Clueso – Konzertkritik (Huxley’s Neue Welt 2018)

Er kam, sah, siegte! Nicht anders ist zu beschreiben, was der Thüringer Musiker Clueso am vergangenen Dienstag in Huxley’s Neue Welt ablieferte. Clueso hat Erfahrung, ist in die Popwelt hinein gewachsen und hat alle Phasen eines Musikers durchlaufen. Vom Newcomer-Dasein, über die ersten Hypes, bis zu Zweifeln und einer Neuausrichtung – die ihm abermals einen Erfolgsschub bescherte – verpackt der 38-jährige Sänger all seine Erfahrungen und Emotionen immer wieder in Songs und erreicht damit ein Publikum zwischen Jung und Alt. Mit seinem aktuellen Album Handgepäck I schaffte es Clueso zum dritten Mal hintereinander die Pole-Position der deutschen Albumcharts zu erreichen und überraschte gleichzeitig mit einem Sound, der von akustischer Musik und Zurückhaltung geprägt ist. Sind doch alle Songs auf Handgepäck I im Laufe der vergangenen sieben Jahre entstanden, als der Sänger auf Reisen war. Davon beeinflusst, klingt Handgepäck I nach Weite, vorbeiziehenden Landschaften und einer entspannten Grundhaltung, die selbst Cluesos entspannte Art nochmal steigern lässt.

An diesem kalten Novemberabend rief er nun schließlich seine Fans auf, in die Konzerthalle am Neuköllner Hermannplatz zu kommen. War die Halle zum bersten voll und ausverkauft, folgten diesem Aufruf anscheinend viele seiner Fans. Pünktlich wie ein Maurer betrat der Sänger um 20:30 Uhr – ohne Vorband – die Bühne und begann mit den ersten Songs Morgen Ist Der Winter VorbeiEs Ist Schon Spät und Neue Luft. Dabei knisterte es still in der Halle und klangen die Gitarrensaiten voluminös und warm. Hiernach begrüßte er das Berliner Publikum und ließ sympathisch von der Stange, dass er ja doch immer etwas aufgeregt sei, das Publikum hier ihn aber so herzlich empfangen habe, dass dieses Gefühl schon fast verflogen sei.

Songs seiner Idole

Mit Vier Jahreszeiten An Einem Tag kündigte Clueso im weiteren Verlauf sein erstes Cover an diesem Abend an. Hat es der – im Original von der Australischen Band Crowded House geschriebene – Song tatsächlich in übersetzter Version auf das Album und sogar zur Singleauskopplung geschafft, kommentierte der Sänger, dass Englisch nicht so sein Ding sei und er diesen Song aber so sehr mochte, dass er ihn übersetzte und neu interpretiert habe. Dabei blieb der Sänger sehr nahe am Original und erhielt die traurig, emotionale Stimmung des der englischen Version. Mit Du Und Ich folgte anschließend eine poppigere Nummer, die ebenfalls als Singleauskopplung im vergangenen Sommer durch die Radios hallte und die gedämpfte Stimmung im Publikum wieder mit Energie füllte.

Mit den folgenden Songs läutete Clueso schließlich eine Strecke von älteren Songs ein, die auf die akustische Tour angepasst wurden. Da fielen mit Keinen Zentimeter und der Udo Lindenberg Kollaborationssingle Cello spätestens hier alle Hemmungen mitzusingen und hörte man bei den einschlägigen Textzeilen das Publikum um sich herum mal ruhig, mal frenetisch mitsingen. Mit den Worten, dass das Berliner Publikum immer etwas anders sei, quittierte er die Aussage mit dem Zusatz, dass es den Sänger mit einer ruhigen und offenen Haltung aufgenommen habe und er sich pudelwohl fühlte. Nach Cello kam der Sänger allerdings nicht drumherum, vom Hamburger Panikrocker Udo Lindenberg zu reden und teilte Anekdoten wie, dass Lindenberg rauchend in der Lobby eines Hotels darauf hingewiesen wurde, dass das Rauchen hier nicht gestattet sei und es noch nicht einmal einen Aschenbecher gäbe, mit den Worten Ja… früher stand hier mal einer. Diese Erinnerungen zauberten Clueso, während er sie erzählte, eine kindliche Begeisterung ins Gesicht und man mochte fast eine Art Heimeligkeit durch das Geschichten erzählen zu vernehmen.

Mit Chicago folgte schließlich einer seiner stärksten Songs und erzeugte dabei mit der Tragik, die der Text ausdrückt eine Gänsehautstimmung unter dem Publikum, die eine Mischung aus Empathie und Willenskraft ausstrahlte. Im Anschlus folgte mit Es Brennt Wie Feuer eine deutsche Interpretation des Bruce Springsteen Songs I’m On Fire. Dabei outete sich Clueso als großer Springsteen Fan und sorgte zur Mitte des Songs für einen – fast schon ekstatischen – Moment als er in den Refrain des Kings Of Leon Hits Sex On Fire überging und auf der Bühne kurzzeitig durch flirrende Gitarren das Gefühl, ein Rockkonzert zu besuchen, aufflammte.

Clueso mit Baguette aber ohne Annett Louisan

Fanpost war schließlich der älteste Song seiner Diskografie an diesem Abend – wurde dieser doch auf dem 2005er Album Gute Musik veröffentlicht. Mit Freidrehen und Gewinner drehte Clueso schließlich noch einmal voll auf und animierte das Publikum mitzusingen, bevor mit Paris eine kleine Chansonnummer folgte. Hierbei erinnerte Paris an Songs aus Annett Louisans Repertoire und würde sicherlich auch eine wunderbare Kollaboration mit ihr ergeben. Mit einer kurzen Verabschiedung kam die Band und Clueso nach knapp einer Minute wieder auf die Bühne um mit dem Mash-Up Achterbahn und Zusammen – eine Zusammenarbeit mit den Fantastischen Vier – nochmal richtig durchzustarten. Im Anschluss mit einer Jam-Session über Berlin, Zugehörigkeit, Toleranz und Umwelt rappend, zeigte Clueso, dass er immer noch die Skills des Freestyles beherrscht und beendete schließlich das Konzert mit dem melancholisch, schönen Barfuß.

Nach 18 Songs, 2 Stunden und 10 Minuten voller Power, einem unglaublichen Unterhaltungswert und Musik aus den Genres Hip-Hop, Rock, Pop und Chanson, verabschiedete sich Clueso schließlich endgültig von der Bühne und bedankte sich für die Herzlichkeit und das mal totenstille Lauschen, mal begeisterte Abgehen.
Hatte Clueso in den letzten vier Jahren insgesamt sechs Konzerte in der Hauptstadt gegeben, überraschte und begeisterte die Stimmung der Fans, die keine Ermüdungserscheinungen – den Musiker zu sehen – zeigten. Ebenso legte Clueso eine Energie an den Tag, die in Anbetracht der Anzahl an Berliner Konzerten zusätzlich begeisterte. Clueso ist ein Profi durch und durch. Er weiss, worauf es ankommt und wie er ein Publikum mitziehen kann. Dies schafft er allerdings so sympathisch und unterschwellig, dass man das Gefühl bekommt, einen Freund auf der Bühne zu haben.

