Ro Bergman - Animal

Ro Bergman – Nordischer Sound aus der Mitte Europas

Seine Musik passt viel besser in den Skandinavischen Norden Europas, wo kalte, dunkle Winter oder aber auch lange Sommertage den Sound der dünn besiedelten Gebiete wiedergibt. Hier bekommen wir wechselwirkend die Wärme, Einsamkeit, Ruhe, Reinheit, Melancholie oder Natürlichkeit zu spüren. All diese typisch nordischen Merkmale spüren wir in jeder Sekunde, wenn wir uns durch Ro Bergmans Songs, wie Clouds oder All We Are hören. Mit seiner 2019er Debüt-EP New Horizon verpackte er diesen Sound dann in eine 5-Track-EP, die auch mal etwas rauer und von Gitarren getrieben daherkam. Nun hat Bergman mit Animal einen neuen Song veröffentlicht, der den positiven Aspekt eines Perfektionisten wunderbar präsentiert. Denn während sich Bergman auf Animal locker und leicht hauchend in Fahrt singt, kommen zu der Gitarre, langsam auch ein Klavierspiel und weitere orchestrale Arrangements hinzu. Für wenige Momente gleitet Bergman hier in eine Kopfstimme ab, ehe er mit gedrückt intensiver Stimme die Zeilen I was a lion a rat and a thief. I was a killerwhale diving too deep. I see people laughing – I envy their tears singt.

Ro Bergman
Ro Bergman

Schließlich bricht der Song in ein großes Orchesterfeuerwerk aus, um nur wenig später mit einer einsamen Trompete dem Finale entgegenzutreten. Auf Animal kommt der sehnlichste Wunsch zu Tage, der Natur wieder ihren Abstand von der Menschheit zu geben. Mit imposanten Bildern, die das Kalkkögelmassiv südlich von Innsbruck zeigen, hat der Österreicher mit Tänzern der Wiener Staatsoper eine atemberaubende Performance aus menschlicher, non-verbaler Interaktion unter dem Eindruck der Naturgewalten um sie herum geschaffen und mit der emotionalen Gewalt seines Songs untermauert. Ro Bergman schafft es einmal mehr, sich von modernen Strömungen in der Musikszene fernzuhalten und seine ganz eigene Handschrift zu präsentieren. Diese Handschrift setzt starke Akzente, die mit leichter Feder immer wieder in gewaltigen emotionalen Ausbrüchen enden. Animal ist mit seinem Alternative-Pop, Folk und leichten Rockanleihen die erste Single aus seiner – für dieses Frühjahr angekündigte – zweite EP Hi Lo.

SYML - True

SYML – Wenn die Liebe auseinanderfällt

Insgesamt hat Brian Fennell in den vergangenen 24 Monaten sieben Songs veröffentlicht. Und somit eine enorme Output-Quote von drei Monaten zwischen den einzelnen Songs hervorgebracht. Mit insgesamt neun Songs, die bisher auf SOML präsentiert wurden, waren so stille, wie Where’s My Love (2017), Symmetry (2019), Flags (2019) und The Dark (2020). Aber auch rockige und poppige Songs, wie Clean Eyes (2018), The Bird, Break Free und Take Me Apart (alle 2019) beherrscht der US-Amerikanische Singer/Songwriter unglaublich gut. Ende des vergangenen Jahres hatte er schließlich mit You Knew It Was Me seine erste rein instrumentale EP veröffentlicht. Auf dieser war auch I Wanted To Leave zu finden. Dass der Musiker all diese verschiedenen Erzählweisen so spielend beherrscht, liegt daran, dass sich der in Chicago lebende Autodidakt alles selbst beibringt. So ist der ausgebildete Pianist eng verbunden mit der musikalischen Ausdrucksweise eines Klaviers. Heute kann Fennell sich, neben seiner Tätigkeit als Singer/Songwriter, auch Perkussionist, Gitarrist, Soundingenieur und Produzent nennen und vereint all dieses Wissen auf seinen Songs. Nun hat SYML – pünktlich zum neuen Jahr – am 1. Januar mit True eine neue Single veröffentlicht, auf der wir wieder in den Genuss seiner Stimme kommen.

