Kristofer Åström - Hard Times

Kristofer Åström – Der Wunsch eines unbeachteten Jungen nach Anerkennung

Es gibt Gesichter, die schaut man sich an und kann so unglaublich viel darin lesen. Doch nicht etwa durch ein extrovertiertes Auftreten oder die Falten, die von einem bewegten Leben sprechen. Hier sind es die Augen und die Mimik, die eine Geschichte erzählen, der man gerne und andächtig zuhört. Der Schwede Kristofer Åström hat so ein Gesicht – das vieles sagt. Dabei trifft es sich gut, dass auch seine Stimme eine unglaubliche Tiefe vermittelt. Mit einer Mischung aus dem epischen Gefühl einer Highschoolband, wie Lifehouse oder dem erwachsenen Timbre eines Fink vermischen sich bei Åström die Gefühle. Dabei schwebt immer eine Bedächtigkeit, sowie Erhabenheit mit in seiner Musik. Auf der aktuellen Single In The Daylight erzählt uns der Sänger von einem 16-jährigen Schuljungen, der nicht der angesagte Junge der Schule war, sondern vielmehr Abseits stand. Gleichzeitig aber den Wunsch hegte, von dem angesagtesten Mädchen wahrgenommen zu werden. So entsteht im Verlaufe des Songs ein Zwiegespräch über all die Eventualitäten, die eintreten könnten, wenn er sich nur trauen würde, dieses Mädchen anzusprechen. Gleichzeitig wächst die Angst, sich zu öffnen und angreifbar zu machen. In The Daylight erzählt von dem Moment, an dem ein zurückgezogener Junge auf dem Schulhof alleine am Zaun steht und auf das Mädchen guckt, dass umringt von all ihren Freundinnen und beobachtet von den coolen Jungs, den Moment genießt, während der Junge das Gefühl von Einsamkeit erfährt.

Kristofer Åström Photo by Ellika Henrikson
Kristofer Åström Photo by Ellika Henrikson

Dabei trifft Åström die Atmosphäre so gut mit seinem Klavier, der zurückhaltenden Gitarre und dem gleichmäßigen Drums, dass man auch ohne diese bildliche Vorstellung in einen Gemütszustand der Ruhe und des Überlegten kommt. Dann setzt der Gesang kurz aus und man hört dem wunderschönen wiederholenden Klavierspiel zu, welches gleichzeitig von einer gewissen Heiterkeit umgeben ist. In The Daylight ist die aktuellste Single aus Åströms neuen und zehnten Studioalbum Hard Times, welches am 6. November erscheinen wird. Und obwohl Åström selbst behauptet nicht nostalgisch zu sein oder zu sehr in der Vergangenheit zu leben, sehen andere Menschen in meinen Songs diese Art von Referenzen. Ich denke darüber nicht all zu viel nach. Ich bin einfach nur ein Songwriter, der seine Songs schreibt. Es kommt nicht von ungefähr, diese Assoziation aufzubauen, hört man sich Åströms Musik an. Auf Hard Times treffen wir auf eine Menge dieser Gefühle, die sich nicht abschütteln lassen und uns immer wieder in die Position des Betrachtenden bringen und Erinnerungen aufleben lassen. Mit In The Daylight zeigt uns der Schwede so sanft und warm, wie schön Erinnerungen sein können, die uns einst so sehr das Herz gebrochen haben aber heute für die intensivsten und emotionalsten Erinnerungen sorgen.

Bosse - Der Letzte Tanz

Bosse – Wann war Dein letzter Tanz?!

Der Sympathiebolzen schlechthin ist zurück! Bosse hat mit Der letzte Tanz eine neue Single veröffentlicht und zeigt uns einmal mehr, warum wir den sympathischen Musiker so lieben. Bosse spricht nicht lange um den heissen Brei herum und folgt seinem Gefühl. Die damit verbundene Direktheit erreicht die Fans einmal mehr und lässt die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen mit dem Sänger nicht abreissen. Nun fordert Bosse uns in seinem neuen Song auf, so zu tanzen, als wäre es der letzter Tanz. Dabei treffen die Zeilen auf verschiedenen Ebenen. Sicherlich – die offenbarste Situation beschreibt das Ende einer Beziehung. Doch im Jahr 2020 trifft uns der Satz tanz, als wäre es der letzte Tanz gerade auch deshalb, weil wir eben nicht, wie sonst, auf Konzerten, Festivals oder im Club zu unserer Lieblingsmusik tanzen können. Doch was Axel Bosse zum Ausdruck bringen möchte ist vielmehr der Moment, an dem man sich noch nicht ganz bewusst ist, dass man etwas zum letzten Mal tut oder wiederum so verfährt, sich sogar im Klaren zu sein, diesen bewussten Schritt zu gehen.

