Kettcar – Aufbruch der Verlierer

Er ist kess, er ist schnell und er ist zynisch – der neue Song Palo Alto von den Hamburger Indierockern von Kettcar. Sind sie für ihre politischen Texte bekannt, verfolgen sie auf Palo Alto einer Gruppe von Menschen, die durch die Digitalisierung ihre Jobs verloren haben und damit ihrer Identität hinterherlaufen. Mit einem Plan – nach Palo Alto zu fahren – um die digitalen Riesen niederzubrennen – begeben sie sich auf ein verrücktes Abenteuer. Dabei sind es wieder einmal Marcus Wiebuschs erzählerischer Gesang, und seine vertrauenerweckende Stimme, die den treibenden und hymnischen Song tragen. Mit schnellen Gitarrenriffs, einem verdammt schnellen Refrain und einem ebenso wortreichen Text, wie Und wenn die vom Jobcenter fragen, kannst du ihnen sagen, wir sind unterwegs, mit allem was wir haben. Die Algorithmen zu zerschlagen und, dass die Benzinkanister und Streichhölzer zu uns gehören. Burn Palo Alto Burn spiegeln Kettcar genau die Mitte der Gesellschaft zwischen Abhängenden und Abgehängten wider. Dass vor allem die letzte Aussage des Refrains für das Verhalten einer verrückten Truppe aus Menschen besteht, möchte Wiebusch – wie in einem Deutschlandfunk Kultur Interview auch explizit hingewiesen – nicht als Sympathisieren verstanden wissen. Mit Palo Alto kündigen Kettcar die EP Der süsse Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich) an, die am kommenden Freitag veröffentlicht wird.

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Gloria – Vergangenheit hochhalten

Angeteasert werden Gloria mit dem Begriff Erfolgsalbum Nummer 3. Kommerziell kann dies nicht gemeint sein, hatte es das Album Da schließlich nur eine Woche in die Albumcharts geschafft. Doch dies machen Reporter gerne, um die Besonderheit einer Band hervorzuheben. Doch das brauchen Gloria überhaupt nicht. Anders sieht dies nämlich beim Songwriting, der Produktion und den Gedanken aus, die hinter Glorias drittem Album stecken. Denn hier hat sich das Duo selbst ein kleines Denkmal gesetzt. Mit starken Texten nehmen sie auch auf der zweiten Singleauskopplung Fahrt auf und sprechen auf Narben davon, Vergangenes hochzuhalten. Die Beschreibung Mark Tavassols hierbei trifft wohl auf vieles in unserem Leben zu, denn er meint, dass wir ein Mosaik unserer eigenen Begegnungen sind. Etwas kryptisch dargestellt, kann Narben als Liebeslied, als Freundschaftsbeweis oder als Trauerhymne gemeint sein. Hier liegt es am Hörer, sich den Song anzueignen und mit seiner eigenen Gefühlslage verschmelzen zu lassen. So sind Gloria gerade – neben Kettcars neuem Album – eine der wichtigsten deutschen Bands, wenn es um geistreiches Songwriting und einen starken Sound geht.

The Best Of 2017 Vol.: 08

01. Katy Perry feat. Nicki Minaj – Swish Swish

02. Möwe – Skyline

03. Kettcar – Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)

04. Postiljonen – Crazy

05. Pink – What About Us

06. W O L F – Com-Plete

07. Rudimental feat. James Arthur – Sun Comes Up

08. Jessie Ware – Midnight

09. Luca Vasta – Modica

10. MAMA – You Get Me

11. Sampha – (No Ones Knows Me) Like The Piano

12. Ruelle – The Other Side

13. Odesza feat. Wynne Mansionair – Line Of Sight

14. Nick Murphy – Your Time

15. Macklemore & Ryan Lewis – Downtown/a>

16. Scissor Sisters – Let’s Have A Kiki

17. WestBam – Recognize

18. Sunkids feat. Chance – Rise Up

19. Låpsley – Operator (DJ Kozes Extended Disco Version)

Kettcar – Mit einem Schlag ins Gesicht zurück

Kettcar – Sommer ’89

Wie politisch darf oder viel mehr muss Musik sein, um ihren Einfluss auch geltend zu machen? Hier gibt es viele Beispiele von oberflächlicher, politischer Meinungen, die allerdings immer nur eine Strömung wiedergeben. Anders sind Bands wie Kettcar, die sich klar positionieren. Hierbei sympathisieren sie allerdings nicht etwa mit einer bestimmten Parteienrolle, sondern treten für Menschlichkeit, und Gleichberechtigung aller ein. Dass wir dieses Einstehen fünf Jahre lang bitterlich vermissten, wird bei Kettcars neuer Single Sommer ’89 klar, die in nur fünf Minuten so viel, der Geschehnisse der letzten Jahre, zusammenfasst und sich dabei auf ein Beispiel aus der Geschichte bezieht. Denn wir wissen alle, Geschichte wiederholt sich und ist der Ausgang bekannt und negativ, muss man dagegen aufstehen. In Sommer ’89 stehen Kettcar, um den Frontsänger Marcus Wiebusch auf und besingen die Situation des Flüchtenden. Nicht etwa auf seinem Weg über die Balkan-Route, sondern über den Weg von Ost- nach Westdeutschland. Und hier treffen sich dann auch die wiederholenden Geschichten. Mit Wiebuschs rauchig, eindringlicher Stimme und einem bedrohlichen Gitarrensound besingen Kettcar diese Situation und klingen nach einer erwachsenen Gitarren-Pop-Band, die an Relevanz gerade dadurch noch zugenommen haben. Ist ein großer Teil des Songs als Sprechgesang aufgenommen, kommt Wiebusch im Refrain noch eindringlicher und fast schon flehender zurück. Sehr zu empfehlen ist hierbei das Musikvideo, welches die Geschehnisse vom August 1989 als Kurzfilm wiedergibt. Damit haben sich Kettcar mit einem Schlag zurück in die politisch, musikalische Landschaft katapultiert und sind dabei wichtiger denn je.