Alex The Astronaut – Sympathisch und ernst

Mit ihrem Happy Song war Alex The Astronaut in den letzten Monaten fast überall zu hören – ob im Radio, in Fashionstores oder auf Festivals. Nun schlägt die Sängerin mit dem Song I Like To Dance eine etwas andere Richtung ein. Denn für I Like To Dance hat sich Alex einer Geschichte angenommen, die doch deutlich häufiger hinter verschlossenen Türen stattfindet, als man es auch nur ahnen kann. So beschreibt Alex mit dem Songtext die Evolution einer Liebesbeziehung, in der über die Jahre plötzlich Gewalt Einzug hält. So singt die Australierin, dass es nach fünf Jahren glücklicher Beziehung plötzlich ein Schlag auf das Handy war, welches ihr aggressiv aus der Hand geworfen wurde. Im weiteren Verlauf der Beziehung folgten Wutausbrüche, die dazu führten, dass die Frau in Alex‘ Geschichte verprügelt wurde und dennoch zu ihrem Freund hielt. Diese Situation beschreibt die Sängerin im Songtext neutral und möchte gleichzeitig wachrütteln, dass unsere Gesellschaft diese Gewalt nicht tolerieren soll. Dabei kommen, neben einer Gitarre ein spärlich eingesetztes Klavier und eine Geige vor, die I Like To Dance eher akustisch klingen lassen. Wie schon auf den anderen Songs ihrer Diskografie zeigt Alex The Astronaut mit I Like To Dance einmal mehr, wie sehr sie auf den Input der Menschen um sie herum angewiesen ist und gleichzeitig so viel Liebe und Energie an alle Menschen um sie herum zurück gibt.

Amber Run - Affection

Amber Run – Das Leiden der jungen Briten

Man möchte sagen, dass es schön ist, wieder etwas von Amber Run zu hören. War ihr letzter Song Fickle Game doch schon wieder zwei Jahre alt. Doch dieser Schein trügt. Haben die drei Briten aus Nottingham doch nie aufgehört weiterhin Musik zu schreibe. So folgten nach ihrem zweiten Album For a Moment, I Was Lost nicht nur zwei EPs, sondern Ende 2018 mit Carousel auch das erste Anzeichen eines neuen Albums. Nun sind Frontsänger Joshua Keogh, Bassist Tom Sperring und Keyboarder Henry Wyeth mit einer weiteren Single aus dem am 27. September erscheinenden Album Philophobia. Schon 2015 hatten Amber Run mit ihrem Song Spark gezeigt, wie groß und gefühlvoll ihre Musik sein kann. Nun wiederholen sie dieses Gefühl mit Affection abermals und haben dabei nichts von ihrer Ehrfurcht eingebüsst. Mit verspieltem Intro geht es durch eine verträumte Popballade, die sich im Verlauf zu einen langsam ziehenden Gewitter entwickelt. Nur, um schließlich in sich zusammenzufallen und ein Gefühl von Verlust entstehen zu lassen. Dabei hat sich die Band darauf besonnen, den Hörer – entgegen der langjährigen Abwehrhaltung des Trios – enger an die sich zu binden und eine Beziehung zu ihren Fans aufzubauen. Mit solch eindrucksvollen Songs wird dies fast wie von selbst gehen.

SYML – Der Tanz der Wagnis

Es bleibt spannend bei SYML. Mit den Singles Where’s My Love und Clean Eyes hatte Brian Fennell unter seinem Soloprojekt SYML im Sommer 2017 und Herbst 2018 zwei so konträrer Songs veröffentlicht, dass man sich nur schwerlich eine Genrelinie ausmalen konnte. Nun hat Fennell mit The Bird eine weitere Single veröffentlicht, die abermals in ein ganz anderes Genre schlägt. War Where’s My Love ein so wunderbar ruhiger Folksong, preschte Clean Eyes volle Kanne in die Indie-Sphären vor. Mit The Bird wird nun aus einem anfangs ruhigen Singer/Songwriter-Song, im Verlauf eine elektronische und wabernde Traumsequenz. Dabei beschreibt Fennell selbst den Song wie folgt; Es ist nicht leicht, Jemanden mit all seinen schönen Fehlern und Feinheiten zu lieben oder sogar zu verstehen, während wir mit unseren Eigenen zurechtkommen. Es ist so zart und kalt wie stolz und kriegerisch. „The Bird“ repräsentiert diesen surrealen Tanz. Wenn wir es nicht fest genug halten, könnte es entkommen. Aber wenn wir es wiederum zu fest halten, könnten wir es ersticken. Damit beschreibt Fennell vollumfänglich den Verlauf des Songs, der zu erst sensibel und fragil erscheint, um sich um Verlauf zu einem wabernd, drängenden und dunkel wirkenden Song zu transformieren. SYML ist ein Chamäleon und zeigt damit, dass Genres für den in Seattle lebenden Musiker keine Grenzen bedeuten. So erwarten wir mit Spannung sein, für den 3. Mai angekündigtes, selbstbetiteltes Debütalbum SYML.

