The Fratellis - Action Replay

The Fratellis – Indie weicht dem Dreampop

Das kam unverhofft. Konntet ihr hier Ende Februar 2020 noch davon lesen, dass The Fratellis mit Six Days In June eine neue Single veröffentlichten, die sich an dem alten Sound der Indie-Helden anschließt, kündigten sie damals auch ihr sechstes Album Half Drunk Under A Full Moon für den 8. Mai an. Doch das war alles noch vor der Pandemie, die ab Anfang März das Geschehen beherrschen sollte. So gaben die Schotten Im Frühjahr bekannt, dass sie ihre Tour und das Album auf 2021 verschieben würden. Nun – knapp ein Jahr später – stehen wir unverändert vor selbiger Situation und ist es immer noch nicht möglich, Konzerte zu spielen. Doch eines hat sich geändert – die Motivation von Bands und Acts, Musik unter einem neuen Hintergrund zu veröffentlichen. Nachdem das Album erst auf den Oktober 2020 verschoben wurde, soll es nun schließlich am 9. April erscheinen und hat mit Action Replay eine neue Single im Gepäck. Diese kann man als komplettes Gegenteil von Six Days In June werten, sind doch alle schnellen Gitarren verschwunden und klingt Jon Fratelli schwelgerischer denn je. Dabei schweift das Trio fast schon in den Dreampop ab und kommt mit der neuen Single den Songs von Beach House nahe.

The Fratellis
The Fratellis

Alle Songs auf dem neuen Album folgen einer Farbe, die sich Jon Fratellis als Konzept überlegt und mit denen er unterschiedliche Intensitäten während des Schreibprozesses erlebt hat. So wüsste er heute nicht, ob er diesen Weg des Schreibens noch einmal wählen würde. Mit Action Replay und dem dazugehörigen Musikvideo haben The Fratellis gleich auch eine Fortsetzung ihrer ersten Singleauskopplung des neuen Albums veröffentlicht und nochmals den britischen Schauspieler Rory J. Saper engagiert. Dieser ist aktuell in der dritten Staffel der Deutsch/Französischen Co-Produktion Find Me In Paris zu sehen. Mit ihrem fünften Studioalbum In Your Own Sweet Time (2018) haben es the Fratellis bis auf Platz 2 der schottischen und Platz 5 der britischen Albumcharts geschafft und können sich als Band glücklich schätzen, denn die Menschen möchten so gerne wieder auf Konzerte gehen und wir haben genau jetzt ein Album gemacht, dass genau zu dieser Stimmung passt. Als Band, die eine treue Fangemeinde hat, können wir uns glücklich schätzen, in dieser Lage zu sein, so die Band. Mit den beiden Singleauskopplungen Six Days In June und Action Replay haben The Fratellis zwei Songs veröffentlicht, die uns neugierig darauf machen, wie das Album mit den acht weiteren Songs sein wird. Action Replay ist dabei ein perfekter Vorbote, der uns die Ungeduld förmlich diktiert.

COMA - START/STOP/REWIND

COMA – START/STOP/REWIND

Besser hätte es das Kölner Produzenten-Duo COMA nicht auf den Punkt bringen können. Denn erst mit einem Jahr, wie 2020, wird uns die Bedeutung einer Start-, Stop- und Zurückspul-Möglichkeit so richtig bewusst. Ursprünglich hatten Georg Conrad und Marius Bubat den Song START/STOP/REWIND bereits vor knapp einem Jahr produziert und wollten ihn als Bonustrack für ihre, im Frühjahr 2020 geplante, Tour und die Sommerfestivals nutzen. Doch dazu kam es nie. So wartete das Duo mit der Veröffentlichung des Songs auf den richtigen Moment und fand ihn schließlich zu Beginn eines neuen Jahres. Inhaltlich setzt sich der Song damit auseinander, wie wir uns selbst immer wieder mit Ritualen und Vorsichtsmaßnahmen aus Stimmungsschwankungen zurückholen und diese eine beruhigende Wirkung auf uns haben. Diese Momente, sich in geordnete Abfolgen zu begeben, um einer Situation zu entkommen, die sich für uns schwer einzuordnen lässt, dient dem puren Eigenschutz. COMA haben dem Song nun eine neue Bedeutung hinzugefügt, indem sie den Song als Aufbruch und Neustart sehen.

