Jonah - Ocean Wide

Jonah – Vom sanften Kampf gegen Dämonen

Es ist die Sehnsucht, die uns oftmals dazu bringt, neue Wege einzuschlagen. Gerade jetzt, wo wir uns alle – wie auf einem Pause-Knopf sitzend – vorkommen, als würde unsere Welt an der Stadtgrenze aufhören, sehnen wir uns mehr denn je nach der Ferne. Gleichzeitig setzen sich viele mit den Dämonen in einem selbst auseinander. Wer bin ich, warum handele ich so, was verändert sich, wenn ich mich verändere? Das Duo Jonah hat dazu eine wunderschöne, neue Single veröffentlicht – denn hier begleiten wir den ehemaligen World Tour Surfer Ricky Basnett – wie er seine Dämonen besiegte und nach acht Jahren der Alkoholsucht wieder zurück auf dem Brett ist. Dabei spricht Basnett ganz offen aus, dass der einzige Moment, in dem er Freude empfand, lange Zeit der war, zur nächstbesten Flasche zu greifen. Mit sanften Gitarren und einem behutsamen Einsatz des Klaviers haben die beiden Berliner ein wunderschönes Soundbett produziert, auf das Angelo Mammones sanfte Stimme wie eine Feder zu schweben scheint. Ocean Wide klingt nach dem Ermüdungszustandes, den man nach einem Kampf empfindet. Ausgelaugt, ruhig und auf sich besinnend ist Ocean Wide Momentaufnahme und Batterie für einen neuen Aufbruch zugleich und schafft es, uns auf den verschiedenen Etappen, die wir durchlaufen – um etwaige Dämonen zu vertreiben – den nötigen Halt zu geben. Nach Husk My Love ist Ocean Wide bereits die zweite neue Single und lässt uns zaghaft wieder auf ein neues Album hoffen.

PLGRMS - Disappear

PLGRMS – Werden wir uns auflösen oder etwas wagen?

Es ist der Moment, an dem eine Band denkt, jetzt zündet der Antrieb und wir starten durch, wie eine Rakete. Auch das australische Duo PLGRMS stand Anfang 2019 an diesem Punkt. Sorgten sie seit 2015 mit Songs, wie Pieces (2015), Fools And Their Gold (2016), Dream You Up (2017) oder Daylight (2019) dafür, dass sie zu einem immer gefragteren Festival-Act wurden und stand mit der Veröffentlichung des Songs Daylight der finale Durchbruch kurz bevor. Doch plötzlich war das Duo um den Producer Jonathan Bowden und Singer/Songwriter Jacob Pearson von der Bildfläche verschwunden. Später folgte ein Statement, in dem Pearson verriet, das ihn chronische Schmerzen dazu zwangen, alles anzuhalten und seinem Körper eine Phase der Erholung und Heilung zu gönnen. Mit neuer Energie und etwas mehr als einem Jahr Pause, haben sich PLGRMS nun mit der Single Disappear zurückgemeldet und arbeiten dabei am eigenen Anspruch. Auf Disappear singt Pearson schließlich darüber, endlich wieder etwas zu wagen. Man möchte den ersten Schritt wagen und auf etwas Neues zugehen, aber gleichzeitig ist es auch so einfach, weiterhin einem altbewehrten Schema zu folgen. Manchmal ist es das „fast zu Ertrinken“, das wir brauchen, um schwimmen zu lernen – sagt Pearson. Im Deutschen wäre dies am ehesten mit dem Sprichwort – ins kalte Wasser springen – zu vergleichen. Nun haben PLGRMS mit Disappear eine fulminante Rückkehr eingeläutet und stehen bereit, sich ganz nach oben zu arbeiten. Klingt der Song mit seinen Gitarren, Klavier- und Perkussionelementen und dem sanft, melodischen Gesang Pearsons kraftvoll und sensibel zugleich, bildet sich im Refrain eine bombastische Wolke aus Trauer, Kraftlosigkeit und einem aufkeimenden Wunsch nach einem Neuanfang. Szenisch umgesetzt, bildet das dazugehörige Musikvideo die zweite Hälfte des Songs und lässt mit seinen Bildern die sanfte und ebenso brachiale Kraft des Ozeans erahnen, in der sich Pearson schließlich zu verlieren scheint. Disappear ist eine grandiose Rückkehr des Duos und eine großartige Ballade mit der PLGRMS schon bald auch international erfolgreich sein wird.