Brian Fennell
Brian Fennell

Dabei hat sich Fennell erneut einen Weg gesucht, weiter an seiner Musik zu arbeiten und niemals damit stehenzubleiben. Mit einem modernen R&B-Beat unterlegt, ist True eine erfrischend soulige Ballade, die weiterhin mit Klavier und Fennells klarer Stimme brilliert. Dabei erinnert True an manchen Stellen an Songs, wie Teardrop von Massive Attack und behandelt eine Liebe, die auseinanderfällt. Wahre Liebe ist schmerzhaft. Wahre Liebe scheitert. Wahre Liebe ist bewegend. Wir müssen an sie glauben, damit sie echt ist, wie Gott. In diesem Song geht es darum, wie das, was wir für wahre Liebe hielten, auseinanderfällt. Es geht um Scheidung und den Fehler zu denken, dass man dagegen immun ist. Ich habe mich mit einigen Freunden zusammengetan, um diesen Song aufzunehmen, darunter ein neuer Freund, Paul Meany, der eine erstaunliche Note in den Mix gebracht hat – so Fennell. Diese Note kann man True zu jeder Zeit anhören. Selbst der große aufhellende Bruch im letzten Viertel des Songs wirkt frisch und ungewohnt – und das bei einem Künstler, der nie auf der Stelle steht und mit seiner Musik einen stetigen Wandel vollzieht. True ist dabei die erste Auskopplung aus SYMLs kommender EP, die er für den 3. März angekündigt hat.

Netta - The Best Of Netta's Office Vol. 01 (EP)

Netta – Energie lässt sich nicht stoppen

Was macht so ein Jahr der Zurückhaltung mit einem?! Netta fiel diese Frage noch schwerer, als manch anderer Künstlerin. Kurzerhand machte sich die israelische Sängerin daran, ihren ganz eigenen Podcast zu starten und coverte darauf über das Jahr immer wieder bekannte Songs. Da ist zum einen Coco Jamboo des Bremer Trios Mr. President, der es im Original weltweit nach ganz oben in den Charts brachte und sogar in den USA bis auf Platz 21 stieg. Aber auch an Aquas Barbie Girl wagte sich die Sängerin, die mit Toy 2018 ihren Durchbruch feierte. Wie futuristisch Nettas Sound ist, zeigt sich bei dem Eiffel 65-Cover von Blue (Da Ba Dee) – das im Original bereits futuristisch klingt. Hier arbeitet sich die Musikerin mit blechernen Synthies und stampfenden Beats durch den Song und gibt dem Ganzen eine dramatische Stimmung, die melancholisch und balladesk klingt. Mit Supercalifragilisticexpialidocious hat die Isrealin nun auch einen Song aus unserer Kindheit neu interpretiert, der 1964 in den Mary Poppins-Filmen auftauchte und von Julie Andrews gesungen, auch heute noch ein großartiger Kinderklassiker ist. Doch ist es der, ebenfalls 1964 veröffentlichte, Song The Times They Are A-Changin‘, der besondere Aufmerksamkeit verdient. Denn entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, kann Netta nicht nur eine der lautesten, schrillsten und verrücktesten Künstlerinnen sein, sondern auch gleichzeitig ruhige, introvertiert und melancholisch klingende Balladen perfekt singen.

Netta
Netta

Bereits Anfang des Jahres begeisterte Netta mit Cuckoo – einem Song, der von Zweifeln in einer Beziehung handelt. Mit The Times They Are A-Changin‘ hatte Bob Dylan 1964 einen Song geschrieben, der als Hymne für die Veränderung des Moments dienen sollte. Diese Veränderung erleben wir seit nunmehr knapp elf Monaten immer und immer wieder und passen uns den neuen Gegebenheiten an. Genau diese Veränderung ist es auch, die Netta dazu gebracht hat, Dylans Song für ihre Cover-EP neu einzusingen. Mit choralen Vocoderraunen und dem beruhigenden Gesang Nettas, lässt uns The Times They Are A-Changin‘ innehalten und darüber nachdenken, was uns das Jetzt bringt. Gleichzeitig hat Nettas Stimme eine kräftige Färbung, die sich wunderbar dem Gefühl des Sehnens, nach einer Veränderung, hingibt. The Times They Are A-Changin‘ ist ein Protestsong, den Dylan 1964 veröffentlicht hat und zeigt auch 56 Jahre später noch eindrucksvoll, wie wichtig diese Art der Songs ist und mit Nettas Interpretation, wie universell Musik sein kann. All ihre Cover-Songs erscheinen heute auf Nettas neuer EP The Best Of Netta’s Office Vol.: 01 und markieren eine weitere Momentaufnahme der Musikerin, die nur so vor Lebensfreude strotzt.

