Beatsteaks - Glory Box

Beatsteaks – Wagen sich an die ganz Große

In den vergangenen Wochen haben die Beatsteaks mit den beiden Coverversionen Monotonie von Ideal und Glory Box von Portishead, zwei so dermaßen unterschiedliche Songs veröffentlicht, dass sich daraus bisher keine musikalische Linie, bezüglich der Genreherkunft ihrer Auswahl erkennen lässt. Sind es auf Monotonie Reggaeklänge, die sich durch den Song ziehen, bleiben die Beatsteaks bei Glory Box sehr nah am Original der britischen Band Portishead aus Bristol. Nun haben die Beatsteaks – eine Woche vor der Veröffentlichung ihrer Cover-EP In The Presence Of – einen dritten Song released und wagen sich hierbei an keine geringere Größe, als Hildegard Knef. Dabei war und ist die Knef bis heute eine der größten deutschen Gesichter und Stimmen und hat in unzähligen Filmen in Europa und den USA mitgewirkt. Auch musikalisch war die Sängerin seit den 1950er Jahren erfolgreich und hat unter anderem die Lieder Die Moritat von Mackie Messer aus Bertolt Brechts legendärem Theaterstück Die Dreigroschenoper eingesungen. Vielen ist sie heute vor allem durch ihren berührenden Song Für Dich soll’s rote Rosen regnen bekannt.

Beatsteaks Pressefoto Credit Erik Weiss
Beatsteaks Pressefoto Credit Erik Weiss

Für das neue Cover, bei dem die Berliner Songs von großartigen Frauen in der Musik neu interpretieren, haben sich die Beatsteaks den Hildegard Knef-Song Von nun an ging’s bergab gegriffen und eine wunderbare Gitarrensause daraus gemacht. Doch hier singt nicht etwa der Beatsteaks-Sänger Arnim Teutoburg-Weiß, sondern hat sich Gitarrist Peter Baumann die Ehre gegeben und sich mit einer klaren und – passend zum Song – süffisanten Gesangsstimme an den Song gewagt. Immer wieder bricht er dabei im Song mit den Elementen und springt zwischen harten Gitarrenriffs und stillen aber drängenden Gesangsparts hin und her. Auch heute steht – wie in den vergangenen Wochen – nicht fest, welche weiteren Songs auf der EP sein werden. Nur soviel – drei Songs sind veröffentlicht, drei weitere beinhaltet die EP. In sieben Tagen wissen wir mehr und können uns auf eine Cover-EP freuen, die sich durch großartige Songs von starken Frauen arbeitet.

