Eminem - Darkness

Eminem – Die brutale Realität

Vor genau 20 Jahren veröffentlichte Eminem mit Stan einen Song, der die fanatische Liebe eines Fans beschreibt. Im Verlauf des Songs verändert sich jedoch die einstige Verehrung zu blanker Aggression, denn obwohl Stanley – kurz Stan – seinem Idol unzählige Briefe schreibt, folgt nie eine Antwort. Fanatismus ist kein Phänomen, welches es nur in den USA gibt, doch gleichwohl ist es hier äußerst ausgeprägt. Denn 20 Jahre nach Stan ist Eminem nun mit dem Song Darkness zurück, der das Massaker von Las Vegas 2017 zum Thema macht. Dabei teilt sich der Song in zwei Positionen auf. Die ersten knapp 4 Minuten singt und rappt Eminem aus dem Blickpunkt des Attentäter mit all seiner kruden Sichtweise. Im zweiten Teil des Songs kommen die Beobachtungen der Öffentlichkeit zum tragen und zeigen mit unzähligen Breaking News Schnipseln, wie die Medien darauf reagieren. Gleichzeitig ruft Eminem aktiv auf, dass die Menschen ihre Stimme erheben und für eine Veränderung der Waffengesetze stimmen sollen. Mit der Frage When Will This End? stellt Eminem den Betrachter des Musikvideos die Aufgabe zu reagieren und beantwortet die Frage schließlich mit dem Satz When Enough People Care. Dass Eminem dieses Thema so konfrontativ angeht, und damit riskiert in den USA in Ungnade zu fallen, scheint dem Rapper nicht zu interessieren. Mit Darkness hat sich Eminem gleichzeitig eine der bekanntesten Textzeilen der Musikgeschichte ausgesucht und untermalt den kompletten Song immer wieder mit Hello Darkness, My Old Friend aus dem Simon & Garfunkel Song The Sound Of Silence. Eminem schafft es immer wieder sowohl das Rap- und Hip-Hop-Lager zu erreichten, als auch den großen Mainstream mitzunehmen und hat sich so in den vergangenen 25 Jahren – seit seines Debütalbums Infinite – eine beachtliche Fangemeinde und Diskografie aufgebaut. Diese nutzt er nun, um die US-Bevölkerung aufzurütteln. Gleichzeitig ist heute mit Music to Be Murdered By sein elftes Studioalbum erschienen und wird dem Titel zufolge noch weitere, politisch untersetzte, Songs beinhalten.

Agnes Obel - Broken Sleep

Agnes Obel – Ein Theaterstück von Musik

Schon 1995 besangen Faithless mit Insomnia die Schlaflosigkeit, die sie umtrieb. Damals wie heute ist Schlaflosigkeit ein Thema – vor allem bei Künstlern. Der Drang kreativ zu sein und seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, ist oftmals der Ursprung dieser Insomnie. Auch die dänische Sängerin Agnes Obel hatte damit zu kämpfen. Während sich Obel genau in Mitten ihrer Schlaflosigkeit aufgemacht hat, diese zu erforschen, wurde ihr bewusst, wie sehr sich Tod und Schlaf in unserer Gesellschaft ähneln. Dabei hat sich Obel von diesem Thema so sehr inspirieren lassen, dass sie ihm einen eigenen Song auf ihrem kommenden Album Myopia gewidmet hat. Broken Sleep ist hierbei so wunderbar unaufgeregt und mystisch, dass man sich in eine Fabelwelt voller beeindruckender gestallten wiederfindet. Mit einer Dramatik im Gesang lässt uns Obel teilhaben an einer Fabelwelt, die gespickt ist, von schlaflosen Wandlern, mystischen Tieren und beeindruckenden Farben. Wer Obels Songs hört, wird dies schnell erleben. Zeugt ihre Musik doch von warmen, gesättigten Farben, die an Ausdruck nichts verlieren und stets das innerste Verlangen nach Geborgenheit ansprechen. Myopia wird am 21. Februar erscheinen und Obel anschliessend auf Tour gehen.