COMA - START/STOP/REWIND (Video)
COMA – START/STOP/REWIND (Video)

Mit verspielten Synthies und hallenden, defensiven Gesängen lassen COMA ihren Song START/STOP/REWIND förmlich fließen und dadurch eine Motivation aufkeimen, die sich – würde man ein Bild zur Visualisierung nutzen – wie ein frühsommerlicher Sonnenaufgang anfühlt, bei dem wir der Welt dabei zuschauen, wie sie zum Leben erweckt wird. Obwohl es für Musiker seit mittlerweile mehr als zehn Monaten so gut wie unmöglich geworden ist, ihre Fans direkt zu erreichen und ihren expressionistischen Teil des Musizierens Ausdruck zu verleihen, halten sie die Fahne hoch und arbeiten an neuen Songs, veröffentlichen diese und geben uns so den Teil einer Normalität zurück, den wir sonst vor der Tür so sehr vermissen. COMA strotzen mit START/STOP/REWIND förmlich vor Euphorie und Vorfreude auf eine Rückkehr zu einem WIR und wir erwidern dieses Gefühl sehr gerne.

Freyr - American Poster

Freyr – Mit kindlicher Vorfreude einer reinen Seele

Bisher hat uns Freyr Flodgren mit berührend ruhigen Folksongs begeistert. Ob auf Neighbour Boy, dem so unfassbar guten Avalon oder You Want Love – welches uns eine ganze Bergkulisse in den Kopf zauberte – jedes Mal ist es ein so entspannter Folksound und Freyrs warme Stimme, die uns mitnimmt und nicht mehr gehen lassen möchte. Nun hat Freyr – als konnte er den Jahreswechsel kaum abwarten – gleich heute Nacht pünktlich zum neuen Jahr um Mitternacht mit American Poster einen weiteren Song aus seinem kommenden Album veröffentlicht. Und eines fällt auf – es ist verspielter geworden. Wer die Geschichten des kleinen Weltenbummlers – Feivel, der Mauswanderer – kennt, der bekommt auf Freyrs neuem Song einen Eindruck von dem Gefühl, den der Schwede gehabt haben musste, als dieser Song aus ihm heraussprudelte. Mit einer erzählerischen Detailtreue singt Freyr von, auf ihn einprasselnden Eindrücken. Immer wieder kommt dabei das Bild eines Posters, auf dem er Hochhäuser aus den USA zu sehen scheint, auf. Gleichzeitig beschreibt er die Geräusche des Ozeans in den Zeilen Under my feet oceans music is playing.

Freyr Flodgren
Freyr Flodgren

So entsteht ein Bild eines Abenteuers, dem wir uns alle sehr gerne ergeben und mit Freyr zwischen den großen Containern eines Frachters in eine neue Welt aufbrechend auf diesem Frachtschiff sein möchten. Immer wieder versteck-spielend, um nicht entdeckt zu werden, hält die raue See einen ständig in Bewegung. Dabei schafft Freyr mit seiner Musik eine energiegeladene Atmosphäre, die mit der flüssigen Instrumentierung eine Motivation schafft, bei der man einfach nicht anders kann, als vorwärtsgerichtet, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Es ist dieser wunderbare Folk, den sich Freyr so versiert zu Nutzen macht und auf seinem neuen Song American Poster sogar seinen familiären Umkreis mit einbezieht. Denn während Freyr sich natürlich für den Song verantwortlich zeichnet, war seine Schwester für das Artwork und Grafiken des Musikvideos zuständig. Für das dazugehörige 3D-Design und die Animationen war sein Bruder Vidar verantwortlich und Freyrs Freundin für die finale Bearbeitung. Herausgekommen ist ein Sehnsuchtssong, nach der großen Ferne, die sich in unseren Köpfen nach der Freiheit anfühlt.

Bosse - Das Paradies

Bosse – Singt vom Paradies und nimmt alle mit

Bereits im Oktober hatte Bosse mit dem Song Der letzte Tanz eine Hymne auf die Sehnsucht nach der, aktuell separierten, Gesellschaft – die sich in Konzerthäusern und Clubs trifft – veröffentlicht. Bosse ist in seinen Texten seit jeher direkt und bringt es auf den Punkt. Dieses Jahr scheint er allerdings noch einmal mehr die Motivation zu haben, das anzusprechen, was gerade schief läuft. Dabei nutzt er mal die Metapher des letzten Tanzes oder ist Teil einer Compilation zu Ehren der politischen Band Ton Steine Scherben, auf der er den Song Warum geht es mir so dreckig neu interpretiert. Nun hat Bosse mit Das Paradies ein Thema aufgegriffen, dass sich eigentlich aus den verschiedensten aktuellen Themen unserer Gesellschaft zusammensetzt. Für uns alle war 2020 ein Jahr der Herausforderungen, doch für einige war es noch schwieriger, als für andere, denn hatten sie mit Diskriminierung, Fremdenhass, Mobbing oder Gewalt zu tun – auch die Klimafrage kommt in Das Paradies vor. Bosse singt sich hier auf vier Minuten durch alles, was in unserer Gesellschaft schiefläuft.

