Simen Mitlid - Birds; or, Stories from Charlie B’s Travels, From Grønland to the Sun, and back again

Simen Mitlid – Leiser Folk

Von kaum greifbaren Songs, über verstörend schöne Autotune-Balladen, bis hin zu ganz leisen Folkschätzen gibt es auf dem neuen Album des norwegischen Singer/Songwriters Simen Mitlid ganz viel von seinem wunderbaren Dreampop-, Indie- und Folk-Sound zu hören. Die aktuelle Single Grateful Dead ist dabei nur der neueste Beweis für diese introvertierte Version eines Rockstars. Hier klingt alles danach, dass sich ein großer Künstler so zurückhaltend und klein verkauft, dass man für einen kurzen Moment argwöhnisch aufschauen möchte – doch gleich im nächsten Atemzug wieder von der weichen Stimme Mitlids zurückgeholt wird und sich im wabernden Sound verliert. Mal klingt er auf seinem nunmehr dritten Studioalbum Birds; or, Stories from Charlie B’s Travels, From Grønland to the Sun, and back again nach José González (Bird), mal fühlt man sich an Kanye Wests beginnende Autotune-Phase erinnert (While Heaven Is on Fire) und wiederum ein anderes Mal, wie bei der aktuellen Single Grateful Dead an eine langsame Version der Songs vom Shout Out Louds Album Work.

Simen Mitlid
Simen Mitlid

Mitlid selbst sagt über das Album, dass der Titel eine Anspielung auf Abenteuerromane ist. Die Rahmenhandlung ist also in etwa, dass ich in Oslo herumlaufe – und beobachte. Aus diesen Beobachtungen wurden mehrere kleine Geschichten über die verschiedenen Reisen, die Vögel, die Astronauten, die Archäologen (die auch herauszufinden versuchen, warum Menschen gereist sind), die Auswanderer aus Grönland (sowohl aus dem Land als auch aus dem Viertel in Oslo, wo ich mein Aufnahmestudio habe), die Charlie B (eine erfundene Figur, welche die ultimative Reise von Grönland zur Sonne unternimmt), die meine Familie, die mein Verstand, meinen Körper und die Erde (wenn sie sich um die Sonne dreht) während ihres Lebens unternehmen. Man kann sich diese einzelnen Geschichten bildlich vorstellen, hört man sich die einzelnen Songs an. Auf Bird wird diese Geschichte so greifbar, dass wir für einen kurzen Moment von der Baumkrone auf den regen Trubel der Straßen schauen. Mitlid hat mit seinem Album Birds; or, Stories from Charlie B’s Travels, From Grønland to the Sun, and back again, das am 30. Oktober erscheinen wird, eine naturnahe Soundkulisse für die Introspektive geschaffen und nebenbei wohl einen der längsten Albumtitel seit Chumbawambas The Boy Bands Have Won… (2008) veröffentlicht. Hier könnt Ihr schon jetzt in zwei seiner bisher veröffentlichten Songs aus dem neuen Album reinhören.

Freyr - Avalon

Freyr – Musik, ganz unabhängig von Genres

Es ist ein treibender Takt, der gleich zu Beginn des neuen Songs von Freyr Flodgren einsetzt. Ein Takt, der sich vertraut anfühlt, der nicht in Hektik ausbricht und doch so viele Schichten aufweist. Avalon ist der Soundtrack einer Nacht, in der wir durch die dunklen, verlassenen Straßen einer Großstadt ziehen. Gleichzeit gibt es irgendwo auf dem Land einen Menschen, der entlang der leeren Landstraßen am Wegesrand für einen Moment verweilt und die kalte, feuchte Luft des Herbstes einatmet. Im Kopf – immer dieser Takt, der uns runterholt, einen Moment inne halten und sich auf uns selbst konzentrieren lässt. In diesen Momenten sehen wir das gebrochene Herz in uns, das – vor Liebe – berstende Herz, die Freude und die Wehmut, die Einsamkeit, sowie die Geborgenheit. Es ist ein Song, der die tiefsten Gefühle in uns weckt und sich dafür noch nicht einmal anstrengen muss. Freyr hat diesen Song aus den Eindrücken eines einjährigen Aufenthaltes in Vancouver geschrieben. Doch nicht nur die Tempel in der kanadischen Stadt waren die Inspiration zu Avalon. Textlich verarbeitet Freyr hier die Erlebnisse einer Reise an die Mittelmeerküste Südfrankreichs.

