Lana Del Rey - Chemtrails Over The Country Club (Single)

Lana Del Rey – Bleibt mit neuer Single standhaft

Lana Del Rey hatte in den vergangenen Jahren zunehmend mit kritischen Publikum bzw. Fans zu tun, die ihr Handeln bis ins kleinste Detail beobachteten. War es 2018 ein umstrittener Auftritt auf dem Meteor Festival in Israel, den sie kurz vorher absagte oder der immer öfter aufkommende Shitstorm bezüglich ihrer Social-Media-Präsenz. Hier wird der New Yorker Singer/Songwriterin zunehmend vorgeworfen, die People Of Color oder Women of Color für ihre Zwecke zu nutzen. Nun hat Del Rey, im Zuge der Ankündigung ihres neuen Studioalbums Chemtrails Over The Country Club Klartext gesprochen und alle Hater in ihre Schranken gewiesen. Dabei zeigt Del Rey auf dem Cover des kommenden Albums, wie sie mit ihren Freundinnen – bei denen es sich tatsächlich um private Freundschaften der Sängerin handelt – um einen Tisch versammelt steht, fröhlich in die Kamera lacht und ein Abbild verschiedenster Herkünfte zeigt. Dazu schreibt Del Rey, dass sie schon immer inklusiv war und seit jeher mit Menschen aller Nationen und Hautfarben zusammenlebt und -arbeitet und die Kritik daher aufhören soll.

Lana Del Rey - Chemtrails Over The Country Club (Album)
Lana Del Rey – Chemtrails Over The Country Club (Album)

Auf ihrem neuen Album, für das bereits im Oktober letzten Jahres mit Let Me Love You Like A Woman die erste Single veröffentlicht wurde, zeigt sich die Sängerin nun mit der neuen Singleauskopplung etwas verspielter. Denn hier sehen wir im Musikvideo zum Titelsong des Albums Chemtrails Over The Country Club, wie die Sängerin die guten alten Zeiten der Vereinigten Staaten von Amerika beschwört. Mit viel Glamour und einer gehörigen Portion Nostalgie hat Del Rey einen amüsanten Twist in das Musikvideo eingebaut. Zur Mitte des Videos, wird der Kurzfilm äußerst unterhaltsam und zeigt Del Rey einmal mehr in ihrem Element. Dabei überrascht Del Rey erneut mit einem Album, welches nur anderthalb Jahre nach Norman Fucking Rockwell! erscheint und ihre starken Texte präsentiert. Lana Del Rey ist eine Künstlerin, die sich nicht vergleichen lässt, schafft eine Welt, in der kein Platz für Hatespeech und Exklusion ist und wird auch mit ihrem siebten (!!) Album innerhalb von zehn Jahren überzeugen.

Netta - The Best Of Netta's Office Vol. 01 (EP)

Netta – Energie lässt sich nicht stoppen

Was macht so ein Jahr der Zurückhaltung mit einem?! Netta fiel diese Frage noch schwerer, als manch anderer Künstlerin. Kurzerhand machte sich die israelische Sängerin daran, ihren ganz eigenen Podcast zu starten und coverte darauf über das Jahr immer wieder bekannte Songs. Da ist zum einen Coco Jamboo des Bremer Trios Mr. President, der es im Original weltweit nach ganz oben in den Charts brachte und sogar in den USA bis auf Platz 21 stieg. Aber auch an Aquas Barbie Girl wagte sich die Sängerin, die mit Toy 2018 ihren Durchbruch feierte. Wie futuristisch Nettas Sound ist, zeigt sich bei dem Eiffel 65-Cover von Blue (Da Ba Dee) – das im Original bereits futuristisch klingt. Hier arbeitet sich die Musikerin mit blechernen Synthies und stampfenden Beats durch den Song und gibt dem Ganzen eine dramatische Stimmung, die melancholisch und balladesk klingt. Mit Supercalifragilisticexpialidocious hat die Isrealin nun auch einen Song aus unserer Kindheit neu interpretiert, der 1964 in den Mary Poppins-Filmen auftauchte und von Julie Andrews gesungen, auch heute noch ein großartiger Kinderklassiker ist. Doch ist es der, ebenfalls 1964 veröffentlichte, Song The Times They Are A-Changin‘, der besondere Aufmerksamkeit verdient. Denn entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, kann Netta nicht nur eine der lautesten, schrillsten und verrücktesten Künstlerinnen sein, sondern auch gleichzeitig ruhige, introvertiert und melancholisch klingende Balladen perfekt singen.

