Like Elephants – Das sanfte Aufwachen an einem kalten Morgen

2016 veröffentlichten die Österreicher von Like Elephants ihr fulminantes Debütalbum Oneironaut mit ihrem zweiten Album Kaleidoscope (2018) setzten sie dem 80er-Synthiepop noch eine satte Ladung ihrer eigenen Individualität drauf. Nun hat das Quartett um Frontsänger Viktor Koch mit Askja eine erste neue Single veröffentlicht und gleichzeitig neue Musik für 2020 angekündigt. Bleiben die Jungs ihrem Rhythmus treu, würde diese Musik wieder in einem zweijährigen Abstand zu ihrem vormals veröffentlichten Album erscheinen. Auf Askja klingen Like Elephants nach dem Moment, an einem kalten Wintertag in einem warmen Bett neben dem Partner aufzuwachen, der einem auch die Seele wärmt. Dabei ist Askja als Sinnbild des, so nahe Liegenden und doch Unerreichbaren zu verstehen. Denn Askja ist ein Vulkan auf Island, um den sich die Inselstraße komplett drumherum bewegt, doch nur zwei Straßen zum Vulkan selbst hinführen. Sind diese unpassierbar, ist es unmöglich, dort hinzukommen. Diese Sehnsucht nach der rauen Wärme der Einsamkeit haben Like Elephant auf Askja wunderbar umgesetzt und lassen uns als Hörer förmlich Teil ihrer Reise gewesen sein.

Stereophonics - But This Town

Stereophonics – Die stillen britischen Helden

Die Stereophonics sind ein Phänomen für sich. Seit 27 Jahren als Band zusammen auf er Bühne, haben sie allein in ihrem Heimatland Großbritannien über 8,5 Millionen Alben verkauft. Hinzu kommen 3 Millionen Singles und doch spielen sich die Stereophonics nicht im Klatsch und Tratsch der britischen Yellow-Press ab. Ebenso wenig sind die Waliser jemals zu einer internationalen Band mit großem erfolg gewachsen. Waren sie bisher in Großbritannien mit sechs von ihren zehn Alben auf Platz 1 der Charts, bleibt ihnen international zumeist der Einstieg in die Top-30 verwehrt. Doch ungeachtet dessen, sind die Stereophonics seit 27 Jahren ein verlässlicher Lieferant von gut gemachten Alternative-Rock. Mit Have A Nice Day (2001), Maybe Tomorow (2003) oder Dakota (2005) gibt es sogar ein paar einflussreiche Songs, die es bis heute schaffen, das Gefühl von Weite, Einsamkeit und Freiheit zu transportieren. Nun steht für den 25. Oktober ihr elftes Studioalbum Kind zur Veröffentlichung in den Startlöchern und zeigt auch auf der zweiten Singleauskopplung Bust This Town genau dieses typische Muster der Band. Mit einem handgemachten, roh eingespielten Gitarrensound und der markant, kratzigen Stimme des Frontsängers Kelly Jones bleiben sich die Stereophonics treu und klingen dennoch nie langweilig. Mit einem Gefühl von aufkeimenden Fernweh ist die Band wohl eine der beständigsten Begleiter der letzten drei Dekaden, ohne, dass wir es uns alle Bewusst werden. Bust This Town handelt vom Ausbrechen aus einengende Orten – ausbrechen in eine neue Welt und genau dafür bieten die Stereophonics mit ihrem Sound eine der besten musikalischen Grundlagen.

Eau Rouge - Closer EP

Eau Rouge – Musikalisches Chamäleon

Es ist schon verrückt – da hört man einen Song, legt ihn zur Seite, da man irgendwie nicht an ihn rankommt und versucht es ein, zwei Wochen später erneut. Und plötzlich entdeckt man die Band dahinter, klickt sich durch die Songs und kann vor Neugier gar nicht mehr aufhören ihre Songs zu spielen. Eau Rouge ist so eine Band und ihre aktuelle Single Under My Skin klingt, als würden The Black Keys auf Balthazar treffen. Doch hört man sich die gesamte Closer EP an, wird man durch einen satten Soundmix aus Elektro, Rock, Pop und Alternative dirigiert und stellt sich bei jedem neuen Song die Frage, ob es sich noch um die selbe Band handelt. Gleich zu Beginn hat aus Stuttgart kommende Trio auf Closer mit einem wunderbaren E-Gitarrensolo eine Weite erschaffen, die sich durch Computerstimme und dem schmachtenden Gesang von Jonas Teryuco so reizend treibend anfühlt. Melt wiederum ist ein mitreißender Song, der nach einem tropischen Gewitter über einem Inselvulkan klingt. Mit Low lassen Eau Rouge einen ersten, ruhigen Song – mit verwobenen Elektropart – erklingen, ehe sie mit Fear einen so ergreifend, schönen Akustiksong präsentieren, der nach amerikanische Südstaaten klingt, bei dem Erinnerungen an RY X wach und Bilder transportiert werden, die von Schmerz, Aufrichtigkeit und Heilung geprägt sind. Hier kommt eine Epik zum tragen, die sich in unzähligen Filmen der Einsamkeit wiederfinden könnte. Stärke und Aggressivität wechseln im Verlauf der dreieinhalb Minuten so organisch, dass man ein ganzes Leben vor seinem inneren Auge vorbeiziehen sieht. Fear ist der stärkste Song der, am vergangenen Freitag veröffentlichen, Closer EP – die uns zum Abschied schließlich mit einer unglaublich charmanten Version des 1998er Jennifer Paige Songs Crush nochmal so richtig abholt und zum mitsingen bewegt.