Billie Eilish – [Ich denke] Also Bin Ich

Sie kam praktisch aus dem Nichts und eroberte die Welt im Sturm – Billie Eilish. Wobei das Synonym Sturm fast schon zu sanft für das ist, was die 18-jährige US-Amerikanische Sängerin in den vergangenen zwei Jahren alles erreicht hat. Zwar kam vor genau vier Jahren mit Six Feet Under bereits der erste Song der damals 14-Jährigen raus, doch sollte Eilish erst ein Jahr später mir der Debüt-EP Don’t Smile At Me eine größere Aufmerksamkeit zu Teil werden. In den darauffolgenden drei Jahren sahnte die Kalifornierin alles ab, was man holen konnte – von fünf Grammy Awards, über das bestverkaufte Album des Jahres 2019, bis hin zum singen des James Bond Theme-Songs 2020. Neben all der Zahlen und Fakten beweist Eilish darüber hinaus auch, wie abgeklärt die Generation Z ist und im Speziellen die Sängerin selbst. Denn während die großen Popstimmen ihre Präsenz zumeist nur zur eigenen Vermarktung verwenden, singt sich Eilish durch die gesellschaftlichen Brennpunkte unserer Zeit. Ob über Magersucht, Verletzlichkeit, Depressionen oder fehlende Wertschätzung. All diese Themen sind nicht etwa Themen, die man nur empfinden kann, wenn man erwachsen ist. So ist Eilish zum Sprachrohr einer Generation geworden, die damit aufgewachsen ist, als das Gegenteil von dem abgestempelt zu werden, als das, was sie sind. Gleichzeitig versteht sie eine ganz andere Generation nur zu gut – die Generation Y. Denn es ist genau die Generation, die zwischen den großen Konstanten aufwuchs. Nach dem – noch recht konservativen Boomerjahren und noch vor einem Leben in der digitalen Welt. Eilish ist sich dessen bewusst, dass sie nicht nur ihre Altersgenossen, sondern auch die 20 Jährigen und sogar 30+ erreicht. Neben den hypnotisierenden Sounds ihrer Songs – für die zumeist ihr Bruder Finneas verantwortlich ist, macht auch der Gesangsstil Eilishs einen klaren Unterschied zur aktuellen Musiklandschaft. Die neue Single Therefore I Am beweist das wieder einmal eindrucksvoll. Hier haucht sich Eilish durch Zeilen, die ganz klar sagen, dass sie eine starke, unabhängige Frau ist, die nicht möchte, dass sich andere mit ihrem Namen kleiden. War My Future im Sommer musikalisch geprägt von der Angst über die ganz reale Zukunft einer jungen erwachsenen Frau in den USA, die mit dem Klimawandel, einer Pandemie, einer desolaten Regierung und Herausforderungen der Nachhaltigkeit konfrontiert ist, sind es auf Therefore I Am die starken Statements, die begeistern. Immer pur, immer direkt und immer ehrlich – das sind Eilishs Maxime. Hinzu kommt ein Sound, der sich einfach nicht vergleichen und – einmal gehört – nicht mehr aus dem Ohr bekommen lässt.

SG Lewis feat. Lucky Daye - Feed The Fire

SG Lewis feat. Lucky Daye – Für funkige Disconächte und mit Debütalbum

Es kommt! Samuel George Lewis hat mit seiner neuen Single Feed The Fire nun endlich sein Debütalbum Times angekündigt. Dieses soll am 19. Februar 2021 erscheinen und neben dem hypnotisierend, euphorischen Chemicals auch die Dancefloorbombe Impact enthalten, die der aus Reading kommende Produzent zusammen mit Channel Tres und Robyn aufgenommen hat. Darüber hinaus hält das Album neben der neuen Single Feed The Fire noch sieben weitere Songs bereit, über die allerdings noch nicht einmal die Titel bekannt sind. Zusammen mit dem US-Amerikanischen Singer/Songwriter David Debrandon Brown – alias Lucky Daye – hat SG Lewis wieder einmal die Messlatte für funkige Discosounds höher gesetzt. Dabei ist für Lewis mit Feed The Fire gleich in mehrerlei Hinsicht ein Traum in Erfüllung gegangen, denn während er das Debütalbum Painted des New Orleaner Musikers Lucky Daye seit seiner Veröffentlichung im Frühling 2019 rauf und runter hört, wollte der britische Produzent immer auch wissen, wie sich die soulige Stimme mit Clubbeats unterlegt anhören würde.

SG Lewis - Times
SG Lewis – Times

Während Daye mit Painted satte vier Grammy-Nominierungen für Best R&B Album, Best R&B Song, Best R&B Performance und Best Traditional R&B Performance einsacken konnte, wurde es mit der Zusammenarbeit von Lewis und Lucky Daye schließlich ernst und sie trafen sich im Studio. Gleichzeitig hat SG Lewis mit zwei seiner absoluten Favoriten zusammengearbeitet. Denn Matt Johnson und Simon Hale haben bereits an mehreren Alben Jamiroquais mitgearbeitet und dafür Klavier-Parts und Streicher-Arrangements beigesteuert. Ist Jamiroquai selbst bereits seit jeher ein großes Vorbild für SG Lewis, war diese Zusammenarbeit für den jungen Produzenten mehr als nur ein Wunsch, der in Erfüllung ging. So sieht man den Briten in einem seiner Facebook-Posts dann auch sichtlich gerührt und mit Tränen in den Augen, als er bei den Aufnahmen von Simon Hale mit im Studio sein durfte und erlebte, wie seine Musik zum Leben erweckt wird. Hier wundert es nicht, wenn eine gewisse Nähe zu eben diesem unverwechselbaren Disco-Funk-Sound Jamiroquais aufkommt, doch behalten die Songs gleichzeitig immer auch SG Lewis‘ Handschrift. Feed The Fire hat die Attitüde eines amüsant, hochnäsigen Augenblicks auf der Tanzfläche, bei der man mit seinen Freunden zusammen den Moment zelebriert und gerne auch mal nicht all zu ernst nehmend, den Augenblick genießt.