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AVEC – Mit warmer Stimme gegen die Stille

Im September hatte die Österreicherin AVEC – mit Heaven/Hell ihr zweites Studioalbum veröffentlicht. Nun kam sie am vergangenen Donnerstag zu einem Konzert in den Berliner Club Gretchen und präsentierte uns das Album in einer warmen und knisternd stillen Atmosphäre.

Als Support traten, die ebenfalls aus Österreich kommenden, We Love Silence auf. Mit ihrer Mischung aus selig, ruhigen Arrangements, Cello, sanften Synthies und Lukas Staudingers weicher Stimme, wurde das, über die letzten Jahre zum Trio angewachsene, Gespann zum perfekten Support-Act für die 23-jährige Sängerin. Hierbei schafften es We Love Silence eine Mischung aus Pop, klassischen Elementen und modernen elektronischen Einflüssen zu verarbeiten.

Schließlich kam AVEC mit ihren drei Jungs auf die Bühne und spielte mit ihrer Akustikgitarre sofort los. Gleich in den ersten Songs gab uns die Sängerin mit Love eine ihrer aktuellen Singles zum Besten und begeisterte mit Natürlichkeit und einer charmanten Art. Anfangs noch mit Jacke bekleidet, präsentierte sie sich im Laufe der Show mit einem schwarzen Oberteil, das ihre Tattoos an den Armen wie Marienkäferflecke hervorstechen ließ. Mit so wunderbaren Songs wie Over Now BreatheYours und Alone stimmte AVEC den Abend fast gänzlich in eine heimelige Atmosphäre. Immer wieder auch zum Publikum sprechend, bedankte sich AVEC für die Aufmerksamkeit, die hier so hoch war, dass selbst in den hintersten Reihen nicht gesprochen wurde. Die daraus entstandene Stille, ließ selbst die Sängerin staunen und so scherzte sie, dass man dann ja auch jeden Fehler hören würde. Natürlich gab es aber keine Fehler, die es zu hören möglich gewesen wäre. Bei Under Water und Close kam es dann zu einem schönen Sternenhimmel, der durch die überdimensionale Discokugel des Gretchens, die Decke zum Leuchten brachte. Schließlich kamen auch noch Ida Leidl mit ihrem Cello und Lukas Staudinger von We Love Silence auf die Bühne, um AVEC zu begleiten. Dabei begeisterte AVEC mit einer Stimme, die so warm, wie das Knistern eines Kaminfeuers war.

AVEC zeigte an diesem Donnerstagabend sehr viel von sich. Sinnlich, bestimmt, fragil, verletzlich und stark waren die vorherrschenden Emotionen, die hier auf der Bühne zum Vorschein kamen. Und immer mit dabei – ein Soundteppich, der vom Träumen und Sehnsucht geprägt war. Mit einer mal verführerisch tiefen, mal drängend klaren Stimme ließ uns AVEC an ihren Emotionen teilhaben und hatte damit den Abend im Gretchen in einen Moment der Geborgenheit verwandelt.

Eine so sympathische, bodenständige, wie starke Künstlerin live auf der Bühne zu sehen gehört auf jede Liste eines Konzertgängers und kann im Falle der österreichischen Sängerin nur wärmstens empfohlen werden.

Alex The Astronaut – Konzertkritik

Ein Konzert, wie eine Show á la Alleinunterhalter. Am letzten Freitag war die australische Newcomerin Alex The Astronaut im Berliner Lido zu sehen. Damit unterstützte sie den gebürtigen Kanadier, doch mittlerweile zum Wahlberliner gewordenen Sänger, Sam Vance-Law. Dass Alexandra Lynn – wie Alex The Astronaut bürgerlich heißt – schon so einige Shows absolviert hat, konnte man in jeder Sekunde ihrer Bühnenperformance erkennen. Noch dazu, mit einer bemerkenswerten Gelassenheit und ur-sympathischen Art. Denn während Alex ihre Lieder sang, trumpfte sie immer wieder auch mit kleinen Anekdoten und Erinnerungen auf, die dem Publikum den jeweiligen Song näher brachte. Mit insgesamt neun Songs begeisterte sie dann auch alle und kam ihr Support so eines eigenständigen Konzertes gleich.

Mit dabei waren neben ihren Singles Waste Of Time und Not Worth Hiding auch Songs, wie What Sydney Looks Like in JuneCaught und Already Home. Bei Rockstar City ließ sie uns dann von der Erfahrung teilhaben, wie es war, jahrelang nur im kleinen Kreise zu spielen und plötzlich diesen Gig im ältesten Rock Club New Yorks – dem The Bitter End – zu haben. So war sie unglaublich beeindruckt auf der Bühne zu stehen, auf der auch schon Bob Dylan, Chuck Berry, Janis Joplin, Nina Simone oder Patti Smith spielten. Ihr persönlicher Funfact dabei war, dass nur rund 15 Leute anwesend waren und dies auch noch über kostenlose Tickets geschah, da ein Großteil hiervon zu Alex‘ Freunden zählten. Ist die Australierin doch eher bescheiden, wird der Club wahrscheinlich deutlich voller gewesen sein, als sie es zu präsentieren vermochte.

Mit Happy Song trumpfte Alex schließlich auf und sorgte für einen Unterhaltungsfaktor, der einer abendlichen Entertainmentshow gleich kam. Hatte sie doch das Publikum in zwei Lager geteilt und der linken und rechten Hälfte jeweils die markanten Refrain-Verse zugeordnet, um diese schließlich über viereinhalb Minuten vollends auszuspielen. Hierbei machte das Publikum so wunderbar mit, dass man sich kurzzeitig als Gemeinschaft an eine Klassenaufführung erinnert fühlte.

Alex The Astronaut @Lido Berlin http://www.soundtrack-of-my-life.com

An diesem Abend konnte man eindrucksvoll sehen, was für eine Bühnenpräsenz Alex hat und die so wunderbar frisch und neugierig ist, dass man ihrem Konzert nur verfallen konnte. Jetzt dürfen wir uns aber sicher sein, dass – wenn sie das nächste Mal in Berlin spielt – ein Debütalbum im Gepäck sein wird.

 

 

Christine And The Queens – Konzertkritik

Sie kam, sah, siegte. Nicht anders ist zu beschreiben, was Héloïse Letissier alias Christine And The Queens am gestrigen Abend bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert in der Berliner Columbiahalle abgeliefert hat. Einen Abend mit vielen Eindrücken, vielen Interaktionen und noch mehr Songs trieben den Siegeszug der französischen Sängerin weiter an – und noch viel mehr, wäre da nicht der Support-Act. Aber alles der Reihe nach.

