SYML – Intim und verletzlich

Mal sind sie groß, mal poltern sie, mal sind sie rau und schnell. Dieses Mal hat sich SYML allerdings vollkommen zurückgezogen und mit Flags einen Song über die Krankheit Krebs geschrieben. Er selbst sieht seine produzierte Musik als eine Art Therapie. In allen Songs verarbeitet Brian Fennell Momente, die er einmal erlebt hat oder sich mit ihnen auf der ein oder anderen Art und Weise auseinandersetzen musste. Dabei besingt er den Krebs aus der Sicht des Körpers – mit seinen Schmerzen, seinen unansehnlichen Momenten und harten Nebenwirkungen. Mit Songzeilen, wie I’m hurt, I’m hurt you didn’t know. But there’s no pretty way to tell you so. I’m tired, so tired I’m letting go. I’ve been burning flags to let you know. Time is up time has flown, time has flown trifft uns SYML direkt und so klar, das man sich seiner bedrückenden Thematik nicht entziehen kann. Flags liegt vom Gefühle her irgendwo zwischen den Augenblicken eines erschöpften Mannes, eines Mannes – der sich gerade von einer geliebten Person verabschieden musste oder auch eines Mannes dem das bedrückende Gefühl des Verabschiedens allgegenwärtig ist. SYML verzaubert, berührt und begeistert mit all seinen älteren Songs genauso, wie mit Flags.

Maggie Rogers - Love You For A Long Time

Maggie Rogers – Mit Grammy Nominierung und neuem Song zurück

Es war ein bewegendes Jahr für Maggie Rogers. Hatte sie Anfang 2017 ihre Debüt-Ep Now That The Light Is Fading veröffentlicht, folgte mit Heard It In A Past Life Anfang dieses Jahres endlich ihr Debütalbum. Darauf enthalten waren die Songs On + Off, FallingwaterLight On und Give A Little. Diesem – hochgelobten – Debütalbum folgten ausgedehnte Konzertauftritte und auch das erste Straucheln. Denn während Rogers immer bekannter wurde, war sie auch immer öfter verbalen Anmachsprüchen ausgesetzt, die sie auf das minimum einer Sängerin reduzierten – ihren Körper. Nachdem Rogers vor wenigen Wochen ihrem Ärger in Form eines aufwühlenden Posts Luft machte, hat sie nun mit Love You For A Long Time einen neuen Song veröffentlicht, der so positiv klingt, dass man sich nur zu gerne davon anstecken lässt. Love You For A Long Time entstand bereits vor anderthalb Jahren, doch schaffte es nie, von Rogers fertiggestellt zu werden. Während es die Melodie und einige Songzeilen allerdings in diesen anderthalb Jahren schafften präsent zu bleiben, entschied sich Rogers, dem ganzen noch einmal einen Stoß zu geben, schrieb eine Bridge und ließ den Song von Ricky Reed produzieren. Herausgekommen ist ein Lied, in dem es um die Liebe geht – um die Liebe zu einem Menschen, zu Rogers Band, zu dem, was sie machen darf und zu ihren Fans. Dieses Glück, die Dankbarkeit und Freude hört man auf Love You For A Long Time in jeder Sekunde raus und freut sich einmal mehr wieder über einen neuen Song der US-Amerikanerin.

Sparkling - We Want To See Everything

Sparkling – Bilinguale Indiehelden

Das Prinzip hört sich so simpel an, dass man sich wundert nicht selbst auf so etwas gekommen zu sein. Wir nehmen eine Songzeile, die wir bis ins unendliche wiederholen und dann sogar noch in zwei anderen Sprachen so oft singen, dass man nach dem Song auch sichergehen kann, dass jeder den Titel des Songs im Kopf behalten wird. Dabei ist diese vermeintlich leichte Produktion – wie so oft – gar nicht so leicht umzusetzen, verlieren sich viele Künstler doch oftmals in der Sackgasse der Perfektion. Die Band Sparkling nimmt genau hieraus ihren Antrieb und produziert Songs, die mit einer vermeintlichen Leichtigkeit geschrieben, so viel vielschichtiger sind, als man es auf den ersten Blick vermuten mag. Mit Sounds aus den 90er und 2000er Jahren bedienen sich Sparkling an den Vorbildern der Indieszene. Wie bereits bei ihrer Single We Don’t Want It angemerkt, sieht sich die Band selbst als europäische Band, die in London lebt und wird dabei gleichzeitig in einigen Monaten aus der europäischen Union austreten. Ob sich die Band dann auch dazu entschließen wird, wieder Festlandeuropäer zu werden, bleibt offen. Der nun veröffentlichte Song I Wand To See Everything klingt dabei so nerdig, wie tanzbar und erinnert an den Anfang der 2000er, als simple Computersounds mit Gitarren und Schlagzeug vermischt wurden und aus so vielen Schulbands erfolgreiche Acts wurden. Ob sich Sparkling – in Zeiten in denen gesagt wird, dass der Gitarrensound tot sei – beweisen kann, wird die Zeit zeigen, doch begeistern tun sie uns jetzt schon.