John Summit feat. Guz - Thin Line

John Summit & Guz – Neuer Clubhit wird zum Hit

Mit Deep End hatte der Chicagoer DJ und Produzent John Summit dieses Jahr den erfolgreichsten Dance-Hit 2020 veröffentlicht. Noch heute spielt der Track in den Party-Playlisten eine große Rolle und ist bei Beatport der Song, der sich am längsten auf Nummer 1 in diesem Jahr halten konnte. Während der DJ den Sommer in den USA nutzen konnte und einige wenige Auftritte streamte, arbeitete der Produzent sich durch die vergangenen 40 Jahre der Chicagoer House-Musik. Großgeworden in einer Stadt wie Chicago bedeutet auch, einen regen Austausch mit der hiesigen Elektroszene zu haben. Schließlich kommen aus Chicago House-Acts, wie Felix Da Housecat, Paul Johnson und Green Velvet. Gleichzeitig gibt es Künstler aus anderen Gegenden der USA und Europa, wie Tensnake, Todd Terry, Julio Bashmore oder Inner City, die den Chicago House Sound ins Heute transportieren und so am Leben halten. Mit John Summit kommt nun ein weiterer Act hinzu, der sich alleine durch das derbe Deep End einen Namen machen konnte.

John Summit
John Summit

Nun ist mit Thin Line ein neuer Song veröffentlicht worden, der Summit in ein noch strahlenderes Licht rückt. Denn Thin Line ist deutlich frischer, als das dunkle Deep End und versprüht den positiven Vibe der großen Chicago-House Klassiker. Zusammen mit dem niederländischen DJ und Produzenten Guz, der – wie Summit – gerade noch am Anfang seiner Karriere steht, hat sich der US-Amerikaner den britischen Klassiker People Hold On von Coldcut und Lisa Stansfield vorgenommen, der vor über 31 Jahren veröffentlicht wurde. Herausgekommen sind etwas mehr als 3 Minuten voller Discofieber. Hier erklingen Stansfields Textzeilen: Give a little light, give a little love. Maybe there’s enough for everyone. Give a little hope and a little drugs. Maybe thеre’s enough for evеryone. We’re all dancing on a, dancing on a thin line, so schillernd und in bester Chicago House Manier, dass wir uns an die Hochzeit der Szene in den 80er Jahren erinnert fühlen. John Summit hat mit Thin Line einen weiteren Überhit produziert, der die kommenden Monate wohl nicht mehr von der Spitze der Beatport-Charts wegzudenken sein wird.

BRONSON feat. Gallant - Know Me (Cassian Remix)

BRONSON feat. Gallant & Cassian – Remix der Superlative

Bereits im Sommer war es der Song DAWN der für viel Aufmerksamkeit sorgte. Dabei war es eine doppelte Aufmerksamkeit. Zum einen war es der Sound selbst, der mit tiefen, dunklen Beats eine neue Soundkulisse erschuf, die sich klar an Housemusik-Clubs orientierte. Zum anderen waren es die Interpreten selbst, die für viel Gesprächsstoff sorgten. Hier war der umtriebige Produzent und Musiker Totally Enormous Extinct Dinosaurs enthalten und wurde durch das Trio von BRONSON perfekt in den sphärischen Sound integriert. BRONSON selbst besteht aus den beiden US-Produzenten von ODESZA – Harrison Mills und Clayton Knight – und dem Australier Thomas George Stell – alias Golden Features. Kam ihr schlicht BRONSON betiteltes Debütalbum Anfang August auf den Markt, arbeiteten sie nun an einer Remix-Version ausgewählter Songs ihres Albums. Darauf enthalten ist auch der Song Know Me, bei dem BRONSON mit dem US-Amerikanischen Sänger Gallant zusammengearbeitet haben. Ist Gallant eher im modernen R&B zu finden, wie auf Bourbon zu hören, hat er dennoch auch mit Künstlern aus dem elektronischen Bereich, wie bei Holding On mit SG Lewis und ZHU zusammengearbeitet. Hier ist es vor allem seine warme und klare Stimme, die auf einem elektronischen Soundbett stark zur Geltung kommt.

