Provinz – Wenn pure Emotionen auf uns niederprasseln

Aktuell gibt es eine Reihe von jungen deutschen Bands, die außergewöhnliche und herausragende Musik machen. Diese trifft sich ob der unterschiedlichen Genres doch immer wieder durch gemeinsame Nenner. So ist es zum einen der Sound, der Bands wie RAZZ, Giant Rooks oder Lea Porcelain so anders und international klingen lassen. Zum Anderen sind es die Lyrics, die Bands wie Jeremias, AnnenMayKantereit und Provinz so deutlich hervorheben. Zählen AnnenMayKantereit hier schon fast zum alten Eisen, stehen Provinz noch komplett am Anfang. Umso erstaunlicher ist, dass die 2017 gegründete Band mit Frontsänger und Songwriter Vincent Waizenegger für Texte steht, die so durchdringend sind, dass man sich immer wieder, bis aufs Fleisch ertappt fühlt, genau diese Gefühle auch schon gehabt zu haben. Gleichzeitig ist es die rauchig, kratzige Stimme Waizeneggers, die ihm eine Reife gibt, die nach einem Mittvierzig-Jährigen klingt, der in einer Nacht im Alkoholrausch erkennt, dass es so nicht weitergehen kann. Dabei steht nicht die Unzulänglichkeit des Alkoholikers im Vordergrund, sondern ist der Wechsel von Resignation in die Motivation das Bemerkenswerte. Hierbei zieht Waizenegger musikalisch blank und stellt die eigene Zerbrechlichkeit hinter die Darstellung eines Gefühls, welches ein Jeder schon einmal gespürt hat. Provinz singen, wie auf Wenn die Party vorbei ist, von Selbstaufgabe, Unvernunft, dem Streben nach Glück und von Tiefpunkten im Leben und treffen damit mitten ins Herz. Auf ihrer nun veröffentlichten Doppelsingle Nur Freunde und Verlier Dich hat sich Waizenegger mit der Situation befasst, die ihm selbst einmal beschäftigte. Wenn aus einer langen – schon im Teenageralter zusammengewachsenen – Freundschaft auf einem Liebe wird, was ist es dann?! Kann man diesen Gefühlen trauen? Sollte man diesen Gefühlen trauen? Wenn ja, was wird dann aus der Freundschaft? Zumindest letztere Frage wird schließlich mit Verlier Dich beantwortet und zeigt, wie sich Waizenegger mit Hilfe seiner Freunde Abhilfe verschafft. Provinz bringen es auf den Punkt und singen – als Band, in der alle Mitglieder um die 20 Jahre alt sind – über Themen, die so nah an der Realität sind, dass wir und am Ende selber fragen müssen, wo wir jetzt mit unserem Gefühlswirrwarr stehen. Alle Songs werden auf ihrem, am 14. August erscheinenden, Debütalbum Wir Bauten Uns Amerika enthalten sein, welche sie uns im Mai und Juni auf Festivals und im September und Oktober bei ihren – bisher noch nicht abgesagten – Liveauftritte präsentieren werden.

Balthazar – Vom Fieber der Zukunft

Maarten Devoldere hat musikalisch schon einiges durchgemacht. Gründete er mit vier Freunden 2004 die Band, folgte ein Aufstieg, der verheißungsvoll war. Mit den ersten beiden Alben Applause (2010) und Rats (2012) erarbeitete sich das Quintett eine Hörerschaft, welche die Band schließlich bis nach Südafrika und in die USA brachte. Doch hatte dieser enorme Erfolg auch seine dunklen Seiten. Denn bereits 3 Jahre zuvor verabschiedeten sich zwei der fünf Gründungsmitglieder von der Band und wurden durch andere ersetzt. 2015 konntet Ihr bereits hier auf SOML über die Single Bunker lesen, doch 2018 folgte – nach 14 Jahren Bandzugehörigkeit – mit Patricia Vanneste die weibliche Stimme der Band. Bereits in den beiden Jahren zuvor, hatte sich Balthazar in eine kreative Pause verabschiedet, in der drei der fünf Bandmitglieder Soloplatten veröffentlichten. Nun ist die neu erstarkten Band mit frischem Material zurück und veröffentlicht am 25. Januar mit Fever ihr viertes Studioalbum. Die gleichnamige Single ist dabei eine starke, treibende Nummer, die zwischen Indie und Alternative changiert und in einem fast schon hypnotisierenden Soundgerüst aufgeht. Dabei klingt Devolderes Stimme entspannt aber auch immer etwas bedrängend. Fever ist außergewöhnlich – in vielerlei Hinsicht – und bedeutet eine Zäsur in der bisherigen Bandgeschichte der Belgier. Denn das, was mit dem neuen Album kommen mag, scheint deutlich größer zu werden, als das bisher Bekannte.

