Beatsteaks - Glory Box

Beatsteaks – Darf man diesen ewigen Überhit covern?!

Es ist ein Song, der das Wort Geschichte nicht besser beschreiben könnte. Denn während wir heute die Interpretation der Beatsteaks hören, hat Glory Box von Portishead bereits einen jahrzehntelangen Weg hinter sich, der bei dem britischen Duo nicht etwa aufhört, sondern bis in das Jahr 1969 zurückgeht. Stammt das Original des Songs von der belgischen Band Wallace Collection, war es in den BeNeLux-Staaten ein riesiger Erfolg. Doch obwohl der Song auf Englisch gesungen wurde, blieb ein Erfolg in den englischsprachigen Ländern weitestgehend aus. Ende der 80er Jahre nahm sich der Oscar- und Grammy-Award-Gewinner Isaac Hayes – der sich für den Theme-Song des Films Shaft verantwortlich zeichnet – die Melodieabfolge vor und veröffentlichte mit Ike’s Rap 2 eine Version des Songs, den wir bis heute kennen und lieben. Auf dem 1994er Debütalbum Dummy, des – aus Bristol in Großbritannien kommenden – Duos Portishead, befand sich ein Song, der für die Folgejahre richtungsweisend sein sollte. Denn mit Glory Box schaffte die Band nicht nur in Großbritannien ihren Durchbruch, sondern verbreitete den britischen Sound des Trip-Hops auch weltweit. Gleichzeitig hauchte die Frontsängerin Beth Gibbons dem Song eine Atmosphäre von Mystik, Distanz und Lethargie ein, wie wir es faszinierender nie wieder zu hören bekamen. 2001 stieß schließlich das, ebenfalls aus Großbritannien kommende, Duo I Monster auf die Liste der Interpretationen der Melodiefolge von Wallace Collection hinzu und veröffentlichte ihren Song Daydream In Blue.

Beatselfie Credit Beatsteaks
Beatselfie Credit Beatsteaks

Doch auch wenn es immer wieder Bands und Künstler gab, die diese ganz markante Melodie und das Gefühl des Songs versuchten zu kopieren, blieb Portisheads Version bis heute unerreicht. Nun haben die Beatsteaks aus Berlin die zweite Single aus ihrer, am 11. Dezember erscheinenden EP In The Presence Of herausgebracht und somit ihre Version des Portishead Songs veröffentlicht. Dabei zeigen die Beatsteaks, nach der Coverversion von Monotonie, erneut, wie hoch sie die Interpretinnen schätzen, deren Songs sie covern. Denn auch auf Glory Box behalten die Beatsteaks diese mystisch, bedrohliche Atmosphäre von Gibbons bei. Was der Band allerdings nicht gelingt und auch nicht gewollt zu sein scheint, ist die Fragiliät, die Gibbons auf Glory Box in ihre Stimme legt. Die Beatsteaks brechen behutsam aus dem lethargischen Korsett des Portishead-Songs aus und lassen mit überwältigenden Gitarrensoli und berstenden Drums eine Wand von Sound entstehen, ehe im nächsten Moment wieder alles in sich zusammenfällt und zum Gefühl des Bristoler Duos zurückkehrt. Sind mit Monotonie und Glory Box nun bereits zwei Songs der kommenden EP bekannt, halten die Beatsteak die vier noch ausstehenden Songs weiterhin streng geheim – umso größer wird die Überraschung mit jedem weiteren Release und dürfte vor der EP-Veröffentlichung bestimmt noch ein Song zur Vorabveröffentlichung drin sein.

