Jack Garratt - Better

Jack Garratt – Geläutertes Wunderkind

Er hatte einen kometenhaften Aufstieg hinter sich – mit seinem Trip Hop- und Indie-Sound hatte Jack Garratt von 2014 bis 2016 mit Songs, wie The Love You’re Given und Worry für einen absoluten Hype gesorgt. Dabei war sein Sound tanzbar, dennoch intim und hat gerade deshalb den Hype um den damals 23-jährigen Sänger so hochkochen lassen. In seiner Heimat mit Awards überschüttet, gewann er mit dem BBC Music Introducing Artist of the Year, BBC Sound Of 2016 sowie BRIT Award – Critics‘ Choice Award drei der wichtigsten Barometer für einen großen Durchbruch. Nach sieben ausgekoppelten Singles über zwei Jahre, veröffentlichte Garratt im Februar 2016 schließlich sein Debütalbum Phase und schaffte es bis auf Platz 3 der britischen Albumcharts. Doch nicht nur auf der britischen Insel war der Musiker äußerst beliebt – auch in den USA, Australien, Belgien, Italien, den Niederlanden, Neuseeland, Irland und der Schweiz stieg er mit seinem Album in die Charts ein. Auch in Deutschland schaffte es Garratt so bis auf Platz 28. Doch dann kam es zu einem Moment, in dem Garratt nicht mehr wusste, wie er weitermachen könne. Hatte er gerade die Arbeiten an seinem zweiten Album abgeschlossen, war er so unzufrieden mit dem Ergebnis, dass er das komplette Album löschte. Getrieben von der Aufmerksamkeit und den Erwartungen an ein neues Album wuchs Garratt alles über den Kopf und empfand seine Arbeit als seelen- und ideenlos. Mit genügend Abstand und einem freien Kopf setzte er sich die vergangenen vier Jahre an neue Songs und arbeitete sich durch einen Prozess, seine Angst – nur ein Produkt der öffentlichen Aufmerksamkeit zu sein – abzulegen, in dem er wieder zu sich selbst fand. Herausgekommen sind Songs über das Scheitern, der Neuentdeckung zu sich selbst und dem Drang, sich immer weiter optimieren und verbessern zu müssen. Hat Garratt mit Time – als Leadsingle – und Circles als aktuelle Auskopplung bereits zwei imposante Songs veröffentlicht, ist es die zweite Singleauskopplung Better die für all das steht, was der Brite in den vergangenen Jahren durchgemacht hat. Dabei ist gerade das Musikvideo als eine Art biografischer Schnipsel der vergangenen Jahre zu sehen und zeigt beeindruckend, wie zerrissen der Sänger gewesen sein musste. Zusätzlich sprudelt Better unglaublich vor Energie und ist ein Song, der auf der Tanzfläche zum Solo-Ausrasten anregt. Ganz bei uns selbst kommen wir dem Gefühl Garratts beim Hören von Better ziemlich nah und bekommen eine Emotion geliefert, die sich deutlich von dem ersten Album unterscheiden. Garratt hat etwas zu sagen und sprudelt auf seinen Songs förmlich raus damit. Wir hingegen können nur staunen und uns über die neue Kreativität auf seinem gerade veröffentlichten zweiten Album Love, Death & Dancing freuen.

Låpsley - Ligne 3

Låpsley – Dass Innerste nach aussen gekehrt

Vor fast genau vier Wochen hatte die britische Sängerin Låpsley mit My Love Was Like The Rain einen Song veröffentlicht, welcher der Beginn eines Reinigungsprozesses darstellte. Mit dem nun veröffentlichten Song Ligne 3 führt die Sängerin diesen Prozess konsequent fort und singt über die Gefühle, die sie hatte, nachdem eine Beziehung scheiterte und sie realisierte, dass es eben nicht so ist, dass mit dem Ende der Beziehung auch die Gefühle verschwinden. Ligne 3 dreht sich um das Verarbeiten dieser Gefühle und den Wunsch Abstand zu gewinnen. Dabei singt sich Låpsley durch einen schläfrig geborgenen Sound, der mal akustisch, mal als wabernder Bass erklingt und der Britin die Möglichkeit gibt, durch Nuancen in ihrem Gesang die Zerbrechlichkeit eines Menschen in solchen Momenten darzustellen. Låpsley legte den Song damals zur Seite und holte ihn nach ungefähr einem halben Jahr wieder hervor um sich anzusehen, wie ihre intensiven Gefühle zum damaligen Zeitpunkt ihr Songwriting beeinflussten. Diese Arbeitsweise ist spannend und zeigt die künstlerische Offenheit, die Låpsley in ihrem musikalischen Entstehungsprozess zulässt. Ligne 3 ist eine unglaublich verletzliche Ballade, die so wunderschön beruhigend klingt und die Erwartungen an die kommende EP nur noch steigert.

