Bicep - Apricots

Bicep – Der Große Sprung in die Vergangenheit

Er klingt ein wenig, wie ein Trance-Hit aus den 90er Jahren – der neue Song des britischen House-Duos Bicep. Mit Vocal-Loops, die an Dario Gs Sunchyme erinnern, schraubt sich Apricots in unseren Kopf und sorgt für eine Stimmung, die aus entspannten Phasen und dem Drang zu tanzen angeführt wird. Dabei hallen die kathedralenhaften Synthies durch den Raum und lassen nochmals Erinnerung aufkommen – nur ist es nun der wabernde Hintergrund, der an Paul Kalkbrenners Soundaufbau erinnert. Diese Elemente zusammengeführt, klingt Apricots damit nach einem schweren, lethargischen Housetrack, der sich auf dem neuen Album der Briten wiederfinden wird. Hier haben Andrew Ferguson und Matthew McBriar für Januar 2021 ihr zweites Album Isles angekündigt, welches auch den bereits veröffentlichten Song Atlas enthalten wird. Bereits ihr Debütalbum Bicep (2017) war eine sehnlichst erwartete erste Platte des Duos und wurde in der Zeit nach der Veröffentlichung zu einem regelrechten Hypealbum hochgepusht.

Bicep
Bicep

Zurecht überboten sich damals Medien, wie Pitchfork, Guardian, Mixmag, und Resident Advisor mit Lobeshymnen, was zur Folge hatte, dass die Jungs in den darauffolgenden Monaten einen Gig nach dem anderen spielten. Auch das MELT!-Festival bespielten sie bereits in den Jahren 2013 und 2017 und sollten dieses Jahr ein weiteres mal in der Stadt aus Eisen auftreten. Doch bekanntlich kam alles anders und so konzentrieren sich Bicep nun voll und ganz auf die kommende Veröffentlichung ihres Albums. Dieses wird den aktuellen Geschehnissen um die runtergefahrene Clubkultur Tribut zollen und eine Home Listening Version ihres Sounds wiedergeben, so das Duo. Auf Apricots hören wir, neben der trancelastigen Produktion einen typisch malawischen Gesang, der zusammen mit einer Aufnahme aus den 1950er Jahren des Bulgarian State Radio & Television Female Vocal Choir einen großartigen Weltmusik-Dancetrack entstehen lässt. Bicep werden mit ihrem neuen Album ein weiteres Mal begeistern und lassen auf eine verheißungsvolle Toursaison 2021 hoffen.

Jónsi feat. Robyn - Salt Licorice

Jónsi feat. Robyn – Sound aus einer Parallelwelt

Es überrascht und ist gleichzeitig wenig überraschend, was Sigur Rós Frontmann Jón ‚Jónsi‘ Þór Birgisson nun, so kurz vor der Veröffentlichung seines zweiten Soloalbums Shiver hier veröffentlicht. Denn war die erste Singleauskopplung Exhale dem Soundmuster Sigur Rós‘ noch sehr nahe, folgte mit Swill bereits ein erster Vorgeschmack auf den Sound, der noch kommen sollte. Hier bekommen wir durch das Zusammenspiel aus Autotune und überfrachteten Soundebenen ein Gefühl davon, wie sehr Jónsi von seiner interdisziplinären Arbeitsweise getrieben ist. Wurde mit Cannibal – eine Zusammenarbeit mit Elizabeth Fraser – Mitte August die dritte Single veröffentlicht, folgt nun, nur zwei Tage vor der Albumveröffentlichungen mit Salt Licorice die vierte Single. Darauf zu finden ist auch die Stimme der schwedischen Königin des Dancefloors – Robyn. Hier kommen zwei Künstler zusammen, die so viel eint und die eigentlich doch so weit auseinander liegen. Beide sind in ihren Bereichen Ikonen im Musikbusiness, arbeiten mit verschiedensten Genres und setzen ihrer Kreativität keine Grenzen. So gilt auch für Robyn das Siegel der interdisziplinären Musik und weist sie damit erstaunliche Parallelen zu dem Isländer auf.