Thees Uhlmann - Avicii

Thees Uhlmann – Stampfendes Tribut

In knapp zwei Wochen ist es soweit und das dritte Album Junkies und Scientologen des Hamburgers Thees Uhlmann kommt in die Läden. Bereits mit seiner ersten Singleauskopplung Fünf Jahre Nicht Gesungen vor gut vier Wochen zeigte uns Uhlmann, warum er so wichtig für die Deutsche Musiklandschaft ist. Mit seinen Songtexten, die immer direkt beim Hörer landen und seinen cleveren Wortkonstellationen ist Uhlmann bereits seit Tomte-Zeiten ein hoch angesehener Musiker. Auf seiner nun veröffentlichten, neuen Single Avicii besingt der Label-Mitbegründer des Grand Hotel van Cleef Plattenlabels, die Liebe zu dem schwedischen Musikproduzenten Avicii, der im April letzten Jahres so plötzlich verstarb. Dabei lässt uns Uhlmann textlich etwas im Dunkeln. Stehen sich doch Zeilen wie Du wartest auf die Liebe und ich auf das nächste Bier. Der Platz am Tresen neben mir bleibt heute leider leer. Eine gute letzte Reise, zum Abschied leise winken. Elektronische Musik kann man sich so selten schöntrinken. gegenüber, als könnten sie gar nicht zusammengehören. Mit der Musik jedoch, hat sich Uhlmann wieder an dem tanzbaren Indierock seiner Stammband Tomte orientiert. Thees Uhlmann ist ein wichtiger Bestandteil der deutschen Musikwelt und zeigt, was Songwriting und der richtige Sound mit Themen machen kann, die unbequem sind.

Arizona - Nostalgic

Arizona – Der Sommer wird romantisch

Es ist einer der ehrlichsten Momente zu sich selbst – wenn man bereits mit einem neuen Partner zusammen ist und diesen Flashback in die vorangegangen Beziehung erlebt. Den Moment, bei dem zarte Momente, ein Satz oder der Geruch des Ex-Partners wieder präsent werden. Diesen so intimen Moment teilen wir in der Regel mit niemanden – noch nicht einmal mit den engsten Freunden und schon gar nicht mit dem neuen Partner. Das US-Amerikanische Trio Arizona hat über genau diesen Moment nun einen Song veröffentlicht. Mit Nostalgic schaffen es Frontsänger Zachary Charles, Gitarrist Nate Esquite und Keyboarder David Labuguen ein Gefühl der Wärme zu erzeugen, in dem sie einen verträumten EDM-Beat mit einem eindringlichen Gesang verbinden. Dabei kommen die Songzeilen Ich liege gerade neben jemand Andere, doch manchmal erinnere ich mich immer nach an Dinge, die Du sagtest, oder wie du dich anfühltest völlig authentisch rüber und legen die Jungs aus New Jersey mit dem Satz Aber das ist kein Problem, vielleicht bin ich etwas zu nostalgisch aber die Erinnerungen fluten manchmal regelecht meinen Kopf – und Baby, ich kann es nicht stoppen nochmal klar nach, was ihre Gefühle angeht. Dabei schaffen sie etwas versöhnliches zu erzeugen und blenden den Schmerz, den eine vergangenen Beziehungen haben kann, gänzlich aus. Nostalgic ist ein wunderbarer Sommersong, der weniger zum tanzen animiert, sondern deutlich mehr Romantik versprüht.

