Provinz - Wenn Die Party Vorbei Ist

Provinz – Das Gefühl von Euphorie und gewollter Einsamkeit

Es geht um Druckbetankung, um ein hedonistisches Gefühl und den plötzlich Drop der Gefühle. Wir alle kennen diesen Moment. Man freut sich auf seine Freunde – es wird ein guter Abend werden. Die Küche, der Balkon, das Oberdeck des Parkhauses – die Party kann überall stattfinden – wichtig sind die Leute. Und wenn man sich dann durch die vielen großartigen Lieder singt, sich und seine Freunde feiert und die Euphorie auf dem Höhepunkt ist, kommt der Drop. Ein Gefühl, welches entweder mit Alkohol oder anderen Dingen betäubt und weggeschoben wird, oder ein Gefühl, bei dem man sich ganz darauf einlässt und geht. Denn wie so oft gibt es nach der Euphorie auch Einsamkeit. Und in diese Einsamkeit zurückzukehren und sich damit einer reinigenden Nüchternheit hinzugeben ist oftmals auch der Ursprung neuer Motivation. Dieses enorm emotionale Gefühl, welches sich aus den Erinnerungen an die gerade abgelaufenen Momente und dem Wunsch nach Melancholie speist, haben die Jungs von Provinz auf den Punkt gebracht. Nich nur – dass Wenn die Party vorbei ist textlich eine klare Sprache spricht – sonder hat die aus der Nähe von Ravensburger kommende Band um Frontsänger Vincent Waizzenegger eine Hymne geschaffen, die in der Tat als Song dieser eingangs beschriebenen Partys dienen kann. Mit Euphorie, Melancholie, einem Wir-Gefühl und gleichzeitig auch aufkommender Traurigkeit bringt uns Wenn die Party vorbei ist auf der Überholspur in die jeweilige Gefühlslage und lässt uns wahlweise auf dem Küchentisch mit Freunden, auf dem Weg nach Hause im nass, kalten Regen oder auf dem Parkdeck zu zweit eine ganz subjektive Betrachtung des Moments erleben. Denn wenn die Party vorbei ist, bist vielleicht auch du lieber gerne alleine.

Christian Löffler - Versailles (Hold)

Christian Löffler – Vom Abschied und Aufbruch

Mit Like Water hatte der Rostocker Produzent Christian Löffler diesen Mai für einen so wunderschönen Elektrosong gesorgt, dass man gar nicht wusste, wohin mit den daraus erwachenden Gefühlen. Gleichzeitig veröffentlichte Löffler mit Graal (Prologue) sein drittes Album. Doch nach dem Album ist vor dem Album und so hat Löffler mit Lys bereits das vierte Album für März 2020 angekündigt und mit Versailles (Hold) gleich noch eine neue Single drangehängt. Darauf geht der Produzent wieder mehr nach vorne und lässt durch seinen rauschend, treibenden Housebeat ein Klangbett der Geborgenheit entstehen. In Verbindung mit einem verträumten Gesang und frickelig kalten Phasen erzählt der Song die Geschichte vom Abschied nehmen von Gedanken und Erinnerungen, die unwiderruflich gegangen sind. Aber auch vom Aufbruch und dem Finden von Mut und Stärke. Löffler hat damit einmal mehr gezeigt, wie sehr seine Musik durch Gefühle und Gedanken geprägt ist und holt uns genau dort ein ums andere Mal wieder ab.

Jonah - Husk My Love

Jonah – Schälen sich aus ihrem Kokon

Sie sind zurück, das Berliner Duo Jonah hat – nach dem 2017er Debütalbum Wicked Fever und den großartigen Songs All We Are und Love Lost – endlich eine neue Single veröffentlicht und enttäuscht uns nicht mit einem gewohnt verträumten Sound. Dabei schälen sich Angelo Mammone und Christian Steenken aus ihrem Kokon der Stille und zeigen mit Husk My Love, wie sehr sie den wunderbaren Sound in Emotionen und Gedanken umwandeln können. Mit einem verträumten Gitarrenspiel und Mammones sanfter Stimme, klingt Husk My Love wie eine ferne Erinnerung, die uns in den Kopf kommt und an Momente von Liebe, großen Gefühlen und Sehnsucht erinnert. Dies wird unterstrichen, von einem unglaublich intensiven Musikvideo, das von Nähe und intensiven Momenten erzählt. Husk My Love ist der frische Wind des Herbstes, der gleichzeitig das Herbstlaub mit seinen warmen Farben über den Boden weht und uns für einen kurzen Moment wohlige Wärme fühlen lässt.

