Lizzo - Boys

Lizzo – Schräg, anders, süchtig machend

Es gibt gerade zwei Frauen, die das Popbusiness komplett von hinten aufrollen. Die eine – Billie Eilish – ist gerade einmal 17 Jahre alt und schafft es mit ihrem Debütalbum eine wahre Fanmania auszulösen. Die andere ist Lizzo, die gerade mit ihrer emanzipierten Anti-Bodyshaming Musik alles abräumt, was es zu holen gibt – siehe Juice. Dabei hat Melissa Viviane Jefferson – wie Lizzo mit bürgerlichen Namen heißt – vor allem mit ihrem aktuellen Album Cuz I Love You das heisseste Eisen im Feuer. Denn Cuz I Love You ist mit seinem Stilmix aus Hip-Hop, Funk, Pop, Soul und Rock eines der abwechslungsreichsten Alben der vergangenen Jahre und zeigt Lizzo hierbei völlig befreit von Konventionen und Stilen. Auf ihrem Song Boys greift sie dann auch das Thema Männer auf und wirbt für Diversität. So singt die aus Detroit kommende Sängerin auf Boys die Sätze I like big boys, itty bitty boys. Mississippi boys, inner city boys. I like the pretty boys with the bow tie. Get your nails did, let it blow dry. I like a big beard, I like a clean face. I don’t discriminate, come and get a taste. From the playboys to the gay boys. Go and slay, boys, you my fave boys und zeigt damit, wie sehr sie sich in den letzten Jahren – als Sängerin, die selbst Bodyshaming und Diskriminierung erfahren hat – von Verurteilungen und Vorurteilen befreit hat. Boys lässt Lizzo wieder locker und funky klingen und besitzt eine Leichtigkeit, die beachtlich ist.

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Close Talker - The Change It Brings

Close Talker – Der Zeit voraus

Die Zeit wurde bereits in vielerlei Hinsicht musikalisch thematisiert. Mal in Persona, mal als ewiger Feind, mal als glücksbringender Freund. Das kanadische Trio Close Talker hat für das kommende Album How Do We Stay Here? allerdings den Ansatz verfolgt, eine Platte zu machen, die thematisch die letzten zwei Jahre behandelt und gleichzeitig zeitlos wirken soll. So möchte die Band, dass die Songs auf How Do We Stay Here? auch in zehn Jahren noch hörbar sind, ohne dass man an ihnen ausmachen kann, in welchem Jahr und zu welcher Bandphase sie entstanden sind. Auf ihrem nun veröffentlichten Song The Change It Brings kämpfen sie hingegen gegen die Zeit, indem sie vieles schaffen, jedoch oftmals auch einfach gar nichts machen wollen und so der zeit die Stirn zu bieten. Denn letztendlich ist es die Zeit – Jahre, Tage, Stunden – die uns vor sich hertreibt. Dabei klingen Close Talker so sanft und gemütlich, dass man sich Hektik bei Will Quiring (Frontsänger), Matthew Kopperud (Gitarrist) und Christopher Morien (Drummer) gar nicht vorstellen kann. Doch ist The Change It Brings ein konkretes Resultat der vergangenen Jahre als Band und deren Höhen und Tiefen. Mit einem angenehm hauchenden Gesang und einem tiefen Sound zeigen Close Talker, wie Indie Rock ohne flippige Beats und freche Texte klingen kann und streicheln dabei ganz nonchalant unser Gemüt. Das am 30. August erscheinende How Do We Stay Here? widmet sich diesem Thema schließlich auch auf elf Songs und unterstreicht, wie, von der Zeit losgelöst, Indie klingen kann.