Bosse
Bosse

So kennen einige bestimmt den Moment, eine schwitzige Clubnacht gehabt zu haben und zu wissen, dass der Club nach dieser Nacht für immer schließt. Das wäre hier allerdings die entfernteste Interpretation des Songs. Vielmehr geht es Bosse aber wohl um die Beziehung zwischen zwei Menschen, die sich verabschieden. Ob es eine Trennung oder der Wegzug ist. Die so frei gewordenen Emotionen zelebriert Bosse in Der letzte Tanz einmal mehr so wunderbar euphorisch, dass aus der eigentlichen Trauer ein hymnisch, ekstatischer Song wird. Hatte Bosse 2018 mit Alles Ist Jetzt sein letztes Studioalbum veröffentlicht, folgten letzten Jahr mit Kein Geld Der Welt (zusammen mit Chefboss) und Ich Warte Auf Dich (mit Capital Bra und Prinz Pi) zwei Singles ausserhalb der Reihe. Nun könnte Der Letzte Tanz darauf hindeuten, dass von Bosse womöglich eine neue Platte in Arbeit ist. Während wir auf diese Ankündigung noch warten müssen, tanzen wir einfach den letzten Tanz immer und immer wieder.

Kevin Morby - Sundowner

Kevin Morby – Auf den Spuren von Into The Wild

Es klingt alles so laid-back, was wir auf Kevin Morbys neuer Platte Sundowner zu hören bekommen. Da kommt das Gefühl auf, mit Emile Hirsch zusammen vor dem Bus aus dem Film Into The Wild zu sitzen und das ruhige Panorama der vor einem liegenden Steppe zu beobachten. Bei einem knisternden Lagerfeuer – das auch tagsüber vor sich hin brennt, um über die kühlen Tage zu kommen – gibt uns der US-Amerikanische Musiker, der in Texas geboren wurde und zwischenzeitlich in New York City lebte, ehe er sich in Los Angeles niederließ und schließlich vor drei Jahren zurück nach Kansas City zog, einen Ausschnitt aus seinem Leben. Dabei spielt der Tod auch immer eine Rolle, hat Morby doch in der Vergangenheit gleich mehrere Weggefährten und Freunde verloren. Sundowner erzeugt hierbei eine wunderbar warme und akustische Stimmung, die sich am Rock und Folk des Mittleren Westens orientiert. An den Songs für das Album arbeitet Morby bereits seit knapp drei Jahren und somit länger, als für die meisten Songs seines fünften Studioalbums Oh My God, das letztes Jahr erschien.

Kevin Morby
Kevin Morby

Nun ist am vergangenen Freitag die komplette Platte erschienen und begeistert mit einem organisch, knisternden Sound. Es ist der typische Aussteiger-Sound, dem Morby hier eine besondere Atmosphäre verleiht. Dabei sind die Songs des Singer/Songwriters nahe am Vibe von Künstlern, wie Angus & Julia Stone, lassen sich viel Zeit und geben den einzelnen Songs viel Raum, um sich zu entfalten. Oftmals erinnert Morbys Stimme an alte Bekannte, auf dessen Namen wir einfach nicht kommen wollen, bleibt sich aber immer auch treu und verfolgt die Erzähllinie seiner Geschichten, die sich um die Orte drehen, an denen er gelebt hat. Mit einer Ode an den Mittleren Westen und seine Heimatstadt Kansas City, in der er aufwuchs, hört man der gesamten Platte eine verschrobene Melancholie an, die sich zwischen den Gefühlen von Sehnsucht und Heimkehr bewegen. Sundowner ist ein Album, das für den Herbst und die Momente, wenn man sich unter einer warme Decke verkriecht, gemacht ist und mit ganz viel Wärme zu überzeugen weiß.

