Daft Punk - Epilogue

Daft Punk – Goodbye, Au revoir, Tschüss

Die Nachricht schlug ein! Daft Punk haben heute mitgeteilt, dass sie sich getrennt haben. Dabei ist die Geschichte um das französische Elektro-Duo so erfolgsverwöhnt und futuristisch, dass es einen wahren Verlust für die Musikszene weltweit bedeutet. Vor 28 Jahren haben Guillaume Emmanuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter in Paris das Duo Daft Punk zum Leben erweckt und mit einer Mischung aus futuristischen French-House-Sounds die Welt im Sturm erobert. Direkt mit ihrer Debütplatte Homework, die Anfang 1997 erschien, vereinten sie die Menschen auf den Tanzflächen der Clubs und hatten mit Da Funk und vor allem mit Around The World zwei so erfolgreiche Songs produziert, dass ihr Name zum Sinnbild für den French-House wurde. Als Seitenprojekte von Bangalter war auch Stardust mit dem Song Music Sounds Better With You ein voller Erfolg. Doch Daft Punk wollten sich dem Popzirkus und -rhythmen des Album Schreibens, Produzierens, Veröffentlichens, Tourens und von vorne Beginnens, nicht hingeben. So ließen sie sich vier Jahre Zeit, bis ihr zweites Album Discovery erscheinen sollte. Als Leadsingle wurde One More Time zum globalen Ohrwurm. Erstmals bekleideten Daft Punkt damit Spitzenpositionen in den Singlecharts Frankreichs, Portugals, Irlands und Kanadas. Waren Daft Punk spätestens hiernach weltweit ein Begriff, baute sich der Song Harder, Faster, Better, Stronger in den Folgejahren zu einem satten Partyhit auf, der mit einem weiteren Song aus dem dritten Album Human After All bis heute als fester Bestandteil einer jeden Homeparty gilt.

Daft Punk
Daft Punk

Technologic, das 2005 als zweite Single des Albums Human After All veröffentlicht wurde gilt in den USA bis heute als einer DER Partysongs überhaupt. Doch dann wurde es still um das Duo. Zwar veröffentlichten sei mit Alive: 2007 die Fortsetzung des Livealbums Alive: 1997 und produzierten zum Blockbuster TRON: Legacy 2010 den gleichnamigen Soundtrack – doch sollte es insgesamt acht Jahre dauern, bis die Franzosen wieder ein Studioalbum veröffentlichen würden. Und dieses Mal saß alles. Am 19. April 2013 veröffentlichten Daft Punk zusammen mit Pharrell Williams den Song Get Lucky. In Folge sollte er es in 32 Ländern weltweit auf Platz 1 schaffen und sich insgesamt fast 10 Millionen Mal über alle Kanäle verkaufen. Nur vier Wochen später kam am 17. Mai Daft Punks viertes Studioalbum Random Access Memories raus, das es in 23 Ländern an die Chartspitze schaffte, mit über 3,5 Millionen verkauften Einheiten zu ihrem erfolgreichsten Album wurde und das dritterfolgreichste Album des Jahres weltweit wurde. Neben Pharrell Williams waren auch Nile Rodgers und Julian Casablancas von The Strokes auf dem Album zu hören, das dem Duo fünf Grammy Awards einbrachte. Nach endlosen Auftritten in Folge wurde es wieder ruhig um die Jungs und traten Daft Punk nur noch ein paar Mal als Produzenten der The Weeknd Hits Starboy und I Feel It Coming, sowie Overnight von der Berliner Band Parcels in Erscheinung. Nun wissen wir, dass es zu ruhig wurde. Denn mit dem Clip Epilogue, welchen die Band heute auf YouTube veröffentlicht hat, gaben sie nach 28 Jahren das Ende der Band bekannt. In einem gewohnt non-verbalen Video sehen wir, wie de Homem-Christo bei Bangalter den Selbstzerstörungsmechanismus auslöst und er nach einer Minute explodiert. Was bleibt, sind mehr als zwei Dutzend absoluter Überhits, die nicht nur ihre Zeit überlebt haben, sondern auch Wegweiser für die House-Musik unserer Gegenwart und Bands, wie Justice, Phoenix, The Weeknd oder Parcels sind. Damit werden viele ihren Hut ziehen und Danke für 28 Jahre voller wegweisender Musik sagen.

