Flecks - Cinematic Heartbreak

Flecks – Von der Story zwischen Red Eyes und Big Lies

Es ist wie zu Weinachten, jede neue Veröffentlichung des irischen Duos Flecks ist, wie ein weiteres Geschenk, das man auspackt. Mit ihren großen Synthie-Songs haben Freya Monks und Scott Halliday in den letzten zwei Jahren so großartige Veröffentlichungen, wie SamuraiYou Bet I Would oder Hold On hervorgebracht, dass man immer wieder aufs neue ins Schwärmen kommt, wenn man über dieses Duo berichtet. Mit immer stärkeren Rotationen ihrer Songs auf irischen Radiosendern, dem Einsatz im irischen Fernsehen – wie RTÉs Striking Out – und der Wahrnehmung bei Musikmagazinen, wie Hotpress – dem wichtigsten Musikmagazin des Landes – stellt jede Single eine weitere Stufe für das Duo dar, die sie hinaufsteigen. Dabei haben sich Monks und Halliday bewusst aufs Land zurückgezogen und ihre Musik fernab des Großstadtdschungels geschrieben. Auf ihrer neuesten Veröffentlichung Cinematic Heartbreak geht es dem Duo darum von Liebe und Konflikten zu erzählen. Hier haben Flecks die beiden Charaktere Red Eyes und Big Lies kreiert und musikalisch von einem Leben aus Herzschmerz und Distanzierung zueinander erzählt. Gerade in der Phase des Lockdowns hatte auch das Duo damit zu kämpfen, wie sich Distanz anfühlt und musste sich gleichzeitig deutlich stärker auf den Partner fokussieren. Dabei war vieles um ihr Grundstück und Haus herum gar nicht mal so verändert, wie man es in den städtischen Gebieten mitbekommen hat, doch haben Flecks diese außergewöhnliche Zeit genutzt um neue Musik zu produzieren. Mit Cinematic Heartbreak strahlen die Iren noch deutlicher, als mit ihren vorherigen Singles und zeigen sich heller im Sound. Freya Monks‘ Stimme klingt – trotz der bedrückenden Lyrics – positiver und nimmt an Geschwindigkeit auf. Gleichzeitig bleibt Cinematic Heartbreak eine großartige Synthiehymne, die uns einmal mehr an die Kindheit aus den 80er Jahre erinnert – mit all seinen wunderbaren Facetten. Cinematic Heartbreak ist die fünfte Songveröffentlichung, zu der es weder eine EP, noch eine Albumankündigung gibt. Doch dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis wir von den Iren einen Longplayer erwarten können.

Sion Hill - Speak Up

Sion Hill – Die irische Tradition im Popsong tragen

Nach wie vor übt Berlin eine enorme Anziehungskraft auf Musikacts weltweit aus, um den Einstieg in das Business zu schaffen. Ob die Parcels oder Yates aus Australien, Travis‚ Frontsänger Fran Healy aus Großbritannien oder RY X – der einige Zeit in Berlin lebte – für viele Künstler gehört es mittlerweile dazu, sich für eine Zeit lang in der kulturellen Hauptstadt Europas aufzuhalten. Auch der Ire Sion Hill – der bürgerlich Nathan Johnston heißt – hat diesen Schritt vor einigen Jahren gewagt, ist in der Stadt geblieben und sollte dafür belohnt werden. Mit seiner 2017er Single Elephant konntet ihr hier auf SOML bereits früh über den Singer/Songwriter lesen. Damals noch im Pop zu Hause – der mit Gitarre angereichert sogar Pete Dorherty überzeugte, ihn als Support mit auf seine Tour zu nehmen – schaffte der Sänger es auch, die ersten Radioplays zu erhalten. Nun ist der 25-Jährige mit seiner neuesten Single Speak Up zurück und  bezieht sich noch stärker auf seine irischen Wurzeln. Nicht nur, dass sein Künstlername Sion Hill auf deutsch in etwas Himmel auf dem Hügel bedeutet, hat der Ire auf Speak Up nun auch traditionelle irische Folkmusik im Einsatz. Dabei dürfte der aktuelle Einfluss der irischen Musik international gerade in den letzten Jahren stetig gestiegen sein und bringt neben Dermot Kennedy, Hozier und Walking On Cars auch Songs, wie Galway Girl von so großen Künstlern, wie Ed Sheeran hervor. Mit einem wunderbaren Mix aus Pop, Folk und Tradition, streut der Sänger auch eine leichte Note elektronischer Musik unter die starke Instrumentierung. Ob die knapp 21.000 Einwohner große Stadt Mullingar – aus der Sion Hill kommt – weiss, wie großartig der Sänger in Deutschland ankommt, kann nur vermutet werden, seine irische Herkunft präsentiert der Singer/Songwriter mit seinem neuesten Song auf alle Fälle mit Stolz. Mit Speak Up hat der Ire es geschafft, einen Song zu veröffentlichen, der die traditionelle irische Musik mit Instrumenten, wie der Fidel, dem Dudelsack, dem Akkordeon oder der Flöte modern präsentiert, und damit für frischen Wind im Radio sorgt.