Netta
Netta

Bereits Anfang des Jahres begeisterte Netta mit Cuckoo – einem Song, der von Zweifeln in einer Beziehung handelt. Mit The Times They Are A-Changin‘ hatte Bob Dylan 1964 einen Song geschrieben, der als Hymne für die Veränderung des Moments dienen sollte. Diese Veränderung erleben wir seit nunmehr knapp elf Monaten immer und immer wieder und passen uns den neuen Gegebenheiten an. Genau diese Veränderung ist es auch, die Netta dazu gebracht hat, Dylans Song für ihre Cover-EP neu einzusingen. Mit choralen Vocoderraunen und dem beruhigenden Gesang Nettas, lässt uns The Times They Are A-Changin‘ innehalten und darüber nachdenken, was uns das Jetzt bringt. Gleichzeitig hat Nettas Stimme eine kräftige Färbung, die sich wunderbar dem Gefühl des Sehnens, nach einer Veränderung, hingibt. The Times They Are A-Changin‘ ist ein Protestsong, den Dylan 1964 veröffentlicht hat und zeigt auch 56 Jahre später noch eindrucksvoll, wie wichtig diese Art der Songs ist und mit Nettas Interpretation, wie universell Musik sein kann. All ihre Cover-Songs erscheinen heute auf Nettas neuer EP The Best Of Netta’s Office Vol.: 01 und markieren eine weitere Momentaufnahme der Musikerin, die nur so vor Lebensfreude strotzt.

Beatsteaks - Glory Box

Beatsteaks – Wagen sich an die ganz Große

In den vergangenen Wochen haben die Beatsteaks mit den beiden Coverversionen Monotonie von Ideal und Glory Box von Portishead, zwei so dermaßen unterschiedliche Songs veröffentlicht, dass sich daraus bisher keine musikalische Linie, bezüglich der Genreherkunft ihrer Auswahl erkennen lässt. Sind es auf Monotonie Reggaeklänge, die sich durch den Song ziehen, bleiben die Beatsteaks bei Glory Box sehr nah am Original der britischen Band Portishead aus Bristol. Nun haben die Beatsteaks – eine Woche vor der Veröffentlichung ihrer Cover-EP In The Presence Of – einen dritten Song released und wagen sich hierbei an keine geringere Größe, als Hildegard Knef. Dabei war und ist die Knef bis heute eine der größten deutschen Gesichter und Stimmen und hat in unzähligen Filmen in Europa und den USA mitgewirkt. Auch musikalisch war die Sängerin seit den 1950er Jahren erfolgreich und hat unter anderem die Lieder Die Moritat von Mackie Messer aus Bertolt Brechts legendärem Theaterstück Die Dreigroschenoper eingesungen. Vielen ist sie heute vor allem durch ihren berührenden Song Für Dich soll’s rote Rosen regnen bekannt.

Beatsteaks Pressefoto Credit Erik Weiss
Beatsteaks Pressefoto Credit Erik Weiss

Für das neue Cover, bei dem die Berliner Songs von großartigen Frauen in der Musik neu interpretieren, haben sich die Beatsteaks den Hildegard Knef-Song Von nun an ging’s bergab gegriffen und eine wunderbare Gitarrensause daraus gemacht. Doch hier singt nicht etwa der Beatsteaks-Sänger Arnim Teutoburg-Weiß, sondern hat sich Gitarrist Peter Baumann die Ehre gegeben und sich mit einer klaren und – passend zum Song – süffisanten Gesangsstimme an den Song gewagt. Immer wieder bricht er dabei im Song mit den Elementen und springt zwischen harten Gitarrenriffs und stillen aber drängenden Gesangsparts hin und her. Auch heute steht – wie in den vergangenen Wochen – nicht fest, welche weiteren Songs auf der EP sein werden. Nur soviel – drei Songs sind veröffentlicht, drei weitere beinhaltet die EP. In sieben Tagen wissen wir mehr und können uns auf eine Cover-EP freuen, die sich durch großartige Songs von starken Frauen arbeitet.

