Thees Uhlmann - Avicii

Thees Uhlmann – Stampfendes Tribut

In knapp zwei Wochen ist es soweit und das dritte Album Junkies und Scientologen des Hamburgers Thees Uhlmann kommt in die Läden. Bereits mit seiner ersten Singleauskopplung Fünf Jahre Nicht Gesungen vor gut vier Wochen zeigte uns Uhlmann, warum er so wichtig für die Deutsche Musiklandschaft ist. Mit seinen Songtexten, die immer direkt beim Hörer landen und seinen cleveren Wortkonstellationen ist Uhlmann bereits seit Tomte-Zeiten ein hoch angesehener Musiker. Auf seiner nun veröffentlichten, neuen Single Avicii besingt der Label-Mitbegründer des Grand Hotel van Cleef Plattenlabels, die Liebe zu dem schwedischen Musikproduzenten Avicii, der im April letzten Jahres so plötzlich verstarb. Dabei lässt uns Uhlmann textlich etwas im Dunkeln. Stehen sich doch Zeilen wie Du wartest auf die Liebe und ich auf das nächste Bier. Der Platz am Tresen neben mir bleibt heute leider leer. Eine gute letzte Reise, zum Abschied leise winken. Elektronische Musik kann man sich so selten schöntrinken. gegenüber, als könnten sie gar nicht zusammengehören. Mit der Musik jedoch, hat sich Uhlmann wieder an dem tanzbaren Indierock seiner Stammband Tomte orientiert. Thees Uhlmann ist ein wichtiger Bestandteil der deutschen Musikwelt und zeigt, was Songwriting und der richtige Sound mit Themen machen kann, die unbequem sind.

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Helgi Jonsson feat. Emilíana Torini - Crossroads

Helgi Jonsson feat. Emilíana Torrini – Isländische Leichtigkeit

Mit Emilíana Torrini besitzt Island, neben seiner Vielzahl an herausragenden Künstlern der schweren Musik, eine Sängerin, die durch ihre Musik das Leben so leicht wirken lässt, dass man sich nicht dagegen wehren kann, bei jedem Song der Sängerin ein Lächeln ins Gesicht zu bekommen. Während hierzulande Torrini vor allem durch ihren Nummer 1 Hit Jungle Drum bekannt ist, wird einem der Name Helgi Jonsson wohl gänzlich unbekannt sein. Müsste er aber nicht, denn Jonsson steht für Musik hinter Bands und Künstlern wie Boy, Philipp Poisel, Sigur Rós, Damien Rice oder Tina Dico – mit der er seit Jahren verheiratet ist. Mal als Pianist auf Sigur Rós und Boy Songs, mal als Songwriter für Tina Dico, ist Jonsson in den letzten Jahren unbekannter Weise recht erfolgreich gewesen. Dabei steht sein Klavier im Vordergrund seiner Musik und wird durch elektronische Elemente bereichert. Auf der nun veröffentlichten Version von Crossroads – das im Original als Solosong auf seinem aktuellen Album Intelligentle zu finden ist – hat sich der isländische Sänger die wunderbare Emilíana Torrini dazu geholt und so daraus ein Duett gemacht, welches so sympathisch und locker klingt, dass man sich vorkommt, als würde man neben den beiden auf der Veranda sitzen, ehe alle in einen Pick-Up steigen und raus auf die kargen Felder des Südens fahren. Dabei weht die Luft bei offenen Fenstern in den Fahrerraum und lässt die Wärme des Spätsommers herein. Crossroads ist hierbei eine gar nicht so leichte Kost, schaut man sich den Songtext einmal genauer an. Denn hier beschäftigte sich Jonsson mit den geschichtsträchtigen Wahlen von Donald Trump und dem Brexit. Wie man herausfordernde Themen mit einer Leichtigkeit von Sound verpacken kann, zeigen Helgi Jonsson und Emilíana Torrini mit Crossroads wunderbar.