Ida Kudo – Moderner R&B mit fernöstlichem Touch

Sie wird oft mit den Worten Eine wie sie, hat es noch nicht gegeben angekündigt. Dabei hat die Dänische Sängerin und Produzenten alle Strippen in der Hand und erinnert an Künstler wie M.I.A., MØ oder die letzten Songs vom Kimbra. Ida Kudo beschreibt ihren Sound als eine Mischung aus Pop, Indie und Elektro und singt dabei nicht nur Songs, sondern produziert diese und schreibt die Texte selbst. Somit kann man Kudo also getrost als Selfmade-Künstlerin beschreiben, die mit ihrer Energie für spannende, neue Musik aus Dänemark sorgt. Mit der Vorliebe zu großen Beats aber auch immer wieder rohen Soundschnipseln überzeugt die Sängerin mit Dänisch-Japanischen Wurzeln und lässt immer wieder fernöstliche Klänge erklingen. Ihre aktuelle Single Gold ist dabei eine wuchtige R&B-Nummer, die mit großen Beats und einem außergewöhnlichen Soundkostüm begeistert. Auf ihrem Soundcloud-Profil könnt Ihr noch weitere starke Songs finden – mit Gold wird sie allerdings in den kommenden Wochen wohl so einige neue Fans hinzugewinnen.

AnnenMayKantereit – Konventionslos ehrlich

AnnenMayKantereit sind schon eine außergewöhnliche Band. Hat die Band ganz Deutschland im Jahr 2014 im Sturm erobert, basiert ihr Erfolg einzig und allein darauf, dass sie sich ins Zeug legen, Straßengigs – und später in Konzerthallen – spielten und stets und ständig präsent waren. Ihre Spielwut schien schier unerschöpflich. So wurden die Songs Barfuß am Klavier, Oft Gefragt und Pocahontas zu Hymnen einer noch jungen Generation. Das alles liegt erst 3/4 Jahre zurück und doch haben AnnenMayKantereit es geschafft, sich im kollektiven Bewusstsein derart festzusetzen, das sie wohl auch ein Werbeprospekt singen könnten und es würde ihnen Ansehen bringen. Tun sie aber nicht – statt sich endlos lang auf den Songs des zweiten Albums Alles nix Konkretes auszuruhen, haben die Kölner Jungs an ihrem Nachfolgealbum Schlagschatten gearbeitet. Mit der ersten Singleauskopplung Marie präsentieren sie einmal mehr, dass ihre Musik geprägt ist, vom live spielen. Denn hier kommt das Gefühl aus der Performance und allen Facetten, die AnnenMayKantereit so einwandfrei beherrschen. Wenn andere Künstler zu erst ins Studio gehen, einen Song aufnehmen und dann an einer Live-Spielbarkeit arbeiten, haben AnnenMayKantereit schon längst alle begeistert. Marie ist eine Abrechnung mit so viele Themen, die den jungen Sänger Henning May beschäftigen. Von dem Verlust eines Freundes, dem frühen Tod seiner Mutter und dem Gefühl (un-?)glücklich verliebt zu sein. Dabei spielen sie ihre Instrumente gewohnt entspannt und lassen der rauen Stimme Hennings viel Raum zum wirken. So klingt Marie direkter und hat keine polierte Soundästhetik, sondern lädt mit einem Sound für eine Momentaufnahme zum verlieben ein.

Soak kommt!

Ihr konntet bereits im Zuge des First We Take Berlin Festivals und der Single B A noBody mehr über die junge Britin Soak erfahren. Ihre außergewöhnliche Stimme und das Gefühl, dass sie übermittelt, sind wahrlich selten für Sängerin dieses Alters. Nun wird Soak auch von den BBC-Radiostationen auf der Insel gefördert und wurde in die heiß begehrte Playliste des BBC One Radios aufgenommen. Dabei ist Sea Creatures anders als es noch B A noBody war – zwar balladesk, doch mit einer Grundstimmung die eher fröhlich klingt. Dies ist besonders deshalb hervorzuheben, da sich Soak doch eher in den zurückhaltend, melancholischen Töne zu Hause fühlt. So ist es auch kein Wunder, dass nun endlich auch ein Termin für die Veröffentlichung ihres Debütalbums feststeht. Der Titel hätte hierbei nicht passender sein können – und wird Before We Forgot How To Dream am 1. Juni veröffentlicht. Doch hier erst einmal das sehr gelungene Sea Creatures.

 

Highasakite – Liefern Nachfolger ab

War Since Last Wednesday doch ein Überraschungserfolg, liefern Highasakite nun die Folgesingle ab. Darth Vader ist eine flotte Gute-Laune-Nummer in der Frontsängerin Helene Håvik dem Song mit ihrer außergewöhnlichen Stimme noch zusätzlich einen Schimmer von froher Kunde mitgibt. Demzufolge musste das Video gleichfalls eine gute Geschichte haben. Und so sieht man Jungs im Alter von 8/9 Jahren die sich benehmen, als wären sie die großen erwachsenen Gangster der Straßen.
Mit Dart Vader lassen Highasakite keinen Zweifel daran, dass sie noch so einiges zu erzählen haben und gekommen sind, um zu bleiben.