Charlotte Cardin - Meaningless

Charlotte Cardin – Ist der Sturm unserer Lautsprecher

In den YouTube-Kommentaren können wir Sätze, wie Sie ist eine Legende, Sie hat es verdient, richtig bekannt zu werden oder Sie sollte den nächsten James Bond Song singen lesen – all das, obwohl die Musikerin und Model erst 26 Jahre alt ist. Von ihrer Stimme und dem ganz besonderen Gefühl, den die kanadische Sängerin Charlotte Cardin in ihre Songs packt, konnten wir uns bereits auf Fous N’importe Où überzeugen. Damals hatte sie zusammen mit dem kanadischen Produzenten CRi eine eigene Interpretation des – im Original 2001 von Daniel Bélanger veröffentlichten – Songs rausgebracht. Nachdem sie mit Big Boy 2016 ihre Debüt-EP veröffentlichte, folgte nur ein Jahr später mit Main Girl die zweite EP. Dabei ist ihr Wechsel zwischen Jazz, Elektro und Pop bemerkenswert und lässt sie, je nach Genre komplett anders wirken. Nachdem sie mit Passive Agressive im vergangenen Herbst eine erste neue Single veröffentlichte, folgte im Januar mit Daddy eine zweite Single. Nun hat Cardin mit Meaningless einen weiteren Song veröffentlicht und damit auch die Info, dass wir uns im April auf ihr lang erwartetes Debütalbum Phoenix freuen können, auf dem alle drei Songs zu finden sind. Dieses hat Cardin in den vergangenen zwei Jahren abgeschottet aufgenommen und dabei in sich selbst reingeguckt. Denn seitdem die Kanadierin mit 15 das erste Mal auch als Model tätig war, bereits mehrmals auf dem Cover des Modemagazins ELLE stand und für CHANEL als Markenbotschafterin tätig ist, versteckt sie ihre eigene Identität, um in der Öffentlichkeit so zu wirken, wie man es von ihr erwartet.

Charlotte Cardin - Phoenix
Charlotte Cardin – Phoenix

Dies wollte und musste die – aus Montreal kommende – Sängerin ändern, entstand dadurch doch bei ihr eine zunehmende Leere. Auf Meaningless singt Cardin darüber, sich von den Erwartungen der Aussenwelt zu befreien und wieder zu sich selbst zurückzufinden. Sich nicht zu verkaufen, sich nicht selbst zu verlieren und einfach sich selbst zu vertrauen. Herausgekommen ist ein Song, der so unterschiedlich ist, dass wir hier regelrecht erkennen können, welche Zerrissenheit in ihr herrschte. Da beginnt es gleich in den ersten Sekunden mit einem ruhigen Einstieg aus Cardins Gesang und einer Gitarre, ehe plötzlich ein drückender Aufschrei den Moment zerreisst und in einem treibenden Elektrosound übergeht – niemals erdrückend aber immer bedrückend. Hier kommt man unweigerlich zu dem Moment, bei dem man sich nicht sicher ist, ob der Aufschrei sich trägt, ehe mit dem Einsetzen des Elektrobeats ein WOW aufkommt und alle vorherigen Gedanken förmlich wegfegt. Charlotte Cardin hat mit Meaningless eine sehr starke Single veröffentlicht, die wunderbar die Vielfalt ihrer Stimme zeigt, durch die Produktion aber das Augenmerk auf das Gefühl der Sängerin lenkt.