Freyr
Freyr

Mit Eindrücken und Emotionen dieser beiden Orte und dem tiefen Gefühl, das Freyr in sich trägt, hat der isländisch/schwedische Singer/Songwriter einen Song geschrieben, der sich tief in unsere Seele vorarbeitet. Aus reinen Gefühlen hört man Avalon heraus, dass die Emotionen gelebt wurden. Freyr selbst hat dabei bereits eine bewegte Zeit hinter sich – wie Ihr im Beitrag zu Neighbour Boy erfahren konntet. Während erst im Sommer dieses Jahres seine EP Sorry erschienen ist, kündigte der Musiker mit Avalon nun eine Veröffentlichungsreihe an, die – laut eines Posts auf seiner WordPress-Seite – in einer neuen EP münden sollte. Doch nur wenige Tage später veröffentlichte Freyr auf Facebook die Info, dass es ein Album geben wird. Mit der gesammelten Hoffnung auf einen Longplayer in dieser Stimmung, steht Freyr bereits jetzt auf einer Stufe mit Ben Howard, Damien Rice und José González und dürfte damit unsere Sehnsucht nach seinem tiefen Sound in Form eines Albums stillen.

BRONSON feat. Totally Enormous Extinct Dinosaurs - Dawn

BRONSON – Sound von Meistern ihres Genres

Sie klingt wie eine endlose Nacht auf einem der hiesigen Elektrofestivals – die Musik, die das Trio BRONSON veröffentlicht. Sie ist so treibend, dass wir uns kaum zurückhalten können das Projekt – das auch gerne als Supergroup bezeichnet werden kann – zu loben. Denn hinter BRONSON steckt zum einen der australische House-DJ Thomas George Stell – alias Golden Features – der mit Songs wie Tell Me (mit Nicole Millar), No One (mit Thelma Plum) oder Wolfie (mit Julia Stone) und seinem 2018er Debütalbum Sect einen fantastischen Start in der Szene hinlegen konnte. Zum anderen sind keine Geringeren, als die US-Amerikaner Harrison Mills und Clayton Knight – alias ODESZA – mit dabei. Diese sind mit ihrem Mix aus Breakbeat, House und Indietronic und Songs, wie Say My NameLine of Sight und Late Night und ihren bisher veröffentlichten drei Alben zu absoluten Festival-Giganten avanciert. Nun haben diese beiden Acts das Projekt BRONSON ins Leben gerufen und mit Vaults und Heart Attack bereits zwei Songs mit absoluten Statementcharakter veröffentlicht.

BRONSON
BRONSON

Auf ihrer dritten und finalen Singleauskopplung Dawn – welche auf dem am 7. August erscheinenden gleichnamigen Debütalbum BRONSON den letzten Titel darstellen wird – haben sie sich keinen Geringeren als den britischen Soundtüftler Totally Enormous Extinct Dinosaurs dazugeholt. Hier liefert die Supergroup sogar noch einen Supergroupsong ab, der mit Totally Enormous Extinct Dinosaurs nochmals alles toppt. Dabei besitzt der Sound von Dawn eine Dramaturgie, die sich durch den mehr als sieben minütigen Song schlängelt und so Platz bietet, für verschiedenste Emotionen. Zwischen House, treibenden Synthies und Elemente, die an Trance erinnern, lässt sich Dawn nur schwer in ein Gerüst stecken. Dabei bieten die verschiedenen Einflüsse von ODESZA, Golden Features und Totally Enormous Extinct Dinosaurs eine Soundkulisse, die zu begeistern weiss und gleichzeitig auch den Horizont weiter in die Ferne setzt. Denn als Idee hinter Dawn hatte BRONSON, einen Song zu produzieren, den man mit auf eine Reise nehmen kann. Ob über Bergpässe und dem damit verbundenen weiten Blick, einer Fahrt durch Täler voller satter, grüner Wiesen oder einfach als Open Air-Moment an einem Strand irgendwo auf dieser Welt – Dawn weiss diese Momente musikalisch zu untermalen und setzt die Messlatte für das Debütalbum der drei Musiker enorm hoch.