Seeed – Eine neue Zeitrechnung

Man möchte seiner inneren Uhr kaum trauen – sieben Jahre ist es schon wieder her, dass die Berliner Dancehall-Kombo von Seeed mit dem Album Seeed einen Longplayer veröffentlichten. Danach folgten mit Cherry Oh (2014) und der Mitarbeit an der deutschen Version des Band Aid Songs Do They Know It’s Christmas? im Jahr 2014 nur noch zwei Veröffentlichungen. Mit ausverkauften Tourneen und Auftritten auf Festivals wie auf der Europapremiere des Lollapalooza Festivals in Berlin hatten sie gleichzeitig auch einen Konzertmarathon an den Tag gelegt, welcher eine Pause für zu verständlich werden ließ. Doch diese Pause sollte länger dauern, als es die Band beabsichtigt hatte. Denn kündigten Seeed bereits im Mai 2018 neue Konzerte an, folgte der Schock am 31. Mai. Mit dem Tod ihres Gründungsmitgliedes und Freundes Demba Nabé wurde eine Zäsur gesetzt, mit der die Band umzugehen lernen musste. Nun haben Seeed mit Ticket den ersten neuen Song, seit 2012 veröffentlicht und dabei den Tod des Sängers verarbeitet. Waren in der jüngeren Vergangenheit auch schon große Bands wie die Crystal Fighters oder Deichkind mit dem Tod eines Bandmitgliedes konfrontiert, stand für diese Bands fest, dass es weitergehen sollte. Und so kommt die Vermutung auf, dass Seeed gleich in der ersten Songzeile damit aufräumt und zu einem zurückhaltenden Beat den Text Frankie is am Telefon. Yeah Yeah let the music roll für sich sprechen lässt – und rufen somit Dellé im Himmel an, um zu fragen, ob sie weiter Musik machen sollten. Dabei formen Seeed einmal mehr einen Dancehallhit, der sich als fantastischer Sommersong entpuppt. Seeed bleiben sich treu und passen sich dennoch den neuen Gegebenheiten an. Mit Ticket lassen Seeed die Music Monks wieder los und stimmen uns auf einen heißen Sommer ein.

The Good, The Bad & The Queen – Goodbye Europe

Damon Albarn tanzt bekanntlich auf vielen Hochzeiten. Sei es als Solokünstler, als Mitglied von den Gorillaz oder Blur oder als Teil der Supergroup The Good, The Bad & The Queen. Mit letzterer Band ist Albarn nun wieder zurück. So veröffentlichte die vierköpfige Band am vergangenen Freitag – elf Jahre nach deren gleichnamigen Debütalbum – nun mit Merrie Land ihr zweites Studioalbum, das geprägt vom Brexit mit einem kritischen und irritierenden Blick auf die Geschehnisse in ihrem Land eine Stimmung aufgreift, die alles noch absurder wirken lässt. So beschreibt Paul Simonon, vormals als Bassist von The Clash bekannt, ihre Musik als Anspielung auf die nostalgische, sentimentale Vision der Menschen, wie England einst war – die es aber nie wirklich gegeben hat. Mit Drummer Tony Allen und Gitarrist und The Verve Keyboarder Simon Tong haben Albarn und Simonon ein Album produziert, das wie ein Abgesang auf die Zukunft klingt. Mit dem allseits gegenwärtigen Goodbye-Gefühl klingen die beiden Singles Gun To The Head und Merrie Land nach einer resignierenden Bevölkerung, die ihrem Übel müde entgegenblickt. Da werden die Songzeilen If you’re leaving can you please say goodbye. And if you are leaving can you leave your number. I’ll pack my case. And get in a cab. And wave you goodbye fast schon süffisant von Albarn intoniert. So, dass man sich kurzzeitig genötigt sieht, die Briten an die Hand zu nehmen und aufs Festland und an sich reißen zu wollen. The Good, The Bad & The Queen sind nach über einer Dekade mit einem politisch brisanten, zweiten Album zurück und werden so ein Teil der Geschichte des Verlassens von Großbritannien aus der EU sein.

Seafret - Wildfire

Seafret – Ein Video und so viel Wärme

Seafret sind noch jung, neu und dennoch so weit. Hört man sich ihre aktuellste Single Wildfire an, klingt es so, als würde es das 2011 gegründete Duo aus Bridlington in Großbritannien, bereits ein Jahrzehnt geben. So unspektakulär und entspannt hört sich Wildfire an. Sänger Jack Sedman singt hierbei stark und ausdauernd, ist mit seiner Stimme den ganzen Song über präsent und wird durch das Gitarrenspiel Harry Drapers stehts unterstützt, doch nie überstimmt. Wildfire ist jedoch nicht nur musikalisch voller Emotionen und Energie – sondern wird vielmehr durch ein ganz besonderes Musikvideo unterstützt. So haben sich Sedman und Draper 26 Singles gesucht, die sich auf ein Experiment des Amerikanischen Psychologen Arthur Aron einlassen würden, bei dem 36 Fragen gestellt werden um hinterher zu sehen, ob sich Menschen nach dieser Anzahl von ganz persönlichen Fragen und einem 4 minütigen Augenkontakt, verlieben können. Dieses so persönliche und ganz unvorbereitete Aufeinandertreffen, haben Seafret aufgenommen und mit Songzeilen wie „We are bound to each other’s hearts, Cold, torn, and pulled apart. This love, is like wildfire. And to my word now I’ll be true. I can’t stop this breaking loose. This love, is like wildfire, Like wildfire“ untermalt. Was daraus geworden ist, ist ein berührender und ruhiger Moment voller Offenheit und Wärme. Und so klingt dann auch Wildfire.