BRONSON - BRONSON Remixes N°.1
BRONSON – BRONSON Remixes N°.1

Auf Know Me verschwimmen die Beats dabei so organisch mit den Vocals von Gallant, dass wir uns in eine Art Trance versetzt fühlen. Nun haben BRONSON für das, am 16. Oktober veröffentlichte Remixalbum BRONSON Remixes N°.1 den australischen Produzenten Cassian mit ins Boot geholt, der dem Song Know Me nochmals einen deutlich tieferen und voluminöseren Sound verpasst hat. Dabei hört man Cassians Sound fast schon als Signature-Sound deutlich heraus – kennt man diesen doch bereits vom RÜFÜS DU SOL-Debütalbum Atlas, an dem er mitproduziert hat. Mittlerweile lebt Cassian Stewart-Kasimba in Los Angeles und ist eines der ersten Signings auf RÜFÜS DU SOLs eigenem Plattenlabel Rose Avenue. Auf Know Me vereinen sich die Produzenten von ODESZA mit Golden Feature, holen sich als Gastsänger Gallant dazu und lassen das ganze nochmals von Cassian remixen. Eine höhere Dichte an renommierten DJs, Produzenten und Musiker bekommt man nur sehr selten zu sehen und so beflügelt es auch den Song, der mit seinen dunklen und tiefen Housebeats vollends überzeugt.

Møme & Ricky Ducati - They Said

Møme feat. Ricky Ducati – Klebrig süße 80s-Ballade

Vor etwas mehr als drei Monaten veröffentlichte der französische DJ und Produzent Møme mit dem US-amerikanischen Sänger Ricky Ducati den 80s-Discohit Got It Made, der so sehr an die Disco-Hochzeit erinnert, wie man es zuletzt durch The Weeknds Blinding Lights hören konnte. Fast ein wenig an die großen Hits der Scissor Sisters erinnernd, stampften die Beats zu einer Falsettstimme Ducatis. Bereits im Sommer kündigten die beiden ein gemeinsames Album an, das vielversprechend werden sollte. Nun haben Møme und Ducati mit They Said einen weiteren Song veröffentlicht, der auf dem kommenden Album Flashback FM enthalten sein wird. Musikalisch gehen die beiden auf They Said noch einen Schritt weiter in die 80er Jahre und arbeiten sich durch eine schnelle, klebrig-süße Synthieballade, die durch Ducatis Gesang so herzzerreissend niedlich klingt, dass man sich auf eine Abschlussparty einer US-amerikanischen Highschool versetzt fühlt. Mit vielen Slow-Motion-Szenen und einem Aussenseiter, der sich in das schönste Mädchen aller Abschlussklassen verliebt hat, kennen wir diese Szenen nur zu gut aus unzähligen Serien und Filmen.

Møme & Ricky Ducati
Møme & Ricky Ducati

Wichtig bei allen Szenen – ist die passende Musik, die im Bestfall nicht zu theatralisch und kitschig klingt. In Perfektion präsentiert wurde dies in der finalen Episode der Netflix-Serie 13 Reasons Why, die mit dem Song The Night We Met von Lord Huron die finale Episode der zweiten Staffel beendet wurde. Es ist davon auszugehen, dass Møme und Ducati nicht beabsichtigt haben, mit ihrer neuen Single einen solchen Moment zu kreieren, doch passt auch hier der seichte Beat mit dem nostalgisch, emotionalen Sound so perfekt zu einem melancholisch, befreienden Moment eines solchen Kalibers. Gleichzeitig atmet They Said eine luftig, sommerliche Brise ein, die an unbeschwerte Momente erinnert. Mit der passenden Melancholie in Ducatis Stimme bleibt They Said dennoch treibend und tanzbar und lässt sich wunderbar als Soundtrack eines Roadtrips nutzen. Bisher ist das Album Flashback FM nur relativ vage für das Frühjahr 2021 angekündigt, doch gilt es schon jetzt als eines der spannendsten Veröffentlichungen des Jahres zu werden.