HAELOS - End Of World Party

HAELOS – Mystisch und nostalgisch

In einer Woche ist es soweit – dann steht mit Any Random Kindness das zweite Album der Londoner Trip-Hop Band HÆLOS in den Regalen. Bereits mit Kyoto und Boy/Girl zeigte die Band Anfang des Jahres, wo es klanglich hingehen würde. Mit einem mystischen Elektrobeat zeigten HÆLOS bereits auf ihrem Debütalbum Full Circle und der Single Separate Lives vor drei Jahren, dass verschiedene Genres und Stile zusammen ein emotionales und einfühlsames Gemisch ergeben können. Auf ihrem neuen Album probieren sie Neues aus, bleiben aber auch ihrer mystischen Grundstimmung treu. So klingt ihre neueste Single End Of World Party genau so, wie es der Titel verspricht – mit dramatischen Breakbeats und einer auffälligen Zunahme der Gesangszeit ist End Of World Party eine Reaktion auf die heutigen Anzeichen, den Fokus auf das Wichtige zu verlieren und sich im Wahnsinn der Nachrichten aus aller Welt zu verlieren. Dabei beschreibt die Pressemitteilung End Of World Party kryptisch als ein satirischer Blick auf die Ablehnung der apokalyptischen Aspekte der Menschheit und die Konzentration auf das Jetzt. Kurzum, wollen HÆLOS, dass wir den Moment wieder für uns entdecken und einfach wieder einmal loslassen. Mit End Of World Party hat das Quartett eine große Trip-Hop Hymne produziert, die in einer Reihe mit Songs von Portishead und Massive Attack genannt werden kann.

Someone – Eine ganz neue musikalische Welt

Im Sommer überraschte uns die Niederländerin Tessa Rose Jacksons mit ihrem neuen Musikprojekt Someone. War sie bis dahin im Indiepop, vor allem mit dem Song Change Time, der für einen IKEA-Werbespot verwendet wurde, aufgefallen. Mit einer frechen und unterhaltsame Art sorgte sie so 2012 für ein erstes Aufhorchen. Allerdings konnte sich Jackson auf Dauer nicht mit diesem Sound identifizieren und suchte andere Wege, sich musikalisch auszudrücken. Der im Sommer veröffentlichte Song The Deep war der Beginn dazu. Mit verschwimmenden Klängen, einem elektronischeren Sound und eine Referenz an Portishead krempelte sie ihre musikalische Ausrichtung einmal völlig um. Auf ihrer neuen Single Forget Forgive führt sie diesen Sound konsequent weiter, wird dabei allerdings noch ruhiger und schwimmt auf einem Klangbett aus tiefen Gitarrenriffs. Jackson klingt hierbei ruhig und entspannt. Mit dem dazugehörigen Musikvideo, welches 6:16 Minuten lang ist und einen Kampf der Geschlechter zeigt, fügt sie dem Song einen Clip hinzu, der widersprüchlicher kaum auf ihre Musik wirken könnte. Nach The Deep hat Tessa Rose Jackson, alias Someone, mit Forget Forgive eine starke zweite Single veröffentlicht, die Lust auf ein ganzes Album macht.

MELT! Festival 2017

MELT! 2017 – 20. Geburtstag mit MELT!Frieden – Tag 1

Alles begann 1997 am Bernsteinsee im brandenburgischen Velten. Hier noch vom lokalen Berliner Radiosender 98,8 KissFM präsentiert, gab es eine Künstlerin, die auch heute, 20 Jahre später noch auf dem MELT! auflegt. Die Berliner DJ-Ikone Ellen Allien ist mit dem MELT! Festival verwurzelt, wie ein Jahrhundertbaum im Boden Kanadas. Dass das MELT! Festival mittlerweile zu einem der größten Festivals Deutschlands und einem der beliebtesten Europas gehört, beweisen die Zahlen. Immer knapp an die 20.000 Tickets verkauft wurde vor allem in den letzten zehn Jahren eine enorme Internationalität erreicht. Die größten Fans des Festivals, außerhalb Deutschland, markieren Briten, Niederländer und Skandinavier. Ebenso hat sich im Laufe der Jahre das Line-Up deutlich gewandelt. Standen in den Anfangsjahren hauptsächlich lokale DJ’s und Elektrokünstler auf den Bühnen, kommen heute große Künstler aus aller Welt um in der Stadt aus Eisen zu spielen. Mit dabei sind Künstler wie Röyksopp, The Streets, Underworld, Pet Shop Boys, Oasis oder Portishead.