Bear's Den - Christmas, Hopefully

Bear’s Den – Andere Weihnachten, ähnliche Wünsche

In ihrem Post sprechen die Briten von Bear’s Den davon, wie sie sich auf das kommende Weihnachtsfest freuen. Sie sprechen aber auch von einem harten Jahr. Davon, dass für viele Menschen da draußen nichts mehr so ist, wie noch 2019. Als Live-Band bedeutet dieses Jahr aber auch eine Zäsur zu setzen und sich neu zu finden. Wurden mit dem ersten Lockdown im Frühjahr alle Bars und Kneipen geschlossen, blieben auch die Clubs und Konzerthäuser nicht davon verschont – selbst Festivals mussten abgesagt werden. Hat es viele Künstler*innen getroffen, waren auch Bear’s Den mit der Situation konfrontiert, dass die Pandemie nicht nur ihr Privatleben beeinflusste, sondern auch die Ausübung ihres Berufs drastisch eingeschränkt hat. Wie bereits viele andere Künstler*innen, haben sich Bear’s Den einen Weg gesucht, um mit ihren Fans in Kontakt zu bleiben und boten 360°Konzerte an. Was bleibt, ist aber das Gefühl, mit angezogener Handbremse zu performen – fehlt doch das direkte Feedback der Fans. Jetzt, zur Weihnachtszeit, ist auch bei Kevin Jones und Andrew Davie das Gefühl von Heimeligkeit und der Wunsch nach Nähe eingekehrt.

Bear's Den
Bear’s Den

Auch wenn diese Weihnachten anders verlaufen werden, als die Familienfeste, die wir sonst all die Jahre über gewohnt waren, zu feiern, so ist der Wunsch nach Nähe zu den uns wichtigen Menschen, wie der Familie, bei jedem gleich. Nun hat sich die Band an ein paar neue Songs gemacht und mit Christmas, Hopefully eine 3-Track EP veröffentlicht, welche nicht nur die gleichnamige Weihnachtssingle beinhaltet, sondern mit Berlin Part II auch die Fortsetzung des großartigen Songs Berlin bereithält. Als dritter Song ist Favorite Patient enhalten und bietet allen Bear’s Den Fans einen Sound, der passender nicht hätte sein können. Auf Christmas, Hopefully wird Davies Stimme vom Klavier und seichten Drums begleitet, die einem das Gefühl von Behaglichkeit vermitteln. Auf der Suche nach der verlorengegangen Nähe zu den Menschen, die uns lieb sind und auf die Momente, die uns so viel bedeuten, haben die Londoner eine EP der warmen Gefühle veröffentlicht. Gleichzeitig gehen die gesamten Einnahmen der Veröffentlichung – die es mit Schal und Hoodie auch in einer limitierten Deluxe Version gibt – an den National Health Service (das staatliche Gesundheitssystem Großbritanniens), dem sich die Band von Anfang an sehr dankbar zeigte. Bear’s Den lassen die Weihnachtszeit ruhig ausklingen und geben uns einen Begleiter mit durch die letzte Periode dieses Jahres, der sich um uns legt und wärmende Nähe aufbaut.

Beatsteaks - In The Presence Of

Beatsteaks – In The Presence Of

Sie ist draußen! Die neue EP In The Presence Of von den Beatsteaks. In den vergangenen Wochen spielte die Promotiontrommel bereits verrückt und veröffentlichten die Jungs mit Monotonie – als ersten Song aus der EP – einen wunderbar entspannten Reggae-Track. Im Original von Annette Humpe und der Band Ideal 1982 veröffentlicht, ist es den Beatsteaks wichtig, Songs von starken Frauen neu zu interpretieren. Mit Glory Box folgte nur zwei Wochen später eine Version des Bristoler Duos Portishead, die sich stark an dem Original orientiert und das mysteriöse Gefühl der ursprünglichen Version beibehält. Vor einer Woche überraschten uns die Beatsteaks schließlich mit der dritten Singleauskopplung aus der EP – denn hier hatten sie keinen Geringeren, als Hildegard Knefs Song Von Nun An Ging’s Bergab veröffentlicht. Süffisant und mit Schalk im Nacken singt sich Gitarrist Peter Baumann durch den Song und baut so eine perfekte Brücke zwischen dem Original und ihrer neuen Version. Bis heute haben es die Beatsteaks geschafft, die weiteren drei Songs der EP geheim zu halten.