Bosse & Bela B
Bosse & Bela B

Vom Zwang der Selbstoptimierung über die systematische Diskriminierung, den ewigen Religionskampf, den Kampf gegen die globale Erwärmung oder gegen den eigenen Druck und der Depressionen – Bosse spricht es an. Mit einem trägen Sound aus Schlagzeug, Bass und ruhiger Gitarre gibt sich Das Paradies der Bedeutungsschwere seines Inhaltes hin und wirkt dadurch gleich deutlich packender. Bosse hat hier einen Song veröffentlicht, der traurig, ermutigend, erschreckend und verträumt zugleich ist und dabei die Lösungen bereits selbst gibt. So schreibt ein Nutzer auf YouTube schließlich passend unter das Video Es wäre eigentlich so einfach….. Leben und leben lassen und müsste man nur hinzufügen – Leben schützen. Zum Abschluss des Jahres hat Bosse damit noch einmal bewusst gemacht, womit wir alle uns nicht zufrieden geben und kämpfen sollten. Hat Bosse in der Regel alle zwei bis drei Jahre ein neues Album veröffentlicht, dürfte Album Nummer 8 – mit dem Output 2020 – nicht mehr all zu lange auf sich warten lassen.

Parov Stelar - Brass Devil

Parov Stelar – Der Pionier swingt wieder

Er ist und bleibt der König des Electro-Swing. Auch wenn dem Österreicher Marcus Füreder – alias Parov Stelar – die Erfindung dieses Genres zugeschrieben wird, gab es in den vergangenen Jahren einige Turbulenzen, die damit einhergingen. Denn als Erfinder dieses Sounds, wurde dem Linzer Produzenten nur sehr wenig Spielraum zugestanden, auch mal etwas anderes auszuprobieren. Daraus ausbrechend, konnten wir in den vergangenen Jahren immer öfter Songs hören, die sich nicht mehr mit dem Trademark-Sound des Produzenten deckten, wie der Balkanbeats-Hit Gringo zeigt. Doch gleichzeitig ist Swing in den letzten Jahren immer größer geworden und wurde die Musik unter anderem durch die grandiose Serie Babylon Berlin nochmals in den Vordergrund gestellt. Hieraus hat sich dann auch die Motivation des Musikers ergeben, ganz frisch und neu an die Sache ranzugehen und wieder Songs im Stile seiner Anfangszeit zu produzieren. Der neue Song Brass Devil ist dabei der erste Song, der wieder nach einem solchen Muster entstand und hat bei Stelar deshalb eine ganz besondere Stellung. Denn hier zeigt sich, dass mit einer Instrumental-Version keine Langeweile aufkommen muss und der Song, wie gemacht, für den Club erscheint. Dass die Rückkehr zum Electro-Swing nicht zwingend bedeuten muss, den House-Sound der vergangenen Jahre aufzugeben, zeigt sich auf Brass Devil eindrucksvoll. Hier mischen sich dunkle Housebeats mit der Leichtigkeit des Swings und Jazz‘ und werden zu einer irritierend, modernen Variante des Retro-Sounds. Für Stelar selbst, ist Brass Devil eine Art Befreiung aus dem Konflikt der verschiedenen Sounds. Brass Devil befindet sich auf dem zweiten Teil, seiner Voodoo Sonic Trilogy, die am 24. April veröffentlicht wurde und mit seinen 5 Songs unterschiedlicher nicht sein könnte. Hier folgt auf Brass Devil – dem original Electro-Swing-Song – der Jazz-Ausflug (Piano Boy) und endet in modernen House Beats (Don’t You ForgetFade To Red), sowie einer Folk-Elektromischung auf (Come Back Home). Ebenso werden wir bald die Möglichkeit haben, in einer Doku mehr über den Werdegang des Electro-Swing-Pioniers zu erfahren. Wann diese veröffentlicht wird und wie sie heißen wird, steht dabei noch nicht fest. Mit seiner zweiten EP Voodoo Sonic Trilogy, Part 2 beweist uns der Musiker auf jeden Fall, warum er der Meister des Electro-Swing ist und verbindet hierbei gleich auch gekonnt Jazz mit wunderbar treibenden Elektroelementen. Stelar ist damit einmal mehr eine sichere Bank für großartigen Elektro mit Retrotouch.