Martin Baltser – Mit Falsett direkt ins Herz

Es ist eine Geschichte über einen Kleinstadt-Jungen, der zu viel Angst davor hat, die Hand eines anderen Jungen zu halten – auch wenn er weiß, dass keiner in der Kleinstadt damit ein Problem hätte. Eine Geschichte eines Schuljungen, der Angst hat, nicht in das System zu passen und Angst vor der Einsamkeit hat, dass dieses Gefühl ihn selbst einsam fühlen lässt. Das ist die Geschichte, des aus Aarhus kommenden Martin Baltser, die er uns auf seinem wunderschönen Debütalbum The Wasteland Incident erzählt. Dabei ist die aktuelle Single Call My Wild ein emotionales Aufstehen, gegen die Erwartungshaltung an einen jungen Erwachsenen in der Schule. Hier hat der Däne selbst erfahren, dass Individualität und individuelle Stärken zurückgedrängt werden, um in ein Schema zu passen. Dabei kling Call Me Wild kaum greifbar aber unglaublich berührend. Mit frickeligen Soundfetzen, folkigen Gitarren und einer behutsam inszenierten Zerrissenheit, führt Baltser im Falsett durch den Song und lässt starke Assoziationen an Sigur Rós aufkommen. Call Me Wild klingt wie eine Katharsis von schlechten Erfahrungen. Baltser wirft alte Erfahrungen ab und will sich auf Call Me Wild neuen Erfahrungen öffnen. Und wir liegen ihm zu Füßen und lauschen, in geborgener Atmosphäre, den Geschichten seines Debütalbums.

Blanche – Düsterer Elektropop

Blanche – City Lights

Mit ihren 17 Jahren hat die belgische Sängerin Ellie Blanche Delvaux oder einfach Blanche bereits viel erreicht. Nahm sie in Belgien bereits bei The Voice teil und wurde so dem belgischen Publikum vorgestellt, schaffte sie es schließlich sich für den Eurovision Song Contest zu qualifizieren. Mit ‚City Lights‚ – einem Song der mystisch, dunkel und tief klingt – legte die Sängerin eine Performance ab, die fern des ganzen Bling Bling war und nur durch die außergewöhnliche Stimme Blanches überzeugte. Hört man diese zum ersten Mal, kommt nicht selten die Frage auf, ob es sich hier um eine Frauen- oder Männerstimme handelt. Mit einem dazugehörigen Elektropop-Mix, der sich an Melancholie und Einsamkeit bedient, klingt Blanche so interessant und aufregend, dass man sich ihrer gar nicht verwehren kann. Entfernt an Lenas ‚Taken By A Strangererinnernd, hat Blanche mit ‚City Lightsalles, was ein Newcomer benötigt um den Durchbruch zu feiern.

The Slow Show – Eine Stimme geht unter die Haut

The Slow Show - Ordinary Lives

The Slow Show – Ordinary Lives

Es gibt Stimmen, die gehen sofort unter die Haut. Sie erzeugen ein kribbeln und schließlich Gänsehaut. Von der britischen Band The Slow Show gibt es nicht ein einziges Lied, bei dem sich die Gänsehaut nicht aufbäumt. Vor allem bei Songs wie Bloodline oder Dresden packt uns unweigerlich das Gefühl der Verletzlichkeit, Melancholie und Einsamkeit. Sich durch die Songs von The Slow Show zu hören ist, wie einer tragischen Geschichte zu lauschen die voll von Liebe, Emotionen, Kraft und Mut ist. Diese Band, die so viel erzeugt, fügt ihrer Geschichte ein neues Kapitel hinzu. Mit Ordinary Lives sind die fünf Jungs, die aus Manchester kommen, zurück. Dabei haben sie sich musikalisch etwas geöffnet. Mit Ordinary Lives klingen The Slow Show nun nicht mehr nur nach der Verletzbarkeit die das Debütalbum ausmachte. Auf Ordinary Lives klingen sie nach Aufbruch und dem Mut, etwas Neues zu beginnen. Rob Goodwin, singt sich hier mit seiner Bariton-Stimme durch 4 Minuten voll mit Streichern, Gitarren und Schlagzeug. Opulent bleiben The Slow Show auch auf dem neuesten Song, doch entlockt Ordinary Lives dem Hörer nun ein zaghaftes Lächeln. Dies alles passiert unterbewusst und löst Gefühle aus, bei denen man sich nicht sicher ist, ob sie herzzerreißende Momente oder aufkommende Freude bedeuten. Goodwin hatte mal einen Satz, als Beschreibung des The Slow Show Sounds gesagt, der die Wirkung ihrer Songs nicht besser beschreiben könnte. Stille ist das lauteste Geräusch, das Musik haben kann. Sowohl auf einem Album als auch bei einem Konzert erzeugt Stille Spannung wie auch Unbehagen und ist deshalb so kraftvoll. Und auch wenn auf Ordinary Lives keine Stille existiert, trifft dieser Satz einmal mehr auch hier zu.