Woodlock - Collateral

Woodlock – Wenn ein Stolpern den Weg frei macht

Sie klingt nach so vielen Emotionen – die neue EP Collateral des neuseeländisch/australischen Trios Woodlock. Bestehend aus den neuseeländischen Brüdern Zech und Eze Walters und dem Australier Bowen Purcell, hatte Zech in den vergangenen Jahren mit Zusammenbrüchen zu kämpfen, die ihm seinen Platz in der Welt in Frage stellen ließen. Mit dieser Herausforderung zu kämpfen hatte dadurch auch die ganze Band, die erst kurz zuvor mit ihren drei EPs Lemons (2013), Labour of Love (2014) und Sirens (2015) auch international vor dem Durchbruch standen. Doch entschied sich die Band, der Gesundheit Vorrang zu geben und nahm sich die Zeit, um Zech die volle Unterstützung zuzusagen. Nun sind sie nach vierjähriger Pause mit der EP Collateral zurück und reißen uns als Hörer in ein tiefes Loch der großen und tiefen Emotionen. Anders, als noch ihre letzte Veröffentlichung Something Broke That Day vor der Bandpause 2016 , klingen die sechs neuen Songs deutlich organischer und zurückhaltender und nehmen den Folk der Anfangsjahre wieder auf. Darauf behandelt jeder Song eine andere emotionale Geschichte.

Woodlock
Woodlock

Mit der Leadsingle Collateral greifen die Jungs ein enorm starkes Thema auf, das einen Einblick in die komplexen Gefühle von Zech gebt. Hier arbeitet sich die Band durch den zermürbenden Prozess eines Beziehungsendes. Hat man sich während der positiven Zeit geschworen, nie im Bösen auseinanderzugehen, werden plötzlich die Messer gewetzt und die umliegenden Personen aus der Familie und dem Freundeskreis mit hineingezogen. Der dadurch entstehende Hass und die Taten, die alle im Umfeld emotional verletzen, lassen nichts, als verbrannten Boden zurück. Welches Gefühl bleibt übrig, wenn man alle Energie darauf gesetzt hat, den anderen zu verletzten?! Hier setzt Collateral musikalisch ein äusserst hymnisches Ausrufezeichen. Normalerweise im Folk beheimatet, kommen in diesem Song die großen, euphorischen Sounds zum tragen. Es ist ein Song vom Erkennen der Situation und vom Wunsch, den Heilungsprozess zu beginnen. Mit voller Wucht reisst uns der Refrain plötzlich, vom Waldweg am Berghang auf die Bergspitze und gibt uns den Überblick zurück, den wir im dichten und dunklen Wald verloren zu haben schienen. Collateral ist dabei nur eines von insgesamt sechs Ausrufezeichen auf dieser so bedeutsamen EP. Auf ihr haben Woodlock die schwersten Momente in berührende, emotionale und aufwühlende Songs verwandelt und treffen dabei sofort ins Herz. Hier entsteht eine Gänsehaut, die von Betroffenheit genauso geprägt ist, wie sie ein erhabenes Gefühl umgibt – immer im Hinterkopf habend, wie schnell ein Zusammenbruch den Menschen mit sich reissen kann.

Blu DeTiger - Cotton Candy Lemonade

Blu DeTiger – Irgendwo ist immer Sommer

Wer kommt denn da – mitten im Herbst – plötzlich mit einem der feinsten Sommerhits um die Ecke?! Man möchte der New Yorkerin Blu DeTiger fast unterstellen, die großartigsten Songs in der falschen Jahreszeit zu veröffentlichen – oder ist es gar Kalkül?! Denn so fallen ihre Songs zumindest mehr auf. Bereits im Januar 2019 veröffentlichte die 21-jährige Sängerin mit dem Überhit In My Head eine wahre Bassbombe. So energiegeladen und flippig kam schon lange kein Song mehr daher. Dabei blieb das Multitalent bisher zumeist nur dem Umkreis der Millionenmetropole vergönnt. Dass die Multiinstrumentalistin, Sängerin, Songwriterin, Produzentin, DJane und Bass Virtuosin nun aber auch international durch die Decke geht, ist zum einen der Plattform TikTok zu verdanken und zum anderen der Art, wie DeTiger ihren Bass spielt. Denn auch auf ihrer vor einem Jahr veröffentlichten Single Tangerine ist dem Bass alles untergeordnet. Mit unkonventionellen Wandlungen im Beat lässt uns DeTiger nicht zur Ruhe kommen und schafft Energie, wo vorher ein leerer Raum war.