Birdy - Open Your Heart

Birdy – Die große Rückkehr zum Klavier

Eine Stimme und ein Klavier reichten 2011 aus, um das immense Talent einer britischen Sängerin in die Welt zu tragen. Mit Coversongs von Phoenix, The XX, Bon Iver oder Cherry Ghost hatte sie eine emotionale Power in die Songs gebracht, die in den Originalen immer nur situativ erlebbar waren. Auch wenn die Originale heute allesamt zu den großen Klassikern zählen, hat vor allem Birdys Interpretation mit dem Klavier dafür gesorgt, die ganz großen Gefühle aufkommen zu lassen. Auch heute, neun Jahre nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums Birdy, haben die Songs nichts an ihrer Wirkung verloren. Bemerkenswert an Birdy war die großartige Auswahl an herausragenden Künstlern, deren Songs die damals 14-jährige Sängerin coverte und damit einen erstaunlichen Musikgeschmack bewies. 2013 folgte mit Fire Within ihr zweites Album, ehe 2016 mit Beautiful Lies ihr bislang letztes Album erschien. Mit Songs, wie Not About Angels (2014), Keeping Your Head Up oder der Zusammenarbeit mit Sigma auf Find Me (beide 2016) konnte sie schließlich immer wieder aufs Neue begeistern. Nach fünf Jahren als absoluter Überflieger brauchte die damals gerade 20 gewordene Britin 2016 eine Pause und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Seitdem schreibt sie an neuen Songs und hat weit mehr Songskizzen angefertigt, als auf ein Album passen würden. Da der Britin die Songs allerdings wichtig sind, fand sie einen Weg, so viele, wie möglich, zu veröffentlichen. So kommt – bevor 2021 ein neues Album von der Sängerin erscheinen wird – Anfang November die EP Piano Sketches auf den Markt, von der nun eine erste Single ausgekoppelt wurde.

Birdy - Piano Sketches

Birdy – Piano Sketches

Nachdem sich Birdy auf dem zweiten und dritten Album vielen neuen Elementen öffnete und auch mal schneller und poppiger klang, findet sie auf Open Your Heart wieder zurück zu ihrem Klaviersound der Anfangszeit. Hierbei wird – gleich beim Ertönen des ersten Klavieranschlages – klar, dass die Sängerin diese große Gabe, Gefühle so natürlich und direkt zu transportieren, immer noch besitzt und so authentisch und sanft klingt, wie auf ihren Coverversionen vor fast zehn Jahren. Birdy selbst sagt über die Musik ihrer neuen EP – Ich habe eine Menge Musik geschrieben, auf die ich so stolz bin, die aber womöglich normalerweise nicht das Licht der Welt erblicken würde – ich werde diese reduzierten Tracks über die kommenden Monate vor dem Album veröffentlichen. Zusammen geschrieben und aufgenommen hat sie den Song in Los Angeles mit Rick Nowles – der unter anderem an The Power Of Good-Bye für Madonna, White Flag für Dido oder Loud Places für Jamie XX mitgeschrieben hat. Hier ist es Jasmine Lucilla Elizabeth Jennifer van den Bogaerdes – wie Birdy bürgerlich heisst – Wunsch, diese Songs einer breiten Masse zugänglich zu machen. Mit der EP Piano Sketches kommt sie ihrem eigenen Wunsch nach und präsentiert uns eine erwachsene Sängerin, die mit ihrer klaren Stimme, zehn Jahren nach ihrem großen Durchbruch noch immer direkt ins Herz geht.

Breakbot feat. Delafleur – Darum lieben alle French-House

Der Song Be Mine Tonight ist ein Paradebeispiel für den leichten und unglaublich groovigen Sound, den French-House in den vergangenen dreißig Jahren zu einem der beliebtesten Sounds werden ließ. Zum einen sind da die großen Vorreiter, wie Daft Punk und das Sideproject Stardust, Modjo, The Supermen Lovers, Étienne de Crécy oder Mr. Oizo, die Ende der 90er und Anfang der 2000er mit Songs, wie Around The WorldStarlightLady (Hear Me Tonight)Am I Wrong oder Flat Beat ganz Europa am tanzen hielten. Zum anderen Bands, wie Justice, Kavinsky, The Blaze und Breakbot, die dafür sorgen, dass es auch weiterhin einen kontinuierlichen Output an French-House-Songs gibt. Letzterer Künstler steht seit gut elf Jahren bei Ed Bangers Records unter Vertrag und ist nicht zuletzt durch großartige Remixe von Songs der Bands und Künstler, wie Air, Metronomy, Parcels, Lizzo, Röyksopp, Kavinsky, Justice oder Phoenix bekannt. Mit By Your Side (2012) und Still Waters (2016) hat Breakbot bereits zwei erfolgreiche Alben veröffentlicht – hinzu kommen sechs EP’s. Nun hat Breakbot – hinter dem sich der Franzose Thibaut Jean-Marie Michel Berland verbirgt – mit Be Mine Tonight einen neuen Song veröffentlicht, auf dem der 38-Jährige zum einen wieder mit der Sängerin Delafleur zusammenarbeitet und zum anderen einen absoluten Retrohammer veröffentlicht. Dabei knüpft Be Mine Tonight an die ganz großen French-House Klassiker von The Superman Lovers‘ Starlight und und Étienne de Crécy Am I Wrong an und zeigt, wie sehr der Sound den Körper anregt. Gleich zu Beginn fangen die Beine mit dem funkigen Synthesizern an zu zucken und hören erst nach fast drei Minuten wieder auf. Für Breakbot ist es nach Don’t Stop The Dance bereits die zweite Zusammenarbeit mit Delafleur und steigert die neue Single gleichzeitig die Hoffnung auf eine baldige neue EP oder gar ein neues Album.