Woodlock - Collateral

Woodlock – Wenn ein Stolpern den Weg frei macht

Sie klingt nach so vielen Emotionen – die neue EP Collateral des neuseeländisch/australischen Trios Woodlock. Bestehend aus den neuseeländischen Brüdern Zech und Eze Walters und dem Australier Bowen Purcell, hatte Zech in den vergangenen Jahren mit Zusammenbrüchen zu kämpfen, die ihm seinen Platz in der Welt in Frage stellen ließen. Mit dieser Herausforderung zu kämpfen hatte dadurch auch die ganze Band, die erst kurz zuvor mit ihren drei EPs Lemons (2013), Labour of Love (2014) und Sirens (2015) auch international vor dem Durchbruch standen. Doch entschied sich die Band, der Gesundheit Vorrang zu geben und nahm sich die Zeit, um Zech die volle Unterstützung zuzusagen. Nun sind sie nach vierjähriger Pause mit der EP Collateral zurück und reißen uns als Hörer in ein tiefes Loch der großen und tiefen Emotionen. Anders, als noch ihre letzte Veröffentlichung Something Broke That Day vor der Bandpause 2016 , klingen die sechs neuen Songs deutlich organischer und zurückhaltender und nehmen den Folk der Anfangsjahre wieder auf. Darauf behandelt jeder Song eine andere emotionale Geschichte.

Woodlock
Woodlock

Mit der Leadsingle Collateral greifen die Jungs ein enorm starkes Thema auf, das einen Einblick in die komplexen Gefühle von Zech gebt. Hier arbeitet sich die Band durch den zermürbenden Prozess eines Beziehungsendes. Hat man sich während der positiven Zeit geschworen, nie im Bösen auseinanderzugehen, werden plötzlich die Messer gewetzt und die umliegenden Personen aus der Familie und dem Freundeskreis mit hineingezogen. Der dadurch entstehende Hass und die Taten, die alle im Umfeld emotional verletzen, lassen nichts, als verbrannten Boden zurück. Welches Gefühl bleibt übrig, wenn man alle Energie darauf gesetzt hat, den anderen zu verletzten?! Hier setzt Collateral musikalisch ein äusserst hymnisches Ausrufezeichen. Normalerweise im Folk beheimatet, kommen in diesem Song die großen, euphorischen Sounds zum tragen. Es ist ein Song vom Erkennen der Situation und vom Wunsch, den Heilungsprozess zu beginnen. Mit voller Wucht reisst uns der Refrain plötzlich, vom Waldweg am Berghang auf die Bergspitze und gibt uns den Überblick zurück, den wir im dichten und dunklen Wald verloren zu haben schienen. Collateral ist dabei nur eines von insgesamt sechs Ausrufezeichen auf dieser so bedeutsamen EP. Auf ihr haben Woodlock die schwersten Momente in berührende, emotionale und aufwühlende Songs verwandelt und treffen dabei sofort ins Herz. Hier entsteht eine Gänsehaut, die von Betroffenheit genauso geprägt ist, wie sie ein erhabenes Gefühl umgibt – immer im Hinterkopf habend, wie schnell ein Zusammenbruch den Menschen mit sich reissen kann.

Christopher von Deylen - Heaven Can Wait

Christopher von Deylen – Der Sound eines Reisenden

Christopher van Deylen dürfte vielen unbekannt erscheinen, doch begleitet uns seine Musik seit mehr als zwanzig Jahren. Denn einst als Duo angefangen, steht von Deylen seit 17 Jahren alleine hinter dem Musikprojekt Schiller. Dahinter verbirgt sich eine Diskografie der Erfolge. Hat von Deylen unter dem Projekt Schiller bereits zehn Alben und sieben Live-Alben veröffentlicht, kamen früher noch große Singleveröffentlichungen, wie Das Glockenspiel, Dream Of You und Leben… I Feel You (beide mit Heppner), Die Nacht… Du bist nicht allein (feat. Thomas D), You (feat. Colbie Caillat), Sonne (feat. Unheilig), Morgenstund (mit Nena) oder Avalanche (mit SCHWARZ) hinzu. Heute ist es das Album an sich, welches als ein Gesamtwerk gesehen werden soll. Damals wie heute steht für von Deylen im Vordergrund, dass seine Musik den Hörer mit in eine andere Welt nimmt. Mit organischen Arrangements lässt er damit viele Emotionen entstehen. Die Verkaufszahlen geben ihm recht. Kein anderer Künstler ist in diesem Genre – dem Ambient – so erfolgreich, wie von Deylen. Mit sechs Nummer-1 Alben – von denen allein die letzten vier jeweils die Charts anführten – und weiteren vier Top-10 Titeln ist er ein fester Bestandteil der deutschen Musikszene und vereint viele namhaften Kollaborationen auf seinen Alben. Für sein neuestes Projekt wagt sich der Musiker und Produzent nun aus dem Schatten des Schiller-Universums raus und veröffentlicht am kommenden Freitag erstmals unter seinem eigenen Namen die Platte Colors.