Arizona - Nostalgic

Arizona – Der Sommer wird romantisch

Es ist einer der ehrlichsten Momente zu sich selbst – wenn man bereits mit einem neuen Partner zusammen ist und diesen Flashback in die vorangegangen Beziehung erlebt. Den Moment, bei dem zarte Momente, ein Satz oder der Geruch des Ex-Partners wieder präsent werden. Diesen so intimen Moment teilen wir in der Regel mit niemanden – noch nicht einmal mit den engsten Freunden und schon gar nicht mit dem neuen Partner. Das US-Amerikanische Trio Arizona hat über genau diesen Moment nun einen Song veröffentlicht. Mit Nostalgic schaffen es Frontsänger Zachary Charles, Gitarrist Nate Esquite und Keyboarder David Labuguen ein Gefühl der Wärme zu erzeugen, in dem sie einen verträumten EDM-Beat mit einem eindringlichen Gesang verbinden. Dabei kommen die Songzeilen Ich liege gerade neben jemand Andere, doch manchmal erinnere ich mich immer nach an Dinge, die Du sagtest, oder wie du dich anfühltest völlig authentisch rüber und legen die Jungs aus New Jersey mit dem Satz Aber das ist kein Problem, vielleicht bin ich etwas zu nostalgisch aber die Erinnerungen fluten manchmal regelecht meinen Kopf – und Baby, ich kann es nicht stoppen nochmal klar nach, was ihre Gefühle angeht. Dabei schaffen sie etwas versöhnliches zu erzeugen und blenden den Schmerz, den eine vergangenen Beziehungen haben kann, gänzlich aus. Nostalgic ist ein wunderbarer Sommersong, der weniger zum tanzen animiert, sondern deutlich mehr Romantik versprüht.

Lupid - Happy End

Lupid – Was treibt Dich an

Was treibt einen an, wenn der Lebensmittelpunkt einen verlassen hat? Wenn die große Liebe für immer auf Wiedersehen gesagt hat? Es treibt uns zumeist in den Zwiespalt, den Lupid auf ihrer neuen Single Happy End beschreiben. Die Textzeile Das ist kein schlechter Film, wo man das Ende kennt, sind Stolz und Vorurteil, ohne Happy End. Das ist kein Hollywood, verdammt, das sind wir umschreibt wunderbar lyrisch, das Gefühl, welches wir alle bereits kennen. Den Moment, an dem die Beziehung endet und man all diese Lovestory-Filme sieht, in denen sich am Ende immer alles zum Guten wendet. Dieses daraus entstehende Gefühl der Stärke in einem Moment, in dem man sich am schwächsten fühlt haben Lupid auf Happy End wunderbar herausgearbeitet. Hier ist eine Geschichte entstanden, die sich im Kopf sofort in Bilder umsetzt und dabei nicht etwa mit den Gefühlen der Band verknüpft, sondern – und das ist das eigentlich spannende – mit unseren eigenen Erinnerungen gefüllt werden. Damit schaffen Lupid, was nur sehr selten bei Songs zu erleben ist, eine direkte Spiegelung von uns selbst. Nach Lieb Mich Jetzt ist Happy End bereits die zweite Single, aus dem für Ende 2019 angekündigten, zweiten – noch namenlosen – Studioalbum und stellt gleichzeitig den zweiten Teil, der ganz persönlichen Geschichte des Frontsängers Tobias Hundt, dar. Musikalisch so wunderbar zwischen Zusammenbruch, Hoffnung und Aufbruch wandelnd, ist Happy End mit einer Dramaturgie versehen, die sich Hundts Stimme zu Nutzen macht und am Ende doch in einem Film endet – in einem, der in unserem Kopf stattfindet.