Robyn & Jónsi Robyn & Jónsi

Nun haben die beiden mit Salt Licorice einen Song veröffentlicht, über den Robyn sagt: it is such a cute and perfect pop song. Über die Zusammenarbeit und den Song fügt sie dann noch hinzu, dass sie der Song heftig zum Tanzen, aber auch zum Rummachen animiert. Es brauchte gar keine Überlegung, um zuzusagen, mit Jónsi einen Track zu machen. Zu hören ist abermals ein vertrakteter Song mit verschiedenen Ebenen voller Synthies, Bässen, frickeligen Elektrosounds und den beiden Stimmen von Robyn und Jónsi. Dabei ist der progressive Verlauf des Songs eine Annäherung beider Sounds. Würde der Gesang ohne das Soundbett fast schon in einer Popballade aufgehen, federt er gleichzeitig den rauen Charme der Produktion ab und lässt einen Song entstehen, bei dem man begeistert und verstört zugleich ist. Und genau hier schließt sich der Kreis zum Sigur Rós geprägten Sound des isländischen Masterminds. Erscheint am Freitag – nach zehn Jahren – mit Shiver das zweite Soloalbum des Sängers, wird es die Position Jónsis als einen der großartigsten Künstler unserer Zeit weiter untermauern.

Tash Sultana - Beyond The Pine

Tash Sultana – Liebe gehört Dir

Es war ein fulminanter Start – von der Straßenmusik, bis in die Albumcharts weltweit. Das Debütalbum Flow State mit Songs, wie Murder To The Mind, MystikSalvation und Harvest Love schaffte es in 14 Ländern in die Charts und das, ohne große Promotion zu betreiben. Tash Sultana überzeugt durch die Musik, die Videos und sich selbst. Nachdem bereits mit Can’t Buy HappinessGreed und Pretty Lady, sowie die Kollaboration mit Matt Corby auf Talk It Out und die Zusammenarbeit auf Milky Chances Single Daydreaming, veröffentlicht wurden, rückt der Releasetermin des zweiten Albums immer näher. Zwar steht der genaue Veröffentlichungstermin von Terra Firma noch immer nicht fest, wird zumindest davon gesprochen, es noch in diesem Jahr zu veröffentlichen. Mit Beyond The Pine hat Sultana nun den fünften Song veröffentlicht und einen deutlich ruhigeren Vibe angeschlagen. Hier singt Sultana über einen smoothen Beat aus Loops und lässt die so großartig beherrschende Gitarre nur hier und da musikalisch aufleuchten. Im dazugehören Musikvideo sehen wir die beiden professionellen australischen Tänzer Timothy Spring und Chris Haines die verschiedenen Phasen einer Partnerschaft körperlich umsetzen.

Tash Sultana Tash Sultana

Durch ihre Bewegungen sehen wir Liebe, Wut, Trauer und Versöhnung in nur vier Minuten. Die Idee hinter dem Song und dessen Musikvideo ist es, Trost in der Natur zu finden und zu erkennen, wenn man die richtige Person im Leben gefunden hat – so Sultana. Dass Sultana gerade davon schreibt, wundert nicht – verfolgt man den Instagram-Account Sultanas. Denn hier präsentiert Sultana seit einiger Zeit eine Partnerin an der Seite, mit der Sultana alles teilt und uns daran teilhaben lässt. War Sultana in der Zeit vor Flow State eher zurückhaltend und introvertiert, wirkt Sultana nun immer öfter gelassen und entspannt. Gleichwohl die Intention hinter Beyond The Pine eine wichtige Message vertritt: Liebe gehört dir, egal welche Farbe, Rasse, Geschlecht, Religion, Sexualität oder Identität du hast – so Sultana selbst über den neuen Song. Auch wenn die einst so prägende Gitarre auf Beyond The Pine deutlich in den Hintergrund geraten ist, zeigt sich Sultana reifer und klingt durch die Arbeit mit der Loop-Station dennoch äußerst frisch.