Picture This – Jetzt wird es groß

Bereits mit ihrer gleichnamigen Debüt-EP Picture This übertrafen die irischen Jungs von Picture This alle Erwartungen und toppten sogar ihre kühnsten Vorstellungen. Mit einer fast komplett ausverkauften Debüttour und einem Nummer-Eins Album musste der Erfolg unweigerlich kommen. Allerdings blieb dieser Erfolg der Band auf Irland und Großbritannien beschränkt und ist sie deshalb in Deutschland weiterhin, recht unbekannt. Nun haben die Jungs um Frontsänger Ryan Hennessy mit One Night eine Ballade über den Moment veröffentlicht, der die Zeit nach der Trennung einer Beziehung – nachdem der Partner fremdgegangen ist – thematisiert. Dabei klingen Picture This deutlich größer als zuletzt und kommen daher nicht mehr nur Assoziationen zu The Coronas auf, sondern erinnert Hennessys Gesangsstimme auch immer wieder stark an die von James Arthur. So scheint One Night wie für den Soundtrack eines Liebesdramas gemacht und klingt berührend, wie resignierend aber immer auch aufrichtig. Mit den Textzeilen Maybe you shouldn’t have gone there that night. Maybe you should have told a little less lies. Maybe you shouldn’t have gone and ruined my life. For one night, for one night haben Picture This ein paar Sätze für die Ewigkeit geschrieben, die eindringlich und offenbarend sind – wie dieTatsache, dass auch die größte Liebe ohne Arbeit nicht für immer hält.

Fickle Friends - Amateurs

Fickle Friends – Frischer Wind im Sound der Brightoner Band

Mit ihrem Debütalbum You Are Someone Else hatte die britische Band Fickle Friends ein Pflichtwerk abgeliefert. Denn bereits mit den Singles SwimCry BabyBrooklynSay No More und The Moment hatten sie ordentlich Material veröffentlicht. So wunderte es schließlich auch nicht, als auf dem Debütalbum eine Tracklist von satten 16 Songs bekanntgegeben wurde. Was alle gemein hatten, waren die großen Popmomente, die beeinflusst von den 80er Jahren mit Synthies und einer catchy Stimme, von Frontsängerin Natassja Shiner, begeisterten. Doch der Erfolg des Albums – mit einem Einstieg in die britischen Top-10 der Albumcharts – bedeutete auch Erwartungen. Erwartungen, die der Band schließlich zusetzten und dazu führte, dass die weitere Arbeit an neuer Musik den Ausstieg des Lead-Gitarristen Christopher Hall zu Folge hatte. Nun haben die Fickle Friends mit Amateurs die erste neue Single seit knapp zwei Jahren veröffentlicht und überraschen mit einem ungewöhnlich verkopften Song. Denn Amateurs klingt nun weniger verspielt, sondern deutlich erwachsener und drängender. Dabei bleibt er vom Sound nach wie vor eine großartige Popnummer, die frisch und auf Zack ist. Mit Amateurs sind die Brigthoner wieder unterwegs und holen uns im Dezember mit ein paar Terminen zu Konzerten direkt auf die Tanzfläche zurück, wo sie uns vor knapp einem Jahr alleine stehen lassen haben.

Avril Lavigne – Zurück an die Oberfläche

Mit Songs wie ComplicatedSk8ter Boi, Girlfriend und When You’re Gone war sie eine der erfolgreichsten Sängerinnen der 2000er. Verkauften sich ihre ersten drei Alben Let Go, Under My Skin und The Best Damn Thing insgesamt über 35 Millionen Mal, blieben die letzten beiden Alben Goodbye Lullaby und Avril Lavigne mit knapp 3 Millionen verkauften Einheiten deutlich hinter den Erwartungen zurück und hatten auch mit den dazugehörigen Singles nur noch moderaten Erfolg. Nach endlos langen fünf Jahren und einer zwischenzeitlichen Erkrankung an Borreliose – die so ausgeprägt war, dass das Nervensystem der Kanadierin angegriffen wurde – ist sie nun mit ihrem ersten neuen Song, seit 2013 zurück. Dabei behandelt Lavigne in Head Above Water genau diese Phase ihres Lebens, bei dem sie mehr denn je stark sein musste. Head Above Water ist in der Stilart von I’m With You und When You’re Gone gesungen und wirkt dabei doch deutlich rockiger. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass hier mehr Instrumente – vom Schlagzeug und Gitarren, bis Streichinstrumente – zum Einsatz kommen und Head Above Water dadurch deutlich voluminöser klingt, als die Songs der letzten Alben. Lavigne ist hier mit einem Song zurück, der inhaltlich, sowie vom musikalisch absolut überzeugt und ihre Rückkehr ins Rampenlicht mit Wucht vollzieht.