Eau Rouge - Closer EP

Eau Rouge – Musikalisches Chamäleon

Es ist schon verrückt – da hört man einen Song, legt ihn zur Seite, da man irgendwie nicht an ihn rankommt und versucht es ein, zwei Wochen später erneut. Und plötzlich entdeckt man die Band dahinter, klickt sich durch die Songs und kann vor Neugier gar nicht mehr aufhören ihre Songs zu spielen. Eau Rouge ist so eine Band und ihre aktuelle Single Under My Skin klingt, als würden The Black Keys auf Balthazar treffen. Doch hört man sich die gesamte Closer EP an, wird man durch einen satten Soundmix aus Elektro, Rock, Pop und Alternative dirigiert und stellt sich bei jedem neuen Song die Frage, ob es sich noch um die selbe Band handelt. Gleich zu Beginn hat aus Stuttgart kommende Trio auf Closer mit einem wunderbaren E-Gitarrensolo eine Weite erschaffen, die sich durch Computerstimme und dem schmachtenden Gesang von Jonas Teryuco so reizend treibend anfühlt. Melt wiederum ist ein mitreißender Song, der nach einem tropischen Gewitter über einem Inselvulkan klingt. Mit Low lassen Eau Rouge einen ersten, ruhigen Song – mit verwobenen Elektropart – erklingen, ehe sie mit Fear einen so ergreifend, schönen Akustiksong präsentieren, der nach amerikanische Südstaaten klingt, bei dem Erinnerungen an RY X wach und Bilder transportiert werden, die von Schmerz, Aufrichtigkeit und Heilung geprägt sind. Hier kommt eine Epik zum tragen, die sich in unzähligen Filmen der Einsamkeit wiederfinden könnte. Stärke und Aggressivität wechseln im Verlauf der dreieinhalb Minuten so organisch, dass man ein ganzes Leben vor seinem inneren Auge vorbeiziehen sieht. Fear ist der stärkste Song der, am vergangenen Freitag veröffentlichen, Closer EP – die uns zum Abschied schließlich mit einer unglaublich charmanten Version des 1998er Jennifer Paige Songs Crush nochmal so richtig abholt und zum mitsingen bewegt.

The Cranberries - The Pressure

The Cranberries – ein letztes Mal Dolores O’Riordan

Anderthalb Jahre ist es bereits her, dass Dolores O’Riordan im Januar 2018 in einem Londoner Hotel bewusstlos aufgefunden und später für tot erklärt wurde. Nicht nur für die Fans war dies ein großer Schock, sondern auch für viele Musikliebhaber weltweit, die nicht zu den ersten Fans von O’Riordans Band The Cranberries gehörten. Durch Songs wie Zombie und Dreams brannten sich die vier Iren Anfang der 90er Jahre unwiderruflich in die Erinnerungen ein. Nachdem sich die Band 2003 auflöste, jedoch seit 2009 wieder zusammen Musik aufnahm und tourte, kam die Band nun – durch den Tod O’Riordans – ein zweites Mal in die Situation sich aufzulösen. So beantwortete der Gitarrist Noel Hogan die Frage, ob die Band auch ohne die Frontsängerin weiter machen würden, mit den Worten Die Cranberries bestanden aus vier Bandmitgliedern. Wir wollen das alles ohne Dolores einfach nicht fortführen und werden daher, nach dem kommenden Album das Kapitel Cranberries für immer schließen. Nun ist vor drei Wochen das achte und finale Album In The End erschienen und beinhaltet den wunderschönen Song The Pressure. Dieser wurde als Single ausgekoppelt und zeigt noch ein letztes Mal eindrucksvoll die Stärken der Band und die unverwechselbare Stimme von Dolores O’Riordan. Dabei können wir nur vermuten, was sie zu diesem Songtexte bewogen hat, stammte er doch aus einer Demoversion, bei der nur O’Riordans Gesang enthalten war und der schließlich von den drei verbliebenen Bandmitgliedern Noal Hogan, Mike Hogan und Fergal Lawler in das typische Cranberries-Gewand gesteckt wurde. The Pressure ist der traurig, schöne Abschied einer Band, die seit über 30 Jahren so viele Menschen begleitet hat und die durch das Album In The End unsterblich werden.