Tensnake - Make You Mine

Tensnake – Geht den nächsten Schritt

Mit Coma Cat hatte der deutsche DJ und Produzent Marco Niemerski – der unter seinem Künstlernamen Tensnake auftritt – vor zehn Jahren seinen Durchbruch gefeiert. Basierend auf dem 1986er Song What I Like von der US-Amerikanischen Gruppe Anthony and the Camp schaffte es Tensnakes Version deutlich mehr nach vorne zu gehen und sich in den britischen Charts zu platzieren. Während 2014 mit Glow das Debütalbum von Tensnake veröffentlicht wurde und die Zusammenarbeit mit Nile Rodgers und Fiora auf dem Song Love Sublime – einen weiteren Clubhit – beinhaltet, folgt nun, sechs Jahre später, das zweite Album L.A. – welches der Hamburger Produzent am 16. Oktober veröffentlichen wird. Dieses Jahr erschienen mit Automatic, Somebody Else und Strange Without You bereits drei Singles aus diesem Album. Nun hat Tensnake mit What I Like die vierte Single ausgekoppelt und zeigt, wie frisch sein Sound nach all den Jahren klingen kann.

Tensnake - L.A.
Tensnake – L.A.

Mit hellen Percussions, einem Deep-House-Beat und bezaubernden Lyrics, lässt Tensnake den Sommer nicht mehr enden. Dabei kommen lockere Synthies genauso verspielt zum Einsatz, wie die typisch, nostalgische Stimmung, die momentan so gerne in elektronischen Songs eingesetzt wird. Tensnake selbst sagt über Make You Mine, dass es eine lustige und erhebende Liebeserklärung an den Dance-Pop der 90er Jahre ist, der meiner Meinung nach den dunkleren und lebhafteren Ansatz von „Strange Without You“ und „Automatic“ perfekt kontrastiert. Gut heraushören kann man dies, konzentriert man sich einmal auf den Sound im Hintergrund. Hier findet man Arrangements, die an Show Me Love von Robin S erinnern. Make You Mine ist eine mitreissende Dancehymne, die den Sommer in die Verlängerung schickt und uns ein Gefühl von warmen Partynächten beschert.

SIND - Batallion d'Amour

SIND – sind SIND

Es ist, als würde man zwischen zwei Spiegeln stehen. Schaut man in die eine Richtung, spiegelt die rückwärtige Seite nicht das, was man auf dem zugewandten Spiegelbild sieht und doch ist es das selbe Objekt. Wenn sich eine Band wie SIND, so sehr transformiert, dass sich die Hülle ändert, ohne dass das Herz dieser Veränderung all zu sehr folgt, kommt ein Gemisch raus, welches die Vergangenheit über das Jetzt mit der Zukunft verbindet. Spulen wir noch einmal zurück. Mit dem 2018er Debütalbum Irgendwas Mit Liebe wurde ein Freundschaftstraum plötzlich so sehr Realität, dass es die Band auseinander trieb. Nicht im Streit, sondern ganz freundschaftlich. Doch wenn Träume plötzlich wahr werden, wird Einigen klar, dass dieser Traum vorbei ist, wenn man ihn erreicht hat. So hat die Band sowohl ihren Bassisten, als auch ihren Frontsänger verloren und musste sich neu sortieren. Mit Johannes Husten, der vormals an der Gitarre war, wurde die Personalie um einen neuen Sänger ganz unkonventionell gelöst und sollte sich als wahrer Hauptpreis herausstellen. Denn während der vorherige Sänger eine genügsam, angenehme Gesangsstimme hatte, füllt Husten die Songs aus dem neuen Album Vielleicht Ist Es Anders Als Du Denkst mit Wut, Trauer, Resignation und einer emotionalen Gewichtung, die man so von der Band noch nicht kannte.