Tash Sultana – Konzertkritik

Tash Sultana ist eine absolute Überraschung – in jeglicher Hinsicht. Besteht Tashs bisherige Karriere doch aus Superlativen und Rekorden. Angefangen auf den Straßen in Australien, baute Tash sich über die letzten drei, vier Jahre eine unglaubliche Fangemeinde auf und schaffte es schließlich via YouTube auch international große Beachtung zu finden. So waren Tashs Konzerte vor zwei Jahren weltweit, ohne überhaupt einen Plattenvertrag in der Tasche zu haben, allesamt ausverkauft und mussten hier und da sogar in größere Konzerthallen verlegt werden. Nachdem Tashs Debütalbum Flow State Ende August veröffentlicht wurde, folgte nun die dazugehörige Welttournee mit Konzerten rund um den Globus und somit auch in Berlin.

Gleich für zwei Konzerte sollte Sultana am 10. und 11. September in die Berliner Columbiahalle kommen. Und so fand das Auftaktkonzert am 10. September vor einer restlos ausverkauften Halle statt.

Also Support-Act traten die Pierce Brothers auf die Bühne, bei denen es sich tatsächlich um die Zwillingsbrüder Jack und Pat Pierce handelt. Mit einer wunderbar energiereichen Folkperformance brachten die beiden Australier die Halle fast zum Beben und sorgten für eine angenehme Aufwärmphase. Dabei erinnern Songs wie AmsterdamBrother oder Ocean stark an die Anfänge von Mumford & Sons. Laut, schnell, und voller Freude spielten die beiden ihre Banjos, Gitarren und erfreuten sich einer großen Zustimmung vom Publikum, das bereitwillig dazu tanzte und die Brüder bis zum Ende ihrer Performance feierte.

Nun war es soweit und Sultana betrat die, mit Teppichen auf dem Boden für eine Wohnzimmeratmosphäre sorgende, Bühne völlig alleine. Der Abend sollte allerdings anders verlaufen, als es die meisten Fans erwartet hatten. Denn entgegen der Erwartung, Studioversionen zu spielen, konzentrierte sich Sultana darauf, freestyle zu spielen und sich in den einzelnen Songs auch immer wieder mal zu verlieren. So gingen Stücke, wie Big SmokeSynergy und Pink Moon in bis zu 7/8 minütigen Klangbergen auf und wurden bekannte Songs, wie Notion und Murder To The Mind eher samplehaft angespielt. Dass dies zu Sultana passt und der Stimmung keinen Abbruch tat, war allerdings ebenso klar – wenn man die sozialen Kanäle des Masterminds verfolgte. Denn hier wird schnell klar, dass Sultana nicht den üblichen Konventionen und Erwartungen folgt. Dieses Verhalten ist schließlich auch der Grund, warum Sultanas Debütalbum so lange auf sich warten ließ.

In der Columbiahalle spielte sich Sultana mittlerweile durch Mellow MarmaladeFree Mind und Jungle und war dabei immer derart auf die Looping-Machine und das Einspielen der jeweiligen Instrumente konzentriert, dass hier nur sehr sporadisch mit dem Publikum interagiert wurde, was den Fokus noch deutlicher auf die Kunst auf der Bühne lenkte. Somit verlor sich das Publikum immer wieder in den langen Intros und noch längeren Outros. Sultana, derweil die Mütze nach dem 15. mal richten abgesetzt, machte ein Foto von sich und dem Publikum und verschwand hinter der Bühne. Für einige Minuten im Ungewissen gelassen, applaudierte das Publikum ununterbrochen, bis Sultana für eine Zugabe mit Harvest Love und Blackbird zurück auf die Bühne trat um den Abend zu beenden.

Tash Sultana @Columbiahalle Berlin http://www.soundtrack-of-my-life.com

Sultana tickt anders und zeigt dies auch offen. Das damit verbundene Konzert hat dies eindrucksvoll gezeigt. So zeigt sich Sultana mit Herzblut und bei der Sache und vergisst selbst hier und da, dass sie gerade auf einer Bühne und vor tausenden Fans steht.