Sticky Fingers - Kick On

Sticky Fingers – Die, die den Schweiß auflecken

Wenn sich eine Band mit den Worten wenn The Clash, Pink Floyd und die Arctic Monkey drei Schweißperlen sind, die deinen Rücken hinablaufen, so sind es die Sticky Fingers, die sie auflecken vorstellt, kreiert das erst einmal ein recht schräges Bild von einer Band. Bei den aus Sydney kommenden Jungs von Sticky Fingers ist das zwar passend, allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Denn mit ihrem Indie-Rock voller Energie schaffen die Sticky Fingers einen kleinen Kosmos um sich herum. Die aktuelle Single Sunsick Moon ist dabei das beste Beispiel. Hier zeigen sich die Jungs um Frontsänger Dylan Frost verträumt aber trotzdem laut. Damit haben sie einen Song produziert, der wunderbar in das Konzept ihres aktuellen Albums Yours To Keep passt, welches an einen 2016 verstorbenen Produzenten ihrer Alben erinnern soll. Erinnerung ist dabei ein ganz zentrales Thema, da die Australier sich auf ihrem aktuellen Album reflektieren und sowohl in Erinnerungen schwelgen – was unter anderem im Song Sunsick Moon stark zu hören ist – als auch eine Art Aufbruchstimmung transportieren. Waren die Sticky Fingers erst am vergangenen Wochenende in Berlin und konnte sie der ein oder andere nicht live sehen, können wir uns auf dem Album Yours To Keep von diesem wunderbaren Indiesound überzeugen lassen.

Das Moped - Wenn Du ehrlich bist

Das Moped – Alte Bekannte??

Hört man den Song Wenn Du ehrlich bist das erste Mal, brechen Euphorie und Unglaube förmlich aus. Denn sollte es wirklich sein, dass ECHT wieder zurück sind?! Nein, wird man bei einem Blick auf den Interpreten denken. Das Trio Das Moped nutzt diese Ähnlichkeit allerdings bewusst und fügt in Interviews gerne hinzu, dass die Band die Inspiration für direkte Texte von der Band ECHT hat. Mit einem entwaffnend ehrlichen Text kommen die Jungs aus dem beschaulichen Bad Kreuznach, westlich von Mainz, um die Ecke und präsentieren nicht nur den Song Wenn Du ehrlich bist, sondern gleich auch noch die EP Alle wollen Liebe. Darauf enthalten sind fünf Tracks, von denen nur einer nach Kim Frank und seine Band klingt. Dieser Mix aus melancholischer Erinnerung, verträumter Jugendlichkeit und euphorischer Direktheit wirken gerade auf Wenn Du ehrlich bist wie ein Motor der Frische. Das Moped haben damit den Soundtrack geschrieben, den wir mit unseren Freunden am Ende einer durchzechten Nacht und durch die Straßen wankend, voller Freude, singen möchten.

Christian Löffler - Like Water

Christian Löffler – Das elektronische Blätterrauschen

Christian Löffler ist seit seinem Debütalbum A Forest (2012) eine feste Nummer im deutschen Housebereich. Seine Kunst, elektronische Housebeats unter anderem mit fragilen Gesangparts zu versehen, zeichnet die präzise Arbeitsweise des in Rostock lebenden Produzenten aus und stellt eine Landkarte der Erinnerungen dar. Mit seinem nun veröffentlichten, dritten Album Graal (Prologue) und den tiefen Beats, lässt uns Löffler an einem Ort zurück, der von Wind, Wärme, Erinnerung und Kraft geprägt ist. Dabei ist vor allem die Single Like Water mit der Sängerin Mohna äußerst stark geworden und singt die Sängerin hier verspielt und verträumt die Textzeilen Let’s say the tide is right to change your mind and to go out there. Save that good advice. Then take your time and fade in there. Be a body, be like water, Be a wave, be like water, be aware. Mit einem gut gebuchten Veranstaltungsplan und den kommenden USA-Gigs, kann man hoffen, dass Deutschland nicht mehr all zu lange auf sich warten lässt. Bis dahin schmelzen wir zu Like Water hin und genießen den Song.