Kevin Morby - Sundowner

Kevin Morby – Auf den Spuren von Into The Wild

Es klingt alles so laid-back, was wir auf Kevin Morbys neuer Platte Sundowner zu hören bekommen. Da kommt das Gefühl auf, mit Emile Hirsch zusammen vor dem Bus aus dem Film Into The Wild zu sitzen und das ruhige Panorama der vor einem liegenden Steppe zu beobachten. Bei einem knisternden Lagerfeuer – das auch tagsüber vor sich hin brennt, um über die kühlen Tage zu kommen – gibt uns der US-Amerikanische Musiker, der in Texas geboren wurde und zwischenzeitlich in New York City lebte, ehe er sich in Los Angeles niederließ und schließlich vor drei Jahren zurück nach Kansas City zog, einen Ausschnitt aus seinem Leben. Dabei spielt der Tod auch immer eine Rolle, hat Morby doch in der Vergangenheit gleich mehrere Weggefährten und Freunde verloren. Sundowner erzeugt hierbei eine wunderbar warme und akustische Stimmung, die sich am Rock und Folk des Mittleren Westens orientiert. An den Songs für das Album arbeitet Morby bereits seit knapp drei Jahren und somit länger, als für die meisten Songs seines fünften Studioalbums Oh My God, das letztes Jahr erschien.

Kevin Morby
Kevin Morby

Nun ist am vergangenen Freitag die komplette Platte erschienen und begeistert mit einem organisch, knisternden Sound. Es ist der typische Aussteiger-Sound, dem Morby hier eine besondere Atmosphäre verleiht. Dabei sind die Songs des Singer/Songwriters nahe am Vibe von Künstlern, wie Angus & Julia Stone, lassen sich viel Zeit und geben den einzelnen Songs viel Raum, um sich zu entfalten. Oftmals erinnert Morbys Stimme an alte Bekannte, auf dessen Namen wir einfach nicht kommen wollen, bleibt sich aber immer auch treu und verfolgt die Erzähllinie seiner Geschichten, die sich um die Orte drehen, an denen er gelebt hat. Mit einer Ode an den Mittleren Westen und seine Heimatstadt Kansas City, in der er aufwuchs, hört man der gesamten Platte eine verschrobene Melancholie an, die sich zwischen den Gefühlen von Sehnsucht und Heimkehr bewegen. Sundowner ist ein Album, das für den Herbst und die Momente, wenn man sich unter einer warme Decke verkriecht, gemacht ist und mit ganz viel Wärme zu überzeugen weiß.

Blu DeTiger - Cotton Candy Lemonade

Blu DeTiger – Irgendwo ist immer Sommer

Wer kommt denn da – mitten im Herbst – plötzlich mit einem der feinsten Sommerhits um die Ecke?! Man möchte der New Yorkerin Blu DeTiger fast unterstellen, die großartigsten Songs in der falschen Jahreszeit zu veröffentlichen – oder ist es gar Kalkül?! Denn so fallen ihre Songs zumindest mehr auf. Bereits im Januar 2019 veröffentlichte die 21-jährige Sängerin mit dem Überhit In My Head eine wahre Bassbombe. So energiegeladen und flippig kam schon lange kein Song mehr daher. Dabei blieb das Multitalent bisher zumeist nur dem Umkreis der Millionenmetropole vergönnt. Dass die Multiinstrumentalistin, Sängerin, Songwriterin, Produzentin, DJane und Bass Virtuosin nun aber auch international durch die Decke geht, ist zum einen der Plattform TikTok zu verdanken und zum anderen der Art, wie DeTiger ihren Bass spielt. Denn auch auf ihrer vor einem Jahr veröffentlichten Single Tangerine ist dem Bass alles untergeordnet. Mit unkonventionellen Wandlungen im Beat lässt uns DeTiger nicht zur Ruhe kommen und schafft Energie, wo vorher ein leerer Raum war.