Seafret – Berührender Abschied

Vielleicht kann sich der Ein oder Andere noch an das mitreißende Musikvideo des britischen Duos Seafret zu Wildfire erinnern – bei dem sich jeweils zwei Singles an einem Tisch gegenüber saßen und erst einen Fragenkatalog aus 36 Fragen gegenseitig beantworten mussten, nur um anschließend für vier Minuten lautlos in die Augen des anderen zu schauen. Das war im Sommer 2016 und hatte sowohl vom Video, als auch von der Musik zu ganz besonderen Emotionen geführt. Nun sind Seafret mit der Single Loving You wieder da und greifen abermals ein Thema auf, welches für große Gefühle steht. Hier geht es nämlich um den Abschied eines jungen Mannes von seiner großen Liebe. Doch wird hier nicht von einer Trennung gesprochen, bei dem beide als Single rausgehen, sondern sitzt der Mann vielmehr am Sterbebett seiner großen Liebe. Im Verlauf des Videos geht er noch einmal alle Orte ab, die für die beiden mit Erinnerungen verbunden waren und steht schließlich vor einer Klippe und überlegt wie der nächste Schritt aussehen könnte. Dabei untermalen Harry Draper am Klavier und Jack Sedman mit seiner Stimme die Szenen so sensibel und tasten sich behutsam durch die – von Erinnerungen gefütterte – Wahrnehmung des Mannes, dass hier mehr entstanden ist, als nur ein Abschiedssong. So berührt allein das Klavierspiel mit seiner wiederkehrenden Melodie schon und kommt Sedmans emotionaler Gesang hinzu, der mal ruhig, mal kräftig, mal gebrochen klingt und als perfekte Begleitung zu den Bildern dient. Mit dieser Wirkung reiht sich Loving You perfekt in die Diskografie der beiden Briten ein lässt sie wieder ins Bewusstsein vieler Musikliebhaber stoßen.

Clueso – Konzertkritik (Huxley’s Neue Welt 2018)

Er kam, sah, siegte! Nicht anders ist zu beschreiben, was der Thüringer Musiker Clueso am vergangenen Dienstag in Huxley’s Neue Welt ablieferte. Clueso hat Erfahrung, ist in die Popwelt hinein gewachsen und hat alle Phasen eines Musikers durchlaufen. Vom Newcomer-Dasein, über die ersten Hypes, bis zu Zweifeln und einer Neuausrichtung – die ihm abermals einen Erfolgsschub bescherte – verpackt der 38-jährige Sänger all seine Erfahrungen und Emotionen immer wieder in Songs und erreicht damit ein Publikum zwischen Jung und Alt. Mit seinem aktuellen Album Handgepäck I schaffte es Clueso zum dritten Mal hintereinander die Pole-Position der deutschen Albumcharts zu erreichen und überraschte gleichzeitig mit einem Sound, der von akustischer Musik und Zurückhaltung geprägt ist. Sind doch alle Songs auf Handgepäck I im Laufe der vergangenen sieben Jahre entstanden, als der Sänger auf Reisen war. Davon beeinflusst, klingt Handgepäck I nach Weite, vorbeiziehenden Landschaften und einer entspannten Grundhaltung, die selbst Cluesos entspannte Art nochmal steigern lässt.

An diesem kalten Novemberabend rief er nun schließlich seine Fans auf, in die Konzerthalle am Neuköllner Hermannplatz zu kommen. War die Halle zum bersten voll und ausverkauft, folgten diesem Aufruf anscheinend viele seiner Fans. Pünktlich wie ein Maurer betrat der Sänger um 20:30 Uhr – ohne Vorband – die Bühne und begann mit den ersten Songs Morgen Ist Der Winter VorbeiEs Ist Schon Spät und Neue Luft. Dabei knisterte es still in der Halle und klangen die Gitarrensaiten voluminös und warm. Hiernach begrüßte er das Berliner Publikum und ließ sympathisch von der Stange, dass er ja doch immer etwas aufgeregt sei, das Publikum hier ihn aber so herzlich empfangen habe, dass dieses Gefühl schon fast verflogen sei.