Anna Of The North - Believe

Anna Of The North – Glaubt an Cher und die Liebe

Es ist fast schon ein magischer Moment, den Anna Lotterud da auf ihrer neue EP gezaubert hat. Als Anna Of The North hat sie mit ihrer neuen EP Believe nicht nur fünf ganz wunderbare Songs veröffentlicht, sondern darunter auch ein Cover von Cher. Und wie Ihr Euch alle wohl jetzt denken könnt, ist es Chers größter Erfolg Believe, den sich die norwegische Sängerin ausgesucht hat und gleich auch die gesamte EP danach benannte. Die Geschichte um gerade diesen Song, liest sich so charmant, wie herzlich. Denn ist es mittlerweile zum Ritual geworden, dass sich Anna Lotterud und ihre Band vor jedem Auftritt mit dem Song pushen. Dabei hören sie Believe immer, wenn sie die Auftrittsorte, als die Konzerthallen, betreten. Doch auf der letzten Tour haben sich die Band und Lotterud gedacht, dass es auch toll wäre, diesen Song nach dem Konzert zu spielen. So setzten sie Chers Believe immer direkt nach der Zugabe dran und waren begeistert, wie die Fans dies aufgenommen hatten.

Anna Of The North - Believe (EP)
Anna Of The North – Believe (EP)

Denn hier entstand jedes Mal eine kleine Party, zu der alle in der Halle blieben und noch zu Believe tanzten – ob die Fans vor der Bühne oder Lotterud und die Band auf der Bühne. Hierbei entstand immer ein kleines Happening, welches enorm viel positive Gefühle freisetzte. Mit diesen Erinnerungen gingen schließlich die Fans nach Hause und hatten nicht nur Anna Of The North‘ schwebenden Dreampop im Kopf, sondern gleichzeitig auch einen der größten Pophits aller Zeiten im Ohr. Gleichzeitig ist die gesamte EP eine Momentaufnahme aus der ersten Lockdown-Zeit, in der Lotterud zwischenzeitlich in einem Hotel feststeckte und nicht zu sich nach Hause konnte. Der Sound Anna Of The North‘ ist einmal mehr verzaubernd, gleichzeitig aber auch euphorisch und so verträumt, dass wir mit jedem Song unser Herz vor Freude kaum bändigen können. Anna Of The North macht Herzensmusik – wie wir auf den Songs What We Do (2020), Playing Games (2019), Someone (2018) oder bei Had A Love (2016) zusammen mit Vessels hören können – die sich an uns schmiegt und vor allem in der kalten Jahreszeit als warme Decke dient.

Beatsteaks - In The Presence Of

Beatsteaks – Von großartigen Frauen inspiriert

In den vergangenen Tagen und Wochen wurden wir immer ungeduldiger. Da haben die Berliner Rockhelden von den Beatsteaks doch immer wieder neue Schnipsel aus dem Tonstudio veröffentlicht und ließen uns gespannt warten, was da heute kommen mag. Doch auch wenn bis gestern nicht ganz klar war, ob wir einen Song, eine EP oder gar eine Albumankündigung erwarten können, ließt sich die Geschichte der Band, wie aus einem Rockmärchen und garantiert somit, dass etwas brillantes kommen wird. Gegründet 1995 spielten die Beatsteaks anfangs auf Straßenfesten und bei Musikwettbewerben, ehe sie 1997 mit 48/49 ihr Debütalbum veröffentlichten. Hier wurden sogar noch einige Songs auf Deutsch gesungen. Mit Launched folgte 1999 das zweite Album. Schließlich gelang der Band mit dem Album Living Targets und den darauf enthaltenen Songs Let Me In und Summer 2002 der Durchbruch. Hier wurden sie erstmals einem großen Publikum bekannt und gleichzeitig im Radio und auf den Musiksender im TV gespielt.

Beatsteaks - Credits Chris Guse
Beatsteaks – Credits Chris Guse

Ihrem Status als Punkband blieben sie dabei, trotz der Kommerzialisierung ihrer Musik, stets treu und schafften es im weiteren Verlauf mit den Alben Smack Smash (2004) und Limbo Messiah (2007) erfolgreich in die deutschen Albumcharts. Seit Boombox (2011) sind sie auch immer wieder ein Garant für Nummer-1 Alben und platzierten neben diesem auch das selbstbetitelte Album Beatsteaks (2014) auf der Pole Position. Mit Yours kam 2017 das achte und bisher letzte Album auf den Markt. Nun sind die Beatsteaks mit neuem Material zurück und überraschen uns mit der neuen EP In The Presence of, die ausschließlich Coverversionen von Musikerinnen enthalten wird. Bis auf den heute veröffentlichten Track Monotonie bleibt vorerst geheim, welche Musikerinnen und Songs sich die Berliner noch für In The Presence ausgesucht haben. Hier werden wir wohl erst im Laufe der kommenden vier Wochen erfahren, was uns erwarten wird. Mit Monotonie zeigen uns die Beatsteaks auf jeden Fall schon Mal, dass sie den Jungs von Seeed in nichts nachstehen und einen ebenso chilligen Sommersound produzieren können. Dabei kommt das Original von Annette Humpe, die eine der erfolgreichsten Musikerinnen Deutschlands ist. Begonnen in den 80ern als Teil der Band Ideal, entstand hier auch der Song Monotonie.