Blu DeTiger
Blu DeTiger

Nun hat die US-Amerikanische Sängerin mit Cotton Candy Lemonade einen neuen Song veröffentlicht, an dem sie während der Lockdown-Phase gearbeitet hatte. Überraschend hierbei ist, dass sich der Sound signifikant verändert hat. Hier steht nicht mehr ausschließlich der Bass im Vordergrund und ordnet sich alles dem Beat unter, sondern wird der Song vielmehr durch ein elegantes Bassspiel dominiert. Langsam, verträumt und immer ein wenig desinteressiert singt sich DeTiger durch ihren neuen Song und erinnert dabei an eine Mischung aus Tash Sultana, Lana Del Rey und HONNE. Mit dieser langsamen und relaxten Art der Arrangements und Harmonien holt uns DeTiger für einen Moment lang den Sommer zurück in den tristen Herbst und vermittelt das Gefühl eine warmen Sommerbrisen auf unserer Haut zu spüren. Für knapp zweieinhalb Minuten holt uns die Sängerin damit aus unserem Alltag und gibt uns noch die Info mit auf den Weg, dass Anfang 2021 mit ihrer Debüt-EP zu rechnen sei. Doch bis dahin werden wir mit Sicherheit noch ein paar Mal die warme Sommerbrise über unsere Haut wehen lassen.

SYML - I Wanted To Leave

SYML – Ganz eigene Gymnopédies

Wir haben schon viele Songs vom US-Amerikanischen Musiker SYML gehört. Mal waren es ganz leise Balladen, die durch Folk, Singer/Songwriter und Pop geprägt waren – wie seine letzte Veröffentlichung The Dark, mal waren es schnelle und laute Rockhymnen, die nach Indie und Alternative griffen. Alle gemein hatten aber immer wieder das Überraschungsmoment. So klingt kaum ein Song, wie der andere. Nun hat sich Brian Fennell – der mit seinem Output an Songs immerhin bereits auf satte acht Beiträge auf SOML gekommen ist – an eine weitere genreübergreifende Ausdrucksweise gewagt – dem Instrumentalsong. Mit nur einem Klavier spielt sich SYML auf dem Song I Wanted To Leave so frei, das wir völlig vergessen, dass dieser Song gerade erst veröffentlicht wurde. Dabei hat SYML bereits einige seiner Songs als Pianoversion veröffentlicht, doch waren diese immer nur Abwandlungen seiner früheren Songs mit Gesang. I Wanted To Leave hat SYML erstmals als reinen Pianotrack geschrieben und komponiert. Mit sanften Klavieranschlägen und markanten Highlights setzt sich I Wanted To Leave fragil zusammen und erinnert an die großartigen Kompositionen von Eric Saties Gymnopédies No. 1, Yann Tiersens Comptine d’Un Autre Été aus dem Film Die fabelhaften Welt der Amélie oder Brian Reitzells Beginners (Theme Suite) aus dem gleichnamigen Film Beginners. Alle gemein haben, dass sie es geschafft haben – ob der klassischen Instrumentierung – im Mainstream beachtet und über Jahre hinweg als zeitlos aktuell empfunden zu werden.