Clueso – Sommervibe im Handgepäck

Einer der erfolgreichsten Musiker Deutschlands geht neue Wege. Mit zwei Nummer-1-Alben im Gepäck steuert der Erfurter Sänger nun mit seinem neuen Album die dritte Pole Position an. Dabei macht er sich Lieder zu nutzen, die über die letzten Jahre auf Tour entstanden sind, allerdings niemals auf eine Platte gepresst wurden. Sie sind zu den unterschiedlichsten Zeiten mit den unterschiedlichsten Problemen entstanden und erzählen den dem Gefühl eines Rastlosen. So wird das – Ende August erscheinende – Album Handgepäck I heißen und der Nummerierung zufolge wohl die Erwartungen auf eine Serie erhöhen. Die erste Singleauskopplung daraus hört auf Du Und Ich und steht dem Sound eines Jack Johnson oder Jason Mraz in nichts nach. Hier gibt sich Clueso lässig, freigeistig und produziert mit seiner Gitarre einen Sound, der Entspannung pur bedeutet. Da singt Clueso vom nach Hause kommen und dem Gefühl, sich daran zu erinnern, wo man herkommt. Du Und Ich klingt dabei, als würde der 38-Jährige gerade erwachsen werden und mit der Sturm und Drang Zeit abschließen. Die erste Single aus dem kommenden, achten Studioalbum überrascht, klingt erfrischend und zeigt Clueso in einer wiederentdeckten Gelassenheit, die vor ein paar Jahren kaum vorstellbar war.

Honne – Mit Doppel zurück

Als erstes Lebenszeichen, nach knapp zwei Jahren, hat sich das britische Duo Honne gleich ein Doppel ausgesucht. Denn mit den Songs Day 1 und  Sometimes haben sie am Gründonnerstag zwei Songs veröffentlicht und damit auch gleich den Startschuss für das zweite Album gegeben. Mit hohen Erwartungen verknüpft, sind nicht nur Fans auf den britischen Inseln hellauf begeistert, von dem neuen Material. Dabei sind die beiden Songs doch so unterschiedlich. Mit Day 1 liefern Honne genau das ab, was alle von ihnen hofften. Ein rhythmischer Piano-Pop Song, der mit sachlichem Bass und einem, zum dahinschmelzenden, Text brilliert. Ein wenig Retro, ein wenig Jazz und dann noch der R&B-lastige Gesang Andy Clutterbucks lassen Day 1 absolut grooven. Sometimes dagegen, ist ein, anfangs durch Vocoder verzogener Popsong, der antäuscht, groß zu werden, um dann doch in sich zusammenzufallen. Schließlich erhebt sich Sometimes mit vollem Klang und frickeligem Computersound. Dabei greift Sometimes erfolgreiche Merkmale aus den 80ern, den 90ern und dem modernen Elektrosound der Stunde auf und mischt diese so homogen, dass daraus eine Wolke von wohlig, satter Musik entsteht. Mit Day 1 und Sometimes sind Honne wieder auf der Tanzfläche zurück und bereichern uns durch ihren warmen Sound.

Simian Mobile Disco – Auf in den Club

Entstanden aus der Indie-Band Simian, ist das Duo um Simian Mobile Disco seit nunmehr 15 Jahren als solches aktiv. Durch harte Housebeats bekannt, haben James Ford und Jas Shaw aber auch immer wieder ein paar Pop-Nummern, die durch das Netz geistern. zu bieten. Bestens zu hören auf Cruel Intention bei dem Beth Ditto mitgemischt hat. Für den 11. Mai kündigen die beiden Londoner nun mit Murmurations ihr sechstes Album an. Darauf enthalten ist die erste Auskopplung Caught In A Wave, die durch einen dunklen House-Sound für eine gewisse Gänsehautstimmung sorgt. Dabei sind die Vocals derart hypnotisierend, dass man – wie das dazugehörige Musikvideo vorspielt – in eine Art Trance fallen möchte. Dabei wird auf Caught In A Wave gekonnt dem Rave gehuldigt und ist mit schnellen Beats immer präsent. Caught In A Wave ist Simian Mobile Discos Befreiungsschlag, von all den Erwartungen, die an das britische Duo gestellt werden. Und dieses erfüllen sie, als wäre es kein Problem.

Walking On Cars – Wo stehst Du?

Vor einem Jahr wurden Walking On Cars hier bereits mit ihrem Song Always Be With You vorgestellt. Die Erwartungen waren groß an das Jahr 2015. Doch blieb ihnen der Durchbruch bis jetzt verwehrt. Nun wird ein neuer Anlauf gewagt. Mit Speeding Cars schaffen Sie es gar noch opulenter zu klingen als sie sich ohnehin anhören, so ist Patrick Sheehy’s Stimme noch facettenreicher. Dazu kommt, dass sowohl der Musik als auch dem Gesang mehr Raum gegeben wurde. Wie das klappt und was dafür reduziert wurde, kann man so gar nicht ausmachen. Jedoch hört man klar raus, dass die Band aus Irland mehr wollen, als nur einem Nischendasein zu fristen. So folgt auf die nun veröffentlichte Single Speeding Cars dann auch Ende Januar ihr Debütalbum Everything This Way. Spätestens dann werden wir wissen, wo sich Walking On Cars wiederfinden werden.