Beatselfie - Credits Beatsteaks
Beatselfie – Credits Beatsteaks

Es folgten Projekte mit den Bands DÖF, Humpe & Humpe – zusammen mit ihrer Schwester Inga Humpe – und zuletzt Ich + Ich – bei dem Humpe zusammen mit Adel Tawil über 4 Millionen Platten verkaufte. Die Beatsteaks wiederum haben sich mit ihrer Version von Monotonie sehr nahe am Original gehalten und nur den Mittelrefrain ausgelassen. Doch auch klanglich übernehmen die Jungs um Arnim Teutoburg-Weiß den sommerlichen Reggaesound und heben den Song so in das Jahr 2020. Monotonie ist eine wahnsinnig lässige neue Single der Beatsteaks, die sich – wie im passenden Musikvideo zu sehen ist – nicht zu ernst nimmt und dabei die herausragende Arbeit weiblicher Musikerinnen verdeutlicht. Wird In The Presence Of am 11. Dezember veröffentlicht, gibt es sie dann überall digital zu bekommen und als Vinyl exklusiv auf der bandeigenen Shopseite http://www.beatstuff.de zu kaufen. Die Beatsteaks schaffen es mit Monotonie einmal mehr, ihren Status als eine der großartigsten Rockbands Deutschlands gerecht zu werden und werden mit der neuen EP alle begeistern.

Birdy - Open Your Heart

Birdy – Die große Rückkehr zum Klavier

Eine Stimme und ein Klavier reichten 2011 aus, um das immense Talent einer britischen Sängerin in die Welt zu tragen. Mit Coversongs von Phoenix, The XX, Bon Iver oder Cherry Ghost hatte sie eine emotionale Power in die Songs gebracht, die in den Originalen immer nur situativ erlebbar waren. Auch wenn die Originale heute allesamt zu den großen Klassikern zählen, hat vor allem Birdys Interpretation mit dem Klavier dafür gesorgt, die ganz großen Gefühle aufkommen zu lassen. Auch heute, neun Jahre nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums Birdy, haben die Songs nichts an ihrer Wirkung verloren. Bemerkenswert an Birdy war die großartige Auswahl an herausragenden Künstlern, deren Songs die damals 14-jährige Sängerin coverte und damit einen erstaunlichen Musikgeschmack bewies. 2013 folgte mit Fire Within ihr zweites Album, ehe 2016 mit Beautiful Lies ihr bislang letztes Album erschien. Mit Songs, wie Not About Angels (2014), Keeping Your Head Up oder der Zusammenarbeit mit Sigma auf Find Me (beide 2016) konnte sie schließlich immer wieder aufs Neue begeistern. Nach fünf Jahren als absoluter Überflieger brauchte die damals gerade 20 gewordene Britin 2016 eine Pause und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Seitdem schreibt sie an neuen Songs und hat weit mehr Songskizzen angefertigt, als auf ein Album passen würden. Da der Britin die Songs allerdings wichtig sind, fand sie einen Weg, so viele, wie möglich, zu veröffentlichen. So kommt – bevor 2021 ein neues Album von der Sängerin erscheinen wird – Anfang November die EP Piano Sketches auf den Markt, von der nun eine erste Single ausgekoppelt wurde.

Birdy - Piano Sketches

Birdy – Piano Sketches

Nachdem sich Birdy auf dem zweiten und dritten Album vielen neuen Elementen öffnete und auch mal schneller und poppiger klang, findet sie auf Open Your Heart wieder zurück zu ihrem Klaviersound der Anfangszeit. Hierbei wird – gleich beim Ertönen des ersten Klavieranschlages – klar, dass die Sängerin diese große Gabe, Gefühle so natürlich und direkt zu transportieren, immer noch besitzt und so authentisch und sanft klingt, wie auf ihren Coverversionen vor fast zehn Jahren. Birdy selbst sagt über die Musik ihrer neuen EP – Ich habe eine Menge Musik geschrieben, auf die ich so stolz bin, die aber womöglich normalerweise nicht das Licht der Welt erblicken würde – ich werde diese reduzierten Tracks über die kommenden Monate vor dem Album veröffentlichen. Zusammen geschrieben und aufgenommen hat sie den Song in Los Angeles mit Rick Nowles – der unter anderem an The Power Of Good-Bye für Madonna, White Flag für Dido oder Loud Places für Jamie XX mitgeschrieben hat. Hier ist es Jasmine Lucilla Elizabeth Jennifer van den Bogaerdes – wie Birdy bürgerlich heisst – Wunsch, diese Songs einer breiten Masse zugänglich zu machen. Mit der EP Piano Sketches kommt sie ihrem eigenen Wunsch nach und präsentiert uns eine erwachsene Sängerin, die mit ihrer klaren Stimme, zehn Jahren nach ihrem großen Durchbruch noch immer direkt ins Herz geht.