Diesen Juli gaben sich Die Antwoord, The Kills, Hercules & Love Affair und M.I.A. die Klinke in die Hand und brachten Ferropolis zum Beben. Diese Beben sollte am Freitag mit der Neuentdeckung Maggie Rogers beginnen. Hat sie während ihres Musikstudiums die Bekanntschaft mit Pharell Williams gemacht, sorgte das dazugehörige Video, weltweit für einen Hype. Mit ihrer unvergleichbar, sympathischen Art, die einerseits verträumt und andererseits kindlich wirkt, bezauberte sie live das ganze Publikum. Mit den Songs Color Song und Split Stones tanzt sie sich völlig frei, um nicht unerwähnt zu lassen, dass es das erste Mal sei, dass sie auf einer Hauptbühne spiele. Ihr Charakter ist es allemal Wert genau auf einer solchen Bühne zu stehen – füllte sie doch die Bühne und den Publikumsbereich vollends aus. Speziell bei Split Stones war das Publikum gefesselt und feierte seinen (noch) heimlichen Star. Mit Dog Years und Resonant Body kam dann sogar der Spirit einer ganz großen Künstlerin ans Licht – weiss Rogers doch ganz genau, wie sie einen einzigartigen Moment erzeugen kann, der für die Fans genauso, wie auch für sie einen Moment der Entfernung vom Umfeld darstellt. Schwelgerisch, hymnenhaft und eingekehrt klang Dog Years und schallte über das Festivalgelände, um Festivalgänger, die vorher noch nichts von der 23-jährigen Amerikanerin gehört hatten, anzuziehen. Mit Resonant Body hatte sie schliesslich sogar einen ihrer ältesten Songs aus der 2014 veröffentlichten EP Blood Ballet dabei.

Es folgten Say It, Hashtag und Little Joys. Mit Better aus ihrer aktuellen EP Now That the Light Is Fading und dem Cover des Neil Young Songs Harvest Moon hatte sie schließlich auch einen kurzen, ruhigen Block performt – wobei Rogers Harvest Moon mit einem schnellen, elektronischen Beat unterlegte. War die Bühne so aufgebaut, dass es im vorderen Bereich einen Kameragraben gab, sprang Rogers immer wieder zwischen der Hauptbühne und der vorgelagerten Bühne hin und her und musterte das ganze Konzert über das Publikum. So zogen ihre Augen über die Köpfe und suchte immer wieder Augenkontakt mit dem Publikum. Als schließlich On + Off  und Alaska kamen, gab es auch vor der Bühne kein Halt mehr und das Publikum tanzte zu einer lebensfrohen Maggie Rogers. Dass diese beiden Songs eine der Stärksten ihrer bisherigen Karriere sind, zeigte sich nicht zuletzt an einer selbstsicheren, fröhlichen Sängerin, die einem Publikum gegenüberstand, dass einfach nur den Moment genoß. Und so war es auch kein Zufall, das Rogers als letzten Song ein Cover der Band The Sundays spielte, dass den Titel Here’s Where The Story Ends trug. Maggie Rogers ist fantastisch, sympathisch und überzeugt auf ganzer Linie und sollte auf jeder Konzertliste stehen.

Erste Eindrücke vom neuen Forest konnte man unterdessen in der Umbaupause der Hauptbühne sammeln. Stand der Forest dieses Jahr doch ganz im Zeichen des Berliner Clubs Sisyphos, der dieses Stück der Insel zu einem interaktiven Spielwald verwandelte. So gab es ein Open-Air-Kino, einen Strand, einer Bar – die auf dem Dach eine kreative Bastellstube für Festivalgänger anbot – und ein Waldtelefon, von dem aus die Bar zu erreichen war um sich Getränke bestellen zu können (sofern man Willens war, diese auch im Gedränge abzuholen). Dass dieses Prinzip Erfolg hat, zeigte bereits die Premiere 2016. Das Sisyphos hat, im Vergleich zum letzten Jahr, allerdings noch einmal dran gefeilt und den Forest zum, gern in Anspruch genommenen, Aufenthaltsraum werden lassen.