Alanis Morissette – Kompromisslos direkt

Im kommenden Jahr feiert das Album Jagged Little Pill der kanadischen Rockröhre Alanis Morissette sein 25-jähriges Jubiläum. Um dies gebührend zu feiern, hat Morissette für den Sommer 2020 eine Jubiläumstour angekündigt, für die bisher ausschließlich Daten für die USA veröffentlicht wurden. Darüber hinaus wird es Jagged Little Pill auch ans Broadway schaffen und in Form eines Musicals zu sehen sein. Als wäre der Kalender für Morissette somit nicht schon voll genug, hat die 45-jährige Sängerin für den 1. Mai 2020 ihr neuntes Studioalbum Such Pretty Forks In The Road angekündigt und mit Reasons I Drink auch gleich noch eine neue Single veröffentlicht. Morissette hat es damit geschafft dass wir uns plötzlich zurück in den 90er Jahren fühlen. Denn mit ihren direkten Songtexten erreicht sie sowohl damals, wie auch heute ein großes Publikum. Auf Reasons I Drink thematisiert die Kanadierin ihre Probleme mit einer Essstörung,  Alkohol- sowie Medikamentensucht, die vor einiger Zeit ihr Leben bestimmten. Hierbei singt sie aus der Ich-Perspektive (Here are the reasons I eat. Reasons I feel everything so deeply when I’m not medicated.), sowie auch aus der Perspektive anderer (Nothing can give reprieve like they do. Nothing can give a break for this soldier like they do.) und hält so ein Thema hoch, das weit verbreitet in der Gesellschaft ist und doch viel zu selten wirklich besprochen wird. Hinzu kommt, dass Reasons I Drink mit einem messerscharfen Gesang Morissettes glänzt und ihren gewohnt rockigen Sound einmal mehr in Bestform präsentiert. 2020 wird wohl eines der aufregendsten und größten Jahre für die dreifache Mutter und wir alle können einen Teil davon abbekommen.

Foals - Into The Surf

Foals – Das zweite Kapitel kommt

Im März veröffentlichten die Briten von Foals mit Everything Not Saved Will Be Lost – Part 1 den ersten Teil ihres, auf zwei Alben konzipierte Doppelwerk. Mit dabei, auch die unglaublich tanzbare Single In Degrees. Nun steht das zweite Kapitel in den Startlöchern und wird als Everything Not Saved Will Be Lost – Part 2 am 18. Oktober erscheinen. Darauf enthalten sind die bereits veröffentlichten Singles Black Bull und The Runner. Nun ist mit Into The Surf die dritte Single ausgekoppelt worden und präsentiert die Band nach den rockigen Vorgängern deutlich entschleunigter. Mit einer langsamen Klavierbegleitung und einem wabernden Gitarrenspiel wirken die Foals nachdenklich. Daher kommentiert Frontmann Yannis Philippakis den Song in einem Interview wie folgt; Es gibt Fäden, die sich durch all diese Songs ziehen, und auf Into the Surf gibt es diesen Schatten des Todes, von jemandem, der nicht von einer Reise zurückkehrt. Es gibt ein griechisches Volkslied, das mit der Einwanderung der Griechen zu tun hat und wie das Sterben an fremden Ufern immer als das schlimmste Schicksal angesehen wird. Mit diesem gerade in den letzten Jahren wieder top aktuellen Thema passen die Foals wie ein warnendes Signal hinein und berühren damit den Hörer auf ungewohnt andere Art.

Sophie And The Giants - The Light

Sophie And The Giants – Große Stimme, großer Sound

Einer der ersten Sätze, die man auf der Homepage des Britischen Quartetts Sophie And The Giants aus Sheffield lesen kann, ist When you’re younger you think you know how the world works… But you fucking don’t. Dieses direkte Selbstbewusstsein strahlt die gerade einmal dem Teenageralter entwachsene Band mit jedem Ton auf ihren Songs aus. Sie selbst beschreiben sich als praktizierende Band von vorwärts guckenden, linksorientierten, emotionalen Pop. Was man sich darunter vorstellen kann, sehen wir seit Jahren bei der Queen des emotionalen Pops – Florence And The Machine. Ohnehin hat die Band sehr viel gemein mit der Florence Welch und ihrer Band. Der Sound, die großen Gefühle und sogar den ähnlichen Aufbau ihres Bandnamens. Für ihre aktuelle Powerballade The Light hat sich die Frontsängerin Sophie Scott ein Thema von der Seele geschrieben, welches sie selbst durchlebt hat und die Kraft, den Mut und das Durchhaltevermögen an die Welt weitergeben will. Ihr ging es auf The Light darum, zu zeigen, dass es am Ende eines Tunnels immer auch wieder Licht gibt. Dabei klingen Sophie And The Giants unglaublich erhaben, voller Kraft und zeigen sich als Newcomer schon fest verankert in großen Pophymnen die uns rausreissen sollen und zum Träumen anregen.