Henry Green © Hattie Ellis

Henry Green – Durch Schreibblockade zum zweiten Album

Es ist eine Reise über Felder, durch Großstädte bei Nacht oder über Straßen entlang der Küste bei einem Sonnenuntergang – den der Brite Henry Green mit seinem neuen Album präsentiert. Dabei hat ihn vor allem eine Schreibblockade zu diesem Album kommen lassen. Denn Anfang 2019 zog es den Musiker aus der 460.000 Einwohner großen Stadt Bristol in den 5.400 Seelen fassenden Ort Malmesbury – knapp 45 Kilometer vor Bristol – um dort an seiner Musik zu arbeiten. Anfangs war es genau dieser Schritt, der Green in die Schreibblockade führte – nur mit sich selbst im Zwiespalt ist es schwierig, zwei unterschiedliche Standpunkte bei der Produktion meiner Musik miteinander abzuwägen. So entstand bei mir im Kopf ein konstanter Kampf um die Musik sagt der Musiker über diesem Moment. Dabei hat er mit seinen beiden EPs Slow (2015) und Real (2017) und seinem Debütalbum Shift (2018) alle auf seiner Seite und kann auf knapp 100 Millionen Abrufe auf den Streamingplattformen verweisen. Genau diese Realität, die sich durch die Streams – von Menschen, die tatsächlich seine Musik hören – zeigte, half dem Briten dabei, sich auf seine Musik zu fokussieren und dabei mit der Überschrift Half Light ein Thema für das zweite Album zu finden. Dabei orientiert sich der Musiker, der bereits als Support von London Grammar und Nick Mulvey auftrat, an Musikern, wie Bonobo, Christian Löffler und RY X – allesamt dafür bekannt, Musik mit Elementen aus Elektro oder Singer/Songwriting zu benutzen, um eine ganz besondere Atmosphäre zu erzeugen. Mit seiner aktuellen Single All baut er einen Übergang vom Tag in die Nacht und nimmt sich der Idee an, seinen eigenen Lernprozess während dieser Albumproduktion darzustellen. Diesen Übergang kann man auf den etwas mehr als 4 minütigen Song wunderbar hören – beginnt All doch mit einem fragilen und intimen Gesang, der von warmen Synthies begleitet wird, eher sich der Beat im Verlauf des Songs immer deutlicher in Richtung eines Housetracks entwickelt, der an The XX erinnert. Henry Greens zweites Album Half Light wird am 3. Juli veröffentlicht und zeigt die verschiedenen Facetten des Zusammenspiels von elektronische Musik und intimen Singer/Songwriting.

Like Elephants – Das sanfte Aufwachen an einem kalten Morgen

2016 veröffentlichten die Österreicher von Like Elephants ihr fulminantes Debütalbum Oneironaut mit ihrem zweiten Album Kaleidoscope (2018) setzten sie dem 80er-Synthiepop noch eine satte Ladung ihrer eigenen Individualität drauf. Nun hat das Quartett um Frontsänger Viktor Koch mit Askja eine erste neue Single veröffentlicht und gleichzeitig neue Musik für 2020 angekündigt. Bleiben die Jungs ihrem Rhythmus treu, würde diese Musik wieder in einem zweijährigen Abstand zu ihrem vormals veröffentlichten Album erscheinen. Auf Askja klingen Like Elephants nach dem Moment, an einem kalten Wintertag in einem warmen Bett neben dem Partner aufzuwachen, der einem auch die Seele wärmt. Dabei ist Askja als Sinnbild des, so nahe Liegenden und doch Unerreichbaren zu verstehen. Denn Askja ist ein Vulkan auf Island, um den sich die Inselstraße komplett drumherum bewegt, doch nur zwei Straßen zum Vulkan selbst hinführen. Sind diese unpassierbar, ist es unmöglich, dort hinzukommen. Diese Sehnsucht nach der rauen Wärme der Einsamkeit haben Like Elephant auf Askja wunderbar umgesetzt und lassen uns als Hörer förmlich Teil ihrer Reise gewesen sein.