Blu DeTiger
Blu DeTiger

Nun hat die US-Amerikanische Sängerin mit Cotton Candy Lemonade einen neuen Song veröffentlicht, an dem sie während der Lockdown-Phase gearbeitet hatte. Überraschend hierbei ist, dass sich der Sound signifikant verändert hat. Hier steht nicht mehr ausschließlich der Bass im Vordergrund und ordnet sich alles dem Beat unter, sondern wird der Song vielmehr durch ein elegantes Bassspiel dominiert. Langsam, verträumt und immer ein wenig desinteressiert singt sich DeTiger durch ihren neuen Song und erinnert dabei an eine Mischung aus Tash Sultana, Lana Del Rey und HONNE. Mit dieser langsamen und relaxten Art der Arrangements und Harmonien holt uns DeTiger für einen Moment lang den Sommer zurück in den tristen Herbst und vermittelt das Gefühl eine warmen Sommerbrisen auf unserer Haut zu spüren. Für knapp zweieinhalb Minuten holt uns die Sängerin damit aus unserem Alltag und gibt uns noch die Info mit auf den Weg, dass Anfang 2021 mit ihrer Debüt-EP zu rechnen sei. Doch bis dahin werden wir mit Sicherheit noch ein paar Mal die warme Sommerbrise über unsere Haut wehen lassen.

The Coronas - Light Me Up

The Coronas – Wenn ein Jahr die Veränderung bringt

Es ist eine verrückte Zeit für die irische Band The Coronas. Noch im Mai 2019 hatten sie mit Find The Water die erste Single ihres kommenden, sechsten Albums True Love Waits veröffentlicht. Dann gab die Band mitten in der Vorweihnachtszeit plötzlich die Trennung von Gitarristen Dave McPhillips bekannt – der sich auf eigenen Wunsch aus der Band zurückzog. Was zur Folge hatte, dass sich die Band neu strukturieren musste – wer übernimmt den Part McPhillips und wie wird sich das auf die Band auswirken? Im Januar veröffentlichte die – nun zu einem Trio zusammengeschrumpfte – Band mit Haunted schließlich die zweite Single. Plötzlich, nur sechs Wochen später, folgte der nächste Schock. Denn auch in Irland hatte die Pandemie so große Auswirkungen, dass die Band ihre Promotion-Tour für das kommende Album absagen musste – immerhin eine der größten in der Geschichte der Band, mit Gigs in den USA, Kanada, Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz. Selbst ein eigenes Festival wurde für das Release-Wochenende unter dem Namen Nowhere We’d Rather Be angekündigt und sollte Acts, wie Tom Walker, Gabrielle Aplin, Hudson Taylor und natürlich The Coronas auf der Bühne performen sehen. Auch hier musste die Band den Fans leider mitteilen, dass das Festival nicht stattfinden wird und The Coronas nun ihr neues Studioalbum ohne große Promotion am kommenden Freitag veröffentlichen wird.

The Coronas

The Coronas

Doch The Coronas werden nicht müde – so hat die Band schließlich doch noch eine kreative Lösung für eine Promo-Tour gefunden und fährt ab kommenden Donnerstag bis einschließlich Montag mit einem Eiscremewagen durch das Land mit Stops in Cork, Limerick, Waterford, Galway, Kilkenny und Dublin. Dabei gibt es nicht nur Eiscreme, sondern auch das neue Album zu kaufen. Mit dieser Ankündigung haben der Sänger Danny O’Reilly, Drummer Conor Egan und Bassist Graham Knox gleichzeitig eine neue Version ihrer neuesten Single Light Me Up – veröffentlicht, welche die Band zusammen mit Cian, vom irischen Newcomer-Trio True Tides eingespielt hat. Dabei dürfte den irischen Konzertgängern das Trio True Tides – bestehend aus drei Brüdern – durch die Dubliner Konzerte von The Coronas bekannt sein, spielte die Band doch hier als Support. Mit dem emotionalen Light Me Up haben The Coronas nochmals und kurz vor dem Release des Albums eine Single veröffentlicht, die sich an die ganz großen Momente anschmiegt und einmal mehr zeigt, wie eindrucksvoll die Musik der Dubliner Band ist. Wird das Album True Love Waits an diesem Freitag in Irland veröffentlicht, müssen wir international noch eine Woche warten, bis es auch in anderen Ländern verfügbar sein wird. Bis dahin freuen wir uns über großartigen Rocksound, der schon fast zum Stadionrock gezählt werden kann.