Wallis Bird - As The River Flows

Wallis Bird – Haut um und berührt

Dieses Bild ging um die Welt. Als der kleine syrische Junge Alan Kurdi 2015 tot an den türkischen Strand gespült wurde und das Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer ein erstes tragisches Gesicht in die Welt sandte. Die irische Sängerin Wallis Bird hat sich dieser Geschichte angenommen und einen Song geschrieben, der von ihrer Wut, Hilflosigkeit und Betroffenheit geprägt ist. Mit As The River Flows ist Bird in eine Richtung gegangen, die sie bereits in der Vergangenheit konsequent leitete. Sie spricht aus, was viele zu verdrängen versuchen. Bird macht aufmerksam und möchte Menschen aufwecken. Dass Bird mit ihrer Stimme wandelbar ist, zeigt auch die Single Change, die 2016 veröffentlicht wurde. Mit ihr weckte sie Emotionen und lud zum Träumen ein. Auf As The River Flows wiederum klingt Bird eingangs keltisch und wird nur spärlich von Instrumenten begleitet – ehe die Dramatik aus ihr herausbricht und mit den Worten What are you scared of, Aren’t you brave enough To pave a basic decency for human kind? ganz klar mahnt. Wallis Bird verpackt auf As The River Flows das Thema, welches auch heute – vier Jahre nach dessen Beginn – immer noch die Schlagzeilen beherrscht und hat damit eine dramatisch klingende Soundkulisse geschaffen, die nachhallt.

Lizzo - Boys

Lizzo – Schräg, anders, süchtig machend

Es gibt gerade zwei Frauen, die das Popbusiness komplett von hinten aufrollen. Die eine – Billie Eilish – ist gerade einmal 17 Jahre alt und schafft es mit ihrem Debütalbum eine wahre Fanmania auszulösen. Die andere ist Lizzo, die gerade mit ihrer emanzipierten Anti-Bodyshaming Musik alles abräumt, was es zu holen gibt – siehe Juice. Dabei hat Melissa Viviane Jefferson – wie Lizzo mit bürgerlichen Namen heißt – vor allem mit ihrem aktuellen Album Cuz I Love You das heisseste Eisen im Feuer. Denn Cuz I Love You ist mit seinem Stilmix aus Hip-Hop, Funk, Pop, Soul und Rock eines der abwechslungsreichsten Alben der vergangenen Jahre und zeigt Lizzo hierbei völlig befreit von Konventionen und Stilen. Auf ihrem Song Boys greift sie dann auch das Thema Männer auf und wirbt für Diversität. So singt die aus Detroit kommende Sängerin auf Boys die Sätze I like big boys, itty bitty boys. Mississippi boys, inner city boys. I like the pretty boys with the bow tie. Get your nails did, let it blow dry. I like a big beard, I like a clean face. I don’t discriminate, come and get a taste. From the playboys to the gay boys. Go and slay, boys, you my fave boys und zeigt damit, wie sehr sie sich in den letzten Jahren – als Sängerin, die selbst Bodyshaming und Diskriminierung erfahren hat – von Verurteilungen und Vorurteilen befreit hat. Boys lässt Lizzo wieder locker und funky klingen und besitzt eine Leichtigkeit, die beachtlich ist.