Von Wegen Lisbeth @ Melt! Festival 2017

Währenddessen machte sich auf der Hauptbühne die Berliner-Indie-Sensation Von Wegen Lisbeth bereit, das Publikum zu unterhalten. Dieses war schließlich auch in Scharen gekommen und wollte sich von der Instrumenten-Kunst der fünfköpfigen Band überzeugen. Mit gewieften Texten zwischen Sperma, Sushi und neuen Freunden in seiner Kneipe, schreibt Matthias Rohde – Frontsänger der Band – Texte die bissig, frech und vor allem direkt sind. Dabei hat Rohde einen ganz eigenen Stil zu singen. Sind die langsamen Passagen fast gesprochen und klingen tief, geht es im Refrain schnell zu und wirkt fast, als würden Kumpels zusammen singen. Komm Mal Rüber, Sushi, Chérie und Der Untergang Des Abendlandes waren regelrechte Granaten und ließen das Publikum ausrasten. Dabei sprang Rohde über die Bühne, die nach einer Hippie-Kommune aussah und die Initialien des Bandnamens VWL in vertikalen Beeten vor Schmetterlingstapete zeigte. Mit Das Zimmer, Bitch, Bärwaldpark und Lisa kam dann das ein oder andere ruhigere Lied aus den Lautsprechern und ließ den Moment im Sonnenlicht wie beim Picknick mit Freunden erscheinen. Dass sich Von Wegen Lisbeth so sehr behaupten ist nicht zuletzt der Situation geschuldet, dass clevere deutsche Bands wie Virginia Jetzt oder Wir Sind Helden nicht mehr existieren und deren Deutsch-Indie zur Mangelware geworden ist. Mit Drüben Bei Penny, Lang Lebe Die Störung Im Betriebsablauf, Wenn Du Tanzt und Meine Kneipe spielten sie dann auch fast alle Songs ihres Debütalbums Grande. Dabei wurde Meine Kneipe zum absoluten Höhepunkt, bei dem nicht nur die Band auf der Bühne den größten Spaß hatte, sondern auch das Publikum mitsprang, gröllte und tanzte. Mit Freigetränk kündigten Von Wegen Liesbeth schließlich das Finale an und verschwanden sympathisch, kumpelhaft von der Bühne. Eine Band, die man sich bei einem Wohnzimmerkonzert vorstellen könnte und mit der man gerne mal ein Bier trinken geht – nur nicht in der Kneipe von Matthias Rohde.

Von Wegen Lisbeth @ Melt! Festival 2017

Bis zum nächsten Act sollte noch Zeit ins Land streichen und das Gelände erkundet werden. Neben einem sehr kargen Eingangsbereich, der fast ausschließlich aus einem, aus Paletten zusammengeschusterten, MELT-Zeichen bestand, gab es hier nicht viel zu erkunden. Erst zur Medusa-Stage öffnete sich das Festivalgelände mit Sponsoring-, Bier- und Imbiss-Ständen und hauchte dem Gelände Leben ein. Hiebei gab es so wunderbare Highlights, wie des Arte-Containers, in dem man 180 Grad Fotoaufnahmen von sich machen und als GIF zuschicken lassen konnte.

Gegen 23:30 Uhr kündigte sich dann einer der Hauptacts des Wochenendes an und blies mit satten Bässen alles aus einem heraus. M.I.A. war schließlich keine normale Künstlerin – und was ist auf dem MELT! Festival schon ein normaler Künstler?! Die Britin sorgte mit ihrem Mix aus experimentellen Dance, Rap, Pop und einem nicht zu verachtenden Anteil Weltmusik für eine wahre Soundexplosion bei der die Lunge und das Trommelfell auf eine harte Probe gestellt wurden. Schließlich sollten Songs wie Borders, Pull Up The People, 20 Dollar und Bad Girls passend präsentiert werden. Im rot-schwarzen Gewand, einer bühnengroßen Leuchtstoffröhrenwand und einem DJ dahinter, machte sich M.I.A. die ganze Bühne zu eigen und scheute auch nicht davor zurück, im Platzregen auf den Bühnenvorbau zu gehen und mit dem Publikum zu performen. Als es dann allerdings so stark anfing zu regnen, dass man sich ohne Poncho zwischen triefenden Klamotten und einer halbtrockenen Verlängerung des Abends entscheiden musste, gewann die Verlängerung und die Hälfte des Publikums machte sich auf, irgendwo einen trockenen Platz zu finden. Zum großen Finale kamen dann allerdings alle zurück und Paper Plans zuckte mit seinen Beats und der Lichtshow durch die Nacht.

Die Schuhe triefend nass und großen Pfützen ausweichend, ging es zum Gremmin Beach, auf dessen Bühne der dänische DJ Kölsch auflegte. Mit einem Mix aus poppigen Tracks und langen Soundschienen hatte Kölsch dafür gesorgt, dass selbst das letzte Stückchen Strand mit tanzenden Beinen belegt war. Ob mit Loreley, Goldfisch, All That Matters oder Gray – Kölsch fand immer den richtigen Moment um ein euphorisches Raunen und hymnenhafte Momente zu erzeugen. Wer Elektro mag aber gleichzeitig auch Melodien benötigt, fand bei Kölsch den richtigen Mix aus beidem.