Lea Porcelain - Future Hurry Slow

Lea Porcelain – Wie stark ist unsere Gemeinschaft

Wir stehen vor einer Herausforderung, in der wir eigentlich schon mitten drin stecken. Mit social distancing und Kontakteindämmung, sehen wir uns immer öfter in den eigenen vier Wänden sitzen und die Zeit wegrennen sehen und ertappen uns dabei das ein oder andere plötzlich anzuzweifeln. Lea Porcelain haben darüber ein Lied geschrieben und zeigen uns auf Future Hurry Slow ihre Interpretation der Lage. Dabei braucht das Berliner Duo gar nicht all zu sehr auf die brandaktuelle Lage eingehen, sondern zeigt viel allgemeiner, wie sehr jeder mit sich selbst beschäftigt ist. Mit der eigenen Angst, eigenen Gedanken, Gefühlen und dem ganz eigenen Glück. Liesst man sich die Zeilen unter dem Musikvideo durch, während Future Hurry Slow läuft, wirkt es wie eine Retrospektive eines gesellschaftlichen Ausschnitts. Und damit sind wir genau an dem Punkt, an dem uns Lea Porcelain sagen, dass Zeit kein Gut ist, mit dem man beliebig arbeiten kann. Sondern vielmehr müssen wir mehr denn je lernen, dass Zeit ein fließender Vorgang ist und wir nicht einfach Pause drücken können – wie es Lea Porcelain beschreiben. Mit einer Gitarre und sanften Arrangement wird Markus Nikolaus‘ flehende Stimme fast resignierend. Denn Future Hurry Slow ist nur eine Interpretation von Zeit und nicht die Gewissheit. Aber eine unglaublich schöne Interpretation.

Caribou - Home

Caribou – Aus der 5 jährigen Pause zurück

Wenn man als Musiker fünf Jahre lang keine neue Musik veröffentlicht hat, scheint es eine Art Weckruf zu geben, bei dem sich alle auf das Eigentliche konzentrieren und neue Musik veröffentlichen. So haben Thees Uhlmann, MIA. und nun auch Caribou nach knapp fünf Jahren der Abstinenz endlich wieder neues Material veröffentlicht. Dabei hat es der kanadische Musiker und Produzent Dan Snaith in den letzten Jahren gar nicht so abstinent gehandhabt. Denn, hat er unter seinem Pseudonym Caribou zwar tatsächlich 2015 das letzte Mal Musik veröffentlicht und mit dem Album Our Love 2014 alle begeistert, brachte Snaith in der Zwischenzeit unter dem Namen Daphni zwei Alben raus und ist über dies hinaus sogar noch unter dem Pseudonym Manitoba bekannt. Nun widmet sich Snaith also wieder dem Projekt Caribou und erfreut damit unzählige Fans. Mit seinem Mix aus Dreampop, Elektro und Folk kommt der Musiker dem – seit den 90er Jahren bekannten – Genre Intellegent Dance Music (IDM) ziemlich nahe. Denn mit einer gehörigen Portion vertrackteter Soundelemente – allen voran muss das Sample des Gloria Barnes Klassikers Home, aus dem Jahr 1971, genannt werden – klingt Home nach einer Vintage-Soulballade, die ans erste Küssen und als Teenager durch den Regen rennen, erinnert. Dabei hatte Snaith – da ihm die Strophe so sehr gefiel – bereits seit einiger Zeit vor, aus Banres‘ Song etwas zu machen. Nun können wir hören, was der Soundmaster daraus gemacht hat und fühlen uns in die Zeit zurück versetzt, in der wir nach der Schule die Straßen unsicher gemacht hatten und erst mit dem Einschalten der Straßenlaternen zu Hause sein mussten.