girl in red - Midnight Love

girl in red – Die Selbstreflexion eines Bad Guys

Ich bin immer davon ausgegangen, nie ein Arschloch zu sein, bis ich es plötzlich war. Mit diesen Worten beschreibt Marie Ulven alias girl in red den Moment, an dem sie realisierte, wie sehr sie einen Menschen klein hat fühlen lassen, nur um sich selber wohlzufühlen. Der Moment dieser Selbstreflexion setzte ein, als Ulven bei einer engen Freundin feststellte, wie deren Bekannter sie behandelte und immer nur dann kontaktierte, wenn er Nähe brauchte. Dass dadurch der Wunsch der Freundin nach mehr – als nur ein Rummachen – immer größer wurde und sie gleichzeitig durch jede Ablehnung verletzt wird, ließ Ulven an eine ganz ähnliche Beziehung zwischen ihr und einer Frau denken. Auf ihrem neuen Song Midnight Love schreibt Ulven dann auch aus dem Blickwinkel dieser Frau und versucht sich so ein Bild von ihrem Handeln zu verschaffen. Dabei klingt Ulven einmal mehr verträumt und zeichnet sich durch den Bedroom-Pop aus, der zuletzt auch durch Billie Eilish so populär gemacht wurde. Erstmals arbeitet Ulven mit einem Klavier und drückt ein Gefühl von Liebe, Verletzbarkeit und Aufopferung aus, das den direkten klingenden Sound von girl in red ausmacht. War Ulven dieses Jahr bereits auf dem Cover der Gay Times und wurde vom NME Magazin zum Best New Act In The World gekürt, hat die Norwegerin mit Midnight Love wieder einmal ein heißes Eisen im Feuer und baut weltweit einen immer größer werdenden Fankreis auf.

Nena - Licht

Nena – Die Neuerfindung perfektioniert

Da steh sie nun, die große Zahl 60. An diesem Dienstag wird eine der erfolgreichsten deutschen Sängerinnen 60 Jahre alt. Mit 99 Luftballons erreichte Nena 1983 international die Chartspitzen und ging die Single knapp 3 Millionen über den Ladentisch. Doch nicht nur mit 99 Luftballons war die Sängerin erfolgreich – so zählte sie in den 80er Jahren weitere Top-5 Hits wie Nur Geträumt, Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann, ? (Fragezeichen) und Leuchtturm zu den ganz großen Hits. Während sich ihr Erfolg in den 90er Jahren abkühlte, gab es ein zunehmendes Interesse anderer Künstler, ihre Songs zu covern. Allen voran machte Jan Delay mit seiner 1999er Version von Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann Schlagzeilen und schaffte es sogar, das Original sowohl von der Chartplatzierung, als auch von den Verkaufszahlen deutlich zu übertreffen. Denn kam das Original 1984 bis auf Platz 3, schaffte es Delay bis auf Platz 2 und verkaufte mehr als 500.000 Singles. Davon beflügelt, arbeitete Nena Anfang der 2000er an einem Best-Of Album der besonderen Art. Hier veröffentlichte sie mit Nena feat. Nena 2002 ihre größten Songs nochmal – allerdings in einem neuen Gewandt und mit musikalischer Unterstützung von Joachim Witt, Kim Wilde oder Udo Lindenberg. Mit über 1,5 Millionen verkauften Alben zählt es zu den meistverkauften Alben der Sängerin und markierte ihre Rückkehr auf die ganz großen Bühnen des Musikbusiness. Seitdem ist sie aus den oberen Rängen der Charts nicht mehr wegzudenken und erreichte 2005 mit Liebe Ist sogar wieder Platz 1 der deutschen Singlecharts. Trotz der mittlerweile 30 Studioalben, 47 Singleveröffentlichungen und 60 Jahren pfeift Nena auf das Alter und veröffentlicht an ihrem runden Geburtstag mit Licht einen neuen Song, über den es momentan noch nicht all zu viel Informationen gibt. Was allerdings sofort auffällt – der große 80er-Jahre Vibe, den Licht versprüht. Gepaart mit modernen Drums und einem großartigen Soundkostüm, tritt Licht ohne Umschweife in die Fußstapfen des momentan äußerst erfolgreichen Songs Blinding Lights von The Weeknd. Warum gerade Blinding Lights?! Beide nutzen die Synthies der 80er Jahre, haben ein sportliches Tempo, beinhalten melancholische Parts und Textzeilen und bauen auf einem Nostalgiegefühl auf, das momentan äußerst gefragt ist. Natürlich unterscheiden sich beide Künstler deutlich voneinander, doch macht Nena mit Licht so ziemlich alles richtig und erfindet sich einmal mehr neu. Ob mit dem Hashtag #gehtumalles womöglich der Albumtitel ihres neuen Studioalbums gemeint sein könnte, oder er sich einfach aus den Textzeilen zu Licht ergibt, kann nur vermutet werden. Licht ist eine der Überraschungen 2020 und lässt uns mit hochgerissenen Armen durch die Zeit der sozialen Distanz tanzen.