Und so endete der Abend – wetterbedingt – doch recht früh und die durchnässte Uhr zeigte 3 Uhr an. Während die Strahler den Himmel und Ferropolis erleuchteten, setzte sich der Shuttlebus Richtung Zeltplatz in Bewegung und ließ müde bereits die Vorfreude auf den nächsten Tag aufkommen, der mit Newcomern wie Noga Erez, Honne, Nao und Bilderbuch aufwarteten.

Someone – Namenswechsel und musikalische Neuausrichtung

Someone – The Deep

Sie hat den Rundumschlag gewagt. Tessa Rose Jackson aus den Niederlanden hatte 2012 für einen Überraschungshit gesorgt. Wurden ihre Songs Change Time (2012) und Now I See (2013) für internationale Werbespots verwendet, hatte Jackson vorher bereits in London die renommierte The London School for Performing Arts & Technology besucht – auf der auch Adele, Kate Nash, Katie Melua oder Imogen Heap studierten. Zurück in Amsterdam veröffentlichte sie erste Songs und traf damit schließlich genau ins Schwarze. Das war zwischen 2012 – 2014. Dann wurde es still um Jackson. Bis ihre Facebookseite Mitte Mai 2017 schließlich einen Neuanfang verkündete. Mit den Worte …Die Welt hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Ihr habt euch vielleicht auch verändert. Meine Musik hat sich verändert und dadurch auch mein Name. Dass die Namensgebung mutig ist, zeigt ein klick auf Google – findet man unter ihrem neuen Namen Someone so ziemlich alles, nur keine Musik. Fügt man das Wort Musik hinzu, wird Google hier schon konkreter. Doch auch dann bleibt die Trefferquote gering. So bleibt zu hoffen, dass Someones Debütsingle The Deep viele Fans finden und von den Radiostationen in die Playlisten aufgenommen wird. Denn für The Deep wäre es zu schade, einem größeren Publikum verborgen zu bliebe. The Deep erinnert an Bands wie Portishead und beginnt mit dunklen Synthies und einem rauen Schlagzeug, bis schließlich Jacksons Stimme weich und lieblich einsetzt. Dabei hat sich Jackson vom Indie-Pop ihrer früheren Veröffentlichungen losgelöst und zeigt sich fast schon mystisch und introvertiert. The Deep ist ein Traum und passt perfekt zu einer emotionalen Serienszene. Tessa Rose Jackson hat sich neu erfunden und das steht ihr äußerst gut.

Melt Festival 2014

3 Tage. 16 Künstler. 35°C. MELT! 2014 Tag 3

Es ist 8:38 Uhr und auch heute brennt die Sonne wieder vom Himmel und leutet den letzten Tag des MELT! Festivals ein. Während es noch am frühen Nachmittag, zur Abkühlung, an einen nahegelegenen See geht, steht man pünktlich zum Auftritt des in Wien lebenden Musikers SOHN wieder vor der Hauptbühne. Ist doch seine Musik irgendwo zwischen Songwriting und Elektro angesiedelt, erzeugt gerade diese Mischung eine beflügelnde Atmosphäre. Und so singt er zerbrechlich und sanft wabern im Hintergrund dabei nur so die Bässe vor sich hin. Man möge fast einen Vergleich mit James Blake eingehen, doch ist es trotzdem nicht das Gleiche. Und so singt SOHN mit fast schon zerbrechlicher Stimme in Lessons von einer Liebe bei der er lernen musste NEIN zu sagen. Und das Publikum glaubt ihm dies. Saß er doch alleine auf der größten Bühne des Festivalgeländes. Mit Artifice wird das Tempo schließlich etwas angezogen und die Massen vor der Bühne fangen an sich in Bewegung zu setzen um schließlich am Ende den Wunsch zu haben, die vergangenen 60 Minuten zurückspulen und das Konzert nochmal genießen zu können.