Vonheim – Wenn ein Sonnensturm aus Musik bestehen würde

Wenn ein Song drei Jahren braucht, um auf einer Platte zu landen, dann zeugt das von einem unablässigen Glauben der Band, an den Song. Im Falle der norwegischen Band Vonheim wurde In The Deep sogar von einer Ballade zu einem epischen, satten Instrumentensturm. Mit seiner unglaublichen Energie und Wucht schmettert uns In The Deep einen wahren Sonnensturm um die Ohren und lässt uns in einer futuristischen Landschaft ohne jegliches Leben zurück. Als musikalischer Ausbruch dient aber nicht nur die Instrumentierung, sondern auch der Gesang des Frontsänger Erlend Vesteraas. Erinnert In The Deep an Songs der frühen Werke von Thirty Seconds To Mars, geht die nun veröffentlichte Single Moving On in die komplett entgegengesetzte Richtung. Mit einem leichten Gitarrenspiel und dem sanft, verträumten Gesang Vesteraas kommen Erinnerungen an Radiohead auf und kann Moving On sogar einen starken Bezug zu Summer Moved On von der ebenfalls aus Norwegen kommenden Band a-ha aufnehmen. Dabei behandeln Vonheim das Ende und daraus resultierend den Neuanfang und sehen Moving On somit als Motivation wieder einen neuen Schritt zu wagen. Am 8. Mai erscheint mit In The Deep das zweite Studioalbum der Norweger und wird natürlich auch diese beiden Songs enthalten.

Lane 8 feat. Poliça – Sie haben es wieder getan

Seitdem der US-Amerikanische Produzent und Musiker Daniel Goldstein 2018 sein vielbeachtetes zweites Studioalbum Little By Little als Lane 8 veröffentlichte, hat sich viel im Leben des – in der Zwischenzeit zum Vater gewordene – Musikers verändert. Den Blickpunkt den, der momentan in Denver lebende, Goldstein durch einschneidende Erlebnisse – wie Vater zu werden oder ein eigenes Label zu gründen – in den vergangenen Jahren hatte, veränderte seine Arbeit immer wieder und zeigt heute einen Musiker, der sehr stark mit der Gegenwart verbunden ist und diese in seine Musik einfließen lässt. Noch 2017 erklärte er auf die Frage, warum er denn in Zeiten von Streaming und Sets noch an einem Album arbeite mit den Worten, dass ein Album eine ganz andere Sprache spreche. Und so heisst es auch 2020 wieder, dass wir mit einem Album des Produzenten verwöhnt werden. Mit dabei ist – wie auch schon auf Little By Little – die US-Amerikanischen Band Poliça, deren Song Brightest Lights nun sogar erneut, nach No Captain auf Little By Little, als Leadsingle des gleichnamigen neuen Albums veröffentlicht wurde. Dabei fängt Goldstein die Harmonien so großartig ein und möchte damit einen Raum der Reflexion schaffen. Von Höhen und Tiefen zehrend gibt es auch immer einen Weg, das Leben und in der heutigen, herausfordernden und mitunter düsteren Welt, etwas Positives zu sehen. Genau diese Energie versprüht Brightest Lights durch einen schnellen, beatlastigen Sound, der von Poliças-Frontfrau Channy Leaneagh durch so sanften und treibenden Gesang bereichert wird, dass man sich in dem Sound verlieren kann.

Bon Iver - Naeem

Bon Iver – Ein Evolution in vier Akten

Bon Iver ist ein Aussätziger unter den Musikern. Mit seinen Soundmustern, die sich mit jedem seiner Alben verändern, über die Art zu singen, bis hin zu seinen kryptischen Titeln – kaum etwas ist richtig greifbar. Mit seinem nun veröffentlichten I,I setzt der US-Amerikaner Justin Vernon seinem Alter Ego Bon Iver einen vierten Akt auf und komplettiert damit die Soundästhetik, der vier Jahreszeiten. Auf seiner nun veröffentlichten Single Naeem kehrt Venon zurück zu den Anfängen seines Sounds und lässt eindringliche Pianoklänge über sanfte Bässe zu einem kratzig fordernden Gesang des Sängers legen. Dabei wirkt Naeem wie eine Folkballade, die sich aus den Einflüssen von Sigur Rós, The Lumineers und The Slow Show zusammensetzt. Einmal mehr schafft es Bon Iver so, dass seine Musik eine Kunstform annimmt, die sich für viele immer wieder aufs Neue als völlig eigenständig etabliert und zum Einfluss vieler anderer Künstler wird und ist darüber hinaus der perfekte Begleiter für den rauen Ton des nahenden Herbstes.