Songs seiner Idole

Mit Vier Jahreszeiten An Einem Tag kündigte Clueso im weiteren Verlauf sein erstes Cover an diesem Abend an. Hat es der – im Original von der Australischen Band Crowded House geschriebene – Song tatsächlich in übersetzter Version auf das Album und sogar zur Singleauskopplung geschafft, kommentierte der Sänger, dass Englisch nicht so sein Ding sei und er diesen Song aber so sehr mochte, dass er ihn übersetzte und neu interpretiert habe. Dabei blieb der Sänger sehr nahe am Original und erhielt die traurig, emotionale Stimmung des der englischen Version. Mit Du Und Ich folgte anschließend eine poppigere Nummer, die ebenfalls als Singleauskopplung im vergangenen Sommer durch die Radios hallte und die gedämpfte Stimmung im Publikum wieder mit Energie füllte.

Mit den folgenden Songs läutete Clueso schließlich eine Strecke von älteren Songs ein, die auf die akustische Tour angepasst wurden. Da fielen mit Keinen Zentimeter und der Udo Lindenberg Kollaborationssingle Cello spätestens hier alle Hemmungen mitzusingen und hörte man bei den einschlägigen Textzeilen das Publikum um sich herum mal ruhig, mal frenetisch mitsingen. Mit den Worten, dass das Berliner Publikum immer etwas anders sei, quittierte er die Aussage mit dem Zusatz, dass es den Sänger mit einer ruhigen und offenen Haltung aufgenommen habe und er sich pudelwohl fühlte. Nach Cello kam der Sänger allerdings nicht drumherum, vom Hamburger Panikrocker Udo Lindenberg zu reden und teilte Anekdoten wie, dass Lindenberg rauchend in der Lobby eines Hotels darauf hingewiesen wurde, dass das Rauchen hier nicht gestattet sei und es noch nicht einmal einen Aschenbecher gäbe, mit den Worten Ja… früher stand hier mal einer. Diese Erinnerungen zauberten Clueso, während er sie erzählte, eine kindliche Begeisterung ins Gesicht und man mochte fast eine Art Heimeligkeit durch das Geschichten erzählen zu vernehmen.

Mit Chicago folgte schließlich einer seiner stärksten Songs und erzeugte dabei mit der Tragik, die der Text ausdrückt eine Gänsehautstimmung unter dem Publikum, die eine Mischung aus Empathie und Willenskraft ausstrahlte. Im Anschlus folgte mit Es Brennt Wie Feuer eine deutsche Interpretation des Bruce Springsteen Songs I’m On Fire. Dabei outete sich Clueso als großer Springsteen Fan und sorgte zur Mitte des Songs für einen – fast schon ekstatischen – Moment als er in den Refrain des Kings Of Leon Hits Sex On Fire überging und auf der Bühne kurzzeitig durch flirrende Gitarren das Gefühl, ein Rockkonzert zu besuchen, aufflammte.

Clueso mit Baguette aber ohne Annett Louisan

Fanpost war schließlich der älteste Song seiner Diskografie an diesem Abend – wurde dieser doch auf dem 2005er Album Gute Musik veröffentlicht. Mit Freidrehen und Gewinner drehte Clueso schließlich noch einmal voll auf und animierte das Publikum mitzusingen, bevor mit Paris eine kleine Chansonnummer folgte. Hierbei erinnerte Paris an Songs aus Annett Louisans Repertoire und würde sicherlich auch eine wunderbare Kollaboration mit ihr ergeben. Mit einer kurzen Verabschiedung kam die Band und Clueso nach knapp einer Minute wieder auf die Bühne um mit dem Mash-Up Achterbahn und Zusammen – eine Zusammenarbeit mit den Fantastischen Vier – nochmal richtig durchzustarten. Im Anschluss mit einer Jam-Session über Berlin, Zugehörigkeit, Toleranz und Umwelt rappend, zeigte Clueso, dass er immer noch die Skills des Freestyles beherrscht und beendete schließlich das Konzert mit dem melancholisch, schönen Barfuß.

Nach 18 Songs, 2 Stunden und 10 Minuten voller Power, einem unglaublichen Unterhaltungswert und Musik aus den Genres Hip-Hop, Rock, Pop und Chanson, verabschiedete sich Clueso schließlich endgültig von der Bühne und bedankte sich für die Herzlichkeit und das mal totenstille Lauschen, mal begeisterte Abgehen.
Hatte Clueso in den letzten vier Jahren insgesamt sechs Konzerte in der Hauptstadt gegeben, überraschte und begeisterte die Stimmung der Fans, die keine Ermüdungserscheinungen – den Musiker zu sehen – zeigten. Ebenso legte Clueso eine Energie an den Tag, die in Anbetracht der Anzahl an Berliner Konzerten zusätzlich begeisterte. Clueso ist ein Profi durch und durch. Er weiss, worauf es ankommt und wie er ein Publikum mitziehen kann. Dies schafft er allerdings so sympathisch und unterschwellig, dass man das Gefühl bekommt, einen Freund auf der Bühne zu haben.