Doch was wäre passender gewesen als nach der Neuentdeckung mit SOHN die Neuentdeckung aus London zu genießen, denn Jungle’s Musik zu beschreiben ist nicht ganz einfach, liegen sie doch irgendwo zwischen 70’s und 80’s, Hip-Hop und Elektro. Doch was am Ende aus den Lautsprechern tönt kommt dem Aufruf des Tanzens nah. Und so ist das Intro Zelt zum bersten gefüllt mit Tanzwütigen und Neugierigen. Da stehen nun also sieben Menschen auf der Bühne, um die vor einem Jahr zu dieser Zeit noch kein Wort geschrieben war, und überzeugen mit ihrem Auftritt so sehr, dass wirklich kein Bein still stand. Ob mit Hits wie Busy Earnin‘, Time oder The Heat oder auch mit noch relativ unbekannten Song aus ihrem gerade erst veröffentlichtem Debütalbum Jungle, die Message bleibt gleich Wir wollen Spaß mit Euch haben. Und das geht auf, guckt man doch am Ende des Auftritts fast ausnahmslos in zufriedene Gesichter aus denen man bei dem Einen oder Anderen auch herauslesen mag, das dies wohl nicht das letzte Jungle Konzert gewesen war.

Nach einem kurzen Dämpfer durch den abgesagten Secret Act, der im Vorjahr beispielsweise der Blitzauftritte von Kraftklub war, ging es direkt zur Mainstage zurück um sich die Urgesteine der TripHop Szene zu Gemüte zu ziehen. Hatten sie doch mit Glory Box, Sour Times oder Machine Gun Wegbereiter geliefert. Dies sollte auch auf dem MELT! zu spüren sein. Ist doch die Mischung aus leisen sensiblen Songs und wummernden Bassmonstern explosiv genug und so wird natürlich bei Songs wie eben Glory Box eine Jubelwelle losgetreten. Doch ebenso faszinierend war Machine Gun der doch wohl einer der kräftigsten Songs des Abends werden sollte. Portishead sind allein schon für ihre künstlerische Motivation und dem daraus resultierenden Produkt eine Bereicherung für jedes Festival und daher verständlicherweise der Headliner des diesjährigen MELT! Festivals.

 

MELT! Festival 2014

 

Nun hieß es sich zu beeilen, wurde doch schon die Gemini Stage abgebaut und auf der Mainstage der Stecker gezogen, traten im Intro Zelt Bombay Bicycle Club auf. Die Band um Jack Steadman war gewohnt feierwütig und lies keinen ihrer Hits aus. So wurde bei Songs wie Carry Me einer der letzten Momente des Festivals gefeiert und jeder im Zelt wusste, wenn nicht jetzt wann dann. Es sollte nicht lange dauern, bis das Zelt ein zweites mal an diesem Abend voll mit Menschen war und die Ordner den Einlass schließen mussten. Denn drinnen hatten die ersten bereits die Sichtblenden zur Seite gezogen um einen Blick auf die Vier zu werfen. So sollte neben Carry Me aber auch Shuffle, Always Like This, Luna und Ivy & Gold nicht fehlen denn genau damit stillten sie den Durst der Fans. Ob man Bombay Bicycle Club zum erstenmal oder bereits mehrfach erleben konnte, spielt bei der Band keine Rolle, sind doch die Live-Qualitäten der Band immer wieder aufs Neue zum ausrasten gut.

Und damit gehen drei Tage MELT! Festival in der 35°C heißen Savanne Sachsen-Anhalts zu Ende. Was bleibt sind unzählige Momente des Erlebens was eine gewisse Vorfreude auf 2015 mit sich bringt.

Melt Festival 2014

3 Tage. 16 Künstler. 35°C. MELT! 2014 Tag 2

Wie bereits gestern angekündigt, folgt heute der traditionell vollste Tag auf dem Festivalgelände. Der Samstag war vollgepackt mit hochkarätigen Bands und so musste man sich früh auf’s Festivalgelände begeben um seine Favoriten zu sehen. Der Abend startete mit FM Belfast, einer isländischen Band, die hier vor kurzem mit ihrem neuesten Song Brighter Days vorgestellt wurde. Nun standen sie auf der Hauptbühne und sahen anfangs noch wie schüchterne Schulkinder aus. Während sie aber neben Brighter Days auch noch ihren Überhit Stripes spielten rastete die Menge komplett aus, sang, sprang und schleuderte die Arme in die Luft. Davon entfacht, lies es sich Lóa, die einzige Frau in der Band, nicht nehmen unentwegt buntes Krepp, Girlanden sowie eine Stolagirlande auzupacken und über die Bühne zu werfen – und natürlich landete dies meist bei den Feierwütigen. Dabei schoß gerade diesen Feierwütigen ein Bass durch den Körper, der wohl für Herzrhythmusstörungen sorgen sollte. Und so zog sich die Band bei 35°C und sengendem Sonnenschein teilweise bis auf die Unterhose aus und sprang über die Bühne.  Immer wieder streuten sie zwischendurch einflussreiche Songs der Vergangenheit ein. So hört man neben Oasis‘ Wonderwall auch den Rage Against The Machine Song Killing in the Name, Urban Cookie Collectives The Key, The Secret auch (You Gotta) Fight For Your Right (To Party) von den Beastie Boys. Um es mit den Worten einiger Fans zu beschreiben, kroch man regelrecht erschöpft aber glücklich von der Bühne.