Clueso – Konzertkritik (Huxley’s Neue Welt 2018)

Er kam, sah, siegte! Nicht anders ist zu beschreiben, was der Thüringer Musiker Clueso am vergangenen Dienstag in Huxley’s Neue Welt ablieferte. Clueso hat Erfahrung, ist in die Popwelt hinein gewachsen und hat alle Phasen eines Musikers durchlaufen. Vom Newcomer-Dasein, über die ersten Hypes, bis zu Zweifeln und einer Neuausrichtung – die ihm abermals einen Erfolgsschub bescherte – verpackt der 38-jährige Sänger all seine Erfahrungen und Emotionen immer wieder in Songs und erreicht damit ein Publikum zwischen Jung und Alt. Mit seinem aktuellen Album Handgepäck I schaffte es Clueso zum dritten Mal hintereinander die Pole-Position der deutschen Albumcharts zu erreichen und überraschte gleichzeitig mit einem Sound, der von akustischer Musik und Zurückhaltung geprägt ist. Sind doch alle Songs auf Handgepäck I im Laufe der vergangenen sieben Jahre entstanden, als der Sänger auf Reisen war. Davon beeinflusst, klingt Handgepäck I nach Weite, vorbeiziehenden Landschaften und einer entspannten Grundhaltung, die selbst Cluesos entspannte Art nochmal steigern lässt.

An diesem kalten Novemberabend rief er nun schließlich seine Fans auf, in die Konzerthalle am Neuköllner Hermannplatz zu kommen. War die Halle zum bersten voll und ausverkauft, folgten diesem Aufruf anscheinend viele seiner Fans. Pünktlich wie ein Maurer betrat der Sänger um 20:30 Uhr – ohne Vorband – die Bühne und begann mit den ersten Songs Morgen Ist Der Winter VorbeiEs Ist Schon Spät und Neue Luft. Dabei knisterte es still in der Halle und klangen die Gitarrensaiten voluminös und warm. Hiernach begrüßte er das Berliner Publikum und ließ sympathisch von der Stange, dass er ja doch immer etwas aufgeregt sei, das Publikum hier ihn aber so herzlich empfangen habe, dass dieses Gefühl schon fast verflogen sei.

Songs seiner Idole

Mit Vier Jahreszeiten An Einem Tag kündigte Clueso im weiteren Verlauf sein erstes Cover an diesem Abend an. Hat es der – im Original von der Australischen Band Crowded House geschriebene – Song tatsächlich in übersetzter Version auf das Album und sogar zur Singleauskopplung geschafft, kommentierte der Sänger, dass Englisch nicht so sein Ding sei und er diesen Song aber so sehr mochte, dass er ihn übersetzte und neu interpretiert habe. Dabei blieb der Sänger sehr nahe am Original und erhielt die traurig, emotionale Stimmung des der englischen Version. Mit Du Und Ich folgte anschließend eine poppigere Nummer, die ebenfalls als Singleauskopplung im vergangenen Sommer durch die Radios hallte und die gedämpfte Stimmung im Publikum wieder mit Energie füllte.