 

Bereits im Vorfeld des Berliner Konzertes gab es Lobeshymnen und Vorfreude auf allen Kanälen, sei es im Radio, in den Feuilletons oder auf den Fanseiten der Sängerin zu hören und lesen. Und so war es auch kein Wunder, dass das einzige Deutschlandkonzert und eines der wenigen europäischen Konzerte überhaupt – außerhalb Frankreichs und Großbritanniens – in Windeseile ausverkauft war.

Lauren Auder @Columbiahalle Berlin http://www.soundtrack-of-my-life.com

Als Support Act stand Lauren Auder auf der Bühne, bei dem sich verschiedene Quellen noch nicht einmal sicher sind, wo er lebt, und wo er geboren wurde. Heisst es auf der Internetseite seiner Booking-Agentur Primary Talent International, er sei in Großbritannien geboren und in Frankreich aufgewachsen, meldet das Musikmagazin Pitchfork genau das Gegenteil. Hierbei zeigt sich der Widerspruch, den Auder auch am gestrigen Abend auf der Bühne präsentierte. Mit einem Sound, irgendwo zwischen Wave und Gothik orientiert, gab Auder seine Stimme in einer trägen und desinteressierten Art zum Besten und wirkte damit nicht, wie es eigentlich ein Support-Act machen sollte – die Masse anheizen, um den Hauptact danach zu feiern. Ist seine Bariton-Stimme unverkennbar und hat einen hohen Wiedererkennungswert, schaffte es Auder nicht, eine Verbindung mit dem Publikum aufzubauen. Was verwundert, hat der 19-Jährige Sänger doch Ende April in einem Interview gesagt I’m starting to get to where I’m able to make a true connection to the public, which has been kind of crazy. Von dieser Verbindung kann am gestrigen Abend keine Rede gewesen sein. Und so wurde die Ankündigung, dass sein letztes Lied kommen würde, fast schon freudig vom Publikum mit Jubel quittiert.

Nach 15 minütiger Umbauphase trat schließlich Letissier auf die Bühne und verwandelte diese in die Bretter, die die Welt bedeuten. So war die gesamte Show einem Bühnenensemble gleich, welches immer wieder in Trainingssessions zu den Songs performte. Mal abstrakt mit einem sogenannten Shadowing – hierbei kopiert eine Person die Bewegung der Hauptperson. Mal in Form einer Slow-Motion Performance oder wiederum auch ganz klar in Rivalenkämpfen der Bühnentänzer. Dies verlieh der Show eine Dynamik, die das Konzert zu einem Musical werden ließ. Hierbei konfrontierte Letissier das Publikum immer wieder mit Konversationen, die in den nächsten Song übergingen. So trat Letissier beispielsweise zwischen den Tänzern hervor, die gerade einen Freeze-Mode hatten (die Tänzer stehen wie eingefroren da und lassen sich durch Witze oder Bewegungen anderer nicht aus der Fassung bringen), um diese aus der Starre zu bringen um schließlich mit dem Satz Maybe I’m too tilted einen ihrer großen Hits Tilted/Christine überzugehen.

Es sind aber auch die einfachen Dinge, die Letissier so wunderbar beherrscht. So gab es neben Konfettiregen auch eine Art Sanduhr zu dem Lied The Walker bei dem langsam Sand von der Decke aus drei verschiedenen Kübeln auf die Bühne fiel. Schließlich tauchte sie, nach einem schnellen Abgang, mitten im Publikum wieder auf, um ihre Zugabe zu spielen.
Ob bei Doesn’t Matter oder Saint Claude – Letissier geht mit ihrer Sexualität offen um und zeigt sich bei den Performances zu diesen beiden Songs mit offener Bluse bis hin zum – bis auf den BH – freien Oberkörper.

In dem 110 Minuten langen Konzert verpackte das Energiebündel sagenhafte 19 Songs (hier gehts zur Setlist) aus den beiden Alben Chaleur humaine und Chris, sowie aus der EP Intranquillité. Dabei sprach Letissier auch immer wieder davon, wie wichtig es ihr sei, einen sicheren Platz für alle Arten von Liebe zu schaffen und, dass dieses Konzert ein sicherere Platz ist. Ihre Leidenschaft zur Bühne zieht sich durch ihr gesamtes Leben und so war die Show auch als solches nicht nur das Konzert einer französischen Popsängerin, sondern vielmehr ein Gefühl, eine Geschichte, Dramatik, Erotik, Cleverness und einfordernd und überzeugte in einem Maße, welches das Publikum vor Begeisterung wegbließ. Letissier – als Christine And The Queens auf der Bühne – wird zu Recht als Next Generation Leader (Time Magazine) betitelt und trägt damit einen großen Teil dazu bei, dass in politisch schwierigen Zeiten, die Stimmen für Liberalität, Humanität und Gleichberechtigung lauter sind, als die der Gegner.

Christine And The Queens @Columbiahalle Berlin http://www.soundtrack-of-my-life.com

Tash Sultana – Konzertkritik

Tash Sultana ist eine absolute Überraschung – in jeglicher Hinsicht. Besteht Tashs bisherige Karriere doch aus Superlativen und Rekorden. Angefangen auf den Straßen in Australien, baute Tash sich über die letzten drei, vier Jahre eine unglaubliche Fangemeinde auf und schaffte es schließlich via YouTube auch international große Beachtung zu finden. So waren Tashs Konzerte vor zwei Jahren weltweit, ohne überhaupt einen Plattenvertrag in der Tasche zu haben, allesamt ausverkauft und mussten hier und da sogar in größere Konzerthallen verlegt werden. Nachdem Tashs Debütalbum Flow State Ende August veröffentlicht wurde, folgte nun die dazugehörige Welttournee mit Konzerten rund um den Globus und somit auch in Berlin.

Gleich für zwei Konzerte sollte Sultana am 10. und 11. September in die Berliner Columbiahalle kommen. Und so fand das Auftaktkonzert am 10. September vor einer restlos ausverkauften Halle statt.

Also Support-Act traten die Pierce Brothers auf die Bühne, bei denen es sich tatsächlich um die Zwillingsbrüder Jack und Pat Pierce handelt. Mit einer wunderbar energiereichen Folkperformance brachten die beiden Australier die Halle fast zum Beben und sorgten für eine angenehme Aufwärmphase. Dabei erinnern Songs wie AmsterdamBrother oder Ocean stark an die Anfänge von Mumford & Sons. Laut, schnell, und voller Freude spielten die beiden ihre Banjos, Gitarren und erfreuten sich einer großen Zustimmung vom Publikum, das bereitwillig dazu tanzte und die Brüder bis zum Ende ihrer Performance feierte.