Christopher von Deylen - Color
Christopher von Deylen – Color

Von Deylen selbst beschreibt das Album als Mischung aus Minimal Piano und elektronischen Sounds und soll dazu animieren, sich einmal in eine andere Welt zu träumen. Auf Colors verbindet der Musiker einmal mehr die treibenden Klangmuster seines Projektes Schiller und arbeitet damit den Sound eines Reisenden heraus. Hat von Deylen bereits vor einigen Jahren seinen festen Wohnsitz in Berlin aufgegeben, kann man ihn heute als glücklich heimatlos bezeichnen. Immer wieder wird seine Musik aus den Eindrücken auf Reisen geprägt und sucht von Deylen diese Momente direkt. Ob durch Südostasien, auf dem Forschungsschiff Polarstern durch die Arktis oder der US-Amerikanischen Mojave-Wüste reisend, findet von Deylen immer den passenden Sound. Mit seiner neuen Platte Colors erhalten wir nun erneut die Möglichkeit, Teil dieser Reise zu werden. Mit der Single Heaven Can Wait begeistert der Produzent mit großen, hallenden Synthiebrettern und einer euphorischen Soundproduktion. Immer auch präsent, ist das Piano, welches zur Rast einlädt, ehe der elektronische Beat wieder zum weiterziehen animiert. Von Deylens Heaven Can Wait ist der Soundtrack in unseren Köpfen, wenn wir in fernen Ländern aus der Scheibe des Busses oder der Bahn gucken und den vorbeiziehenden Eindrücken volle Aufmerksamkeit gewähren. Kaum ein Moment ist zeitloser als dieses Gefühl und bringt uns in eine emotional Verfassung, die intensiver nicht sein kann.

Danny Vera - The Weight

Danny Vera – Möchte nicht auf Ewig der Balladenjunge bleiben

Es ist eine spannende Zeit für den niederländischen Musiker Danny Vera. Noch Anfang des Jahres hatte er in seiner Heimat mit Roller Coaster für einen enormen Hit gesorgt. Völlig aus dem Nichts schaffte es Roller Coaster landesweit in die Radios und wurde zur erfolgreichsten Veröffentlichung des Sängers – und das in seinem 20. Jahr als Musiker. Fing er 1999 als Teil der Band Till Dawn an, Musik zu machen, veröffentlichte Vera 2003 mit For The Light In Your Eyes sein erstes Soloalbum. Mit dem, zu einem Doppelalbum zusammengefassten Alben Pressure Makes Diamonds 1 & 2 – The Year of the Snake & Pompadour Hippie – die einzeln sein elftes und zwölftes Album darstellten – hatte er 2018 und 2019 seine aktuellsten Alben veröffentlicht. Nun schwappt Roller Coaster – auch nach Deutschland über, findet hier erste Fans und landet in immer mehr Radioplaylisten der großen Stationen. Unterdessen veröffentlichte Vera gerade in seinem Heimatland mit The Weight eine brandneue Single, die zu seinem 13. Studioalbum The New Now gehören wird. Erscheint dieses Album in seinem Heimatland am 12. November, ist noch nicht ganz klar, ob es zeitgleich auch in Deutschland erhältlich sein wird – ist doch die Promotour zu Roller Coaster aus seinem letzten Album hierzulande gerade erst angelaufen.