Sea Girls - Closer

Sea Girls – Und plötzlich gehts ganz schnell

Ob die Jungs von Sea Girls gedacht hätten, dass es so schnell geht?! Daraufhin gearbeitet haben sie zumindest. 2015 gegründet, hat das britische Quartett mit Henry Camamile als Frontsänger in den letzten vier Jahren große Schritte gemacht, die schließlich 2018 und Anfang dieses Jahres ihren vorläufigen Höhepunkt – einen Plattenvertrag zu unterschreiben – markierten. Waren sie bereits im letzten Jahr auf den Listen der großen Radiostationen als Act To Watch vertreten, folgte im Mai die große Verkündung, dass Sea Girls einen weltweiten Plattenvertrag mit Polydor unterschrieben haben. Mit der aktuellen Single Closer, welche die Londoner Jungs am vergangenen Freitag veröffentlichten zeigen sie dann auch recht flott, was man von ihnen erwarten kann. Denn hier treffen schnelle Gitarrenriffs auf die klare aber auch drängende Stimme Camamiles und bilden mit einem eingängigen Refrain einen wunderbaren Rock-Ohrwurm. Sea Girls haben das Zeug, sich eine riesige Fangemeinde aufzubauen, denn solche Musik aus Großbritannien zu hören, gab es das letzte Mal Mitte der 2000er und endete Anfang der 2010er mit den Worte Rock ist tot. Durch Sea Girls müsste man nun sagen Rock ist tot, lang lebe der Rock!

Eau Rouge - Closer EP

Eau Rouge – Musikalisches Chamäleon

Es ist schon verrückt – da hört man einen Song, legt ihn zur Seite, da man irgendwie nicht an ihn rankommt und versucht es ein, zwei Wochen später erneut. Und plötzlich entdeckt man die Band dahinter, klickt sich durch die Songs und kann vor Neugier gar nicht mehr aufhören ihre Songs zu spielen. Eau Rouge ist so eine Band und ihre aktuelle Single Under My Skin klingt, als würden The Black Keys auf Balthazar treffen. Doch hört man sich die gesamte Closer EP an, wird man durch einen satten Soundmix aus Elektro, Rock, Pop und Alternative dirigiert und stellt sich bei jedem neuen Song die Frage, ob es sich noch um die selbe Band handelt. Gleich zu Beginn hat aus Stuttgart kommende Trio auf Closer mit einem wunderbaren E-Gitarrensolo eine Weite erschaffen, die sich durch Computerstimme und dem schmachtenden Gesang von Jonas Teryuco so reizend treibend anfühlt. Melt wiederum ist ein mitreißender Song, der nach einem tropischen Gewitter über einem Inselvulkan klingt. Mit Low lassen Eau Rouge einen ersten, ruhigen Song – mit verwobenen Elektropart – erklingen, ehe sie mit Fear einen so ergreifend, schönen Akustiksong präsentieren, der nach amerikanische Südstaaten klingt, bei dem Erinnerungen an RY X wach und Bilder transportiert werden, die von Schmerz, Aufrichtigkeit und Heilung geprägt sind. Hier kommt eine Epik zum tragen, die sich in unzähligen Filmen der Einsamkeit wiederfinden könnte. Stärke und Aggressivität wechseln im Verlauf der dreieinhalb Minuten so organisch, dass man ein ganzes Leben vor seinem inneren Auge vorbeiziehen sieht. Fear ist der stärkste Song der, am vergangenen Freitag veröffentlichen, Closer EP – die uns zum Abschied schließlich mit einer unglaublich charmanten Version des 1998er Jennifer Paige Songs Crush nochmal so richtig abholt und zum mitsingen bewegt.

The Bad Tones - Over Me

The Bad Tones – Musik, die alles vereint

Gleich vorneweg, die aktuelle Single Over Me von dem lettischen Quartett The Bad Tones ist eine Reise in die vergangenen 40 Jahre Musik. Dabei orientiert sich Over Me nicht direkt an einem Genre, sondern greift auf die Einflüsse aus Rock, Soul, Alternative, Blues und Singer/Songwriting zurück und vermischt das ganze zu einem Sound, der sich zwischen in Erinnerung an die ganz großen Songs schwelgen und modernem Rock und Blues befindet. The Bad Tones haben dabei schon eine lebendige Bandgeschichte vorzuweisen. Bereits unter dem Bandnamen The Pink Elephant hatten sie mit Mellowing (2015) und Cassette Concert (2016) Alben veröffentlicht. Nun als The Bad Tones unterwegs, gab es 2018 mit der EP Bad Tunes einen ersten Vorgeschmack. Jedoch soll für die Band aus Riga das Jahr 2019 als Wendepunkt fungieren. Denn am 5. Juli wird mit Is It Good Enough? ihr Debütalbum erscheinen, bei dem sie gleich vorneweg die Erfahrungen verarbeiten, die sie mit The Pink Elephant und The Bad Tones bisher gemacht haben. Over Me ist dabei eine clever arrangierte Soundkulisse, die auf verschiedenen Ebenen arbeitet. Kommen hier tiefe sowie klare Gitarrenriffs zum Einsatz, geht Sänger Edvards Broders so entspannt mit den Lyrics um, um diese schließlich in Synthiearrangements und Saxophonwolken einzubetten. Dadurch erinnern The Bad Tones an so viele Bands in nur einem Song. Hier kommen Assoziationen zu Bombay Bicycle Club, Tame Impala oder Fleet Foxes auf. Mit Over Me haben The Bad Tones den perfekten Song veröffentlicht, um sich als Band bei uns vorzustellen.