Nun war es soweit und Sultana betrat die, mit Teppichen auf dem Boden für eine Wohnzimmeratmosphäre sorgende, Bühne völlig alleine. Der Abend sollte allerdings anders verlaufen, als es die meisten Fans erwartet hatten. Denn entgegen der Erwartung, Studioversionen zu spielen, konzentrierte sich Sultana darauf, freestyle zu spielen und sich in den einzelnen Songs auch immer wieder mal zu verlieren. So gingen Stücke, wie Big SmokeSynergy und Pink Moon in bis zu 7/8 minütigen Klangbergen auf und wurden bekannte Songs, wie Notion und Murder To The Mind eher samplehaft angespielt. Dass dies zu Sultana passt und der Stimmung keinen Abbruch tat, war allerdings ebenso klar – wenn man die sozialen Kanäle des Masterminds verfolgte. Denn hier wird schnell klar, dass Sultana nicht den üblichen Konventionen und Erwartungen folgt. Dieses Verhalten ist schließlich auch der Grund, warum Sultanas Debütalbum so lange auf sich warten ließ.

In der Columbiahalle spielte sich Sultana mittlerweile durch Mellow MarmaladeFree Mind und Jungle und war dabei immer derart auf die Looping-Machine und das Einspielen der jeweiligen Instrumente konzentriert, dass hier nur sehr sporadisch mit dem Publikum interagiert wurde, was den Fokus noch deutlicher auf die Kunst auf der Bühne lenkte. Somit verlor sich das Publikum immer wieder in den langen Intros und noch längeren Outros. Sultana, derweil die Mütze nach dem 15. mal richten abgesetzt, machte ein Foto von sich und dem Publikum und verschwand hinter der Bühne. Für einige Minuten im Ungewissen gelassen, applaudierte das Publikum ununterbrochen, bis Sultana für eine Zugabe mit Harvest Love und Blackbird zurück auf die Bühne trat um den Abend zu beenden.

Tash Sultana @Columbiahalle Berlin http://www.soundtrack-of-my-life.com

Sultana tickt anders und zeigt dies auch offen. Das damit verbundene Konzert hat dies eindrucksvoll gezeigt. So zeigt sich Sultana mit Herzblut und bei der Sache und vergisst selbst hier und da, dass sie gerade auf einer Bühne und vor tausenden Fans steht.

Mighty Oaks – Horsehead Bay – Documentary (Cinema Screening Premiere)

Mighty Oaks - Horsehead Bay - Documentary

Mighty Oaks – Horsehead Bay – Documentary

Es gibt diese Abende, an denen Künstler ihre Fans begrüßen und nicht den größtmöglichen Effekt daraus erzielen wollen. Dieser Abend fand gestern im ältesten, noch bespielten, Kino Deutschlands, dem Movimento in Berlin, statt. Luden doch die Mighty Oaks ihre Fans zur Uraufführung ihrer Dokumentation Horsehead Bay – Documentary ein. 100 Plätze fasste der Kinosaal und gab es die Tickets ausschließlich zu gewinnen, kam das Trio um 20 Uhr vor die Leinwand und begrüßte die Fans mit gewohnt und sympathisch, lockerer Art. Um dann, in diesem kleinen und intimen Rahmen zu ein paar Songs aus dem Album anzusetzen. Da war zum Beispiel das titelgebende Stück Horsehead Bay, dass Claudio Donzelli, Ian Hooper und Craig Saunders auf Gitarren in einer Akustikversion spielten, bei dem einen warm wurde. Oder dem Titelsong des zweiten Albums Dreamer, sowie der aktuellen Singlen Be With You Always, bei denen Ian noch hinzugefügt, dass der Song für die Band immer eine harte Nuss sei, da die Band hier etwas Überwindung braucht, um ihn zu spielen. Nach ungefährt zehn Minuten setzte dann der Film ein und zeigte drei Musiker, die auf den Pfaden ihrer Vergangenheit wandelten. Begleiteten wir Ian Hooper in den Bundesstaat Washington, der von Wäldern und Seen geprägt ist und bei dem er erzählt, was ihm dieser Fleck Heimat bedeutet.

Eine Band wie ein offenes Buch

Es folgen immer wieder Szenen, bei der man die Band im Studio wiederfindet und am Album arbeiten sieht, doch sind die persönlichen Szenen, die der Kameramann Andrew Saunders einfängt, die tragenden Momente dieser ganzen Dokumentation. Bekommt man doch ein Gefühl dafür, welche Persönlichkeiten hinter der Band Mighty Oaks stehen. So zeigt der Film auch ganz zurückgezogene Momente, in denen Ian Hooper beispielsweise über den Tod seiner Mutter spricht und ihre Seele in Verbindung mit den Adlern in seiner Heimat bringt. Dass diese am Tage des Todes da waren und damit Hallo und Auf Wiedersehen sagten und dabei sinnbildlich für das Vergängliche standen. Überhaupt spielt die Vergänglichkeit in dem knapp 50 minütigen Film eine große Rolle. Denn wenn Claudio Donzelli davon spricht, wie sehr seine Eltern und vor allem sein Vater, an der Firma hängen, die sie aufgebaut haben, ihre Söhne aber beide andere Lebenswege verfolgen und eine Übernahme dieser Firma nicht in dessen Leben passt, ist der Moment der Erkenntnis bei Donzelli ganz vorsichtig ausgearbeitet und man erkennt den Moment, an dem er feststellt, dass diese Firma so nicht mehr lange existieren und damit eine Erinnerung, an die Kindheit und der Zeit des Aufwachsens, verschwinden wird. Ebenso trifft auch Craig Saunders dieses Gefühl. Konnte er doch, im Zuge der Dokumentation, nochmal den Schulsaal aufsuchen, in dem er auf der Bühne stand und vor Familienangehörigen und Mitschülern erstmals sang. Diesen Moment als unbeschreiblich zu benennen und ab da an zu wissen, dass Saunders Musik machen will, veränderte sein Leben. Auch haben alle eine enorme Verbindung zu ihren Eltern und zeigen dies auf ganz unterschiedliche Weise. Saunders hatte in der Zeit der Albumaufnahmen zu Dreamer mit seinem, an Alzheimer erkrankten, Vater zu kämpfen und beschreibt hier den Verlauf der Krankheit mit den Worten, dass man jeder Zeit damit rechnet, vom eigenen Vater nicht mehr erkannt zu werden.

Die Macht der Bilder

Diese Eindrücke und eine unglaublich sensible Bildsprache lassen die Dokumentation um die Mighty Oaks zu einer unerwartet, persönlichen Vorführung werden. Hatte die Band auch schon vor Horsehead Bay – Dokumentary einen festen Platz bei den Fans, in Berlin und auch deutschlandweit, wird die Band durch den Film, der unglaublich reich und eine wunderschöne Bildsprache besitzt, auf eine neue, bedeutende Stufe gesetzt.