Kylie Minogue - Say Something

Kylie Minogue – Sie macht nicht nur Disco, sie IST die Disco

Kaum eine andere Künstlerin hat so beständig Hits abgeliefert, wie die Australierin Kylie Minogue. Dabei hat sie in den 41 Jahren ihrer Musikkarriere einige Höhen und Tiefen erlebt. Vom großen Hype der jungen Sängerin in den 80er Jahren mit Nummer-1 Hits, wie I Should Be So LuckyLocomotion oder der Kollaboration mit Jason Donovan auf Especially For You blieb in den 90ern nicht mehr all zu viel übrig. Nach einem Soundwechsel – hin zu einem deutlich experimentelleren Sound – waren die Hits der Sängerin in diesem Jahrzehnt rar und wurden nur durch das herausragende und bis heute von den Kritikern zu einem der ganz großen Musikmomente gewählte Where The Wild Roses Grow mit Nick Cave And The Bad Seeds unterbrochen. Dieser Song landete nicht nur weltweit in den Charts, sondern ist durch seine zeitlose Stimmung auch nach wie vor in vielen Playlists und Bestenlisten zu finden. Der Paukenschlag setzte bei Minogue pünktlich zum Jahrtausendwechsel ein. Denn hier räumte sie die Charts auf und platzierte sich mit ihrem Millionenseller Light Years und den Singles Spinning AroundOn A Night Like ThisKids (zusammen mit Robbie Williams) und dem Song Your Disco Needs You – den Minogue in mehreren Sprachen aufgenommenen hat – auf die vordersten Ränge der internationalen Charts.

Kylie Minogue - Disco

Kylie Minogue – Disco

Was folgte war ein regelrechter Hype um die Australierin, den sie im Anschluß des Erfolges von Light Years mit ihrem Folgealbum Fever noch zu toppen wusste. Denn hier räumte sie alles ab, was es zu erreichen gab. Schaffte es die erste Singleauskopplung Can’t Get You Out Of My Head in über 40 Ländern an die Spitze der Charts und wurde bis heute zu Minogues größtem Erfolg, ging das Album Fever mehr als 6 Millionen mal über den Ladentisch und zählt somit ebenfalls zu ihrem erfolgreichsten Album. Fever brachte Minogue sogar einen Grammy Award in der Kategorie Best Dance Recording ein. Konnten sich alle nachfolgenden Alben weiterhin über zumeist Top-10 Platzierungen weltweit freuen, ging es für die Singles nach dem 2010er Album Aphrodite immer weiter bergab. Was blieb, war ein gemischtes Jahrzehnt, in dem Minogues Songs nicht mehr die Positionen der 2000er erreichen konnten. Nun hat die Sängerin mit Say Something eine erste neue Single ihres 15. Studioalbums DISCO – das am 6. November erscheinen wird – veröffentlicht und reißt damit das Ruder wieder an sich. Mit einem großartigen Sound, in Anlehnung an die Discozeit der frühen 2000er und Elementen aus den späten 70er Jahren singt sich Minogue durch ein Gefühl der Einsamkeit, die durch den Wunsch nach einer Zusammenführung geprägt wird. Mit den Songzeilen We’re a million miles apart in a thousand ways….Love is love it never ends, can we all be as one again? (Wir sind auf tausend Arten eine Million Meilen voneinander entfernt.. Liebe ist Liebe, sie endet nie, können wir alle wieder eins sein?) erinnert Say Something an den Song, den wir hören, wenn die Party endet. Es ist der Zeitraum, in dem immer mehr Leute die Tanzfläche verlassen und sich fertig machen, um nach Hause zu gehen. Bis dieser eine Song kommt, der bei den wenigen Übriggebliebenen zu einem Moment der Ungezwungenheit führt und sie so nochmal voller Energie und Abschiedsgefühl die Tanzfläche stürmen. Say Something ist Minogues 73 offizielle Singleveröfentlichung – schaut man sich an, dass ihr größter Erfolg Can’t Get You Out Of My Head die 36. Singleveröffentlichung war, könnte nun, mit Veröffentlichung Nummer 73 erneut ein absoluter Hit herausspringen. Say Something ist Disco und Wehmut zugleich und bringt uns dazu, wieder zusammen bis weit in die Nacht zu feiern.