Elderbrook & Rudimental – Tanz dich frei

Beide Acts blicken bereits auf eine ausgiebige Diskografie zurück. Sind Rudimental für ihre Kollaborationen mit Blick auf Diversität, Akzeptanz, Inklusion und Freiheit bekannt und haben in der früheren Vergangenheit mit Acts wie Jess Glynne, Macklemore, Tom Walker und James Arthur zusammengearbeitet, steht das Londoner Kollektiv für tanzbare, elektronische Musik, die auch genreübergreifend funktioniert. Elderbrook – der ebenfalls aus London kommende Singer/Songwriter und Produzent – hat in den vergangenen Jahren vor allem durch seine Zusammenarbeit mit CamelPhat auf Cola von sich hören lassen. Nun haben sich beide Acts für Something About You zusammengetan und einen Song veröffentlicht, der sich sanft aber gleichzeitig euphorisierend anhört. Genau diese Mischung transportiert die Intention hinter dem Song – zeigt das Video doch eine Selbsthilfegruppe von Männern, die sich öffnet und dem vergifteten Maskulinismus – der sich jeder Verletzbarkeit bei Männern verwehrt – zu entziehen versucht. Dabei braust Something About You zwischenzeitlich mit Trompeten auf und bedeutet damit das emotionale Freitanzen der Protagonisten. Einmal mehr haben Elderbrook, sowie Rudimental einen Song veröffentlicht, der radiotauglichen Elektro, clubtaugliche Beats und gesellschaftskritische Themen so wunderbar miteinander verbindet, dass man fast spielerisch an schwere Themen herangeführt wird.

Lea Porcelain - Clock Of Time

Lea Porcelain – Die Kunst der Verwandlung

Lea Porcelain haben schon eine beachtliche Wandlung hinter sich. Von einem Sound, der an die dunklen musikalischen Zeiten während der 90er Jahre in Großbritannien angelehnt ist, über den akustisch, folkigen Einschlag, den die beiden Jungs zuletzt auf I Am OK gingen, bis zu den neuesten Songs, die wieder zurück zu den Wurzeln der Band gehen, hat das Duo eine lebendige Diskografie vorzuweisen. Dabei setzen sie sich mit schwierigen Themen auseinander und verpacken diese in große Soundgerüste. Mit der neuesten Single Clock Of Time schließen sie gerade den Kreis und kehren zu ihrem Ursprung zurück. Dabei sind es abermals großartige Bilder des Musikvideos, die den Song so eindringlich werden lassen. Am vergangenen Freitag ist mit der EP Love Is Not An Empire schließlich auch wieder eine neue Platte herausgekommen und zeigt, wie umtriebig das, in Berlin lebende, Duo ist.

Sparkling - We Don't Want It

Sparkling – Vom Kribbeln im Körper

We Don’t Want It – Der Satz hallt nach. We Don’t Want It – der Satz regt an. Die europäische Band Sparkling setzt damit ihre Messlatte dort an, wo normalerweise erst, über einige Jahre, gereifte Bands hinkommen. Aber der Reihe nach. Kommen Frontsänger Levin Krase, Bassist Luca Schüten und Schlagzeuger Leon Krasel ursprünglich aus Köln, haben sie verstanden, die Vorzüge der Europäischen Union zu nutzen und sind 2014 nach London gezogen. Gleichzeitig entwickelte ihre Musik in Frankreich und rund um Paris ein Eigenleben und sorgte dafür, dass die Band ihrem bisherigen Songtext-Mix aus Deutsch und Englisch nun auch Französisch hinzufügte. Damit vollkommen im Herzen Europas angekommen, besingen sie zusätzlich Themen, die sich um den Fortschritt drehen und einen Blick zurück, kaum zulassen. So klingt dann auch ihre aktuelle Single We Don’t Want It. Beginnend mit den deutschen Worten Du willst, dass alles gleich bleibt. Für immer, alles gleich bleibt. Wir gehen, zurück in der Zeit wechseln sie schliesslich ins Englische und zum absoluten Ohrwurmrefrain, der nicht besser für die Indiedisko geschrieben hätte werden können. Hier kann man schon vor seinem inneren Auge sehen, wie die Menge immer und immer wieder auf der Tanzfläche die Worte We Don’t Want It skandiert – wie man es sonst nur von Songs wie Little Lion Man von Mumford & Sons gewohnt ist, bei dem man immer wieder lauthals But it was not your fault but mine… singt. Sparkling sind frisch, rotzig, kribbeln im Körper und scheinen sich herzlich wenig dafür zu interessieren, was Andere denken. Solange es Fortschritt gibt, sind die Jungs mit in der ersten Reihe dabei.