Shallou & Emmit Fenn - All Your Days

Shallou – Verträumt aber groß gedacht

Vor fast genau einem Jahr konntet Ihr hier auf SOML über den US-Amerikanischen Produzenten Joe Boston – alias Shallou – und seiner Single You And Me lesen. Nachdem seine EP Souls im Frühjahr 2018 erschien und er eine ausgedehnte Welttournee – auch durch Europa – hatte, blieben die Mühlen nicht stehen. So veröffentlichte Shallou neben Remixen für andere Musiker Ende November mit Count On eine frische neue Single. Diese wird jetzt abgelöst durch All Your Days und der Zusammenarbeit mit dem Singer/Songwriter und Multiinstrumentalisten Emmit Fenn. Hier mischt Shallou die gewohnt entspannten Elemente mit hymnenhaften Highs und wird Fenns beruhigender Gesang durch einen öffnenden Sound – zusätzlich zu seiner treibenden Stimme – angehoben. Schließlich bricht Shallou mit seiner Produktion in der letzten Minute völlig aus und kreiert eine grandiose Stimmung – getragen von Kraft, Emotionen, Energie und einem Willen, dass jeder Schritt zählt. Dabei zeigt die Geschichte All Your Days wo die Reise hingehen sollte. Geschrieben von Fenn, war der Text eigentlich für Coldplay gedacht. Zusammengekommen mit Shallou erzeugten sie ein positives Liebeslied, welches mit dem elektronischen Soundbett seine emotionale Wirkung nochmals steigert. Diesem Credo des groß Denkens folgt Shallou auch abseits seiner Musik und unterstützt mit seiner 2016er EP All Becomes Okay den EDF – Environmental Defense Fund – der sich für den Klimaschutz und das bewusst werden in der Bevölkerung einsetzt. Mit jeder Spende an den EDF gibt Shallou hier seine EP All Becomes Okay kostenfrei raus und mischt damit wunderbar die Unterstützung einer so wichtigen Organisation mit dem Willen Musik zu genießen. Nach veröffentlichten EPs im Frühjahr 2017 und Frühjahr 2018 dürfte jetzt bald auch auf eine neue EP mit Count On und All Your Days zu hoffen sein. Ich bin gespannt und werde Shallou weiterhin begleiten.

Felix Räuber – Die Wärme einer audiovisuellen Reise

Es ist, wie eine Lawine – einmal losgetreten, kommt sie nicht mehr zum Stehen. So ist es seit nunmehr gut einem Jahr auch beim Dresdener Musiker Felix Räuber. Hatte er im Frühjahr 2018 mit der Single Wall einen ersten Einblick in seine gleichnamige EP Wall gegeben, folgte mit einer Reihe Konzerten eine unfassbar starke Präsenz, musikalische Reife und Opulenz. Mit seinem nun veröffentlichten Song Birth – aus der kommenden EP ME – greift er eine Stimmung auf, die ganz ohne Stimme zu funktionieren scheint. Denn hierbei dringt Räuber in das Genre Klassik vor und untermalt Stimmungen mit Klavier, Cello, Violinen und einem raumfüllenden Sound, der ganz automatisch Erinnerungen und einen Gemütszustand auslöst, der sich warm, behaglich und friedlich anfühlt. Räuber vereint dabei durch seine Vergangenheit und seinem gegenwärtigem Schaffen eine moderne Klassik, die offen für Alles und Jeden ist, der sich ihr öffnen möchte. Dabei ist Birth Teil 1 einer audiovisuellen Reise – wie Räuber den Song selbst beschreibt – die sich alle um Räubers Werdegang als Künstler drehen. Und wenn man Birth ganz aufmerksam lauscht, kann man zum Ende doch noch die Stimme Räubers erahnen.