SIND - Vielleicht Ist Es Anders Als Du Denkst

SIND – Vielleicht Ist Es Anders Als Du Denkst

Gleichzeitig spielt Husten mit einem Kratzen in seiner Stimme – sollte es dem Ausdruck dienen – dass uns jedes einzelne Wort nachempfinden lässt. Mit weiten Indie-Gitarren, einem hymnischen Refrain und einem Text, der den Mix aus kraftvoller Wut und enttäuschter Resignation so gekonnt verbindet, haben SIND auf ihrer dritten Singleauskoplung Batallion d’Amour einen Song für die Ewigkeit geschaffen. Bereits mit Welt Verändern hatten SIND für einen der stärksten deutschen Indiesongs 2020 gesorgt. Diesen übertreffen sie nun mit Batallion d’Amour sogar noch einmal spielerisch und setzen ein Ausrufezeichen hinter ihren Sound. SIND sind SIND – auch wenn die Hülle sich verändert, hält das Herz aufrecht, was sich in den letzten Jahren – durch all diese Veränderungen – angesammelt hat. Batallion d’Amour ist nichts Geringeres, als eine der fulminantesten, deutschen Indiehymnen, die uns dieses Jahr bringen konnte und wird mit dem zweiten Album Vielleicht Ist Es Anders Als Du Denkst, das am 23. Oktober erscheinen wird, noch für so einige großartige Überraschungen sorgen.

 

The Futurist

Novaa – Nach der Zukunft sehnend

Mit Home hatte die Berliner Sängerin, Songwriterin und Produzentin Novaa im Frühjahr 2019 noch eine Single veröffentlicht, die von einer kühlen, bedächtigen Stimmung geprägt war. Damals, wie auch heute dreht sich in ihren Texten oftmals Vieles um das eigene zurechtfinden, in der Gesellschaft. Mal geht es darum, sich zu öffnen oder um das Preisgeben von Information, immer aber bringt die junge Musikerin – die in die vom Internet dominierte Welt hineingeboren wurde – diese Gefühl so authentisch rüber, dass wir sie ganz fest halten möchten. Hat Novaa ihr Debütalbum Novaa erst letztes Jahr im April veröffentlicht, folgt nun am 18. September mit The Futurist bereits ihr zweites Album. Darauf zu finden ist der gleichnamige Song The Futurist der sich wie das passende Gegenstück zu Home anhört. Auch wenn die beiden Songs künstlerisch keinen Bezug zueinander besitzen, wirkt The Futurist, wie der der Frühling, während Home den Winter markiert. Dabei hat sich Novaa für ihr zweites Album an ein Konzept gewagt, welches sich der Zukunft zugewandt zeigt.

Novaa - The Futurist

Novaa – The Futurist

So thematisiert sie darauf künstliche Intelligenz, autonomes Fahren oder den Umgang mit Drohnen – wie sie selbst auf ihrer Homepage sagt. The Futurist besticht mit einer lockeren Indie-Melodie, die sich leicht einprägt und um einen Refrain bewegt, der wie ein Leuchtturm aus dem Song herausragt. In dem Song geht es um das momentane Ich und die Person, die man in der Zukunft sein möchte. Novaa selbst, sagt über den Song, dass wir viel zu oft die wichtigen Dinge verschweigen und uns nicht trauen, diese bei jemanden anzusprechen, nur um anderen zu gefallen. So ist The Futurist das zukünftige Ich der Sängerin, die auf ihrem kommenden, gleichnamigen Album noch sehr viel mehr, von ihrem spannenden Alternative-Pop präsentieren wird. Mit ElonDrones und In Vitro hat Novaa bereits drei pulsierende Songs veröffentlicht und rundet mit dem Titeltrack nun das zweiten Albums thematisch ab. Auch wenn der Herbst bereits an die Tür klopft, lässt uns The Futurist nochmal den Frühling fühlen und holt uns für einen Moment aus dem Alltag raus.