Foals - In Degrees

Foals – Bitten uns in den Club

Die Foals haben eine spannende Bandgeschichte vorzuweisen. Dabei liegt der Kern nicht etwa in dem, was sie sind, sondern vielmehr in dem, was sie machen. Denn kaum eine andere Band schaffte es so locker zwischen Pop, Elektro, Alternative und Rock zu wechseln und dabei immer auch nach sich selbst zu klingen. Mit What Went Down und Mountain At My Gate hatte die Band dies auf ihrem 2015er Album What Went Down eindrucksvoll bewiesen. Nun hat das britische Quartett um Frontsänger Yannis Philippakis mit dem ersten Teil seiner Albumfolge Everything Not Saved Will Be Lost – Part 1 und der Single In Degrees abermals mit dem Sound gebrochen. Erinnern sie mit ihrem Synthies an den Keys doch an Bands wie Bombay Bicycle Club und sind damit unglaublich tanzbar. Schnell, rhythmisch und immer auch rockig lassen Foals den Club kochen und geben einen Vorgeschmack auf die Konzerte in Hallen und auf Festivals, bei denen der Moshpit durch In Degrees regelrecht eingefordert wird. Foals bleiben damit eine der spannendsten Bands der britischen Insel und lassen auf den im September erscheinenden zweiten Teil der Serie Everything Not Saved Will Be Lost – Part 2 hoffen, bei dem sich der Sound sicherlich nicht minder stark abwechseln wird.

Go Go Berlin - Love Me

Go Go Berlin – Mystisch und Groß

Mit brachialem Einfühlungsvermögen beeindruckt uns die dänische Band Go Go Berlin nun auf ihrer neuesten Single Love Me. Denn hier lassen sie nicht nur einem ganz starken Gefühl viel Raum, sondern bringen genau dieses Gefühl – nach einer gescheiterten Liebesbeziehung in einer Art Vakuum zu leben – in ein Soundgerüst unter. Dabei haben sich Go Go Berlin in den letzten Jahren eher weniger laut gezeigt, denn nach einer exzessiven Tour rund um die Welt im Jahr 2015 brach ein Gefühl in der Band aus, welches von Leere und Unsicherheit geprägt war – worauf sich die Band eine Pause verordnete. Diese währte drei Jahre und führte schließlich dazu, dass die Jungs um Frontsänger Christian Vium ihre Blockade lösten und in Spiellust umwandeln konnten. So gingen sie für das kommende, dritte Album, welches am 16. August 2019 erscheinen wird, nach Los Angeles und produzierten ein paar Songs, die von der Weite Kaliforniens geprägt sind. Auf Love Me kann man sich davon am besten überzeugen. Denn beginnt der Song mit einem hypnotisierenden Bassbeat und Viums melodischem Gesang, bricht er kurze Zeit später regelrecht auseinander und lässt den Song in eine großartige Rocknummer wechseln, dessen Sound und Gesang nun an Bands wie Muse oder den großartigen Chris Cornell erinnern. Schließlich geht Love Me nach circa drei Minuten Gitarrenfeuerwerk in eine hypnotisch, wabernde Soundwolke über, die mystisch, dunkel und schmerzerfüllt klingt. Go Go Berlin haben damit einen Song geschrieben, der schon jetzt das Zeug zum Klassiker hat.