Sultans Court - Good Enough

Sultans Court – Wem werde ich eigentlich gerecht?

Mit Themen von Geschlechterrollen, der Flucht aus der Realität und nun der Selbstoptimierung haben Sultans Court sich nicht gerade die leichtesten Felder ausgesucht. Auch musikalisch haben die vier Berliner keine Lust auf einfache Melodien, denn während sie auf Haunted sehr vertracktet klangen, war auf Shutdown bereits deutlich mehr Dunkelheit zu hören. Diese Dunkelheit kommt umso mehr zur Geltung, schaut man sich unsere aktuelle Situation weltweit an, in der sich eine ganze Gesellschaft im Shutdown befindet. Mit ihrer neuen Single Good Enough greifen die Berliner nun auf, für wen wir eigentlich welche Motivation haben, uns zu verbessern. Von dem – immer größer werdenden – Druck der Gesellschaft um Selbstoptimierung und den dazugehörigen Zwängen, sich immer und bei Allen beweisen zu wollen, wird uns auch immer bewusster, einmal eine Pause einzulegen. Sich selbst zu fragen, für wen ich das mache, warum ich der Geschwindigkeit der anderen hinterherrenne und auf Augenhöhe kommen möchte. Denn genau das vermittelt uns die Gesellschaft – nicht auf Augenhöhe zu sein und deshalb ranklotzen zu müssen. Wir sehen in den sozialen Medien Freunde und Bekannte, die ein Bilderbuchleben präsentieren, werden im Job an Parameter gemessen, die – fern von jeglichem Individualismus – alles und Jeden auf einen Nenner bringen möchte und ertappen uns selbst dabei, dem gerecht werden zu wollen. Doch was ist, wenn wir einsehen, dass wir uns unser Dasein absolut ausreicht und gut genug ist? Diese Frage kann sich jeder wohl nur selbst beantworten – doch stellen Sultans Court auf Good Enough die Frage Darling, did it mess you up? Think you gotta stop. Before you start to drop. Where’s your head at? und regen damit zur Reflexion an. Mit einem gewohnt großartigen Mix aus elektronischen Beats und einem drängenden mehrstimmigen Gesang zeigen Sultans Court auf Good Enough einmal mehr, wer ihre musikalischen Vorbilder sind, ohne sich jedoch als Kopie dessen anzuhören. Denn Good Enough ist weit mehr, als nur gut genug – Sultans Court schaffen es hier einmal mehr, Musik mit Tiefgang zu produzieren.

Sara Hartman - Girl

Sara Hartman – #whathappenedtohartman?