The xx – Konzertkritik

The xx - I See You - European Tour www.soundtrack-of-my-life.com

The xx – I See You – European Tour http://www.soundtrack-of-my-life.com

Es war eine Art Heimspiel. Das britische Trio von The xx kamen, 4 Jahre nach ihrem letzten Berlinbesuch wieder in die Hauptstadt – und alle waren da. Spätestens nachdem ihr drittes Album I See You im Januar auf Platz 1 der deutschen Albumcharts einstieg, war klar, dass diese drei schüchternen Londoner keine kleine Indieband mehr sind. Dies sollte auch am vergangenen Samstag noch einmal eindrucksvoll bewiesen werden. Gaben sie doch in der Arena Berlin ein Konzert und füllten diese nicht nur, sondern sorgten für ein ausverkauftes Haus und spielten somit vor rund 9.000 Fans. Überraschend war auch, welches Publikum das Trio in die Arena zog. Hatten The xx 2013 noch im Spreepark mit ihrem eigenen Festival Night + Day vorrangig die, in Berlin so beliebten, Hipsters angezogen, fanden sich nun in der Arena von Hipsters, über Fanschal-tragende, bis hin zu Fans, nahe des Rentenalters alle Gruppen wieder. The xx sind zu einer Mainstreamband, fernab des Mainstreams geworden und erfreuen sich vor allem in Berlin einer enormen Beliebtheit.

Nur am Rande sei hier kurz erwähnt, dass die Arena Berlin keine ideale Location für Konzerte ist, die eine gewisse Klangästhetik voraussetzen. Ein James Blake oder eben The xx leiden deutlich unter der großen Halle und dem Stahlgebäude, das die Bässe blechern zurückwirft. Doch versuchen die Veranstalter und Tontechniker stets das beste und gaben so auch am Samstag alles, um die Defizite wettzumachen.

Die neue Leichtigkeit

Als Support legte der britische DJ Floating Point die erste halbe Stunde auf und untermalte das Warten mit Songs wie Argenté, Kuiper und Silhouettes (I, II & III). Floating Points moderner und entspannter Elektro war die perfekte Einstimmung auf The xx und ließ bei dem ein oder Anderen bereits die Tanzlust steigern. Um 21:15 sollte es schließlich soweit sein und Romy Madley Croft, Oliver Sim und Jamie xx betraten die Bühne. Mit Say Something Loving eröffneten sie den Abend und präsentierten damit gleich die Richtung, in die es mit der Neuausrichtung von The xx gehen sollte. Ist doch ihr drittes Album deutlich poppiger und freundlicher geworden. Dies steht der Band so gut, dass man am Samstag auch auf der Bühne ein ausgetauschtes Trio sehen konnte. Da stand Jamie xx im Hawaiihemd erhöht an seinem DJ-Pult und Romy und Oliver in schwarz gekleidet (manche Dinge ändern sich dann doch nicht) an den Mikros. Auffällig bei Say Something Loving war, dass Romy deutlich direkter sang und sich fast schon wie eine Frontsängerin präsentierte. Dies war zuvor nie der Fall, waren die drei doch viel zu schüchtern und zurückhaltend. Mit Crystalised und Island folgten dann zwei der wohl beliebtesten Songs aus dem Debütalbum xx und sorgten so für Begeisterung beim kompletten Publikum.

Der Einfluss eines Soloalbums

In den fünf Jahren, die The xx kein neues Album veröffentlichten war vor allem Jamie xx rege unterwegs und veröffentlichte mit In Colour sein hochgelobtes erstes Soloalbum. Auf diesem präsentiert sich Jamie xx deutlich positiver als noch bei den Produktionen für The xx. Und genau das sollte sich schließlich auch auf die neuen Songs von I See You auswirken. So sind die Songs Lips und Performance, die als nächstes folgten, von der neuen Präsenz Romy und Olivers geprägt. Stehen sie doch jetzt deutlich im Mittelpunkt und versuchen sich nicht mehr als unbedeutendes Beiwerk zu präsentieren. Mit einem Cover des Drake Songs Too Good überraschten sie schließlich durch ein intimes Duett, um dann mit Brave For You gleich einen weiteren ruhigen Song des neuen Albums zu spielen. Mit Infinity und VCR starteten The xx dann auch richtig durch und bekamen hier auch den letzten Fan dazu mitzusingen und zu tanzen. War die Bühne als riesiges Spiegelkabinett aufgebaut, strahlten die Scheinwerfer diffus durch die Halle und ließen die Bühne in einem Farbenmeer erscheinen. Hinzu kam, dass sich einige Spiegel- und LED-Säulen bewegten und somit die Farben in alle Richtungen projizierte.

Pop hält Einzug

Mit I Dare You folgte schließlich eine positive Hymne, bei der man mitsingen und auch mal Oooohhhhhhooohoo rufen konnte. Allein ein solcher Gesangspart war vorher nie mit The xx in Verbindung zu bringen und stand ihnen doch am Ende so gut. Mit Dangerous folgte eine Clubnummer bei der die gesamte Arena zu tanzen begann und damit den größten Dancefloor des Abends in Berlin schuf. Mit dem ruhigen A Violent Noise brachen The xx dann noch einmal die Tanzwut des Publikums auf, um dann Jamie xx so richtig zum Zuge kommen zu lassen. Hatte er doch einen Remix der beiden Songs Fiction und Sunset gespielt. Dieser war mit einer Lichtshow versehen und ließ nicht nur die Beats in der Brust spüren, sondern gleichzeitig auch ein Gefühl der Zugehörigkeit aufkommen. Dass dieses mit den schnelleren Nummern geschah, kann man dem enthusiastischen Publikum zuschreiben, das jeden Song und jeder Version dankbar annahm und zelebrierte. Darauf folgte Shelter, ehe sie mit Loud Places aus Jamie xx Album In Colour zum vorerst letzten Song ansetzten. Hier kam es dann noch einmal auf, dieses Gefühl zwischen Tausenden zu stehen, die den Song ganz unterschiedlich aufnahmen aber alle bis zur letzten Sekunde genossen. Da tanzten ausgeflippte Südamerikaner und drückten ihre Freude mit Sprüngen und wilden Gestiken aus, sowie es den ruhigen bärtigen Mittzwanziger gab, der einfach nur die Augen schloß und man erkennen konnte, wie der Song ihn durchdrang. Diese Facetten und der Reichtum, den Songs wie Loud Places auslösen, sind das eigentliche Geheimrezept des Erfolges von The xx. Und so gingen die drei von der Bühne und ließ Jamie xx den Beat einfach weiterlaufen, um dann zwei Minuten später zurückzukehren und mit On Hold diese positive Stimmung noch einmal zu erhöhen. On Hold ist derart positiv und strahlt eine Weite aus, die gleichzeitig mit Sehnsucht verbunden ist und einfach nur zum genießen anregte. Was folgte war Intro, der als gewaltiger Instrumental-Song vom Debütalbum xx bereits seit seiner Veröffentlichung begeistert.