Mit den folgenden Songs läutete Clueso schließlich eine Strecke von älteren Songs ein, die auf die akustische Tour angepasst wurden. Da fielen mit Keinen Zentimeter und der Udo Lindenberg Kollaborationssingle Cello spätestens hier alle Hemmungen mitzusingen und hörte man bei den einschlägigen Textzeilen das Publikum um sich herum mal ruhig, mal frenetisch mitsingen. Mit den Worten, dass das Berliner Publikum immer etwas anders sei, quittierte er die Aussage mit dem Zusatz, dass es den Sänger mit einer ruhigen und offenen Haltung aufgenommen habe und er sich pudelwohl fühlte. Nach Cello kam der Sänger allerdings nicht drumherum, vom Hamburger Panikrocker Udo Lindenberg zu reden und teilte Anekdoten wie, dass Lindenberg rauchend in der Lobby eines Hotels darauf hingewiesen wurde, dass das Rauchen hier nicht gestattet sei und es noch nicht einmal einen Aschenbecher gäbe, mit den Worten Ja… früher stand hier mal einer. Diese Erinnerungen zauberten Clueso, während er sie erzählte, eine kindliche Begeisterung ins Gesicht und man mochte fast eine Art Heimeligkeit durch das Geschichten erzählen zu vernehmen.

Mit Chicago folgte schließlich einer seiner stärksten Songs und erzeugte dabei mit der Tragik, die der Text ausdrückt eine Gänsehautstimmung unter dem Publikum, die eine Mischung aus Empathie und Willenskraft ausstrahlte. Im Anschlus folgte mit Es Brennt Wie Feuer eine deutsche Interpretation des Bruce Springsteen Songs I’m On Fire. Dabei outete sich Clueso als großer Springsteen Fan und sorgte zur Mitte des Songs für einen – fast schon ekstatischen – Moment als er in den Refrain des Kings Of Leon Hits Sex On Fire überging und auf der Bühne kurzzeitig durch flirrende Gitarren das Gefühl, ein Rockkonzert zu besuchen, aufflammte.

Clueso mit Baguette aber ohne Annett Louisan

Fanpost war schließlich der älteste Song seiner Diskografie an diesem Abend – wurde dieser doch auf dem 2005er Album Gute Musik veröffentlicht. Mit Freidrehen und Gewinner drehte Clueso schließlich noch einmal voll auf und animierte das Publikum mitzusingen, bevor mit Paris eine kleine Chansonnummer folgte. Hierbei erinnerte Paris an Songs aus Annett Louisans Repertoire und würde sicherlich auch eine wunderbare Kollaboration mit ihr ergeben. Mit einer kurzen Verabschiedung kam die Band und Clueso nach knapp einer Minute wieder auf die Bühne um mit dem Mash-Up Achterbahn und Zusammen – eine Zusammenarbeit mit den Fantastischen Vier – nochmal richtig durchzustarten. Im Anschluss mit einer Jam-Session über Berlin, Zugehörigkeit, Toleranz und Umwelt rappend, zeigte Clueso, dass er immer noch die Skills des Freestyles beherrscht und beendete schließlich das Konzert mit dem melancholisch, schönen Barfuß.

Nach 18 Songs, 2 Stunden und 10 Minuten voller Power, einem unglaublichen Unterhaltungswert und Musik aus den Genres Hip-Hop, Rock, Pop und Chanson, verabschiedete sich Clueso schließlich endgültig von der Bühne und bedankte sich für die Herzlichkeit und das mal totenstille Lauschen, mal begeisterte Abgehen.
Hatte Clueso in den letzten vier Jahren insgesamt sechs Konzerte in der Hauptstadt gegeben, überraschte und begeisterte die Stimmung der Fans, die keine Ermüdungserscheinungen – den Musiker zu sehen – zeigten. Ebenso legte Clueso eine Energie an den Tag, die in Anbetracht der Anzahl an Berliner Konzerten zusätzlich begeisterte. Clueso ist ein Profi durch und durch. Er weiss, worauf es ankommt und wie er ein Publikum mitziehen kann. Dies schafft er allerdings so sympathisch und unterschwellig, dass man das Gefühl bekommt, einen Freund auf der Bühne zu haben.

Felix Räuber – Konzertkritik (ACUD Berlin)

Wenn ein Mensch einem Anderen die Worte zuwirft Schön, dass du die Zeit findest, deine Aufmerksamkeit meiner Musik zu schenken. Ich würde dir gerne ein paar Worte dazu erzählen. Dann möchte er wirklich etwas teilen. Dass dieser Mensch, der an diesem Abend auf der Bühne steht, eine ganze Menge zu teilen und mitzuteilen hat, liegt an seiner Vergangenheit und wie er seine Gegenwart und Zukunft gestaltet.