Es ist ein Hashtag, der Bestürzung hervorruft – vermutet man doch Schlimmeres dahinter. Doch im Falle von Sara Hartman kann Entwarnung gegeben werden. Denn, auch wenn der Hashtag auf eine Phase voller Fragen deutet, kann ich vermelden, dass die Sängerin wohlauf ist. Gleichzeitig befeuert der Hashtag aber auch unsere Neugier um die 24-Jährige. Denn vor 5 Jahren trieb es die aus Sag Harbor von den Hamptons – nahe New Yorks City – kommende US-Amerikanerin nicht etwa in die Häuserschluchten New York Citys, sondern nach Berlin. Und steht Berlin damit dem Stellenwert New Yorks in der Musikbranche einmal mehr in nichts nach. So ließt man in ihrer Bio, dass es ziemlich offensichtlich sei, dass der Umzug in die blühende Stadt die Sängerin nachhaltig beeinflusst hat. Bei Vertigo (Universal Music) unter Vertrag, hat Hartman 2016 die EP Satellite veröffentlicht. Herauf zu finden, sind wunderschöne Popballaden, die Hartmans hauchenden Gesang eine wunderbare Atmosphäre geben. Es schien gut zu laufen, trat sie doch mit Clueso auf dem Erfurter Domplatz auf, spielte als Support von X Ambassadors, Ellie Goulding, MS MR und Family Of The Year. Es folgten einzelne Veröffentlichungen – wie Buttons – die in die Richtung großer Popsongs gingen. Doch plötzlich war sie weg. Seit 2018 hörte man nichts mehr von der Sängerin und fragte sich What happened to Hartman? – Was ist mit Sara Hartman passiert? Was in den vergangenen zwei Jahren bei der Musikerin los war, kann nicht gesagt werden, doch hat sich ihr Sound signifikant verändert. Denn mit der Single Girl ist die Wahlberlinerin nun zurückgekehrt und holt mit der Unterstützung einer großen Youtube-Promoaktion die ganz großen Geschütze raus, um sich wieder zurück ins Rampenlicht zu singen. In diesem Rampenlicht stehend, wird es dann wieder ganz ruhig um die Sängern – allerdings nur, weil ihr neuer Song Girl eine Tiefe besitzt, die sich aus scheinbar völlig neuer Motivation speist. Mit sanften Synthesizerklängen und einer erstaunlichen Tiefe in ihrer Stimme, wirkt Hartman wie neu erfunden. Hinzu kommen epische Sequenzen von Streichern und Hartmans intim gehaltener aber großer stimmlicher Ausbruch. Auf ihrem, vor wenigen Tagen hochgeladenen, Video #CORONAGIRL stellt sie Fragen – Fragen die sich mit ihrem Sein auseinandersetzen, mit ihrem Abdruck, den sie hinterlassen wird, mit den Erlebnissen, die sie erfahren hat und mit den – von der Gesellschaft – vorgegebenen Stigma. Und stellt fest, dass all diese Punkte von äusseren Umständen und Handelnden beeinflusst werden. Doch was wäre, wenn man wieder mehr zu sich selbst findet? Sein Leben selbst bestimmt und sich nicht von der Aussenwelt diktieren lässt, wie man zu leben hat? Ihre Geschichte scheint dunkler geworden zu sein – konstatiert der Text in ihrer Bio. Und tatsächlich klingt Hartman tiefer, trauriger, erfahrener und erwachsener, als auf all ihren bisher veröffentlichten Songs und trifft damit ein Gefühl, welches nicht allein um das Herz herum funktioniert, sondern vielmehr auch unsere Motivation und unseren Antrieb anregt.

Provinz – Wenn pure Emotionen auf uns niederprasseln

Aktuell gibt es eine Reihe von jungen deutschen Bands, die außergewöhnliche und herausragende Musik machen. Diese trifft sich ob der unterschiedlichen Genres doch immer wieder durch gemeinsame Nenner. So ist es zum einen der Sound, der Bands wie RAZZ, Giant Rooks oder Lea Porcelain so anders und international klingen lassen. Zum Anderen sind es die Lyrics, die Bands wie Jeremias, AnnenMayKantereit und Provinz so deutlich hervorheben. Zählen AnnenMayKantereit hier schon fast zum alten Eisen, stehen Provinz noch komplett am Anfang. Umso erstaunlicher ist, dass die 2017 gegründete Band mit Frontsänger und Songwriter Vincent Waizenegger für Texte steht, die so durchdringend sind, dass man sich immer wieder, bis aufs Fleisch ertappt fühlt, genau diese Gefühle auch schon gehabt zu haben. Gleichzeitig ist es die rauchig, kratzige Stimme Waizeneggers, die ihm eine Reife gibt, die nach einem Mittvierzig-Jährigen klingt, der in einer Nacht im Alkoholrausch erkennt, dass es so nicht weitergehen kann. Dabei steht nicht die Unzulänglichkeit des Alkoholikers im Vordergrund, sondern ist der Wechsel von Resignation in die Motivation das Bemerkenswerte. Hierbei zieht Waizenegger musikalisch blank und stellt die eigene Zerbrechlichkeit hinter die Darstellung eines Gefühls, welches ein Jeder schon einmal gespürt hat. Provinz singen, wie auf Wenn die Party vorbei ist, von Selbstaufgabe, Unvernunft, dem Streben nach Glück und von Tiefpunkten im Leben und treffen damit mitten ins Herz. Auf ihrer nun veröffentlichten Doppelsingle Nur Freunde und Verlier Dich hat sich Waizenegger mit der Situation befasst, die ihm selbst einmal beschäftigte. Wenn aus einer langen – schon im Teenageralter zusammengewachsenen – Freundschaft auf einem Liebe wird, was ist es dann?! Kann man diesen Gefühlen trauen? Sollte man diesen Gefühlen trauen? Wenn ja, was wird dann aus der Freundschaft? Zumindest letztere Frage wird schließlich mit Verlier Dich beantwortet und zeigt, wie sich Waizenegger mit Hilfe seiner Freunde Abhilfe verschafft. Provinz bringen es auf den Punkt und singen – als Band, in der alle Mitglieder um die 20 Jahre alt sind – über Themen, die so nah an der Realität sind, dass wir und am Ende selber fragen müssen, wo wir jetzt mit unserem Gefühlswirrwarr stehen. Alle Songs werden auf ihrem, am 14. August erscheinenden, Debütalbum Wir Bauten Uns Amerika enthalten sein, welche sie uns im Mai und Juni auf Festivals und im September und Oktober bei ihren – bisher noch nicht abgesagten – Liveauftritte präsentieren werden.