Brian Fennell
Brian Fennell

SYML greift dabei die Sprache der Emotionen auf und erzählt uns über die Dramaturgie des Songs eine Geschichte, die vom kalten Gefühl ferner Orte handelt. Obwohl der Musiker an so vielen großartigen Orten der Welt sein kann, stellt sich im Laufe der Zeit irgendwann das Gefühl von Kälte ein, bei der er immer deutlicher das Verlangen empfindet, nach Hause kommen zu wollen. Als Musiker ist dieses Gefühl ein stetiger Begleiter auf Tour und zeugt von dem unfassbaren Verlangen nach Heimat. Die tiefen Klaviertöne von I Wanted To Leave lassen dieses Gefühl noch stärker werden und zeigen eine Traurigkeit, die gleichzeitig durch das Spiel im Hintergrund eine Dynamik entwickelt, die vom Veränderungsdrang geprägt ist. Mit den hellen Tönen in der Mitte des Songs strahlt schließlich auch der I Wanted To Leave in einem hellen Licht, ehe er wieder in ein tiefes Gefühl der Melancholie versinkt. SYML schafft es, die Sprache seiner Emotionen so gekonnt auf die verschiedenen Musikstile aufzuteilen, dass man sich jedes Mal wieder öffnet und seinen Gefühle freie Lauf lässt. Auffällig dabei ist, dass er über die Jahre in seinen Produktionen immer ruhiger geworden ist und damit den Emotionen deutlich mehr Raum haben. Mit I Wanted To Leave kündigt SYML gleichzeitig weitere Songs dieser Art an und könnte auf eine instrumentale EP hindeuten. Solange wärmen wir uns mit den warmen Klaviertönen seiner aktuellen Veröffentlichung ein wenig.

Beck - Wow

Beck – 4-jähriger Boomerang

Da war er wieder – der Moment, in dem man einen Song zum ersten mal hört und nach Stunden des Shazamens und Googelns rausbekommt, dass es den Song bereits seit 4 Jahren gibt. Mindestens einmal hat das wohl jeder schon Mal erlebt. Auch wenn der Künstler des heutigen Songs seit über 35 Jahren Musik macht, ist er nie als der große Popstar in Erscheinung getreten. Nur, um letztendlich doch einer der größten Popstars zu sein. Mit Beck Hansen – kurz Beck – haben wir einen Künstler der genresprengend und probierfreudig ist, wie kaum ein anderer Künstler. Denn in seiner Musiklaufbahn hat der US-Amerikanische Singe/Songwriter und Produzent bereits Tracks produziert, die in die Sparten Folk, Singer/Songwriter, Alternative, Elektro, Hip-Hop, Country, Soul oder Funk fallen. Damit ist er einer der kreativsten und gleichzeitig selten greifbaren Musiker unserer Zeit. Hat Beck zuletzt Ende 2019 mit Hyperspace sein 14. Studioalbum veröffentlicht, welches er zusammen mit Pharrell Williams und Paul Epworth produzierte, sorgt gerade ein Song aus seinem 13. Album Colors für ordentlich Furore. Denn mit der zweiten Singleauskopplung Wow – die bereits ein Jahr früher als das Album Colors veröffentlicht wurde – wird gerade ordentlich die Werbetrommel für eine elektrische Zahnbürste gerührt. Dabei ist der futuristisch anmutende Song in einem guten Umfeld.

Beck - Wow (Musikvideo)
Beck – Wow (Musikvideo)

Mit der dazugehörigen TV- und Internetwerbung hat sich die Marke BRAUN einen ikonischen Werbeclip gegönnt, der fernab von einer normalen Promotion eines Hygieneartikels ist. Hier wird ein ganz neues Gefühl transportiert, dass an Werbeclips von Apple erinnert. Beck als musikalische Untermalung vervollständigt den Clip und gibt dem Song damit nochmal einen neuen Push. Mit einem ikonischen Flötenintro, pulsierenden Basslines und dem euphorischen Gesang Becks ist Wow ein wahnsinniger Ohrwurm, der nicht nur schon 2016 wirkte, sondern auch 2020 noch genauso stark klingt und einen zeitlos, frischen Sound besitzt. Die Vorzüge eines Beck-Songs liegen damit auf der Hand – seine zeitlose Arbeit mit genreübergreifenden Elementen schafft es, auch Jahre später noch top-aktuell zu klingen. Und während wir uns dessen bewusst werden, kommt Beck mit seinen euphorischen Lyrics um die Ecke und wir alle stimmen ein, zu Bored of these limits, let me get, let me get it like. Wooooow! It’s like right now. It’s like woooow!