The xx & Berlin – Eine Verbindung die bleibt

Zum Schluß setzte Oliver schließlich, mit den Worten, dass Berlin schon immer eine besondere Stadt für die Band sei, ein und beschwor die Verbindung, die Romy, Jamie xx und er zu ihr und den Menschen haben. Mit einem danke in die Menge setzten sie zu Angels an und zeigten so, wie sehr sie dem Berliner Publikum dankbar sind. Heißt es in Angels doch They would be
As in love with you as I am, they would be, in love, love, love. The xx haben in Berlin das geschafft, was die wenigsten von ihnen für möglich gehalten hätten. Erfolgreich zu sein, große Hallen auszuverkaufen und sich dennoch fernab des Poprummels abzuspielen. Dieses britische Du, dass im Teenageralter angefangen hatte mit sensiblen und introvertierten Songs die Welt zu begeistern ist zu einer großen und wichtigen Band gewachsen. Dies haben sie in der Arena Berlin gezeigt. Und so wird die Fanbindung auch die nächsten Jahre eine konstante Bank für die Band sein.

Lea Porcelain – Konzertkritik

Lea Porcelain @Auster Club Berlin

Lea Porcelain @Auster Club Berlin

Es war ein Abend, der erstaunte. Nicht nur, dass das Duo Lea Porcelain im Berliner Auster Club auf die Bühne trat und man erst dann in den Genuß des Konzertes kam, wenn man rechtzeitig vor Ort war – gab es die Karten doch nur an der Tür des Clubs – zeigte sich auch in der Auswahl des Support-Acts, dass das aus Frankfurt am Main kommenden und mittlerweile zwischen Berlin und London pendelnden Duos kein gewöhnlicher Act ist. Mit dem brasilianischen Poeten und Dadaisten Ricardo Domeneck, der bereits seit einigen Jahren in Berlin lebt, begann der Abend mit einer drohenden, poetischen Performance. Dabei wirkten die Worte ermahnend, sein kühler Ausdruck fast schon vernichtend und die akustische Untermalung verwirrend. Die kurzzeitige Assoziation mit Baz Luhrmanns Everybody’s Free (To Wear Sunscreen) wurde immer wieder durch die harten Worte zerrissen und konnte dennoch nicht ganz bei Seite gelegt werden. Nach knapp zehn Minuten beendete Domeneck seinen Auftritt mit einem kurzen Thank You, um wenig später Lea Porcelain, auf der Bühne zu viert, anzukündigen.

Ricardo Domeneck @Auster Club Berlin

Ricardo Domeneck @Auster Club Berlin

In den letzten 12 Monaten immer wieder in den Musikmagazinen Deutschlands und sogar Großbritanniens gelobt und verheißungsvoll einer großen Zukunft bescheinigt, trat an diesem Sonntagabend die Band auf die Bühne und schien, aus unterschiedlichen Richtungen, Nervosität, Spielwut, kindliche Freude und erwachsene Gleichgültigkeit auszusenden. Mit dem alles überragenden Out Is In begann die Band schließlich ihr erstes Konzert in 2017 und lieferte nicht weniger, als den grandiosen Industriel Sound ab, den man aus den Lautsprechern zu Hause schon seit Monaten hört. Allerdings reicht selbst Industriel nicht aus, um die Vielfalt von Lea Porcelains Sound zu beschreiben. Kommen doch elektronische Elemente vor, sowie die Songs melancholisch und dunkel klingen und fast schon eine Art rohe Gewalt ausdrücken. Mit Warsaw Street gingen sie in den nächsten, großen Song über, der perfekt als Untermalung einer langen Nacht dient, in der man sich verliert. Treibend, laut und betäubend schwillt die Gitarre an und kreist wabernd um die Ohren. Dabei singt Frontsänger Markus Nikolaus mit verzerrt, hallender Stimme in seiner ganz eigenen Welt.

Es folgten einige, noch unbekannte, Titel, die sicherlich ihren Weg auf das, für 2017 angekündigte, Album finden werden. Was mit Out Is In und Warsaw Street begann, sollte nun mit Bones und Similar Familiar beendet werden. So flackerten Stroboskope im Nebel auf und wurde die Bühne zu einem Ort, den viele als Untergrund beschreiben würden. Lea Porcelain sind weit weg von Pop, sie biedern sich auch nicht an. Ihre Auftritte sind ausgewählt, rar und speziell und zeigen eine Band, die, wenn das Glück und das richtige Management mitspielt, international deutlich bekannter werden könnte.

Lea Porcelain @Auster Club Berlin

Lea Porcelain @Auster Club Berlin

White Lies – Konzertkritik (Huxley’s Neue Welt Berlin)

White Lies @Huxley's Neue Welt, Berlin

White Lies @Huxley’s Neue Welt, Berlin

31. Oktober 2016 – Halloween! Der Tag, der vielen so viel Spaß am Verkleiden bringt, macht auch vor Konzerten keinen Halt. Und so haben sich die Briten von White Lies eine ganz besondere Show ausgedacht. Doch zuvor waren erst einmal die Jungs von The Ramona Flowers an der Reihe.

Das düstere ist der Freude gewichen

The Ramona Flowers sind als Support längst keine Unbekannten mehr. Hatten sie doch bereits vor zwei Jahre als Vorband von Bombay Bicycle Club im Berliner Postbahnhof gespielt. Damals noch mit einem eher melancholisch, wuchtigen Sound, sorgten sie dieses Halloween dafür, dass das Publikum im Huxley’s bereits im Vorfeld enorm angeheizt wurde. So spielten sie dann, mit Tokyo auch nur einen einzigen Song ihres Debütalbums Dismantle and Rebuild. Alle anderen sechs Songs kamen ausnahmslos vom aktuellen Album Part Time Spies und überzeugten durch mehr Direktheit und stadionlastigen Refrains. Selbst Steve Bird – Frontsänger der Band – zeigte mit einer offensiven und teils schon aggressiv gut gelaunten Art, dass sich die Band in nur zwei Jahren deutlich weiterentwickelt hat. Sehr angenehm wurde es, nachdem sie durch Hurricane, Dirty World und Skies Turn Gold führten, mit dem Song Start To Rust, der demnächst als Single veröffentlicht wird. Hier zeigt sich sowohl die Band, als auch Bird in alter Form und begleiten einen durch ein ruhiges aber intensives Soundkostüm, das durch Birds mal defensiven, mal offensiven Gesang an Tempo zunimmt. Zum Ende führt ein opulenter Sound und intensiver Gesangsausbruch, der beim Publikum punktete. Es ist schön zu sehen, dass The Ramona Flowers sich weiterentwickelt und dennoch den Sound ihres Debüts nicht verloren haben.

Aus der Gruft zwischen Orgeln und Sorgen um eine Stimme

So konnte man den Konzertauftritt der White Lies beschreiben. Kamen sie doch in Halloweenkostümen auf die Bühne, waren umgeben von Spinnweben und einer Gruftathmosphäre und schienen selbst den Sound angepasst zu haben. So fiel bereits bei den ersten beiden Songs Take It Out On Me und There Goes Our Love Again auf, dass die Synths deutlich klarer und fast schon nach einer Kirchenorgel klangen. Verstärkt wurde das ganze durch Charles Cave am Bass, der hier an den Sound der Rocky Horror Picture Show erinnerte. All diese Nuancen wurden so fein in die Songs eingearbeitet, dass man es kaum merkte. Doch spätestens bei To Lose My Life kamen dann diese Nuancen deutlich hervor und vom Nebel umgeben, verwandelte sich das Huxley’s in eine Hiernach sollte dann auch eine kleine Erklärung zwecks des Bühnenoutfits folgen. So hatte der Tour-Manager der Band zwar gesagt, dass Halloween in Deutschland nicht ganz so groß zelebriert wird, wie bei Ihnen, doch war Frontsänger Harry McVeigh dennoch überrascht, dass es so wenig verkleidete Menschen gab. Denn die Quote ging gegen Null.