Sion Hill - Speak Up

Sion Hill – Die irische Tradition im Popsong tragen

Nach wie vor übt Berlin eine enorme Anziehungskraft auf Musikacts weltweit aus, um den Einstieg in das Business zu schaffen. Ob die Parcels oder Yates aus Australien, Travis‚ Frontsänger Fran Healy aus Großbritannien oder RY X – der einige Zeit in Berlin lebte – für viele Künstler gehört es mittlerweile dazu, sich für eine Zeit lang in der kulturellen Hauptstadt Europas aufzuhalten. Auch der Ire Sion Hill – der bürgerlich Nathan Johnston heißt – hat diesen Schritt vor einigen Jahren gewagt, ist in der Stadt geblieben und sollte dafür belohnt werden. Mit seiner 2017er Single Elephant konntet ihr hier auf SOML bereits früh über den Singer/Songwriter lesen. Damals noch im Pop zu Hause – der mit Gitarre angereichert sogar Pete Dorherty überzeugte, ihn als Support mit auf seine Tour zu nehmen – schaffte der Sänger es auch, die ersten Radioplays zu erhalten. Nun ist der 25-Jährige mit seiner neuesten Single Speak Up zurück und  bezieht sich noch stärker auf seine irischen Wurzeln. Nicht nur, dass sein Künstlername Sion Hill auf deutsch in etwas Himmel auf dem Hügel bedeutet, hat der Ire auf Speak Up nun auch traditionelle irische Folkmusik im Einsatz. Dabei dürfte der aktuelle Einfluss der irischen Musik international gerade in den letzten Jahren stetig gestiegen sein und bringt neben Dermot Kennedy, Hozier und Walking On Cars auch Songs, wie Galway Girl von so großen Künstlern, wie Ed Sheeran hervor. Mit einem wunderbaren Mix aus Pop, Folk und Tradition, streut der Sänger auch eine leichte Note elektronischer Musik unter die starke Instrumentierung. Ob die knapp 21.000 Einwohner große Stadt Mullingar – aus der Sion Hill kommt – weiss, wie großartig der Sänger in Deutschland ankommt, kann nur vermutet werden, seine irische Herkunft präsentiert der Singer/Songwriter mit seinem neuesten Song auf alle Fälle mit Stolz. Mit Speak Up hat der Ire es geschafft, einen Song zu veröffentlichen, der die traditionelle irische Musik mit Instrumenten, wie der Fidel, dem Dudelsack, dem Akkordeon oder der Flöte modern präsentiert, und damit für frischen Wind im Radio sorgt.

G-Eazy - Free Porn, Cheap Drugs

G-Eazy – Ehrlich und rein zum neuen Sound

Er ist aktuell einer der aktivsten Rapper, die die USA zu bieten haben und hat nicht nur selbst mit Songs, wie Me, Myself & I mit Bebe Rexha (2015), Good Life mit Kehlani, No Limit mit ASAP Rocky & Cardi B oder Him & I mit Halsey (alle 2017) international so richtig abgeräumt – sondern ist auch immer wieder ein gern gesehener Featuring-Act bei Stars, wie Britney Spears, Chris Brown, Vic Mensa oder Dillon Francis. Doch was uns Rapper G-Eazy nun präsentiert, ist ein wahrer WTF-Moment. Denn mit seiner neuesten Single Free Porn, Cheap Drugs überrascht der 31-Jährige Rapper nicht nur all seine Fans – sondern schockt sie regelrecht. Denn mit Free Porn, Cheap Drugs krempelt der US-Amerikaner seinen Sound komplett um und liefert plötzlich einen soften Indie-Rock-Song ab, der mit richtigem Gesang und einer Kopfstimme aufwartet. Dabei kündigte G-Eazy bereits an, dass er während der Pandemie- und Lockdown-Zeit viel mit seiner Musik experimentiert hat und es Zeit ist, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Dass sich dieses Kapitel allerdings so deutlich anders anhören würde, hätte wohl keiner geglaubt. Doch die wabernden Indie-Gitarren und der melancholische Vibe stehen dem Musiker äußerst gut und zeigen erstaunlich viel Mut in einem Business, das immer noch vor allem durch protzende Männlichkeit geprägt wird. In einem Post auf seinen sozialen Kanälen kommentiert G-Eazy – der bürgerlich Gerald Earl Gillum heisst – dass ihn die letzten Wochen komplett verändert haben und er in der Phase des Social Distancing viel über sich selbst nachgedacht hat. Gegen eventuelle Hater seines neuen Sounds schließt er dann auch mit dem Satz ab, dass dieses Projekt eine Darstellung davon ist, wo mein Herz und mein Kopf jetzt sind. Es ist ehrlich und rein – ich bin es auch. Nehmt es an oder lasst es – so fühle ich mich eben nun mal gerade. Mit dem Projekt meint G-Eazy Everything’s Strange Here, welches er am 5. Juni auf Spotify veröffentlicht hat und sich mehr auf Gesang konzentriert. Mit Free Porn, Cheap Drugs erreicht der Rapper auf jeden Fall ein ganz neues Publikum und überrascht positiv mit einem verträumten Indiesound.