Sticky Fingers - Kick On

Sticky Fingers – Die, die den Schweiß auflecken

Wenn sich eine Band mit den Worten wenn The Clash, Pink Floyd und die Arctic Monkey drei Schweißperlen sind, die deinen Rücken hinablaufen, so sind es die Sticky Fingers, die sie auflecken vorstellt, kreiert das erst einmal ein recht schräges Bild von einer Band. Bei den aus Sydney kommenden Jungs von Sticky Fingers ist das zwar passend, allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Denn mit ihrem Indie-Rock voller Energie schaffen die Sticky Fingers einen kleinen Kosmos um sich herum. Die aktuelle Single Sunsick Moon ist dabei das beste Beispiel. Hier zeigen sich die Jungs um Frontsänger Dylan Frost verträumt aber trotzdem laut. Damit haben sie einen Song produziert, der wunderbar in das Konzept ihres aktuellen Albums Yours To Keep passt, welches an einen 2016 verstorbenen Produzenten ihrer Alben erinnern soll. Erinnerung ist dabei ein ganz zentrales Thema, da die Australier sich auf ihrem aktuellen Album reflektieren und sowohl in Erinnerungen schwelgen – was unter anderem im Song Sunsick Moon stark zu hören ist – als auch eine Art Aufbruchstimmung transportieren. Waren die Sticky Fingers erst am vergangenen Wochenende in Berlin und konnte sie der ein oder andere nicht live sehen, können wir uns auf dem Album Yours To Keep von diesem wunderbaren Indiesound überzeugen lassen.

Editors – The Blanck Mass Sessions

Auf zu neuen Ufern könnte der neueste Release der britischen Alternativerock-Band Editors lauten. Mit der Vorabsingle Barricades, aus der EP The Blanck Mass Sessions veröffentlichen die Editors einen elektronischen Sound, der sich deutlich vom dunklen Alternative der Band abhebt. Dabei nutzen die fünf Birminghamer die vorab produzierten Songs des Albums Violence, die der britische Produzent Blanck Mass einst für ihr Album produziert hatte. Somit ist The Blanck Mass Sessions eine alternative Version ihres sechsten Albums und zeigt mit Barricades die imposante Transformation, hin zu einem futuresken Alternative/Elektro-Sound aus der Sicht von Blanck Mass. Wird das Album als Pink-Vinyl vorerst ausschließlich am 13. April zum Record Store Day 2019 erscheinen, ist eine offizielle Veröffentlichung auf CD und als Download für den 3. Mai 2019 vorgesehen. Wir dürfen hier also gespannt sein, wie die Interpretationen des britischen Produzenten Blanck Mass auf den Sound der Alternativerocker trifft. Barricades deutet allerdings schon jetzt Großartiges an.

Kettcar – Aufbruch der Verlierer

Er ist kess, er ist schnell und er ist zynisch – der neue Song Palo Alto von den Hamburger Indierockern von Kettcar. Sind sie für ihre politischen Texte bekannt, verfolgen sie auf Palo Alto einer Gruppe von Menschen, die durch die Digitalisierung ihre Jobs verloren haben und damit ihrer Identität hinterherlaufen. Mit einem Plan – nach Palo Alto zu fahren – um die digitalen Riesen niederzubrennen – begeben sie sich auf ein verrücktes Abenteuer. Dabei sind es wieder einmal Marcus Wiebuschs erzählerischer Gesang, und seine vertrauenerweckende Stimme, die den treibenden und hymnischen Song tragen. Mit schnellen Gitarrenriffs, einem verdammt schnellen Refrain und einem ebenso wortreichen Text, wie Und wenn die vom Jobcenter fragen, kannst du ihnen sagen, wir sind unterwegs, mit allem was wir haben. Die Algorithmen zu zerschlagen und, dass die Benzinkanister und Streichhölzer zu uns gehören. Burn Palo Alto Burn spiegeln Kettcar genau die Mitte der Gesellschaft zwischen Abhängenden und Abgehängten wider. Dass vor allem die letzte Aussage des Refrains für das Verhalten einer verrückten Truppe aus Menschen besteht, möchte Wiebusch – wie in einem Deutschlandfunk Kultur Interview auch explizit hingewiesen – nicht als Sympathisieren verstanden wissen. Mit Palo Alto kündigen Kettcar die EP Der süsse Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich) an, die am kommenden Freitag veröffentlicht wird.