Es ist Mittwoch, der 23. Mai 2018 und im Berliner ACUD läuft Felix Räuber mit Wunderkerzen in der einen und einem Kassettenrekorder in der anderen Hand, durch das Publikum zur Bühne. Es ist der Beginn seiner Geschichte. Nach dem herausragenden Erfolg mit der Band Polarkreis 18, kam es 2012 zum Bruch. Was folgte, waren diverse Projekte in Chören oder dem Pop-Duo Zwei von Millionen. Hiebei nagte bei Räuber die Unzufriedenheit immer deutlicher und die Frage kam auf, ob er als Künstler überhaupt noch arbeiten könne.

Mit seiner, am heutigen Freitag erscheinenden EP Wall beweist Räuber eindrucksvoll, wie relevant er noch ist. Denn ähnlich wie das gleichnamige Polarkreis-18-Album aus 2007, ist die EP voller Vielfalt, Mut und Experimentierfreudigkeit. Über 14 Songs und 75 Minuten nahm Räuber das Publikum in diesem intimen Umfeld mit in eine Welt, die sich nicht im Hier abzuspielen schien. Über drei Interludes präsentierte der, mittlerweile in Berlin lebende, Sänger Songs, die selbst auf der Wall EP noch nicht zu finden sind. Zwischen massiven Basslines, Pianostücken, Falsettstimme und Rock, bot Räuber eine Palette, die den verschiedensten Emotionen des Menschen ähneln. Dabei gelang Räuber der Spagat zwischen penibler Perfektion und charmanten Verlieren-im-Sound. Nicht von ungefähr kommt die Perfektion, die er bereits zu Zeiten der Band Polarkreis 18 besaß.

Es sollte alles stimmen, zu wichtig war es Räuber seine Songs so zu präsentieren, wie er sie einst im Kopf hatte. So war er an diesem Abend nicht nur als Sänger und am Keyboard aktiv, sondern gleichzeitig auch immer wieder Dirigent. Als charmanten Höhepunkt, kam es bei er Performance von Wall zu einem Abbruch und Neustart des Liedes, sowie einem zweiten Abbruch und der Wiederaufnahme. Sinngemäß kommentierend, dass es Hits geben soll, bei denen immer etwas schief geht, arbeitete sich Räuber dabei so professionell durch, dass am Ende genau dieser Moment die Einzigartigkeit der intimen Record-Release Show ausmachte.

Kam es erst wenige Tage vor dem Konzert zu der Entscheidung, die beiden Orchesterspieler mit auf die Bühne zu nehmen, zahlte sich die musikalische Vielfalt vollends aus. Schließlich begleiteten sie fast jedes Lied an diesem Abend. Dass sich Räuber hier – im allerbesten Sinne – immer wieder in seiner Musik verlor, sprach nur für die Vielschichtigkeit und übertrug sich auf das Publikum. Dabei wankten Menschen, mit geschlossenen Augen wohlwollend zum Sound und ließen ihre ganz eigenen Erinnerungen Teil des Songs werden.

Mit dem herausragenden Wall-Remix vom deutschen Musiker Geistha, der bisher leider nirgendwo zu finden ist und dem Après Minuit hat sich Räuber mit letzterem Song sogar einen kleinen Die-Fabelhafte-Welt-Der-Amelie-Moment gezaubert. Denn hier hatte er sich für den Auftritt, den ebenfalls aus Berlin kommenden Musiker und Produzenten Schlindwein mit ins Boot geholt. Ebenso dabei war zum Schluß des Konzertes eine Coverversionen des Scott Mathew Songs Effigy, den Räuber völlig auslebte. Dabei griff er sich schließlich das  Kassettenradio und lief mit der Textpassage Find my way home abermals durch das Publikum, um den Raum schließlich zu verlassen.

Mit Wall beginne ich nun eine Reise, die noch viele spontane Momente hervorbringen wird, darauf kann ich endlich wieder vertrauen. Ich freue mich, dir auf diesem Weg zu begegnen erwidert Räuber schließlich am Ende seines EP-Booklettextes. man merkt in jedem Moment, dass Räuber hierbei unglaublich viel Herz und Energie hineingesteckt hat.

Zuletzt auf einem Konzert von Polarkreis 18 im Jahr März 2009 live gesehen, ist Räuber nicht nur erwachsener geworden, sondern präsentiert sich auch angekommen und selbstsicher. Und so endet der Abend schließlich darin, dass man – förmlich überrumpelt von der Frage was man sich in die gerade erworbene EP notieren lassen möchte – keine Antwort parat hat und somit ein schlichtes aber charmantes Liebe Grüße von Felix Räuber zu lesen bekommt. Räuber ist damit mit seiner Wall EP zurück und stärker denn je.