Lo Moon – Sie nehmen Dich in den Arm

Wenn sich eine Band 2016 gegründet hat und bereits 2017 und 2018 – also keine zwei Jahre später – als Vorband von den Glass Animals, Phoenix und London Grammar durch die Welt tourt, kann man schon mal von einem Sensationsstart sprechen. Die aus Los Angeles kommende Band Lo Moon hat dies hinbekommen. Hatten sie bereits beim London Grammar Konzert im Berliner UFO als Vorband die Menge ins schwelgen gebracht, ist ihr selbstbetiteltes Debütalbum eine Ansammlung von schweren Songs, die ihren Platz dort haben, wo ein gebrochenes Herz zu finden ist. Mit sanfter Behäbigkeit singt Frontsänger Matt Lowell sich in die Herzen und baut mit Keyborderin Crisanta Baker und Gitarrist Samuel Stewart eine warme, Wolke aus Zweisamkeit und dem Gefühl, als würde man die Fingerspitzen über die warme Haut einer anderen Person gleiten lassen, nur um diese zu entdecken. Bei der Auswahl eines bestimmten Titels mag man sich eigentlich gar nicht festlegen, sind alle 10 Stücke doch gleichauf faszinierend und schwebt immer auch ein Hauch der 80er Jahre mit umher. Mit Tried To Make You My Own reizen sie den 80er-Sound noch ein Stück mehr aus und erinnern an manchen Stellen fast schon an Chris Isaaks Wicked Game. Sowohl live, als auch auf ihrem Debütalbum zeigt das US-Amerikanische Trio, warum es binnen kürzester Zeit so erfolgreich geworden ist. So lehnen wir uns zurück und lassen das Debüt Lo Moon gleich noch einmal von vorne abspielen.

Franz Ferdinand – Sie blasen uns weg!

Franz Ferdinand sind eine Institution der 2000er Indie-Bewegung. Mit ihrem wegweisenden, 2004 veröffentlichten, Take Me Out wurden sie über Nacht zu Stars der britischen Musikszene. Es folgten teils sehr am Pop orientierte, als auch ambitionierter Artrock Stücke, wie auf dem Album der – als Supergroup aus Franz Ferdinand und Sparks formierten – Band FFS. Jetzt haben Franz Ferdinand, ohne Gründungsmitglied Nick McCarthy, dafür aber mit den beiden neuen Bandmitglieder Dino Bardot und Julian Corrie mit Always Ascending nach fünf Jahren ein neue Album angekündigt – klammert man die Supergroup-Veröfentlichung von FFS einmal aus – und katapultiert dessen gleichnamige, erste Single uns direkt in die Mitte der 2000r zurück. Mit einem hypnotischen Klavierspiel und Alex Kapranos‘ Stimme beginnend, entwickelt sich Always Ascending zu einem stampfenden Indie-Monster. Hierbei gibt das Intro Referenzen an Songs von Queen preis und wird durch einen kurzen elektronischen Bruch getrennt, zu einem klassischen Franz Ferdinand Song, der somit einmal mehr tanz-, wie ausrastbar ist. Immer dabei auch der eingängige Refrain, der zum mitsingen animiert und eine Ohrwurmgarantie bedeutet. In London und Paris produziert, hatten sowohl Philippe Zdar, eine Hälfte des französischen Duos Cassius, als auch deren Landsmänner von Phoenix ihre Hände mit im Spiel. Diese Frische arbeitet sich regelrecht durch Always Ascending und bringt Franz Ferdinand ganz groß zurück auf die Spiel- und Tanzflächen.