Roosevelt - Echoes

Roosevelt – Mit Disco-Orchester auf die Tanzfläche

Bereits zwei Mal dürften wir uns dieses Jahr über neue Musik von Roosevelt alias Marius Lauber freuen. Zum einen war da die Zusammenarbeit auf One More Song mit dem US-Produzentenduo Classixx, auf dem Roosevelt mit einem funkigen French-House-Beat singt. Zum anderen veröffentlichte der Musiker und Produzent Mitte Juni mit Sign eine erste neue Single, seit seinem zweiten Album Young Romance. Nun folgt auf Sign die nächste Single und bietet sich als opulentere Version der Vorgängersingle an. Denn auch Echoes hat alles, was ein 80er-Jahre Synthie-Hit haben muss, bildet aber gleichzeitig ein akustisches Volumen ab, das durch die verschiedenen, überlagernden, Sounds eher vermuten lassen würde, dass hier eine komplette Band am Werk ist. Dass dies kein Zufall ist, erklärt Roosevelt dann auch zur Veröffentlichung des Tracks. Versucht der Musiker sich immer wieder aufs Neue daran, seinen Sound bis an das Maximum einer Ein-Personen-Band vorzuarbeiten, besteht die Intention darin, wie weit der Produzent mit den überlagernden Sounds gehen und gleichzeitig alles als einzelne Person umsetzen kann. So lassen ihn die verschiedenen Klangschichten zu einem Disco-Orchester werden, sagt Roosevelt.

Marius Lauber a.k.a. Roosevelt

Marius Lauber a.k.a. Roosevelt

Im Zuge der Veröffentlichung des Songs verrät er dann noch, dass auf Echoes auch etwas passiert, das ich so schon lange nicht mehr gemacht habe: Eine musikalische und lyrische Auflösung als zweiten Teil des Stücks, die als Antwort auf den Anfang funktioniert. Während es in der ersten Hälfte um den Versuch geht, eine Phase hinter sich zu lassen, und gewisse Erinnerungen reuevoll auslöschen zu wollen, geht es in der zweiten Hälfte darum, sich mit der Tatsache abzufinden, dass man diese Erinnerungen gemacht hat, mit dem Wissen, sie jederzeit wieder abrufen zu können und wieder in die Gefühle eintauchen zu können, die man einmal hatte. Es baut sich zu einem sehr nostalgischen und euphorischen Moment auf und macht aus der Vergangenheitsbewältigung etwas Positives und Ekstatisches. Sind seine beiden, bisher veröffentlichten, Alben Roosevelt (2016) und Young Romance (2018) im zweijährigen Abstand erschienen, dürften wir uns so langsam wieder an die Hoffnung auf einen baldigen Release eines dritten Albums machen. Mit dem opulenten Echoes haben wir auf jeden Fall einen Track in unserer Playlist, der uns den bevorstehenden Herbst noch ordentlich einheizen wird.

May And Robot Koch - Bad Kingdom

May and Robot Koch – Das mystische Cover

Es ist ein Moment, in dem die meisten von uns mit Knoten im Hirn auf der Couch sitzen und versuchen, die Wirrungen um die mystische Hit-Serie Dark zu verstehen. Während im fiktionalen Ort Winden noch mehr zu verschwimmen erscheint, ist es in der ersten Folge der dritten Staffel ein Song, der uns nur all zu bekannt vorkommt. Denn mit Bad Kingdom ist ein Song gespielt worden, welchen die Berliner Supergroup Moderat – bestehend aus Modeselektor und Apparat – einst 2013 auf ihrem zweiten Album II veröffentlichten. In der Version aus der Serie Dark ist es jedoch May and Robot Koch, die dem Song eine ganz neue Bestimmung verleihen. Während die Sängerin May dem Song mit ihrer Stimme eine fantastisch, melancholische Stille verleiht, ist es der Produzent Robot Koch, der dem Song diese mystische Gefühlslage verpasst. Dabei ist Robert Koch – wie der in Kassel geborene Produzent bürgerlich heisst – kein Unbekannter.