City And Colour - Living In Lightning

City And Colour – Wie ein Hauch im Nacken

Das Projekt City And Colours ist nur eines der vielen musikalischen Zweige des kanadischen Sängers Dallas Green. Als reiche es ihm nicht, mit einem Projekt Musik zu machen, hat er 2014 zusammen mit Pink das äußerst erfolgreiche Projekt You & Me gestartet und landete prompt in den Top-10 von acht Ländern. Kurze Zeit später veröffentlichte der Sänger mit If I Should Go Before You sein fünftes Album als City And Colour. Nun ist Green mit der bereits dritten Singleauskopplung Living In Lightning zurück und kündigt damit für den 4. Oktober sein sechstes Studioalbum A Pill for Loneliness an. Dabei geht Green den Weg, weg vom rein akustischen Sound, weiter und blüht förmlich in einem warmen Sound aus Gitarren, Schlagzeugen und sanften Bässen auf. Greens Stimme präsentiert sich hier einmal mehr glasklar – lässt jedoch hier und da kurz den Wunsch nach einem puren A Capella Part aufkommen, bei dem man sich auf die fantastische Stimme des Sängers fokussieren möchte. City And Colour ist das Vorzeigeprojekt des Multitalentes Dallas Green und beweist einmal mehr, wie sicher Green dieses Genre beherrscht.

Reyko - Lose Myself

Reyko – Wenn hauchend, dann vibrierend!

Mit ihrer Debütsingle Spinning Over You (2017) und der EP Midnight Sunshine (2018) hat in London lebende Duo Reyko in den vergangenen 24 Monaten ein paar verheißungsvolle Songs veröffentlicht. Das die Sängerin Soleil und der Produzent Igor – übrigens beide aus Spanien kommend – zusammengekommen sind, ist dem Auftritt eines gemeinsamen Freundes zu verdanken. Denn während der Freund auftrat, kamen die beiden ins Gespräch und formten die Grundlage der heutigen Band. Zum damaligen Zeitpunkt studierte Igor noch Musikproduktion an der University of West London und Soleil arbeitete als Osteopathin. Dass sich daraus so spannende Musik, wie auf ihrer neuen Single Lose Myself entwickelt, hatte wohl keine gedacht. Mit diesem, nun veröffentlichten, Song kommen die verschiedenen Ansätze und Einflüsse der beiden hervor und werden durch die sanft hauchende Stimme Soleils und den massiven Basslines Igors kaum greifbar. So fungiert Lose Myself als Dreampop, Housetrack und zeigt in seiner Struktur typische Anleihen von Popmusik. Spannend, knisternd, brechend – Reyko springen zwischen den Genres und lassen auf mehr hoffen.

Elderbrook & Rudimental – Tanz dich frei

Beide Acts blicken bereits auf eine ausgiebige Diskografie zurück. Sind Rudimental für ihre Kollaborationen mit Blick auf Diversität, Akzeptanz, Inklusion und Freiheit bekannt und haben in der früheren Vergangenheit mit Acts wie Jess Glynne, Macklemore, Tom Walker und James Arthur zusammengearbeitet, steht das Londoner Kollektiv für tanzbare, elektronische Musik, die auch genreübergreifend funktioniert. Elderbrook – der ebenfalls aus London kommende Singer/Songwriter und Produzent – hat in den vergangenen Jahren vor allem durch seine Zusammenarbeit mit CamelPhat auf Cola von sich hören lassen. Nun haben sich beide Acts für Something About You zusammengetan und einen Song veröffentlicht, der sich sanft aber gleichzeitig euphorisierend anhört. Genau diese Mischung transportiert die Intention hinter dem Song – zeigt das Video doch eine Selbsthilfegruppe von Männern, die sich öffnet und dem vergifteten Maskulinismus – der sich jeder Verletzbarkeit bei Männern verwehrt – zu entziehen versucht. Dabei braust Something About You zwischenzeitlich mit Trompeten auf und bedeutet damit das emotionale Freitanzen der Protagonisten. Einmal mehr haben Elderbrook, sowie Rudimental einen Song veröffentlicht, der radiotauglichen Elektro, clubtaugliche Beats und gesellschaftskritische Themen so wunderbar miteinander verbindet, dass man fast spielerisch an schwere Themen herangeführt wird.