Hollow Coves - When We Were Young

Hollow Coves – Jetzt kommt der große Schritt

Nach ihrer 2017er Debüt-EP Wanderlust hat sich das australische Duo Hollow Coves – welches aus den beiden Musikern Ryan Henderson und Matt Carins aus Brisbane besteht – nochmal ordentlich Zeit gelassen, um an ihrem Debütalbum zu arbeiten. Dabei war es der Song Coastline, der sich 2017 so zärtlich in unsere Gehörgänge setzte und mit einer Gänsehautakustik und großer Wärme begeisterte. Genau diese hervorragende Mischung aus Folk, Pop und Akustik ist es, die Hollow Coves über die Landesgrenzen hinaus zu einem der heißesten Anwärter für das Auslösen der nächsten großen Folkwelle macht. Nun haben die beiden Australier mit der neuen Single When We Were Young eine Reflexion ihrer selbst veröffentlicht. Denn ist das Soundgerüst wieder einmal großartig intim und hört man fast das Knistern eines Lagerfeuers, fanden sich Carins und Henderson beim Komponieren des Songs plötzlich in einer Art Rückblende wieder, die ihnen die wunderbaren Momente ihrer Jugend und Kindheit widerspiegelte. Eine Zeit, in der sie unbeschwert und frei von Zeitdruck und To-Do’s lebten – so die Beschreibung der beiden Musiker, fragt man sie nach der Entstehung des Songs. Schließlich schrieben sie den Text mit einem Twist, der den Hörer am Ende nicht Wehmütig in die Vergangenheit blicken lassen soll, sondern vielmehr den wunderbaren Moment der Jetzt-Zeit verdeutlichen soll. Mit When We Were Young haben Hollow Coves allerdings nicht nur eine neue Single veröffentlicht, sondern kündigt gleichzeitig auch ihr langerwartetes Debütalbum Moments an, welches am 14. Oktober erscheinen wird.

Haim - Summer Girl

Haim – Chill so hart Du kannst

Die Haim-Schwestern sind für ihren poppigen Indiesound bekannt. Mit ihren beiden bisher veröffentlichten Alben Days Are Gone (2013) und Something To Tell You (2017) hatten sie einen Einfluss auf die aktuelle Poplandschaft geltend gemacht, der in dem Begriff der Haim-Schwestern als eigenständiges Subgenre mündete. Nun haben die Schwestern, zwei Jahre nach ihrem letzten Album, mit Summer Girl eine erste, neue Single veröffentlicht, die wohl das Warten auf ihr drittes Album verkürzen soll. Dabei kommt Summer Girl so unglaublich lässig und relaxt rüber und hat doch einen ganz ernsten Hintergrund, denn im Schreibprozess des Songs erfuhr Danielle Haim, dass ihr Freund an Krebs erkrankt sei. Dass der Song dennoch so fröhlich klingt, ist dem Willen Danielles zu verdanken, die für Ihren Freund stets eine positive Insel sein und ihm in der Zeit mit Freude und Geborgenheit zur Seite stehen wollte. Mit einer enorm starken Referenz an Lou Reeds Walk On The Wild Side lässt sich Summer Girl wunderbar in chillige Momente integrieren und funktioniert durch die Stimme der Schwestern einfach perfekt. Dass Summer Girl eine verträumte Sommerballade ist, zeigen uns Haim in keinem Moment. Doch ist Summer Girl, obwohl er sich so entspannt präsentiert, eine wahre Streicheleinheit für die Seele und zeigt, dass die Haim-Schwestern wieder da sind.

Close Talker - The Change It Brings

Close Talker – Der Zeit voraus

Die Zeit wurde bereits in vielerlei Hinsicht musikalisch thematisiert. Mal in Persona, mal als ewiger Feind, mal als glücksbringender Freund. Das kanadische Trio Close Talker hat für das kommende Album How Do We Stay Here? allerdings den Ansatz verfolgt, eine Platte zu machen, die thematisch die letzten zwei Jahre behandelt und gleichzeitig zeitlos wirken soll. So möchte die Band, dass die Songs auf How Do We Stay Here? auch in zehn Jahren noch hörbar sind, ohne dass man an ihnen ausmachen kann, in welchem Jahr und zu welcher Bandphase sie entstanden sind. Auf ihrem nun veröffentlichten Song The Change It Brings kämpfen sie hingegen gegen die Zeit, indem sie vieles schaffen, jedoch oftmals auch einfach gar nichts machen wollen und so der zeit die Stirn zu bieten. Denn letztendlich ist es die Zeit – Jahre, Tage, Stunden – die uns vor sich hertreibt. Dabei klingen Close Talker so sanft und gemütlich, dass man sich Hektik bei Will Quiring (Frontsänger), Matthew Kopperud (Gitarrist) und Christopher Morien (Drummer) gar nicht vorstellen kann. Doch ist The Change It Brings ein konkretes Resultat der vergangenen Jahre als Band und deren Höhen und Tiefen. Mit einem angenehm hauchenden Gesang und einem tiefen Sound zeigen Close Talker, wie Indie Rock ohne flippige Beats und freche Texte klingen kann und streicheln dabei ganz nonchalant unser Gemüt. Das am 30. August erscheinende How Do We Stay Here? widmet sich diesem Thema schließlich auch auf elf Songs und unterstreicht, wie, von der Zeit losgelöst, Indie klingen kann.