Beatsteaks - In The Presence Of
Beatsteaks – In The Presence Of

Nun ist In The Presence Of seit Mitternacht überall zu haben und zeigt, dass sich die Band um Frontsänger Arnim Teutoburg-Weiß mit The Velvet Underground, L7 und Lesley Gore drei weitere Urgesteine der Musikgeschichte ausgesucht haben. Mit dem von Lou Reed geschriebenen Song After Hours, den seine Band The Velvet Underground 1969 veröffentlichte, zollen die Beatsteaks der Schlagzeugerin Maureen Tucker Tribut, die diesen Track damals sang, da Reed selbst sagte, dass der Song zu unschuldig und pur sei, um von ihm vertont zu werden. Auf Shitlist haben sich die Beatsteaks die – dem riot grrrl zugeordnete – Band L7 gegriffen und einen Song ausgesucht, welcher den Sound der Beatsteaks noch am nähesten kommt. Mit You Don’t Own Me gingen die Jungs schließlich am weitesten zurück in der Musikgeschichte und gaben dem von Lesley Gore gesungenem Song aus dem Jahr 1964 einen neuen Drive. In The Presence Of ist eine Songkollektion aus 60 Jahren voller starker Frauen und starker Bedeutungen. So interpretiert, wie es die Beatsteaks auf der neuen EP machen, lassen die Songs eine neue Präsenz entstehen und teilen die Beatsteaks deren wichtige Bedeutung erneut einem großen Publikum mit.

Graeme James - No Memories Of Tomorrow

Graeme James – Die Ruhe im Sturm

Es sind diese Momente im Leben, die einem den Boden unter den Füßen wegreißen und uns klar machen, dass wir untergehen oder stark sein müssen, um diese Erfahrungen zu überstehen. Während man sich den Zeitpunkt dieser Erfahrungen zumeist nicht aussuchen kann, kann man sich aber mit Hilfe der Jahreszeiten in eine Gefühlslage versetzen, die solchen Erfahrungen nahe kommt. So hat es auch der neuseeländische Singer/Songwriter Graeme James gemacht und ist vom anderen Ende der Welt in die Niederlande gezogen. Hier hat James dem schwarzen und dunklen Winter Europas entgegengesehen und auf sein Innerstes gehört. Herausgekommen ist die EP The Weight of Many Winters, die vom Tod, von Schwäche und Verzweiflung handelt. Dieser EP hört man die Trauer, die Last und den Schmerz, den James mit sich herumträgt und sich in seiner Musik ausdrückt, an. Dabei ist interessant, dass James mit zwei gegensätzlichen Werkzeugen spielt. Während seine Musik zumeist melancholisch, minimalistisch und beruhigend klingt, ist dies in seiner Stimme deutlich weniger häufig zu hören und baut James mit einer – fast schon – euphorisch, hellen Stimmlage auf die Hoffnung, die letztendlich alles durchzieht. Mit der ersten Single No Memories Of Tomorrow aus der, am 1. Januar 2021 erscheinenden EP The Weight of Many Winters, teilt James dann auch gleich eine sehr persönliche Erinnerung an vergangene Winter.