Danny Vera
Danny Vera

Die neue Single ist dabei eine kleine Überraschung. Denn während Vera zumeist durch ruhige Songs, wie Balladen, bekannt geworden ist, ist der neue Song deutlich schneller. Mit einem großartigen Gitarrenspiel, weiten Klängen und einem fließenden Übergang zwischen den einzelnen Songblöcken ist The Weight eine Hymne für all diese Menschen, deren Leben sich als Roadtrip anfühlt. Rastlos und betäubt ist The Weight für den Moment der Einsamkeit und großen Gefühle in einem selbst geschrieben. Als Teil des neuen Albums geht es auf The Weight und auf The New Now darum, mit einem Wechselgefühl aus Sicherheit und großen emotionalen Momenten zu leben. So hat Vera zur Veröffentlichung des Songs folgendes gesagt: Es geht darum, dass man denkt Dinge gut verarbeitet zu haben und dann realisiert, dass es doch nicht der Fall ist. Der Tod meiner Eltern wird für mich immer heftig bleiben. Doch irgendwann denkt man: Ich bin darüber hinweggekommen und dann plötzlich trifft einen die Trauer doch wieder mit voller Wucht. Mit diesem Gefühl wird klar, warum The Weight an Geschwindigkeit zugenommen hat und passt plötzlich so perfekt auf den neuen Sound des Niederländers. Schließlich fügt Vera abschließend noch hinzu, dass sich sein Sound aber auch verändert musste, wenn er nicht ewig der Balladenjunge sein möchte. Es ist seine zurückhaltende Sympathie, die den Sänger so ausmacht. Gepaart mit den tiefen und bedeutungsstarken Songs, schafft es der Sänger sofort, Emotionen bei uns zu wecken. Mit diesen Merkmalen wird Vera auch in Deutschland recht bald zu den ganz Großen gehören.

Blu DeTiger - Cotton Candy Lemonade

Blu DeTiger – Irgendwo ist immer Sommer

Wer kommt denn da – mitten im Herbst – plötzlich mit einem der feinsten Sommerhits um die Ecke?! Man möchte der New Yorkerin Blu DeTiger fast unterstellen, die großartigsten Songs in der falschen Jahreszeit zu veröffentlichen – oder ist es gar Kalkül?! Denn so fallen ihre Songs zumindest mehr auf. Bereits im Januar 2019 veröffentlichte die 21-jährige Sängerin mit dem Überhit In My Head eine wahre Bassbombe. So energiegeladen und flippig kam schon lange kein Song mehr daher. Dabei blieb das Multitalent bisher zumeist nur dem Umkreis der Millionenmetropole vergönnt. Dass die Multiinstrumentalistin, Sängerin, Songwriterin, Produzentin, DJane und Bass Virtuosin nun aber auch international durch die Decke geht, ist zum einen der Plattform TikTok zu verdanken und zum anderen der Art, wie DeTiger ihren Bass spielt. Denn auch auf ihrer vor einem Jahr veröffentlichten Single Tangerine ist dem Bass alles untergeordnet. Mit unkonventionellen Wandlungen im Beat lässt uns DeTiger nicht zur Ruhe kommen und schafft Energie, wo vorher ein leerer Raum war.

Blu DeTiger
Blu DeTiger

Nun hat die US-Amerikanische Sängerin mit Cotton Candy Lemonade einen neuen Song veröffentlicht, an dem sie während der Lockdown-Phase gearbeitet hatte. Überraschend hierbei ist, dass sich der Sound signifikant verändert hat. Hier steht nicht mehr ausschließlich der Bass im Vordergrund und ordnet sich alles dem Beat unter, sondern wird der Song vielmehr durch ein elegantes Bassspiel dominiert. Langsam, verträumt und immer ein wenig desinteressiert singt sich DeTiger durch ihren neuen Song und erinnert dabei an eine Mischung aus Tash Sultana, Lana Del Rey und HONNE. Mit dieser langsamen und relaxten Art der Arrangements und Harmonien holt uns DeTiger für einen Moment lang den Sommer zurück in den tristen Herbst und vermittelt das Gefühl eine warmen Sommerbrisen auf unserer Haut zu spüren. Für knapp zweieinhalb Minuten holt uns die Sängerin damit aus unserem Alltag und gibt uns noch die Info mit auf den Weg, dass Anfang 2021 mit ihrer Debüt-EP zu rechnen sei. Doch bis dahin werden wir mit Sicherheit noch ein paar Mal die warme Sommerbrise über unsere Haut wehen lassen.