Bear’s Den – Eine Band für die Ewigkeit

Es gibt Bands, die begleiten uns ein Leben lang nur nebenbei und nehmen wir deren Musik als angenehm berieselnd war. Und es gibt Bands, die eine große Auswirkung auf uns haben. Deren Musik wir mit Erinnerungen, Gefühlen, einem Geruch oder einer bestimmten Entscheidung verbinden. Bear’s Den gehört zu der letzteren Kategorie von Bands. Durch ihre großen Songs bieten sie Raum dafür, selber Gefühle und Emotionen mit ihren Songs zu verknüpfen oder gar mit der Band selbst Erlebnisse zu generieren. Schaut man sich das Veröffentlichungsdatum ihres letzten Albums Red Earth & Pouring Rain an, welches im Sommer 2016 erschien, ist man fast sprachlos, wie schnell drei Jahre vorbeiziehen können. Mit Auftritten im Berliner Huxley’s 2016, auf dem Lollapalooza 2017 und zum Reeperbahn Festival in der Elbphilharmonie 2018 blieb allerdings auch gar keine Zeit zu denken, die Band habe eine Pause eingelegt. Nun steht für Ende April mit So That You Might Hear Me ihr drittes Album an und zeigt mit der ersten Singleauskopplung Fuel On The Fire, dass die Reise kontinuierlich weitergeht. Was sich bereits auf Red Earth & Pouring Rain ankündigte, wird nun konsequent weitergeführt und so klingen Bear’s Den nicht mehr nur nach Folk. Fuel On The Fire besitzt – ähnlich wie der gleichnamige Titelsong des zweiten Albums – ein elektronisches Soundbett und besticht durch Andrew Davie intensive Stimme. Ab der Mitte des Songs kommen dann noch epische Synthies hinzu, die nach der ganz großen Bühne rufen. Dabei hat es das britische Duo in den knapp vier Minuten geschafft einen emotionalen und intensiven Song, sowie eine Stadionhymne zu produzieren, bleiben dabei immer auf dem höchsten Niveau und enttäuschen bisher nicht ein Mal.

Maggie Rogers – Selbstreflektion auf neuer Single

Für Maggie Rogers waren es zwei bewegende Jahre, seitdem die US-Amerikanerin 2016 durch das Kuratorenvideo mit Pharell Williams via YouTube zum Star wurde. Doch abseits des Klickhypes, konnte Rogers vor allem durch ihre bodenständige und unglaublich sympathische Musik überzeugen. Mit Songs, wie Alaska, Better und On + Off sang sie sich direkt in die Herzen. Ihre Natürlichkeit und verspielte Niedlichkeit auf der Bühne unterstützten das Bekanntwerden der Sängerin noch einmal zusätzlich. Nun ist sie mit Fallingwater zurück und behandelt darin gerade diesen rasanten Aufstieg, den sie in den vergangenen zwei Jahren erleben dürfte. So singt sie vom damit fertig werden und dennoch stolpern und dem Versprechen, weiterzumachen, egal wie die Reise, die vor ihr liegt, auch aussehen mag. Dabei bleibt Rogers bei ihrem folklastigen Singer/Songwriter Sound, der auch hier wieder mit Elementen des Pop und aus dem elektronischen Bereich angereichert ist. Mit Klavier und ihrer großartig, klaren Stimme bleibt Rogers so sympathisch, wie wir sie kennen und treibt die Sehnsucht voran, sich mit ihr auf ein Abenteuer zu begeben.

Felix Räuber – Konzertkritik (ACUD Berlin)

Wenn ein Mensch einem Anderen die Worte zuwirft Schön, dass du die Zeit findest, deine Aufmerksamkeit meiner Musik zu schenken. Ich würde dir gerne ein paar Worte dazu erzählen. Dann möchte er wirklich etwas teilen. Dass dieser Mensch, der an diesem Abend auf der Bühne steht, eine ganze Menge zu teilen und mitzuteilen hat, liegt an seiner Vergangenheit und wie er seine Gegenwart und Zukunft gestaltet.

Es ist Mittwoch, der 23. Mai 2018 und im Berliner ACUD läuft Felix Räuber mit Wunderkerzen in der einen und einem Kassettenrekorder in der anderen Hand, durch das Publikum zur Bühne. Es ist der Beginn seiner Geschichte. Nach dem herausragenden Erfolg mit der Band Polarkreis 18, kam es 2012 zum Bruch. Was folgte, waren diverse Projekte in Chören oder dem Pop-Duo Zwei von Millionen. Hiebei nagte bei Räuber die Unzufriedenheit immer deutlicher und die Frage kam auf, ob er als Künstler überhaupt noch arbeiten könne.