Sultans Court - Shutdown

Sultans Court – Ihrem Vorbild immer näher

Bereits Ende Mai konntet Ihr hier über die Berliner Band Sultans Court lesen und erfahren, dass sie als einen ihrer Einflüsse die Band Alt-J nennen. Auf ihrer neuen Single Shutdown zeigen sie nun, dass sie dem Sound ihrer Vorbilder so nahe kommen, dass man den Song getrost auch auf einem Album der Briten vermuten würde. Dabei behandeln Sultans Court abermals ein Thema, welches in der Gesellschaft stattfindet, jedoch kaum thematisiert wird – dem des Hikikomori. Hinter diesem – doch recht niedlich klingenden – Wort verbirgt sich allerdings eine komplexe Form der Flucht aus der Realität. So finden sich vor allem in Japan viele Menschen, die sich in ihren eigenen vier Wänden einschließen und mitunter über Jahre nicht mehr das Haus verlassen, um aus der Realität zu flüchten. Dieses beängstigende Thema untermalen Sultans Court mit düsteren und fernöstlich angereicherten Soundelementen, die aus Bass, Gitarren und derben Trompeten bestehen. Dabei knistern die Membranen der Boxen nur so vom tiefen Sound, sorgen für eine dystopische Stimmung und animieren gleichzeitig zum tanzen. Sultans Court verpacken schwere Themen so gekonnt in große Sounds, dass man jedem Moment mit dem Zünden der Rakete rechnen muss.

Close Talker - The Change It Brings

Close Talker – Der Zeit voraus

Die Zeit wurde bereits in vielerlei Hinsicht musikalisch thematisiert. Mal in Persona, mal als ewiger Feind, mal als glücksbringender Freund. Das kanadische Trio Close Talker hat für das kommende Album How Do We Stay Here? allerdings den Ansatz verfolgt, eine Platte zu machen, die thematisch die letzten zwei Jahre behandelt und gleichzeitig zeitlos wirken soll. So möchte die Band, dass die Songs auf How Do We Stay Here? auch in zehn Jahren noch hörbar sind, ohne dass man an ihnen ausmachen kann, in welchem Jahr und zu welcher Bandphase sie entstanden sind. Auf ihrem nun veröffentlichten Song The Change It Brings kämpfen sie hingegen gegen die Zeit, indem sie vieles schaffen, jedoch oftmals auch einfach gar nichts machen wollen und so der zeit die Stirn zu bieten. Denn letztendlich ist es die Zeit – Jahre, Tage, Stunden – die uns vor sich hertreibt. Dabei klingen Close Talker so sanft und gemütlich, dass man sich Hektik bei Will Quiring (Frontsänger), Matthew Kopperud (Gitarrist) und Christopher Morien (Drummer) gar nicht vorstellen kann. Doch ist The Change It Brings ein konkretes Resultat der vergangenen Jahre als Band und deren Höhen und Tiefen. Mit einem angenehm hauchenden Gesang und einem tiefen Sound zeigen Close Talker, wie Indie Rock ohne flippige Beats und freche Texte klingen kann und streicheln dabei ganz nonchalant unser Gemüt. Das am 30. August erscheinende How Do We Stay Here? widmet sich diesem Thema schließlich auch auf elf Songs und unterstreicht, wie, von der Zeit losgelöst, Indie klingen kann.

Sam Smith - How Do You Sleep?

Sam Smith – Authentizität schlägt alles

Sam Smith ist zurück mit einem Song, der zeigt, wie sehr sich der britische Sänger mittlerweile selbst gefunden hat. Fühlte sich Smith noch vor ein, zwei Jahren in seiner Haut nicht wohl, kann heute keine Rede mehr davon sein. Mit seinem offenen Umgang bezüglich seiner Homosexualität, seinem Drang nach körperlicher Darstellung und dem dazugehörigen Sound, der immer öfter auch einen leichten, elektronischen Beat besitzt, hat sich der Brite freigetanzt und lässt seine innere Dancing Queen raus, wie er selbst sagt. Dass der Song How Do You Sleep? allerdings keinesfalls nur eine tanzbare Popnummer ist, zeigt der Text, der sich mit I’m done hating myself for feeling/I’m done crying myself awake/I’ve gotta leave and start the healing/But when you move like that I just want to stay deutlich mit den Themen Bodyshamings und der Selbstakzeptanz auseinandersetzt. Sam Smith hat in den vergangenen Jahren eine Transformation vom scheuen, pummeligen Sänger mit einer fantastischen Stimme zu einem Mann mit Aussage und Haltung gemausert und zeigt diese auch. Dabei sind seine Songs – wie seine neue Single How Do You Sleep? – grandiose Popnummern, die einen mitreißen und ein ganz besonderes Gefühl der Verbundenheit vermitteln. Mit How Do You Sleep? durfte die Ankündigung zum dritten Studioalbum des Sängers nicht mehr lange auf sich warten lassen.