Graeme James - The Weight of Many Winters
Graeme James – The Weight of Many Winters

Mit dem Post eines alten Bildes, auf dem man den Musiker mit seinem jüngeren Bruder an einem Wintertag auf einer niederländischen Straße sieht, schreibt der Musiker Für immer her: Mein kleiner Bruder und ich spielen im Schnee, nur wenige Kilometer von meinem heutigen Wohnort in den Niederlanden entfernt. Es ist seltsam, wie eine Erinnerung in einem Kopf so klar sein kann und dennoch so aussieht, als wäre sie aus einem anderen Leben. Meine neue Single No Memories Of Tomorrow wurde im Winter geschrieben und ist eine persönliche Retrospektive, in der ich mein Leben aus der Perspektive eines Menschen in den letzten Tagen erkunde – in der Wintersaison des Lebens. Es ist ziemlich real. Diese Worte sitzen so tief, dass sie ein Mitgefühl erzeugen, welches aus unseren eigenen Erfahrungen von Verlusten geprägt ist. Graeme James schafft es mit seiner Musik, eine melodische Nebensächlichkeit und gleichzeitig hochemotionale Gewichtung zu vermitteln und streichelt uns mit seinem sanften Folk-Sound die Seele. The Weight of Many Winters ist die zweite EP aus seinem 4-EPs umfassenden Vier-Jahreszeiten-Projekt, unter dem bereits im September mit Old Storms in New Places die ersten Herbst-EP mit sechs Songs veröffentlicht wurde. The Weight of Many Winters ist nun die Winter-EP und zeigt uns einen Winter, der emotionaler nicht sein könnte.

Beatsteaks - Glory Box

Beatsteaks – Darf man diesen ewigen Überhit covern?!

Es ist ein Song, der das Wort Geschichte nicht besser beschreiben könnte. Denn während wir heute die Interpretation der Beatsteaks hören, hat Glory Box von Portishead bereits einen jahrzehntelangen Weg hinter sich, der bei dem britischen Duo nicht etwa aufhört, sondern bis in das Jahr 1969 zurückgeht. Stammt das Original des Songs von der belgischen Band Wallace Collection, war es in den BeNeLux-Staaten ein riesiger Erfolg. Doch obwohl der Song auf Englisch gesungen wurde, blieb ein Erfolg in den englischsprachigen Ländern weitestgehend aus. Ende der 80er Jahre nahm sich der Oscar- und Grammy-Award-Gewinner Isaac Hayes – der sich für den Theme-Song des Films Shaft verantwortlich zeichnet – die Melodieabfolge vor und veröffentlichte mit Ike’s Rap 2 eine Version des Songs, den wir bis heute kennen und lieben. Auf dem 1994er Debütalbum Dummy, des – aus Bristol in Großbritannien kommenden – Duos Portishead, befand sich ein Song, der für die Folgejahre richtungsweisend sein sollte. Denn mit Glory Box schaffte die Band nicht nur in Großbritannien ihren Durchbruch, sondern verbreitete den britischen Sound des Trip-Hops auch weltweit. Gleichzeitig hauchte die Frontsängerin Beth Gibbons dem Song eine Atmosphäre von Mystik, Distanz und Lethargie ein, wie wir es faszinierender nie wieder zu hören bekamen. 2001 stieß schließlich das, ebenfalls aus Großbritannien kommende, Duo I Monster auf die Liste der Interpretationen der Melodiefolge von Wallace Collection hinzu und veröffentlichte ihren Song Daydream In Blue.

Beatselfie Credit Beatsteaks
Beatselfie Credit Beatsteaks

Doch auch wenn es immer wieder Bands und Künstler gab, die diese ganz markante Melodie und das Gefühl des Songs versuchten zu kopieren, blieb Portisheads Version bis heute unerreicht. Nun haben die Beatsteaks aus Berlin die zweite Single aus ihrer, am 11. Dezember erscheinenden EP In The Presence Of herausgebracht und somit ihre Version des Portishead Songs veröffentlicht. Dabei zeigen die Beatsteaks, nach der Coverversion von Monotonie, erneut, wie hoch sie die Interpretinnen schätzen, deren Songs sie covern. Denn auch auf Glory Box behalten die Beatsteaks diese mystisch, bedrohliche Atmosphäre von Gibbons bei. Was der Band allerdings nicht gelingt und auch nicht gewollt zu sein scheint, ist die Fragiliät, die Gibbons auf Glory Box in ihre Stimme legt. Die Beatsteaks brechen behutsam aus dem lethargischen Korsett des Portishead-Songs aus und lassen mit überwältigenden Gitarrensoli und berstenden Drums eine Wand von Sound entstehen, ehe im nächsten Moment wieder alles in sich zusammenfällt und zum Gefühl des Bristoler Duos zurückkehrt. Sind mit Monotonie und Glory Box nun bereits zwei Songs der kommenden EP bekannt, halten die Beatsteak die vier noch ausstehenden Songs weiterhin streng geheim – umso größer wird die Überraschung mit jedem weiteren Release und dürfte vor der EP-Veröffentlichung bestimmt noch ein Song zur Vorabveröffentlichung drin sein.