SYML - I Wanted To Leave

SYML – Ganz eigene Gymnopédies

Wir haben schon viele Songs vom US-Amerikanischen Musiker SYML gehört. Mal waren es ganz leise Balladen, die durch Folk, Singer/Songwriter und Pop geprägt waren – wie seine letzte Veröffentlichung The Dark, mal waren es schnelle und laute Rockhymnen, die nach Indie und Alternative griffen. Alle gemein hatten aber immer wieder das Überraschungsmoment. So klingt kaum ein Song, wie der andere. Nun hat sich Brian Fennell – der mit seinem Output an Songs immerhin bereits auf satte acht Beiträge auf SOML gekommen ist – an eine weitere genreübergreifende Ausdrucksweise gewagt – dem Instrumentalsong. Mit nur einem Klavier spielt sich SYML auf dem Song I Wanted To Leave so frei, das wir völlig vergessen, dass dieser Song gerade erst veröffentlicht wurde. Dabei hat SYML bereits einige seiner Songs als Pianoversion veröffentlicht, doch waren diese immer nur Abwandlungen seiner früheren Songs mit Gesang. I Wanted To Leave hat SYML erstmals als reinen Pianotrack geschrieben und komponiert. Mit sanften Klavieranschlägen und markanten Highlights setzt sich I Wanted To Leave fragil zusammen und erinnert an die großartigen Kompositionen von Eric Saties Gymnopédies No. 1, Yann Tiersens Comptine d’Un Autre Été aus dem Film Die fabelhaften Welt der Amélie oder Brian Reitzells Beginners (Theme Suite) aus dem gleichnamigen Film Beginners. Alle gemein haben, dass sie es geschafft haben – ob der klassischen Instrumentierung – im Mainstream beachtet und über Jahre hinweg als zeitlos aktuell empfunden zu werden.

Brian Fennell
Brian Fennell

SYML greift dabei die Sprache der Emotionen auf und erzählt uns über die Dramaturgie des Songs eine Geschichte, die vom kalten Gefühl ferner Orte handelt. Obwohl der Musiker an so vielen großartigen Orten der Welt sein kann, stellt sich im Laufe der Zeit irgendwann das Gefühl von Kälte ein, bei der er immer deutlicher das Verlangen empfindet, nach Hause kommen zu wollen. Als Musiker ist dieses Gefühl ein stetiger Begleiter auf Tour und zeugt von dem unfassbaren Verlangen nach Heimat. Die tiefen Klaviertöne von I Wanted To Leave lassen dieses Gefühl noch stärker werden und zeigen eine Traurigkeit, die gleichzeitig durch das Spiel im Hintergrund eine Dynamik entwickelt, die vom Veränderungsdrang geprägt ist. Mit den hellen Tönen in der Mitte des Songs strahlt schließlich auch der I Wanted To Leave in einem hellen Licht, ehe er wieder in ein tiefes Gefühl der Melancholie versinkt. SYML schafft es, die Sprache seiner Emotionen so gekonnt auf die verschiedenen Musikstile aufzuteilen, dass man sich jedes Mal wieder öffnet und seinen Gefühle freie Lauf lässt. Auffällig dabei ist, dass er über die Jahre in seinen Produktionen immer ruhiger geworden ist und damit den Emotionen deutlich mehr Raum haben. Mit I Wanted To Leave kündigt SYML gleichzeitig weitere Songs dieser Art an und könnte auf eine instrumentale EP hindeuten. Solange wärmen wir uns mit den warmen Klaviertönen seiner aktuellen Veröffentlichung ein wenig.

Roosevelt - Feels Right

Roosevelt – Auf Album Nr. 3 fühlt sich alles richtig an

Vor knapp sechs Wochen erst kam mit Echoes die neueste Single von Roosevelt auf den Markt, da legt Marius Lauber mit Feels Right bereits nach und haut uns den satten Discosound nur so um die Ohren. Immer dabei – der Synthesizer – denn das ist Roosevelts Markenzeichen. Während er in den letzten Wochen immer konkreter wurde und bereits zwei Solosongs und eine Kollaboration veröffentlicht hatte, folgt nun mit der neuen Single Feels Right die Ankündigung seines dritten Studioalbums Polydans, welches am 26. Februar 2021 erscheinen wird. Darauf enthalten sind neben Feels Right, Echoes und Sign noch sieben weitere Songs und die Gewissheit, eines der heissesten Dancealben des Winters erwarten zu können. Feels Right selbst kam ganz natürlich zustande, sagt Lauber über den Song. Der Song handelt von einem Gefühl der unerschütterlichen Zustimmung. Als ich den Song schrieb, begann alles mit einem, von der [US-Amerikanischen Funk-Rock-Band] ESG beeinflussten Funk-Loop, der schon in seiner einfachsten Variante etwas euphorisch verspieltes hatte. Es ist auf jeden Fall einer der Songs, auf dem neuen Album, der am leichtesten entstand. Einer dieser Songs, der die Richtung regelrecht diktiert, anstatt, dass man noch Wochen an ihm arbeitet.