Zurück in die 80er

Mit Hold Back Your Love sorgten sie dann für ein sattes 80er Jahre Gefühl. So passten Nebel, lila-blaue Bühnenstrahler, Synthies und ein Retrobeat in die 80er, dass man sich kurzzeitig nach dem DeLorean aus Zurück in die Zukunft umsah. Abermals zurück zu den Orgeln ging es dann natürlich mit Unfinished Business, bei dem das Publikum ohne Aufforderung mit klatschte und den Text mit sang. Als nächstes folgte eine kleine Überraschung, spielten sie doch mit Price Of Love einen Song, den sie seit 5 Jahren nicht mehr live performten und sorgten so für viele zufriedene Gesichter. Hier war dann auch das erste Mal festzustellen, dass McVeigh’s Stimme zum Ende hin brach, was im Laufe des Abends noch häufiger der Fall sein sollte. So viel gerade bei den langgezogenen Gesangsparts auf, dass McVeigh die Tonlage auf Dauer des Öfteren nicht halten konnte. Dies tat allerdings der Dynamik und Sound keinen Abbruch und überzeugte die Band umso mehr mit einer energievollen Show.

In die Vergangenheit und zurück

Zwischen Farewell To The Fairground und E.S.T. fassten die White Lies zwei ihrer poppigsten Nummern des neuen Albums FriendsMorning In LA und Is My Love Enough, ein. Immer wieder sorgten McVeigh und Cave mit kurzen Smalltalks dafür, dass das Publikum dran blieb und bei Songs wie Getting Even mitsang und tanzte. Es kamen selbst Parts vor, an denen McVeigh aufhörte zu singen, da das Publikum so laut mit sang und so den Song weiter trug. Immer wieder in den Gesichtern der Band zu lesen, war die Freude und Dankbarkeit, die sie dann auch nach jedem zweiten Song zum Ausdruck brachten.

Mit viel Euphorie ins Finale

Setzt bei anderen Konzerten im letzten Teil des Konzertes eine Müdigkeit ein, trat bei Songs wie Streetlights, A Place To Hide , Don’t Want To Feel It All und Death eine Euphorie ein, die sich in Jubel und langanhaltendem Klatschen äußerte. Stimmlich von Cave unterstützt, beendete McVeigh das Konzert mit einem Danke und wenig später nochmals für Big TV, Come On und schließlich Bigger Than Us zurück auf die Bühne zu kommen. Nach mehrmaligen Verbeugungen und einem Versprechen, so schnell wie möglich wieder nach Berlin zu kommen, verschwand die Band im Dunkeln.

Nach dem Nummer 1 Debütalbum To Lose My Life… wurde es in den letzten Jahren nicht einfacher für das britische Trio erfolgreich zu bleiben. Spülte es doch in den letzten Jahren unzählige Bands an die Oberfläche, die einen langanhaltenden Erfolg kaum noch möglich machen. Doch mit einer kontinuierlichen Weiterentwicklung und der Öffnung zu Soundelementen, die man noch vor drei Jahren niemals bei den White Lies vermutet hätte, zeigen sie, dass die Band in Bewegung ist und ihr eigenes Erfolgsrezept nicht einfach nur kopieren wollen. Dies ist Harry McVeigh, Charles Cave und Jack Lawrence-Brown mit dem vierten Album Friends gelungen. Sowohl im Studio, als auch Live.

Bear’s Den – Konzertkritik (Huxley’s Neue Welt Berlin)

Bear's Den @Huxley's Neue Welt Berlin

Bear’s Den @Huxley’s Neue Welt Berlin

Sie retten den Folk und Alternative Rock. So hatte es kürzlich eine britische Zeitung vor dem Release des zweiten Bear’s Den Albums Red Earth & Pouring Rain betitelt. Und tatsächlich sind Bear’s Den eine Band, die genau das macht, ohne diese Aussage für sich selbst zu beanspruchen. Dass die, auf ein Duo geschrumpfte, Band eher zurückhaltend ist, bekam man an diesem Abend im Berliner Huxley’s Neue Welt zu spüren. Inszenierten sie sich doch groß und blieben dennoch bescheiden und unglaublich sympathisch. Doch krempeln wir den Abend mal von vorne auf.

Matthew And The Atlas @Huxley's Neue Welt Berlin

Matthew And The Atlas @Huxley’s Neue Welt Berlin

Matthew And The Atlas

Der Konzertabend begann pünktlich mit Schlag 20 Uhr, als die ebenfalls aus London kommende Band Matthew And The Atlas auftraten. Ist ihre Musik im Folk und Country angesiedelt, passte diese Beschreibung allerdings nicht immer zu jedem Song. Vielmehr ließen Matthew And The Atlas ein Lagerfeuer entfachen. Mit knisternd, wärmenden Licht und einer berührenden Stimme. Mit den Songs Temple, Graveyard Parade, Old Master und On A Midnight Street schafften sie es schnell, mit dem Publikum eins zu werden. Spätestens mit dem melancholischen Elijah wurden auch die letzten Herzen des Huxley’s erwärmt und sorgten für so manch rollende Träne. Emma Gatrill am Pedal Steel bedankt sich dann auch mit den Worten, dass es die Band unglaublich schön fand, wie still das Publikum während der Song war.

Hasta La Vista Baby

Dieser Ausspruch sollte nicht nur zu einem der meist genutzten Filmzitate der 80er Jahre avancieren, sondern Bear’s Den in die Höhle des Löwen schicken. So hatte sich das Duo als Intro den Film-Score des Terminators ausgesucht und ließ im Vorfeld das Huxley’s mit Duftstäbchen belüften. Nach einem kurzen ‚I’ll Be Back-Flashback‘ bei beim Ein oder Anderen im Saal, kamen die Jungs schließlich auf die Bühne und eröffneten das Konzert mit einem sehr starken Red Earth & Pouring Rain. In unfassbaren 30 Sekunden schafften Bear’s Den es, die Weite des Albums, die Melancholie und Verletzbarkeit zu transportieren und den Raum in eine Blase zu packen, aus der man erst nach 110 Minuten wieder entlassen werden sollte. Es war ein Moment der Reflektion, den die Band erzeugte, wenn sie sich zwischen den Songs immer wieder ungläubig anguckten und selbst überrascht über die Resonanz des Publikums waren. Denn was ihnen entgegen schrie, war das pure Glück und die Freude, diese Band live zu sehen. Dabei zu sein, wenn eine Band die Stimmung erzeugt, die man sonst nur alleine zu Hause oder über Kopfhörer unterwegs erlebte.

