Good Times Back Into Your Life und Olympus Sleeping an, erkennt man dies in jeder Sekunde. Dabei zeugen die Songs von einer Aufarbeitung und gleichzeitig auch Abrechnung der letzten Jahre. Mit viel Gitarre, enthusiastischem Gesang Bordells und der typischen Chucks-Tanzmusik sind Razorlight mit so viel Wucht zurück, dass man sich fast nicht vorstellen kann, ein ganzes Jahrzehnt sei vorbeigegangen. Da holen wir gleich die Chucks aus dem Schrank und melden uns für die nächste Indiedisco an. Entscheidet selbst, welches der vier Songs Euch am besten gefällt.