Dark - Netflix Original

Dark – Netflix Original

Denn mit Produktionen für Marteria, OK KID, Claire, Markus Wiebusch, Tensnake, K.I.Z., Casper oder Max Herre hat Koch bis zu seinem Umzug nach Los Angeles im Jahr 2013 Songs für äußerst erfolgreiche deutsche Acts produziert. Daneben bringt Koch über Four Music oder BMG noch eigene Alben auf den Markt und platziert Songs daraus erfolgreich in großen US-Serien. Wie schon im Original, ist es auch in der Version von May and Robot Koch die Songzeile This is not what you wanted. Not what you had in mind die uns immer wieder berührt. Im Fall der Dark-Version fördert sie aber eine Melancholie, die angereichert mit Trauer, Resignation und Müdigkeit ist. Vom traurigen Moment eines Verlustes, bis hin zum erschöpften Kampf um ein bereits verlorenes Gut, lässt uns Bad Kingdom in der May and Robot Koch Version zu uns selbst finden und dabei fast vergessen, wie stark, positiv und reich das Leben ist. Bad Kingdom ist ein Song für die Ewigkeit – May and Robot Koch haben daraus einen Song für immer gemacht.

SIND - Welt verändern (Cover Copyright Johannes Schröder und EyeCandy)

SIND – Von der Resignation, die Welt zu verändern

Schnelle Gitarren, ein wehmütiger Unterton und der singende Sprech von Sänger Hannes – das alles klingt vertraut. Aus der Bubble des Berliner Holzmarktes und dem suburbanen Raum Berlins lassen SIND nun mit ihrer neuen Single Welt Verändern einem Schmerz freien Lauf, der in uns allen schlummert. Mit den Worten Ich wollte nur, die Welt ein wenig verändern. Aber wenn dann nur mit dir. schreit SIND in genau diese Welt hinaus, was sich unser innerstes Gefühl seit jeher wünscht. Die Welt regieren – im übertragenen Sinne. Zusammen das Gefühl haben, Grenzen einreissen zu können und für ein paar Momente die Größten zu sein. Sei es, in dem wir auf den Dächern Berlins in den Sonnenuntergang tanzen oder rebellisch für Gerechtigkeit kämpfen. Die Sturm und Drang Zeit der Jugend zieht sich bis weit in das Erwachsenenalter hinein – wird nur nicht mehr so stark ausgelebt. Die Komfortzone nicht mehr verlassen wollen – genau hier setzten SIND an und fragen sich selbst, was eigentlich vom Aktivismus bleibt, wenn Facebook und Instagram auf dem Smartphone geschlossen werden?

SIND (Copyright EyeCandy)

SIND (Copyright EyeCandy)

Denn in dieser Welt sind wir die größten Verfechter des Guten. Und am Morgen davor, wenn es so richtig losgehen soll, stellen SIND fest: Doch wenn mir einfällt, dass Du weg bist, bleib ich liegen. Dabei erinnert die Kombo – bei der im Netz widersprüchliche Informationen über die Bandgröße und -mitglieder zu finden sind – an Bands, wie Frittenbude oder OK KID. Ihre neue Single Welt Verändern transportiert dieses Gefühl der Rastlosigkeit, gepaart mit einer Resignation und dem Wunsch eines Neuanfangs. Der treibende Gesang, die schnellen Gitarren und ein euphorischer Refrain sorgen für ein Gefühl von Unbekümmertheit – mitten in der erwähnten Resignation. SIND stehen damit kurz davor, ihr zweites Album zu veröffentlichen, welches am 23. Oktober erscheinen wird und den Namen Vielleicht ist es anders als Du denkst tragen wird. Doch sollte sich die Richtung von Welt Verändern durch das Album ziehen, wären sie eine würdige Ablöse auf dem Thron, auf dem bisher Frittenbude und OK KID residierten.