Celeste - I Can See The Change

Celeste – Im großen Moment ganz leise

Spätestens seit Stop This Flame ist die in London lebende Sängerin Celeste ganz plötzlich auch international ganz oben auf den Act-To-Watch-Listen gelandet und arbeitet seitdem kontinuierlich an ihrem ganz großen Durchbruch. Denn schon 2019 lief es für die Britisch-Jamaikanische Sängerin mit ihren beiden EPs richtig gut. Nun hat die Sängerin mit I Can See The Change eine neue Single und damit gleich auch eine tragende Ballade veröffentlicht. Unterstützt wurde Celeste dabei vom US-Amerikanischen Produzenten Finneas Baird O’Connell, der als Produzent und Bruder von Billie Eilish maßgeblich am erfolgreichsten Album 2019 – When We All Fall Asleep, Where Do We Go? – beteiligt war. Auf I Can See The Change haben Celeste und Finneas eine wunderschöne Version des Gefühls eines verloren fühlens geschaffen. Denn das ist die Geschichte hinter dem Song – so Celeste. Er ist in einer Phase entstanden, in der um Celeste herum extrem viel passiert war und sich die Sängerin trotzdem völlig leer gefühlt hatte. Im Song geht es um Hoffnung und Veränderung, aber auch um das Wissen, dass das Erreichen davon Aufwand, Geduld und Überzeugung benötigt – so Celeste. Dabei erinnert vor allem der Anfangspart an Christina Aguileras Beautiful und verläuft sich später in so typischen Neuinterpretationen, die alljährlich in einem John Lewis Weihnachtswerbespot verwendet werden und mit herzlich warmen Bildern untermalt wird. Mit der Stripped-Down-Ballade I Can See The Change zeigt Celeste, dass sie nicht nur die großen Popsongs mit Tanzfaktor beherrscht, sondern auch die leisen Töne mag. Finneas kommentiert die Zusammenarbeit mit Celeste als in der glücklichen Lage zu sein, dass er für einige Künstler Songs produziert habe, von denen er der Ansicht sei, dass sie für die Ewigkeit Musik machen und Celeste gehört eindeutig dazu. Ihr Debütalbum Celeste ist für Anfang September angekündigt und wird die Sängerin spätestens dann, weltweit zum Erfolg führen – denn was die Briten so richtig gut können, ist, einen talentierten Musik-Act so zu hypen, dass die Veröffentlichung zu einem wahren Happening wird. Wir werden sehen und behalten uns bis dahin die ruhigen Töne Celestes für die ganz besondere Momente.

Daði Freyr - Think About Things

Daði Freyr – Ein verpasster Sieg?