Mit seiner, am heutigen Freitag erscheinenden EP Wall beweist Räuber eindrucksvoll, wie relevant er noch ist. Denn ähnlich wie das gleichnamige Polarkreis-18-Album aus 2007, ist die EP voller Vielfalt, Mut und Experimentierfreudigkeit. Über 14 Songs und 75 Minuten nahm Räuber das Publikum in diesem intimen Umfeld mit in eine Welt, die sich nicht im Hier abzuspielen schien. Über drei Interludes präsentierte der, mittlerweile in Berlin lebende, Sänger Songs, die selbst auf der Wall EP noch nicht zu finden sind. Zwischen massiven Basslines, Pianostücken, Falsettstimme und Rock, bot Räuber eine Palette, die den verschiedensten Emotionen des Menschen ähneln. Dabei gelang Räuber der Spagat zwischen penibler Perfektion und charmanten Verlieren-im-Sound. Nicht von ungefähr kommt die Perfektion, die er bereits zu Zeiten der Band Polarkreis 18 besaß.

Es sollte alles stimmen, zu wichtig war es Räuber seine Songs so zu präsentieren, wie er sie einst im Kopf hatte. So war er an diesem Abend nicht nur als Sänger und am Keyboard aktiv, sondern gleichzeitig auch immer wieder Dirigent. Als charmanten Höhepunkt, kam es bei er Performance von Wall zu einem Abbruch und Neustart des Liedes, sowie einem zweiten Abbruch und der Wiederaufnahme. Sinngemäß kommentierend, dass es Hits geben soll, bei denen immer etwas schief geht, arbeitete sich Räuber dabei so professionell durch, dass am Ende genau dieser Moment die Einzigartigkeit der intimen Record-Release Show ausmachte.

Kam es erst wenige Tage vor dem Konzert zu der Entscheidung, die beiden Orchesterspieler mit auf die Bühne zu nehmen, zahlte sich die musikalische Vielfalt vollends aus. Schließlich begleiteten sie fast jedes Lied an diesem Abend. Dass sich Räuber hier – im allerbesten Sinne – immer wieder in seiner Musik verlor, sprach nur für die Vielschichtigkeit und übertrug sich auf das Publikum. Dabei wankten Menschen, mit geschlossenen Augen wohlwollend zum Sound und ließen ihre ganz eigenen Erinnerungen Teil des Songs werden.

Mit dem herausragenden Wall-Remix vom deutschen Musiker Geistha, der bisher leider nirgendwo zu finden ist und dem Après Minuit hat sich Räuber mit letzterem Song sogar einen kleinen Die-Fabelhafte-Welt-Der-Amelie-Moment gezaubert. Denn hier hatte er sich für den Auftritt, den ebenfalls aus Berlin kommenden Musiker und Produzenten Schlindwein mit ins Boot geholt. Ebenso dabei war zum Schluß des Konzertes eine Coverversionen des Scott Mathew Songs Effigy, den Räuber völlig auslebte. Dabei griff er sich schließlich das  Kassettenradio und lief mit der Textpassage Find my way home abermals durch das Publikum, um den Raum schließlich zu verlassen.

Mit Wall beginne ich nun eine Reise, die noch viele spontane Momente hervorbringen wird, darauf kann ich endlich wieder vertrauen. Ich freue mich, dir auf diesem Weg zu begegnen erwidert Räuber schließlich am Ende seines EP-Booklettextes. man merkt in jedem Moment, dass Räuber hierbei unglaublich viel Herz und Energie hineingesteckt hat.

Zuletzt auf einem Konzert von Polarkreis 18 im Jahr März 2009 live gesehen, ist Räuber nicht nur erwachsener geworden, sondern präsentiert sich auch angekommen und selbstsicher. Und so endet der Abend schließlich darin, dass man – förmlich überrumpelt von der Frage was man sich in die gerade erworbene EP notieren lassen möchte – keine Antwort parat hat und somit ein schlichtes aber charmantes Liebe Grüße von Felix Räuber zu lesen bekommt. Räuber ist damit mit seiner Wall EP zurück und stärker denn je.