The Lumineers – neue Single, neues Album, neue Welttournee

Dass The Lumineers einen Hang dazu haben, ihren Songs Frauennamen zu geben, hat man in den letzten Jahren schon erfahren dürfen, wie man bei OpheliaCleopatra und Angela sieht. Nun haben sie mit Gloria einen weiteren Song veröffentlicht, der in dieses Raster fällt und verstecken gleichzeitig hinter diesem Song die Geschichte einer Abhängigen Person zu ihrer Familie. Von was diese Person abhängig ist, wird nicht thematisiert, allerdings zeigen The Lumineers, dass solche Themen auch in einem positiv klingenden Kontext präsentiert werden können. Denn klingt Gloria nicht nur nach einem gewohnt folkigen Lumineers-Song, kommentiert Jeremiah Caleb Fraites die Produktion der Songs auch als einen ordentlichen Schritt nach vorne gemacht und ein Bündel an wirklich guten Songs geschrieben zu haben. Diese Information präsentieren The Lumineers gleichzeitig, mit der Ankündigung des dritten Albums III – für den 13. September 2019 – sowie die Tourdaten mit 30 Terminen in den USA und Europa. Somit ist The Lumineers ein glatter Rundumschlag gelungen und ist ihrer Rückkehr mehr als gelungen.

Sam Fender – Laut und unerbittlich

Er ist einer der spannendsten Newcomer der britischen Inseln überhaupt. Mit seinen Songs Start AgainPlay God und Dead Boys stand er im Jahr 2018 allen Newcomern voran und sorgte für einen Hype in der Kritikerszene, wie es sie sonst nur alle paar Jahre einmal gibt. Dass Fenders Ruf als einer der wichtigsten neuen Künstler aus Großbritannien keine Luftnummer ist, zeigt der 22-jährige Brite eindrucksvoll auf seiner neuesten Auskopplung. Auf Poundshop Kardashians – die für den Sänger ungewohnt poppig ausfällt – setzt er abermals fort, was bereits auf seinen vorherigen Singles ein absolutes Muss war – ein direkter Text mit lautem und zuweilen aggressiven Sound, der mahnend und gleichzeitig so bedrohlich klingt, dass man Fenders Wut über den Celebritykult der Social-Media-Generation in jeder der 156 Sekunden hören kann. Damit nicht genug, ist Poundshop Kardashians auf der EP Dead Boys zu finden und wird sicherlich auch auf Fenders Debütalbum sein, welches für den Sommer 2019 angekündigt wurde und bereits jetzt auf seiner Homepage zur Vorbestellung erwerbbar ist. Fender beschäftigen Themen der Gesellschaft, bei denen er kein Blatt vor den Mund nimmt und damit eine Sicht auf die Welt preisgibt, die bei Gleichaltrigen heute eher selten vorkommt. Das, verbunden mit der intensiven Gitarrenmusik, lässt Sam Fender zu einer der ambitioniertesten neuen Stimmen des Landes werden.

Novaa – Aus der Starre erwacht

Für junge Künstler ist es oft eine Frage von großer Bedeutung, ihre innersten Gedanken nach außen zu krempeln und einem Publikum preiszugeben. Dabei spielen Gedanken, wie wenn das Lied Erfolg haben wird, kennt jeder meine Schwächen oder ist es richtig, diesen intimen Moment zwischen mir und einer weiteren Person nach außen zu tragen oder aber auch schlicht und einfach will das überhaupt jemand hören eine große Rolle im eigenen Finden von Mut. Bei der neuen Single Home von Novaa war der Entstehungsprozess wahrlich auch nicht ganz einfach. Erzählt der autobiografische Text doch von der Sängerin und ihrer Bulimie-Erkrankung – doch noch viel mehr vom Gesunden. Dabei baut Novaa, die bereits mit Moglii zusammengearbeitet hat und als Support für Roosevelt und die Mighty Oaks spielte, eine wahnsinnige Klangkulisse auf, in der sie ihre ernsten Themen angenehm warm präsentiert. Hierbei klingt Home kräftig, neu erstärkt und unglaublich verletzlich. Zusätzlich hat Novaa auf Home Aufnahmeschnipsel einer jungen Frau namens Sara K. eingefügt, die mit ihrer Sicht auf so einfache Grundbausteine unserer Lebensmittel – Pflanzensamen – mit einer Komplexität entgegentritt, nur im sich ihr Handeln zu erklären. Novaa hat mit Home einen wunderschönen Wintersong veröffentlicht, der die Muster von schwach, stark, scheu, provokant, friedlich und aggressiv miteinander vermischt und somit ein opulentes Meisterstück entstehen lässt.