Anna Of The North - Believe

Anna Of The North – Glaubt an Cher und die Liebe

Es ist fast schon ein magischer Moment, den Anna Lotterud da auf ihrer neue EP gezaubert hat. Als Anna Of The North hat sie mit ihrer neuen EP Believe nicht nur fünf ganz wunderbare Songs veröffentlicht, sondern darunter auch ein Cover von Cher. Und wie Ihr Euch alle wohl jetzt denken könnt, ist es Chers größter Erfolg Believe, den sich die norwegische Sängerin ausgesucht hat und gleich auch die gesamte EP danach benannte. Die Geschichte um gerade diesen Song, liest sich so charmant, wie herzlich. Denn ist es mittlerweile zum Ritual geworden, dass sich Anna Lotterud und ihre Band vor jedem Auftritt mit dem Song pushen. Dabei hören sie Believe immer, wenn sie die Auftrittsorte, als die Konzerthallen, betreten. Doch auf der letzten Tour haben sich die Band und Lotterud gedacht, dass es auch toll wäre, diesen Song nach dem Konzert zu spielen. So setzten sie Chers Believe immer direkt nach der Zugabe dran und waren begeistert, wie die Fans dies aufgenommen hatten.

Anna Of The North - Believe (EP)
Anna Of The North – Believe (EP)

Denn hier entstand jedes Mal eine kleine Party, zu der alle in der Halle blieben und noch zu Believe tanzten – ob die Fans vor der Bühne oder Lotterud und die Band auf der Bühne. Hierbei entstand immer ein kleines Happening, welches enorm viel positive Gefühle freisetzte. Mit diesen Erinnerungen gingen schließlich die Fans nach Hause und hatten nicht nur Anna Of The North‘ schwebenden Dreampop im Kopf, sondern gleichzeitig auch einen der größten Pophits aller Zeiten im Ohr. Gleichzeitig ist die gesamte EP eine Momentaufnahme aus der ersten Lockdown-Zeit, in der Lotterud zwischenzeitlich in einem Hotel feststeckte und nicht zu sich nach Hause konnte. Der Sound Anna Of The North‘ ist einmal mehr verzaubernd, gleichzeitig aber auch euphorisch und so verträumt, dass wir mit jedem Song unser Herz vor Freude kaum bändigen können. Anna Of The North macht Herzensmusik – wie wir auf den Songs What We Do (2020), Playing Games (2019), Someone (2018) oder bei Had A Love (2016) zusammen mit Vessels hören können – die sich an uns schmiegt und vor allem in der kalten Jahreszeit als warme Decke dient.

Lui Hill - Creatures

Lui Hill – Was ist passiert?!

Mit I Owe You hatte Lui Hill im Sommer 2019 einen emotionalen Song veröffentlicht, der sich an seine an Demenz erkrankte Mutter richtete. Damit hat er ihr sein persönliches Denkmal gesetzt und einen kleinen Teil von dem, was sie für ihn geleistet hat, zurückgeben wollen. Nach diesem Song wurde es allerdings wieder ruhiger um den musikalischen Tausendsassa. Dass er allerdings keine Eintagsfliege ist, zeigt sich, schaut man sich den Werdegang von Hill einmal an. Bereits vor über zehn Jahren machte Hill – damals noch in Darmstadt lebend – Musik auf allen Ebenen. Ob als Veranstaltungsinitiator, als Songwriter, Produzent oder einfach nur zum Beisteuern eines Instrumentes – Hill bedient alles. Schließlich nahm er 2009 sogar am Bundesvision Song Contest von Stefan Raab teil und war ein Mitglied der Formation Flowin Immo et les Freaqz. Nachdem er auf I Owe You die Geschichte seiner Eltern verarbeitet hat, folgt nun mit dem Song Creatures die Bewältigung seiner ganz eigenen, inneren Kreaturen. Damit ist nicht etwa gemeint, dass wir in uns etwas Böses tragen, sondern sind vielmehr die verschiedenen Charaktere, die ab und zu ausbrechen müssen, besungen.