Close Talker - The Change It Brings

Close Talker – Der Zeit voraus

Die Zeit wurde bereits in vielerlei Hinsicht musikalisch thematisiert. Mal in Persona, mal als ewiger Feind, mal als glücksbringender Freund. Das kanadische Trio Close Talker hat für das kommende Album How Do We Stay Here? allerdings den Ansatz verfolgt, eine Platte zu machen, die thematisch die letzten zwei Jahre behandelt und gleichzeitig zeitlos wirken soll. So möchte die Band, dass die Songs auf How Do We Stay Here? auch in zehn Jahren noch hörbar sind, ohne dass man an ihnen ausmachen kann, in welchem Jahr und zu welcher Bandphase sie entstanden sind. Auf ihrem nun veröffentlichten Song The Change It Brings kämpfen sie hingegen gegen die Zeit, indem sie vieles schaffen, jedoch oftmals auch einfach gar nichts machen wollen und so der zeit die Stirn zu bieten. Denn letztendlich ist es die Zeit – Jahre, Tage, Stunden – die uns vor sich hertreibt. Dabei klingen Close Talker so sanft und gemütlich, dass man sich Hektik bei Will Quiring (Frontsänger), Matthew Kopperud (Gitarrist) und Christopher Morien (Drummer) gar nicht vorstellen kann. Doch ist The Change It Brings ein konkretes Resultat der vergangenen Jahre als Band und deren Höhen und Tiefen. Mit einem angenehm hauchenden Gesang und einem tiefen Sound zeigen Close Talker, wie Indie Rock ohne flippige Beats und freche Texte klingen kann und streicheln dabei ganz nonchalant unser Gemüt. Das am 30. August erscheinende How Do We Stay Here? widmet sich diesem Thema schließlich auch auf elf Songs und unterstreicht, wie, von der Zeit losgelöst, Indie klingen kann.

James Arthur - Falling Like The Stars

James Arthur – Führt mit neuer Single ein Kapitel fort

James Arthur hat sein ganz eigenes Tempo. Mit einem riesigen Knall im Musikbusiness erschienen, hatte er mit seiner Debütsingle Impossible 2012 einen durchschlagenden Erfolg verzeichnen können. Nicht nur, dass er mit diesem Song die Castingshow X Factor gewinnen konnte, in Folge der Singleveröffentlichung von Impossible erreichte er in sechs Ländern die Nummer 1 der Singlecharts und in zwölf weiteren Ländern die Top-10. Am Ende verkaufte sich der Song weit mehr als 2,5 Millionen Mal. Nach seinem selbstbetitelten Album 2013, folgte mit Back From The Edge 2016 sein zweites Album und öffnete mit der Leadsingle Say You Won’t Let Go ein erzählerisches Kapitel, welches Arthur nun – vor der Veröffentlichung seines dritten, noch unbetitelten Albums – auf der aktuellen Single Falling Like The Stars weiterführt. So sang Arthur in Say You Won’t Let Go die Textzeilen We danced the night away, we drank too much. I held your hair back when you were throwing up. Auf Falling like The Stars folgt nun mit dem Text And when they’ve grown up you’re still the girl in the club when I held your hair up cause you had too much die Fortsetzung einer besonderen Beziehung. So ergibt sich beim direkten Hören dieser beiden Songs eine Geschichte, die vom Wachsen zweier Personen handelt und ebenso auch von Scheitern. Dabei geht Arthur wieder zurück zu seinen musikalischen Stärken und umgibt seine Stimme von einem akustisch, melancholischen Sound, der an Lagerfeuer- oder Kaminmomente erinnert. Falling Like The Stars ist eine wunderschöne Ballade, die uns ganz unaufgeregt und mit sanften Tönen direkt erreicht.