The Ting Tings – Im Wandel befindend

The Tings Tings hatten ihre großen Jahre während des ersten (We Started Nothing) und zweiten (Sounds from Nowheresville) Albums. Waren sie mit den Überhits That’s Not My NameShut Up And Let Me Go und Hands Stammgäste im Radio und bescherten uns so einige Ohrwürmer. Ihr drittes Album Super Critical notierte mit Belgien, Japan und Großbritannien nur drei Charteintritte und alle samt in den Rängen ferner der Top 100. Nun haben sie The Black Light und damit ihr viertes Studioalbum für den 26. Oktober angekündigt und mit der Single Estranged einen Song veröffentlicht, der zeigt, wie sehr sich die Band mittlerweile von ihren Popnummern der ersten Alben gelöst hat. Dabei begeistern sie zunehmend auch die Musikkritiker und heben ihre Arbeit auf ein höheres Niveau, das jedoch weiterhin Popaffin bleibt. Estranged beginnt hierbei ausschließlich mit einer Gitarre und Katie Whietes – fast schon gesprochenen – Gesang. Dabei ergibt sich eine Tiefe, die roh, ehrlich und berührend klingt. Im weiteren Verlauf der 5:14 Minuten steigert sich White – hört man gar eine Vocoder verzerrte Stimme heraus – und kommen Bass und Schlagzeug dazu. So klingt Estranged am Ende fast chaotisch – nur, um rabiat und mit clever eingesetzten Synthies schließlich zum Höhepunkt zu kommen. The Ting Tings haben damit einen hoch ambitionierten Song veröffentlicht, der die Messlatte, für das vierte Album deutlich höher ansetzt, als man es von den Vorgängern gewohnt war.

Calvin Harris – greift sich Dua Lipa

Zur Zeit schafft es der Schotte Calvin Harris mit jeder neuen Single zu überraschen. War man riesiger Fan seiner ersten beiden Alben, folgten im weiteren Verlauf seiner Diskografie nur noch große Stampfsongs mit vielen Stars. Diese Linie zieht sich bis heute durch seine Songs und doch ist etwas anders geworden. Calvin Harris sucht sich nicht mehr die ganz großen Acts aus, sondern greift zu Newcomern oder noch weitestgehend unbekannter Sänger, um sie zu Newcomern zu machen. Auf seiner neuen Single One Kiss hat er sich nun die Londonerin Duo Lipa gegriffen – und damit abermals eine soulige und noch unverbrauchte Stimme in Studio bekommen. Musikalisch erinnert One Kiss ein wenig an den Housesound der 90er Jahre. Mit einem Orgelspiel und hier und da fast schon angehauchtem Eurodance ist One Kiss ein absoluter Smasher und gerade richtig für den Samstag, den Frühling und die gute Laune!

The Slow Show – All der Schmerz in einer Stimme

Es ist ein wenig wie in einer Rückblende. Man hat diese Erinnerungen an längst vergessene Zeiten, die voll von Emotionen sind und kann sie nicht recht verarbeiten. So in etwa klingt auch die Musik der, aus Manchester kommenden, Band The Slow Show. Besonders die Stimme Rob Goodwins, seines Zeichens Sänger der Band, ist so fantastisch tief und rau. Dazu kommt, dass die Jungs um Goodwin einen Sound kreieren, der episch und brüchig zugleich klingt, sich aber dennoch um die Stimme des Sängers schmiegt wie eine warme, weiche Decke.
Bereits 2011 wurde die BBC mit ihrem Introducing Gigs auf die fünfköpfige Band aufmerksam und unterstützte sie in ihrem weiteren Verlauf immer wieder. So tourten The Slow Show bis heute durch viele europäische Länder. Nun gelang es ihnen mit dem deutschen Plattenlabel Haldern Pop Recordings ihr erstes Album in Großbritannien zu veröffentlichen. Ebenfalls wurde gerade das Video zur aktuellen Single Bloodline online gestellt. Eine Single wie aus einen Coming-of-age Film bei dem hiermit die Rückblenden untermalt werden. So winkt The Slow Show mit etwas Glück bald der große Erfolg. Die Songs sind zumindest vielversprechend.