1.600 Gäste auf dem Badminton-Spielfeld

Weiter ging es mit dem epischen Emeralds, ehe sie, für den Anfang des Songs, Elysium zur Ruhe kamen. Doch mit Banjo und Trommeln bewaffnet folgte das Publikum dem Song wohl wissend zur Mitte und damit zu dem Moment an dem die Trompete durch den Saal hallte. Überraschend war dann auch die Nutzung von Synthies, die vor allem bei Songs wie Broken Parable und dem bereits gehörten Emeralds auffielen und diese gewisse Weite erzeugte, die der Band so gut steht. Nach einer kleinen Anekdote, dass die Band auf Tour immer Badminton spielt und die Hallen, in denen sie auftreten in ein Spielfeld verwandelt, folgten mit Greenwoods Bethlehem und Stubborn Beast zwei sehr unterschiedliche Songs. Der eine groß, mystisch und mit satten Klang und der andere akustisch und nach Lagerfeuerstimmung klingend. Worauf mit Isaac ein ebenso akustischer wie roher Sound folgte. War ein Banjo immer wieder mit dabei, fragte Kevin Jones – an der Gitarre und am Bass – rhetorisch, was denn besser wäre als ein Banjo. Das Publikum quittierte ihm die Frage mit der richtigen Antwort – zwei Banjos. Und so stöpselten die Beiden und ihre vier Tourmitglieder alle Instrumente ab und spielten den Song Sophie kurzerhand akustisch und mit zwei Banjos.

Das Gefühl von Glück

Es kam immer wieder auf, dieser Moment, des Glücks. Bear’s Den ließen einem bewusst werden, welche Menschen Wärme spenden, welche Momente in der Vergangenheit die stärksten Gefühle erzeugt haben – einfach, in welchen Moment man sich selbst groß, stark und voller Freude fühlte. Und sie zeigten auch, dass all diese Gefühle immer durch eine andere Person ausgelöst wurden. So sind die Texte der Briten voll von Aussagen rund um Liebe, Vertrauen, Sehnsucht und Hingabe. So passte es auch, dass mit Love Can’t Stand Alone wieder eine Ballade folgte, die mit sphärischen Bässen durch den Saal waberte. Mit Roses On A Breeze steigerte sich der Sound dann langsam wieder und wurde mit Andrew Davies warmer Stimme als Mantel umhüllt. Diese gefühlvolle Art hielt auch bei Fortress an, um dann schleichend von When You Break gebrochen zu werden. Rastete die Band doch in der letzten Minute dieses Song so sehr aus, dass mit Blitzlicht und intensiven Schlagzeug, Gitarren und Bass ein Moment der Ekstase entstand, um dann ganz scharf abzufallen und den Song mit den Zeilen „And I have seen all that you’ve seen, and I have been where you’ve been, no, our hands will never be clean, at least we can hold each other“ zu beenden.

Bear's Den @Huxley's Neue Welt Berlin

Bear’s Den @Huxley’s Neue Welt Berlin

Mit der Stärke eines einzelnen Songs

Mit Auld Wives folgte ihr wohl stärkster Song und zugleich auch ein Song, der als Referenz für die Band in den nächsten Jahren nachhallen wird. Bear’s Den schaffen es, dass Auld Wives eins zu eins klingt, wie man ihn vom Album kennt. Da steht ein starker Bass mit einem präsenten Schlagzeug genauso im Vordergrund wie die Synthies und Davies emotionale Stimme. So wünschte man sich, dass der Song für die nächsten zehn Minuten laufen würde um ja keinen Moment dieser Kraft zu verpassen. Doch irgendwann war auch dieser Song vorbei und Jones kündigte mit Above The Clouds Of Pompeii den letzten Song des Abends an. Zwischen – fast freundschaftlich klingenden – Buh-Rufen begann die Band das Intro zu spielen. Im Publikum setze, wie bei einem Startknopf, das Mitsingen ein. So wurde die Textzeile „Don’t cry, hold your head up high, she would want you to, she would want you to“ zur Hymne und durch den Chor von 1.600 so kräftig, dass sich die Band wieder anschaute und nicht glaubte, was ihnen passierte.

Bear's Den @Huxley's Neue Welt Berlin

Bear’s Den @Huxley’s Neue Welt Berlin

Ein Ende vom Ende

Kündigten Bear’s Den mit The Clouds Of Pompeii ihren eigentlich letzten Song an und verschwanden danach von der Bühne, verriet der Roadie, durch das Stimmen der Gitarren, dass es wohl doch noch mehr zu hören gab. Und so kamen die Jungs keine Minute später wieder auf die Bühne um mit Napolean nochmals ruhig zu werden. Mit Drew The Vines folgte dann noch eine schnellere Nummer ehe das passierte, was typisch für Bear’s Den war und gleichzeitig auch ein Moment war, den man so nur noch sehr selten auf Konzerten erleben kann. Hatte die Band Sophie schon akustisch gespielt, kamen sie nun für Gabriel in die Mitte des Saals und sangen inmitten aller Fans. Um sie herum setzte sich das Publikum hin, so, dass auch die, die weiter hinten standen, alles sehen konnten. Mit dieser Geste, sowohl von der Band, als auch vom Publikum zeigte sich einmal mehr, dass Teilen, so viel mehr wert ist. Im Anschluß verriet Andrew Davie, dass Berlin die einzige Stadt weltweit sei, die diese Geste zeige und sie dafür sehr dankbar seien. Wer bereits im Kesselhaus dabei war, kann das nur bestätigen, nahm doch beim Auftritt im Oktober 2015 das Publikum auch dort Platz und öffnete so die Sicht für alle.

Bear's Den @Huxley's Neue Welt Berlin

Bear’s Den @Huxley’s Neue Welt Berlin

Zum Abschluss spielten sie den Song, mit dem alles begann. Agape war 2012 plötzlich in aller Munde und geisterte mit zunehmenden Erfolg von Mumford & Sons durch diverse Blogs. An diesem Abend sollte Agape nochmal dafür stehen, das Publikum in ein großes Klassentreffen mit glücklichen Gesichtern zu verwandeln. So kam auch der 1.600 Mann starke Chor noch einmal hinzu und sang die Zeilen „I don’t want to know who I am without you“ bis der letzte Ton verstummte.

Dass diese Band, die mittlerweile zwei Alben veröffentlicht hat, die besten Musikkritiken der letzten Jahre in diesem Genre einheimsen konnte und in ausverkauften Häusern spielt, immer noch verwundert und überwältigt ist, wie sie das Publikum aufnimmt, zeigt, wie bodenständig und nah sie am Publikum sind. Da stehen diese beiden Musiker auf der Bühne und wissen wohl selber nicht, wie sehr sie ihr Genre retten.