Roosevelt - Poyldans
Roosevelt – Poyldans

Das neue Album geht – anders als der Zweitling Young Romance – wieder zurück zu Roosevelts Anfängen und versperrt sich keiner Kreativität. Hier gab es keine kreativen Einschränkungen mehr und konnte Roosevelt all das machen, was ihn glücklich macht. Dabei nennt der DJ, Produzent und Songwriter sein neues Album, das persönlichste, dass er bisher produziert hat. Während viele Acts der Elektroszene weltweit mit kalten, tiefen House-Elementen arbeiten und dadurch eine Dunkelheit vor sich her schieben, begeistert Roosevelt mit einem warmen, euphorischen Discosound, der die hellsten Elemente des Clubfeelings transportiert. Neben der Albumankündigung hat Roosevelt für die zweite Märzhälfte sechs Konzerte in Deutschland angekündigt, auf die wir uns schon jetzt sehnlichst freuen. Feels Right zeigt, dass sich das Multitalent mit seinem jetzigen Sound glücklich fühlt. Das transportieren die Songs und sorgen für einen Moment der euphorischen Freude.

Freyr - Avalon

Freyr – Musik, ganz unabhängig von Genres

Es ist ein treibender Takt, der gleich zu Beginn des neuen Songs von Freyr Flodgren einsetzt. Ein Takt, der sich vertraut anfühlt, der nicht in Hektik ausbricht und doch so viele Schichten aufweist. Avalon ist der Soundtrack einer Nacht, in der wir durch die dunklen, verlassenen Straßen einer Großstadt ziehen. Gleichzeit gibt es irgendwo auf dem Land einen Menschen, der entlang der leeren Landstraßen am Wegesrand für einen Moment verweilt und die kalte, feuchte Luft des Herbstes einatmet. Im Kopf – immer dieser Takt, der uns runterholt, einen Moment inne halten und sich auf uns selbst konzentrieren lässt. In diesen Momenten sehen wir das gebrochene Herz in uns, das – vor Liebe – berstende Herz, die Freude und die Wehmut, die Einsamkeit, sowie die Geborgenheit. Es ist ein Song, der die tiefsten Gefühle in uns weckt und sich dafür noch nicht einmal anstrengen muss. Freyr hat diesen Song aus den Eindrücken eines einjährigen Aufenthaltes in Vancouver geschrieben. Doch nicht nur die Tempel in der kanadischen Stadt waren die Inspiration zu Avalon. Textlich verarbeitet Freyr hier die Erlebnisse einer Reise an die Mittelmeerküste Südfrankreichs.

Freyr
Freyr

Mit Eindrücken und Emotionen dieser beiden Orte und dem tiefen Gefühl, das Freyr in sich trägt, hat der isländisch/schwedische Singer/Songwriter einen Song geschrieben, der sich tief in unsere Seele vorarbeitet. Aus reinen Gefühlen hört man Avalon heraus, dass die Emotionen gelebt wurden. Freyr selbst hat dabei bereits eine bewegte Zeit hinter sich – wie Ihr im Beitrag zu Neighbour Boy erfahren konntet. Während erst im Sommer dieses Jahres seine EP Sorry erschienen ist, kündigte der Musiker mit Avalon nun eine Veröffentlichungsreihe an, die – laut eines Posts auf seiner WordPress-Seite – in einer neuen EP münden sollte. Doch nur wenige Tage später veröffentlichte Freyr auf Facebook die Info, dass es ein Album geben wird. Mit der gesammelten Hoffnung auf einen Longplayer in dieser Stimmung, steht Freyr bereits jetzt auf einer Stufe mit Ben Howard, Damien Rice und José González und dürfte damit unsere Sehnsucht nach seinem tiefen Sound in Form eines Albums stillen.