Girl In Red - I'll Die Anyway

Girl In Red – Auf dem Weg zu Chapter 2

Bereits Anfang Januar hatte Girl In Red mit der Single We Fell In Love In October eine wunderbare Liebeshymne für all diejenigen veröffentlicht, die es schwer und herausfordernd finden, sich zu verlieben. Nun hat Marie Ulven mit I’ll Die Anyway einen weiteren unmissverständlich direkten Song veröffentlicht, der zeigt, wie sich eine 20-Jährige in der heutigen Zeit fühlt und womit sie sich auseinandersetzt. Ulven selbst hinterfragt momentan alles, was mit ihr zu tun hat und kommt immer wieder zu dem Schluss, dass sie bisher nur weiss, dass so nichts weiss. Diese Orientierungslosigkeit hat Ulven wunderbar in einen Dreampop-Song verwandelt, der mit einem schnellen Gitarrenspiel anfängt, nur, um sich mit Einsetzen des Gesangs in eine verträumte Welt zu verlieren. Mit der Textzeile I reach for me but I’m not there. It’s so lonely but who cares. It’s fine, it’s ok. But I’ll die anyway zeigt die Norwegerin gleichzeitig, wie direkt ihr Songwriting ist. Girl In Red ist keine Blaupause eines Teenagerlebens, sondern zeigt vielmehr die Vielschichtigkeit einer heutigen jungen Erwachsenen und gleichzeitig, wie wunderbar sich dies in Musik umsetzen lässt. Nachdem die EP Chapter 1 Ende letzten Jahres veröffentlicht wurde, folgt nun am 6. September Chapter 2.

Jeremias - Alles

Jeremias – Funky, Jung, Hannoveraner

Mindestens eines der drei Merkmale passt nicht wirklich so richtig zu den anderen. Kennt man von Bands wie Two Door Cinema Club oder den Parcels einen funkig, frischen Indiesound, war dies zumeist nur aus dem Ausland und auf Englisch zu hören. Nun brechen Jeremias damit, mischen internationalen Sound mit deutschem Texten und überraschen damit nicht nur ihre Heimatstadt, sondern stoßen damit gleichzeitig deutschlandweit auf offene Ohren. Dabei haben sie nicht weniger vor, als die Welt zu erobern. Mit einem Alter zwischen 18 und 21 Jahren bleibt den Bandmitgliedern zumindest noch ausreichend Zeit, dies zu schaffen. Gleichzeitig wirkt ihre jugendliche Leichtigkeit ansteckend und unglaublich frisch. Mit ihrer Debütsingle Alles zeigen die vier Hannoveraner dann auch gleich einmal, dass sie sich hinter Bands wie TDCC oder den Parcels nicht verstecken müssen, sondern musikalisch vollkommen auf Augenhöhe liegen. Alles verbindet Funk, Disco, Indie und eine enorme Menge Spielfreude, die Jeremias in jeder Sekunde ausstrahlen. Hinzu kommt, dass die Band mit einer enormen Energie dafür sorgt, dass ihr grandioser Start in das Musikbusiness im Gedächtnis bleibt und nach mehr ruft.

The Slow Show – Im Duett doppelt stark

Mit ihrer wunderbaren Leadsingle Sharp Scratch haben die Briten von The Slow Show im Februar eine neue Zeit begonnen. Denn lag die Pause von fast vier Jahre nicht nur daran, dass die Band eine Pause wollte. Mit einem ersten Vorgeschmack der neuen Songs auf der ausverkauften Berliner Silent Green Bühne Mitte Februar begeisterte die Band vor allem mit ihrem satten Sound und den kleinen Nuancen zwischen den Zeilen. So arbeitete Rob Goodwin sich mit seiner Stimme durch die Songs und zeigte dabei Verletzlichkeit, Einfühlsamkeit, Trauer, Stärke und Liebe. Auf ihrer nun veröffentlichten Single Hard To Hide gibt es schließlich auch den raren Moment einer zweite Stimme. Diese kommt in Form einer unbekannten aber warmen Frauenstimme dazu und lässt aus dem Gesang von Goodwin eine berührende Unterhaltung werden. Wie Goodwin bereits auf der Bühne des Silent Green sagte, ist es in der Regel so, dass die Fans nicht fragen, worum es in den Songs geht, sondern wie sehr sie die Songs mit sich und ihren eigenen Leben in Verbindung bringen. Dies können wir nun einmal mehr auf Hard To Hide ausprobieren.