Alice Ivy feat. Cadence Weapon – Sommerlicher Grund zum tanzen

Es war die Motivation, den Sommer zurückzuholen, als Annika Schmarsel – alias Alice Ivy – zu Beginn des australischen Winters an die Momente im Park oder auf Rooftops dachte. Zugegeben, der Winter in Melbourne ist mit durchschnittlich 13,5 °C bis 17°C nicht mit dem Winter Mitteleuropas zu vergleichen. Doch scheint es Alice Ivy – deren Eltern 1987 aus Westdeutschland nach Australien immigrierten – gut zu stehen, den Winter als Motivation zu sehen. Denn nun hat die Produzentin mit Sunrise eine frische und unglaublich leicht ins Ohr gehende Sommerhymne veröffentlicht, die mit Raps vom kanadischen Rapper Cadence Weapon auftrumpft. Irgendwo zwischen Azealia Banks 212 und Chance The Rappers All Night drückt sich Sunrise genau dazwischen und präsentiert ein absolutes Gefühl des unbesorgt sein. Mit ihrem 2018 Debütalbum I’m Dreaming und vielen Remixen – unter anderem für Japanese Wallpaper, Thomston und Vera Blue hat sich Ivy sehr viel Anerkennung eingeholt. So wird sie in Australien bereits als Queen of intelligent electronic betitelt. Für Sunrise ließ sich Ivy von Bands wie Disclosure, Daft Punk und The Avalanches inspirieren und fängt genau diesen unbekümmerten Vibe ein, den diese Bands so perfekt beherrschen. Sunrise kann mit all seinen Referenzen daher auch gerne in Europa zum diesjährigen Sommerhit avancieren – haben wir doch alle gerade mehr als nötig, unbekümmert sein zu dürfen.

Provinz - Wenn Die Party Vorbei Ist

Provinz – Das Gefühl von Euphorie und gewollter Einsamkeit

Es geht um Druckbetankung, um ein hedonistisches Gefühl und den plötzlichen Drop der Gefühle – wir alle kennen diesen Moment. Man freut sich auf seine Freunde – es wird ein guter Abend werden. Die Küche, der Balkon, das Oberdeck des Parkhauses – die Party kann überall stattfinden – wichtig sind die Leute. Und wenn man sich dann durch die vielen großartigen Lieder singt, sich und seine Freunde feiert und die Euphorie auf dem Höhepunkt ist, kommt der Drop. Ein Gefühl, welches entweder mit Alkohol oder anderen Dingen betäubt und weggeschoben wird, oder ein Gefühl, bei dem man sich ganz darauf einlässt und geht. Denn wie so oft gibt es nach der Euphorie auch Einsamkeit. Und in diese Einsamkeit zurückzukehren und sich damit einer reinigenden Nüchternheit hinzugeben ist oftmals auch der Ursprung neuer Motivation. Dieses enorm emotionale Gefühl, welches sich aus den Erinnerungen an die gerade abgelaufenen Momente und dem Wunsch nach Melancholie speist, haben die Jungs von Provinz auf den Punkt gebracht. Nich nur – dass Wenn die Party vorbei ist textlich eine klare Sprache spricht – sonder hat die aus der Nähe von Ravensburger kommende Band um Frontsänger Vincent Waizzenegger eine Hymne geschaffen, die in der Tat als Song dieser eingangs beschriebenen Partys dienen kann. Mit Euphorie, Melancholie, einem Wir-Gefühl und gleichzeitig auch aufkommender Traurigkeit bringt uns Wenn die Party vorbei ist auf der Überholspur in die jeweilige Gefühlslage und lässt uns wahlweise auf dem Küchentisch mit Freunden, auf dem Weg nach Hause im nass, kalten Regen oder auf dem Parkdeck zu zweit eine ganz subjektive Betrachtung des Moments erleben. Denn wenn die Party vorbei ist, bist vielleicht auch du lieber gerne alleine.