Cassia – Lasst uns wie die Irren tanzen!

…denn die neue Single Small Spaces der – aus Macclesfield, nahe Manchester kommenden – Indie-Hoffnung Cassia lässt nichts anderes zu. Mit einem Mix aus Afro- und Skaklängen, welche die Band selbst als Calypso Afro-Rock bezeichnet, sowie einer an Beatenberg und Vampire Weekend erinnernden Leichtigkeit schaffen es Rob Ellis, Lou Cotterill und Jake Leff, die sich hinter Cassia verbergen, sich in die Herzen aller Indieliebhaber zu spielen. Auf ihrer neuesten Single liefern sich die Jungs ein wahres Feuerwerk an Gesangswechseln und sind daher alle drei auf Small Spaces zu hören. Mit der Unterstützung von BBC Introducing haben sie es binnen kürzester Zeit geschafft, sich auf der britischen Insel eine Fangemeinde von über 30.000 Menschen zu erarbeiten. Sie selbst beschreiben sich gerne mit den Worten Wir sind eine Band die sommerliche Musik in Manchester macht – so einfach kann es manchmal sein. Dabei drehen sich die Themen nicht immer nur um Sonnenschein. So singen sie beispielsweise auf der aktuellen Single über die Tristesse der Routine und den Wunsch aus der eigenen Realität auszubrechen. Das sind dann schon deutlich erwachsenere Themen, als es die leichte Musik vermuten ließe. Mit einem Album im Gepäck, kommen Cassia im Frühling auf Tour und machen auch in Deutschland für ein paar Konzerte Halt. Bis dahin genießen wir das sommerliche Small Spaces und tanzen mit unseren Beinen drauf los.

Girl In Red – Indie-Schlafzimmer-Sound

So direkt und offen, wie die norwegische Sängerin Marie Ulven alias Girl In Red ist, ist wohl selten eine Künstlerin gewesen. Denn trifft man auf die junge Musikerin, wird man regelrecht weggefegt – hat sie doch eine Ausstrahlung, die so stark ist, dass man sich fasziniert irgendwo festhalten möchte, um nicht weggeblasen zu werden. Sie schreibt und produziert fast ausschließlich in ihrem Schlafzimmer und hatte – bei nur 10 Live-Auftritten überhaupt – einen Gig in Frankreich als Support der amerikanischen Sängerin Clairo. Dabei so fasziniert von der Sängerin spricht Ulven in Interviews wie ein Fan von dem Erlebnis, welches sie vollkommen überwältigte – sei sie doch selbst ein riesiger Fan Clairos. Dabei ist die bisher veröffentlichte Musik der 19 Jahre jungen Sängerin so intim, euphorisch und mitreissen und besingt Themen, die Ulven selbst beschäftigen. Sie selbst hat in den letzten Jahren zu sich gefunden und besingt diesen Werdegang in einzelnen Kapiteln auf ihren Liedern. Mit der EP Chapter 1 hatte Ulven bereits zu Beginn des Jahres 2018 ihre erste Veröffentlichung notieren können. Nun arbeitet sie an einer zweiten EP und veröffentlicht mit We Fell In Love In October eine herzzerreißende Indie-Dreampopnummer, auf der sie über die Erlebnisse ihrer ersten Liebe zum selben Geschlecht singt. Einnehmend mit den Textzeilen My girl, my girl, my girl. You will be my girl. ist We Fell In Love In October ein absoluter Ohrwurm, der sich nicht hinter großen Stars verstecken muss. Dass Girl in Red zum Erfolg werden könnte, liegt nicht nur an den fantastischen Songs, sondern auch an der Eigensinnigkeit der Sängerin und, wie sie all dies präsentiert.