Was folgte war die Popsensation Deutschlands schlechthin – Milky Chance. Sind doch die beiden Jungs mit ihrem Hit Stolen Dance völlig aus dem Nichts und ohne Major-Plattenvertrag bis auf Platz zwei der Deutschen Singlecharts gekommen, haben sie seitdem die Top-10 von 17 weiteren Ländern entern können. Dies dürfte an der Mischung des trägen Gesanges von Clemens Rehbein gepaart mit abwechslungsreichen Beats des DJ’s und Bandmitglieds Philipp Dausch’s liegen. Doch offenbart sich bei der Liveperformance auch die aufgekommene Vermutung, dass dies nicht reichen könnte. Denn so gut die Songs auch produziert sind machen sie die markante und stetig gleichbleibende Stimme von Rehbein langatmig und fast schon beliebig. So blieb am Ende oftmals die Frage im Kopf hängen welcher der, noch nicht als Single veröffentlichten Songs, das eben war oder ob es immer noch derselbe Song ist. So sehr das Handwerkliche überzeugen kann, fehlte es doch gleichwohl hier an Abwechslung.

 

Melt Festival 2014

Melt Festival 2014

Ein kurzer Abstecher zu Kele Okereke von Bloc Party auf der Gemini Stage ließ einem schnell wieder mit dem Puls nach oben gehen, waren doch seine Mixe vollgepumpt mit sattem Bass und frikeligen Klangspielen. Dazu kam ein Meer aus Bildschirmen die überall an der Decke verteilt zu den Beats aufblitzen. Aus Zeitnot ging es allerdings nach 30 Minuten schon wieder zur Mainstage zurück um bei Metronomy vorbei zu schauen. Sind doch ihre Songs The Look, The Bay seit Jahren Garanten für eine gute Party, haben sie auch gleich zu Anfang das Feuer entfacht um dann zur Glut und schließlich fast zum Erlöschen zu kommen. Wurde doch das Konzert doch im Verlauf immer ruhiger und akustischer und man fragte sich, ob das für einen Samstagabend auf der Mainstage nicht zu ruhig sei.

Ruhig ging es dann auch beim letzten Künstler des Abends zu. Trat doch der amerikanische Sänger William Fitzsimmons im Intro Zelt auf. Würde man versuchen seine Lieder zu beschreiben würden Worte wie zart, zerbrechlich oder introvertiert kommen aber auch liebevoll oder sinnlich. Und so blieb einem beim Anblick der Fans im Zelt der Atem stehen. Da sah man Fitzsimmons auf der Bühne leise in das Mikrofon singen und vor der Bühne saßen eben diese Musikliebhaber auf dem Boden oder lagen gar mit geschlossenen Augen da. Das hier keiner schlief, merkte man spätestens nach jedem Song, der mit einem tosenden Applaus gefeiert wurde. So wurde während der Songs wie The Tide Pulls From The Moon, So This Is Goodby oder Fortune das Licht rötlich schimmernd über die Kopfe der Gäste gefahren und löste eine Heimeligkeit aus, die man wohl so sonst nur von zu Hause her kennt.

Eigentlich sollten nach William Fitzsimmons noch die Auftritte von Breach und WhoMadeWho folgen, doch hat es Fitzsimmons geschafft, dass man sich rundum glücklich und ruhig in die Nacht tragen lies und diesen Moment so lange es ging bei sich tragen wollte.

Damit ging auch der Festival-Samstag zu Ende und was morgen folgt ist der Abschlusstag mit alten Bekannten wie Portishead sowie der neuesten Entdeckung Jungle.