Lui Hill - Photo by Nicolas Blanchadell
Lui Hill – Photo by Nicolas Blanchadell

Dass dieser, so ungewöhnliche, Song gerade jetzt veröffentlicht wird, liegt an der Pandemie und dem damit verbundenem Auseinandersetzen mit sich selbst. So beschreibt Hill den Moment, an dem er plötzlich aufhören musste, mit seinem Auftritten wie folgt: Ich war auf Tournee, und ganz plötzlich war der Lärm um mich herum weg, das ständige Geräusch, das ich als normal empfand. Diese überwältigende Stille machte Stimmen hörbar. Ich konnte vorher nichts hören. Ich nannte sie Kreaturen. Einige von ihnen sind beunruhigend und beängstigend, andere ermutigend und sanftmütig und hatten eine Menge Weisheiten. Ich versuchte, mich mit allen anzufreunden. Musikalisch bricht Hill dabei völlig mit seinem bisherigen Sound und präsentiert uns einen French-House Song par excellence. Hier treffen wunderbare Housebeats, auf einen hypnotisierenden Refrain, der nur mit den wenigen Worten Calling the creatures I do have inside auskommt. Creatures ist unglaublich groovig und erinnert tatsächlich an die französischen Helden des French-House-Sounds Justice. Lui Hill hat innerhalb eines Jahres zwar nich viele Songs veröffentlicht, dabei aber zwei so bemerkenswerte, dass man sich gespannt fragt, was die, für das Frühjahr 2021 angekündigte, EP noch alles bereithalten wird.

Sukie - Love And Impatience (EP)

Sukie – Rhythmisch pulsierend

Wenn man sich in einer Partynacht zu etwas hinreissen lässt, dann sind es oftmals die ungewollten Nachrichten, die man im betrunkenen Zustand an den oder die Ex schreibt. Oder – noch unangenehmer – an den Schwarm. Am nächsten Morgen, noch mit einem Kater zu kämpfen, fallen einem die Nachrichten ins Auge und man schämt sich in Grund und Boden. Genau über so einen Moment schreibt die Hamburger Sängerin Sukie von Seld – kurz Sukie. Diesen Freitag veröffentlicht sie ihre Debüt-EP Love And Impatience, auf der sie mit einem modernen Pop-Sound überzeugt. Dabei liegen die Songs schwer. Wie ein Fels, der vom ewigen Auf und Ab des Meeres umspült wird, schaffte es Sukie, in einem modernen Soundumfeld, Melancholie, Antrieb, und etwas morbide, Erhabenes zu kreieren. Auf Action/Reaction kommt dies besonders gut zum Ausdruck.

Sukie - Sober Photo by Tim Erdmann
Sukie – Sober Photo by Tim Erdmann

Die aktuelle Single Sober zollt nun dieser eingangs erwähnten Situation einer durchzechten Nacht Tribut und spielt sich mit Leichtigkeit durch verschiedene elektronische Elemente. Ob Synthies, Claps oder dem rhythmisch, pulsierenden Vibe, den Sober besitzt – das alles zusammen lässt den Song modern, ungewohnt und international klingen. Hier kommen Assoziationen an Alice Mertons No Roots auf, die einst damit einen ebenso pulsierenden Track veröffentlicht hatte und dabei international durch die Decke ging. Bei Sukie war es in den vergangenen Monaten dabei noch recht turbulent. Hatte die Sängerin nicht nur mit Ihrer Debüt-EP allerhand zu tun, wurde auch noch ihr Facebook-Account gehackt und musste sie sich infolge dessen, einen komplett neuen Account erstellen. Insgesamt umfasst die EP sechs Songs, wobei einer die Radio Version von Sober darstellt. Ob mit bedächtigen Pianoballaden, rhythmischen Uptempo-Songs oder den epischen Momentaufnahmen voller Emotionen – Sukie präsentiert auf ihrer EP Love And Impatience eine musikalische Range, die sich nicht auf ein Genre festlegen lässt. Mit Spannung dürfen wir dabei erwarten, wie sich die Welt für die Sängerin nach der Veröffentlichung verwandeln und – welche Songs sie daraus kreieren wird.