The Best Of 2017 Vol.: 05

The Best Of 2017 Vol.: 05

01. Amber Run – Fickle Game

 

02. Dreamcar – Kill For Candy

 

03. Gromee feat. Mahan Moin – Runaway

 

04. Welshly Arms – Legendary

 

05. Mallrat – Uninvited

 

06. Sigrid – Don’t Kill My Vibe

 

07. Kaind – Tiefe Flüsse

 

08. Mando Diao – Shake

 

09. The Kooks – Be Who You Are

 

10. Kraftklub – Fenster

 

11. Selma & Gustaf feat. The Unmarried Queen – Where We Once Belonged

 

12. Hurts – Beautiful Ones

 

13. San Jua – Break Your Fall

 

14. Her – Five Minutes

 

15. HAIM – Right Now

 

16. Phoenix – J-Boy

 

17. James Blake – My Willing Heart

 

18. Shout Out Louds – Oh Oh

 

19. Saux – For I Know

 

20.Mr. Juke feat. BJ The Chicago Kid – Angels Your Love

 

21. Tom Grennan – Praying

Phoenix – Zurück in die Zukunft

Phoenix – J-Boy

Wie Phoenix aus der Asche heißt es nun schon seit Jahren immer wieder, wenn die gleichnamige französische Indie-Band ein Album veröffentlicht. Dabei bedeutet diese Redewendung, dass jemand eine Niederlage erlebt haben muss, um sich danach wieder aufzuraffen. Doch bei Phoenix aus Versailles sucht man diese Niederlage vergebens. Seit der Bandgründung 1999 ging es nur in eine Richtung für das Quartett – nämlich nach oben. Mit jedem Album aufs Neue erreichten sie höhere Chartplatzierungen, wurden in mehr Ländern bekannt und dehnten die Touren weiter aus. Dabei veränderte sich auch ihre Musik stets. Mit Indie-Pop gestartet, produzierten sie mit den Jahren immer öfter mit Synthies und New Wave Sounds. Der Höhepunkt war das 2013 veröffentlichte Album Bankrupt! mit dem quitschend lauten Entertainment. Hier wurde es selbst der Gruppe ein paar Jahre später zu viel und so produzierten sie das sechste Album Ti Amo, das am 9. Juni erscheint. Mit der ersten Single J-Boy kommen sie direkt mit Marty McFly aus den 80ern zu uns. Da klingt J-Boy nach schwoofigem Synthie-Pop, der etwas zurückgenommen wurde und an eine Teenager-Abschlußparty á lá La Boum erinnert. Dass J-Boy nicht so nach vorne geht, wie noch die Leadsingles der vergangenen beiden Alben, verzeiht man schnell – wird man durch den neuen Song doch regelrecht von Hornbrillen, dunkelgrünen Pullundern und braunen Schlaghosen umgarnt und lehnt sich an den kitschig flirrenden Klangteppich an. Somit kann also keine Rede von Phönix aus der Asche sein – und wenn, dann allerhöchstens, weil es vier Jahre dauern musste, bis die feschen Franzosen wieder neue Musik veröffentlichten.