Es hätte nicht besser laufen können, für den Isländer Daði Freyr und seinem Song Think About Things. Denn mit Diesem wollte er eigentlich am gestrigen 16. Mai am Eurovision Song Contest 2020 teilnehmen. Die Chancen, sich dabei auf einen der vordersten Ränge platzieren zu können, standen – schenkte man den Buchmachern Glauben – gar nicht einmal so schlecht. Doch dann kam der 18. März, an dem der diesjährige Contest aufgrund der Pandemie komplett abgesagt wurde und Daði Freyr nun keine Chance mehr bekam, seinen Song vor mehr als 200 Millionen Zuschauern zu präsentieren. Als Musiker ist der 27-jährige Isländer jedoch bereits seit 2012 aktiv und veröffentlichte mit der Band RetRoBot 2013 das Album Blackout. Kurze Zeit später zog es den Sänger nach Berlin, wo er ein Studium zur Musikproduktion startete, welches er 2017 mit einem Bachelor of Art abschloss. Im selben Jahr trat er in Island mit dem Song Is This Love? am Vorentscheid zum Eurovision Songcontest an und belegte den zweiten Platz. 2019 schaffte er es schließlich mit Think About Things, sein Land international zu vertreten und beweist mit dem Song, dass es in der isländische Musikkultur einfach anders läuft, als auf dem Rest der Welt. Ob Bands wie Sigur Rós, Björk, FM Belfast, Retro Stefson oder Of Monsters And Men – alle haben sie gemein, dass ihre Individualität einen starken Einfluss auf ihre Musik und die Präsentation ihrer Persönlichkeiten hat. Gibt es dies natürlich auch zuhauf weltweit, ist es bei isländischen Acts allerdings fast durchweg anzufinden. Daði Freyr zeigt mit seinem Song daher einmal mehr, dass diese Art wohl in den Genen der Isländer zu liegen scheint. Think About Things ist damit ein frischer, nerdiger Indie-Hit, der als Launenaufheller nicht besser dienen könnte. Dabei gibt es den Song in zwei Sprachen und zwei Bedeutungen. In dem Original auf isländisch singt Daði Freyr darüber, dass seine Band Gagnamagnið – mit der er 2017 am isländischen Vorentscheid teilgenommen hatte – aus der Zukunft kommt, um die Welt mit ihrem Tanz zu retten. Auf der englischsprachigen Version singt er allerdings über die Geburt seiner Tochter im vergangenen Jahr und dem Wunsch, zu erfahren, was ein Baby in den ersten Wochen und Monaten denkt. Diese Bedeutung war auch der ursprüngliche Grund des Songs. Was Daði Freyr bleibt, ist das Wissen um einen großartigen Indie-Song, der sogar das Zeug gehabt hätte, beim diesjährigen Eurovision Songcontest zum Siegersong zu werden.

Nena - Licht

Nena – Die Neuerfindung perfektioniert

Da steh sie nun, die große Zahl 60. An diesem Dienstag wird eine der erfolgreichsten deutschen Sängerinnen 60 Jahre alt. Mit 99 Luftballons erreichte Nena 1983 international die Chartspitzen und ging die Single knapp 3 Millionen über den Ladentisch. Doch nicht nur mit 99 Luftballons war die Sängerin erfolgreich – so zählte sie in den 80er Jahren weitere Top-5 Hits wie Nur Geträumt, Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann, ? (Fragezeichen) und Leuchtturm zu den ganz großen Hits. Während sich ihr Erfolg in den 90er Jahren abkühlte, gab es ein zunehmendes Interesse anderer Künstler, ihre Songs zu covern. Allen voran machte Jan Delay mit seiner 1999er Version von Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann Schlagzeilen und schaffte es sogar, das Original sowohl von der Chartplatzierung, als auch von den Verkaufszahlen deutlich zu übertreffen. Denn kam das Original 1984 bis auf Platz 3, schaffte es Delay bis auf Platz 2 und verkaufte mehr als 500.000 Singles. Davon beflügelt, arbeitete Nena Anfang der 2000er an einem Best-Of Album der besonderen Art. Hier veröffentlichte sie mit Nena feat. Nena 2002 ihre größten Songs nochmal – allerdings in einem neuen Gewandt und mit musikalischer Unterstützung von Joachim Witt, Kim Wilde oder Udo Lindenberg. Mit über 1,5 Millionen verkauften Alben zählt es zu den meistverkauften Alben der Sängerin und markierte ihre Rückkehr auf die ganz großen Bühnen des Musikbusiness. Seitdem ist sie aus den oberen Rängen der Charts nicht mehr wegzudenken und erreichte 2005 mit Liebe Ist sogar wieder Platz 1 der deutschen Singlecharts. Trotz der mittlerweile 30 Studioalben, 47 Singleveröffentlichungen und 60 Jahren pfeift Nena auf das Alter und veröffentlicht an ihrem runden Geburtstag mit Licht einen neuen Song, über den es momentan noch nicht all zu viel Informationen gibt. Was allerdings sofort auffällt – der große 80er-Jahre Vibe, den Licht versprüht. Gepaart mit modernen Drums und einem großartigen Soundkostüm, tritt Licht ohne Umschweife in die Fußstapfen des momentan äußerst erfolgreichen Songs Blinding Lights von The Weeknd. Warum gerade Blinding Lights?! Beide nutzen die Synthies der 80er Jahre, haben ein sportliches Tempo, beinhalten melancholische Parts und Textzeilen und bauen auf einem Nostalgiegefühl auf, das momentan äußerst gefragt ist. Natürlich unterscheiden sich beide Künstler deutlich voneinander, doch macht Nena mit Licht so ziemlich alles richtig und erfindet sich einmal mehr neu. Ob mit dem Hashtag #gehtumalles womöglich der Albumtitel ihres neuen Studioalbums gemeint sein könnte, oder er sich einfach aus den Textzeilen zu Licht ergibt, kann nur vermutet werden. Licht ist eine der Überraschungen 2020 und lässt uns mit hochgerissenen Armen durch die Zeit der sozialen Distanz tanzen.