The Avalanches feat. Jamie XX, Neneh Cherry & CLYPSO - Wherever You Go

The Avalanches feat. Jamie XX, Neneh Cherry & CLYPSO – Ein Song, zu groß für das Jetzt

The Avalanches sind eine Band mit einer enormen Geschichte. Haben sich Ende der 90er Jahre ein paar Australier zusammengetan und unter dem Bandnamen Alarm 115 erste Songs veröffentlicht, folgte erst mit der Umbenennung in The Avalanches der erste Erfolg. 2000 waren sie auf ihrem ersten Höhepunkt und erreichten mit Since I Left You als Single und mit dem gleichnamigen Album die Charts weltweit. Nach wiederholten Ankündigungen, an einem zweiten Album zu arbeiten, folgte 16 Jahre lang keine neue Musik. Schließlich – von einem Sextett zu einem Duo zusammengeschrumpft – wurde mit Wildflower und der Single Subways 2016 wieder neue Musik veröffentlicht. Dabei schloß Wildflower an den Sound des ersten Albums an, konnte jedoch deutlich bessere Chartsplatzierungen vermelden, landete in ihrem Heimatland Australien auf Platz 1 und vermeldete mit Platz 27 erstmals auch eine Chartnotierung in den USA. Für ihr drittes Album wollten sich Robbie Chater und Tony Di Blasi schließlich nicht mehr so viel Zeit lassen und veröffentlichen gerade – nur vier Jahre nach ihrem zweiten Album – neue Songs. Dabei fällt auf, dass sich fast alle Songs mit namhaften Kollaborationen schmücken können. Ist es auf der ersten Single We Will Always Love You der US-Amerikanische Singer/Songwriter Blood Orange, sind auf der zweiten Auskopplung Running Red Lights Rivers Cuomo und Pink Siifu dabei. Nun veröffentlichen The Avalanches mit Reflecting Light feat. Sananda Maitreya, Vashti Bunyan und Wherever You Go feat. Jamie XX, Neneh Cherry & CLYPSO gleich zwei neue Songs.

The Avalanches

The Avalanches

Dabei wird Sananda Maitreya den meisten unter Terence Trent D’Arby etwas sagen – hat er doch unter diesem Namen Ende der 80er Jahre mit Songs, wie Wishing WellSign Your Name und dem ’93er Hit Delicate – zusammen mit Des’ree – mehrere Hits gehabt. Doch beschäftigt uns der zweite Song Wherever You Go viel mehr. Denn hier mischen The Avalanches einen Sound zusammen, der jenseits unserer Zeit ist. Mit Weltmusik, dem Hauch der frühen 2000er, einem modernen Housebeat und verspielten Future-Dance-Elementen holt das Duo zusammen mit seinen Featuring-Acts zum Rundumschlag aus und weisst die elektronische Gemeinschaft auf ihre Plätze. Dabei ist Wherever You Go keineswegs als purer Elektrosong zu sehen – vielmehr ist es das Zusammenspiel der verschiedensten Elemente, die den Song so universell klingen lassen. Gleichzeitig lassen alle Involvierten ihren typischen Sound einfließen. Da hören wir den Mix aus Jungle und Afropunk von CLYPSO, die Hip-Hop-Rhymes von Neneh Cherry und den Future-Dance eines Jamie XX‘. Gleichzeitig streuen sie mit Samples von Sergio Mendes‘ Magalenha und dem Beach Boys Snippet Vegetables – Ballad Insert Referenzen an eine Zeit ein, die dem heutigen Zuhörer wie aus einer anderen Welt vorkommen. Mit Wherever You Go haben The Avalanches einen Song veröffentlicht, der auch nach mehrmaligem Hören nicht greifbar ist und dennoch durch seine homogene Zusammensetzung zum Ohrwurm wird.