Depeche Mode - Where's The Revolution

Depeche Mode – Das Musikphänomen

Depeche Modes Erfolg zu erklären ist schwer. Betrachtet man das Musikbusiness, müsste sich die Band seit zwanzig Jahren selbst überholt haben. Und dennoch, veröffentlichen sie Alben, Singles, gehen auf ausverkaufte Welttourneen und verschwinden danach wieder gänzlich von der Bildfläche, um dann, wie Phönix aus der Asche wieder mit voller Wucht zurückzukommen. Was allerdings genauso für Depeche Mode steht, ist die Kontinuität, mit der das britische Trio seit 37 Jahren Musik veröffentlicht. Brachten sie in den 80er Jahren fast jährlich ein neues Album raus, hat sich Mitte der 90er ein, bis heute anhaltender, Vier-Jahres-Rhythmus durchgesetzt. Dazu kommt, dass sich ihr Sound nie so stark verändert hat, dass er Fans vergraulen würde. So haben sie über ihre fast 40 jährige Bandgeschichte eine feste Fangemeinde aufgezogen, die ihnen bis heute treu ist. Doch auch unabhängig dessen, schaffen es Dave Gahan, Martin Gore und Andy Fletcher immer wieder neu zu begeistern. Mit ihrer gestern veröffentlichten Single Where’s The Revolution, aus dem im März erscheinenden, vierzehnten Studioalbum Spirit, zeigen Depeche Mode mit einem schweren, dystopischen Sound, direkt mit den Zeigefinger auf die Gesellschaft und ihre aktuellen Zerwürfnisse und Probleme. Einmal mehr, ein Protestsong gegen die aktuellen Geschehnisse. Aber Depeche Mode waren noch nie einfach nur passive Musiker, sondern äußerten schon immer, was sie beschäftigt. So ist Where’s The Revolution auch als bedrückend, große Anklage zu sehen und markiert damit die Rückkehr von Depeche Mode.

MELT! Festival 2016

MELT! 2016 – Alles neu in Ferropolis – Tag 2

Tag zwei kam mit einem üblichen Ritual daher – Baden gehen, Duschen, die Klorollen weiterreichen und die Getränke vorbereiten. Denn auch heute gab es neben Two Door Cinema Club und Deichkind so einiges zu erleben.

Newcomer der großen Worte

Fing der heutige Tag erst um 20 Uhr an, legte Drangsal auf der Medusa Stage eine Show hin, die an Pomp und 80’s-Sound kaum zu überbieten war. So klang der 23 Jährige wahlweise wie The Cure, The Smith oder Depeche Mode und könnte so in den 80er Jahren Millionen Platten verkaufen. Was in den 80er Jahren Mainstream war, ist heute ein Überbleibsel für den Indie- und Alternative-Fan. Auf dem MELT! konnten sich allerdings – und das war zu erwarten – sehr viele mit dem Sound des Wahlberliners identifizieren. Und so war die Medusa vollgepackt bis hinter die Bars. Der Pathos, mit dem Drangsal Songs wie Love Me Or Leave Me Alone, Hinterkaifeck und Allan Align performte, hätte bei vielen Bands ausgesehen, wie aufgesetzt oder angeeignet. Bei Drangsal jedoch wirkte alles stimmig und spätestens mit dem Cover des Lady Gaga Hits Paparazzi setzte er noch eins drauf und wandelte irgendwo zwischen 80’s-Kitsch und New-Wave Sounds.

Drangsal @ MELT! Festival 2016
Drangsal @ MELT! Festival 2016

Alte Bekannte präsentieren neues Material

Keine dreiviertel Stunde später ging es bereits auf der MELT! Stage mit Two Door Cinema Club los. Was hier zu erwarten war, wurde bei weitem übertroffen. Satte 19 Songs spielten die Nordiren und vereinten so alle Hits ihrer beiden, bereits veröffentlichten, Alben Tourist History und Beacon und ihrem, im Oktober erscheinenden Album Gameshow. So dauerte es gerade einmal einen Song, bis das Publikum direkt vor der Bühne anfing ekstatisch zu tanzen. So ging es über etwas mehr als eine Stunde durch Songs wie Sleep Alone, Undercover Martyn, Gameshow, Are We Ready (Wreck), Sun, I Can Talk, Something Good Can Work und Someday. Beendet hatten das Trio den Auftritt mit What You Know – einem letzten Aufbäumen der Masse um sich bei der Band für den Auftritt zu bedanken. Da wurde gesprungen und gepogt und ganz viel gejubelt und am Ende tief durchgeatmet.

Während auf der MELT! Stage umgebaut wurde, spielten in der Orangerie die Jungs von Kytes. Die Münchener Indierock Band ist seit geraumer Zeit ein Geheimtip, was Indie aus Deutschland angeht. So klingen sie wahlweise nach Phoenix oder Two Door Cinema Club. Mit Songs wie As We Row, Future Kids oder On The Run und einem unglaublich fidelen Auftritt, schafften das Quartett es problemlos, die Menge zum tanzen zu bekommen. So war der knapp 40-Minütige Auftritt mit ganz viel Energie gefüllt und sorgte für gute Stimmung.