Provinz – Wenn pure Emotionen auf uns niederprasseln

Aktuell gibt es eine Reihe von jungen deutschen Bands, die außergewöhnliche und herausragende Musik machen. Diese trifft sich ob der unterschiedlichen Genres doch immer wieder durch gemeinsame Nenner. So ist es zum einen der Sound, der Bands wie RAZZ, Giant Rooks oder Lea Porcelain so anders und international klingen lassen. Zum Anderen sind es die Lyrics, die Bands wie Jeremias, AnnenMayKantereit und Provinz so deutlich hervorheben. Zählen AnnenMayKantereit hier schon fast zum alten Eisen, stehen Provinz noch komplett am Anfang. Umso erstaunlicher ist, dass die 2017 gegründete Band mit Frontsänger und Songwriter Vincent Waizenegger für Texte steht, die so durchdringend sind, dass man sich immer wieder, bis aufs Fleisch ertappt fühlt, genau diese Gefühle auch schon gehabt zu haben. Gleichzeitig ist es die rauchig, kratzige Stimme Waizeneggers, die ihm eine Reife gibt, die nach einem Mittvierzig-Jährigen klingt, der in einer Nacht im Alkoholrausch erkennt, dass es so nicht weitergehen kann. Dabei steht nicht die Unzulänglichkeit des Alkoholikers im Vordergrund, sondern ist der Wechsel von Resignation in die Motivation das Bemerkenswerte. Hierbei zieht Waizenegger musikalisch blank und stellt die eigene Zerbrechlichkeit hinter die Darstellung eines Gefühls, welches ein Jeder schon einmal gespürt hat. Provinz singen, wie auf Wenn die Party vorbei ist, von Selbstaufgabe, Unvernunft, dem Streben nach Glück und von Tiefpunkten im Leben und treffen damit mitten ins Herz. Auf ihrer nun veröffentlichten Doppelsingle Nur Freunde und Verlier Dich hat sich Waizenegger mit der Situation befasst, die ihm selbst einmal beschäftigte. Wenn aus einer langen – schon im Teenageralter zusammengewachsenen – Freundschaft auf einem Liebe wird, was ist es dann?! Kann man diesen Gefühlen trauen? Sollte man diesen Gefühlen trauen? Wenn ja, was wird dann aus der Freundschaft? Zumindest letztere Frage wird schließlich mit Verlier Dich beantwortet und zeigt, wie sich Waizenegger mit Hilfe seiner Freunde Abhilfe verschafft. Provinz bringen es auf den Punkt und singen – als Band, in der alle Mitglieder um die 20 Jahre alt sind – über Themen, die so nah an der Realität sind, dass wir und am Ende selber fragen müssen, wo wir jetzt mit unserem Gefühlswirrwarr stehen. Alle Songs werden auf ihrem, am 14. August erscheinenden, Debütalbum Wir Bauten Uns Amerika enthalten sein, welche sie uns im Mai und Juni auf Festivals und im September und Oktober bei ihren – bisher noch nicht abgesagten – Liveauftritte präsentieren werden.