Anarchie als Popkultur

Die Uhr zeigt 23:45 Uhr an – es wurde also Zeit für den wohl besten Auftritt des Abends. Waren doch Deichkind angekündigt. Wer bereits einige Jahre MELT!-Besucher ist, kann sich vielleicht an den legendären 2006er Auftritt der Combo erinnern. Den MELT!-Veranstaltern steckt dieser Auftritt wohl heute noch in den Knochen. Hatten Deichkind doch im letzten Song, Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah), welches um halb sieben Uhr in der früh gespielt wurde, alle Fans auf die Bühne gerufen und so für den absoluten Sicherheitsgau gesorgt. So bestiegen hunderte Fans die Bühne, drückten sich an Security’s vorbei und sorgten dafür, dass nicht nur der Strom ausfiel, sondern auch ernsthafte Gefahr bestand, dass die Bühnenkonstruktion zusammenbricht. So war es nicht verwunderlich, dass es sage und schreibe 10 Jahre gedauert hat, bis man Deichkind wieder auf einer MELT! Bühne zu sehen bekam – sicherlich auch mit strengen Auflagen. War 2006 der totale Abriss als Konzept geplant, könnte man das 2016er Konzept mit viel Pomp und Anarchie beschreiben. So gab es Wodkaduschen, Schlauchbote über den Köpfen des Publikums, Federn und jede Menge Konfetti. Deichkind sind schon lange nicht mehr die unprofessionelle Band, die mit Mülltüten auf der Bühne für absolutes Ausrasten stand. 2016 sind die Shows durchgestylt, mit Boygroup-Synchron-Performances und ganz viel Lichttechnik versehen. Da gab es Kostüme, die an Daft Punk erinnerten, Technik, die bei Kylie Minogue nicht besser passen könnte und einer Band, die den absoluten Exzess seit knapp 20 Jahren lebt. Mit diesem Performancekonzept wäre es dann auch nur zu verständlich gewesen, wenn keine weitere Band mehr die Bühne betreten hätte – kamen doch große Probleme auf, die ganzen Federn wegzubekommen. Von den Songs stachen vor allem Bück Dich hoch, Leider Geil, Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah) und Roll das Fass rein hervor. Bei letzterem wurde, wie schon auf dem letztjährigen Lollapalooza Festival, ein riesiges Fass in die Menge gerollt, auf dem Deichkind den Song sangen. Mit jeder Menge politischer Messages versehen, nutzten Deichkind nicht nur einmal die Gunst so viele zu erreichen. Anderthalb Stunden, 90 Minuten, von 23:45 Uhr bis 1:20 Uhr, ging das Konzert und beanspruchte die komplette Energie der Fans.

Vom Deichkind Auftritt noch körperlich gezeichnet, trat um 2:30 Jamie XX auf der MELT! Stage auf. Musste letztes Jahr wegen ihm die Gremmin Beach Bühne, wegen zu vielen Menschen, gesperrt werden, hatte er nun mit der MELT! Stage alle Möglichkeiten, die es zu haben gibt. Durch seine teilweise sehr ruhigen Songs, setzten sich so einige vor die Bühne hin und ließen so den Abend ausklingen. Mit Loud Places, dem You’ve Go The Love Cover oder I’ll Take Care Of You hatte Jamie XX genau den richtigen Übergang gefunden, um das Publikum von seinen Studioproduktionen mit, zu einem DJ-Set zu nehmen. War doch gerade der zweite Teil des Konzertes mehr Live-Mix als Studioaufnahmen.

Körperlich, nach Konzerten von Two Door Cinema Club und Deichkind, ein Wrack, freute man sich nur noch auf das Zelt. Und wer als erstes auf seiner Luftmatratze lag, war für diesen Abend auch nicht mehr gesehen. So ging Tag 2 zu Ende und wurden die Eindrücke verarbeitet. Mit Digitalism, Lea Porcelain und Disclosure warteten dann an Tag 3 noch weitere Highlights des letzten Tages.