Novaa – Aus der Starre erwacht

Für junge Künstler ist es oft eine Frage von großer Bedeutung, ihre innersten Gedanken nach außen zu krempeln und einem Publikum preiszugeben. Dabei spielen Gedanken, wie wenn das Lied Erfolg haben wird, kennt jeder meine Schwächen oder ist es richtig, diesen intimen Moment zwischen mir und einer weiteren Person nach außen zu tragen oder aber auch schlicht und einfach will das überhaupt jemand hören eine große Rolle im eigenen Finden von Mut. Bei der neuen Single Home von Novaa war der Entstehungsprozess wahrlich auch nicht ganz einfach. Erzählt der autobiografische Text doch von der Sängerin und ihrer Bulimie-Erkrankung – doch noch viel mehr vom Gesunden. Dabei baut Novaa, die bereits mit Moglii zusammengearbeitet hat und als Support für Roosevelt und die Mighty Oaks spielte, eine wahnsinnige Klangkulisse auf, in der sie ihre ernsten Themen angenehm warm präsentiert. Hierbei klingt Home kräftig, neu erstärkt und unglaublich verletzlich. Zusätzlich hat Novaa auf Home Aufnahmeschnipsel einer jungen Frau namens Sara K. eingefügt, die mit ihrer Sicht auf so einfache Grundbausteine unserer Lebensmittel – Pflanzensamen – mit einer Komplexität entgegentritt, nur im sich ihr Handeln zu erklären. Novaa hat mit Home einen wunderschönen Wintersong veröffentlicht, der die Muster von schwach, stark, scheu, provokant, friedlich und aggressiv miteinander vermischt und somit ein opulentes Meisterstück entstehen lässt.

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Balthazar – Vom Fieber der Zukunft

Maarten Devoldere hat musikalisch schon einiges durchgemacht. Gründete er mit vier Freunden 2004 die Band, folgte ein Aufstieg, der verheißungsvoll war. Mit den ersten beiden Alben Applause (2010) und Rats (2012) erarbeitete sich das Quintett eine Hörerschaft, welche die Band schließlich bis nach Südafrika und in die USA brachte. Doch hatte dieser enorme Erfolg auch seine dunklen Seiten. Denn bereits 3 Jahre zuvor verabschiedeten sich zwei der fünf Gründungsmitglieder von der Band und wurden durch andere ersetzt. 2015 konntet Ihr bereits hier auf SOML über die Single Bunker lesen, doch 2018 folgte – nach 14 Jahren Bandzugehörigkeit – mit Patricia Vanneste die weibliche Stimme der Band. Bereits in den beiden Jahren zuvor, hatte sich Balthazar in eine kreative Pause verabschiedet, in der drei der fünf Bandmitglieder Soloplatten veröffentlichten. Nun ist die neu erstarkten Band mit frischem Material zurück und veröffentlicht am 25. Januar mit Fever ihr viertes Studioalbum. Die gleichnamige Single ist dabei eine starke, treibende Nummer, die zwischen Indie und Alternative changiert und in einem fast schon hypnotisierenden Soundgerüst aufgeht. Dabei klingt Devolderes Stimme entspannt aber auch immer etwas bedrängend. Fever ist außergewöhnlich – in vielerlei Hinsicht – und bedeutet eine Zäsur in der bisherigen Bandgeschichte der Belgier. Denn das, was mit dem neuen Album kommen mag, scheint deutlich größer zu werden, als das bisher Bekannte.

Ida Kudo – Moderner R&B mit fernöstlichem Touch

Sie wird oft mit den Worten Eine wie sie, hat es noch nicht gegeben angekündigt. Dabei hat die Dänische Sängerin und Produzenten alle Strippen in der Hand und erinnert an Künstler wie M.I.A., MØ oder die letzten Songs vom Kimbra. Ida Kudo beschreibt ihren Sound als eine Mischung aus Pop, Indie und Elektro und singt dabei nicht nur Songs, sondern produziert diese und schreibt die Texte selbst. Somit kann man Kudo also getrost als Selfmade-Künstlerin beschreiben, die mit ihrer Energie für spannende, neue Musik aus Dänemark sorgt. Mit der Vorliebe zu großen Beats aber auch immer wieder rohen Soundschnipseln überzeugt die Sängerin mit Dänisch-Japanischen Wurzeln und lässt immer wieder fernöstliche Klänge erklingen. Ihre aktuelle Single Gold ist dabei eine wuchtige R&B-Nummer, die mit großen Beats und einem außergewöhnlichen Soundkostüm begeistert. Auf ihrem Soundcloud-Profil könnt Ihr noch weitere starke Songs finden – mit Gold wird sie allerdings in den kommenden Wochen wohl so einige neue Fans hinzugewinnen.

Sarah P. – Das geheimnisvolle Hauchen

Sarah P. ist umtriebig. Absolvierte die griechische Sängerin bis 2010 in Athen ein Schauspielstudium, traf sie im selben Jahr den Produzenten RΠЯ, der mit ihr und zwei weiteren Mitgliedern die Band Keep Shelly In Athens gründete. Vier Jahre tourten sie um die Welt und spielten unter anderem auf dem Coachella und The Great Escape Festival. Dabei veröffentlichte die Band 2011 mit Late Night Later Night CS eine sogenannte Split EP, auf der sich drei Songs der Athener wiederfanden und drei Songs eines, bis dato, noch recht unbekannten Produzentenduos – Disclosure. Wo die britischen Brüder heute stehen, wissen wir alle. Schließlich 2014 von der Band losgesagt, zog es Sarah P. nach Berlin. Von hier aus arbeitete sie konsequent an neuer Musik und  veröffentlichte mit der Free EP 2015 erstmals als Solokünstlerin Musik. Ihr Debütalbum Who I Am folgte 2017. Nun steht mit Maenads eine weitere EP an, die am kommenden Freitag erscheint. Darauf enthalten ist die Dream-Pop Single Mneme, die verträumt, geheimnisvoll und sogar etwas verrucht klingt. Sarah P. selbst beschreibt den Song als ein Schlaflied, inspiriert von unbeschwerten Zeiten und einem gebrochenen Herzen, das an die Vergangenheit erinnert und die Dinge in die richtige Perspektive bringt. Genau dieses Gefühl transportiert Mneme angenehm und entspannt und klingt dabei stark in einer sanften Umgebung.

AVEC – Mit warmer Stimme gegen die Stille

Im September hatte die Österreicherin AVEC – mit Heaven/Hell ihr zweites Studioalbum veröffentlicht. Nun kam sie am vergangenen Donnerstag zu einem Konzert in den Berliner Club Gretchen und präsentierte uns das Album in einer warmen und knisternd stillen Atmosphäre.

Als Support traten, die ebenfalls aus Österreich kommenden, We Love Silence auf. Mit ihrer Mischung aus selig, ruhigen Arrangements, Cello, sanften Synthies und Lukas Staudingers weicher Stimme, wurde das, über die letzten Jahre zum Trio angewachsene, Gespann zum perfekten Support-Act für die 23-jährige Sängerin. Hierbei schafften es We Love Silence eine Mischung aus Pop, klassischen Elementen und modernen elektronischen Einflüssen zu verarbeiten.

Schließlich kam AVEC mit ihren drei Jungs auf die Bühne und spielte mit ihrer Akustikgitarre sofort los. Gleich in den ersten Songs gab uns die Sängerin mit Love eine ihrer aktuellen Singles zum Besten und begeisterte mit Natürlichkeit und einer charmanten Art. Anfangs noch mit Jacke bekleidet, präsentierte sie sich im Laufe der Show mit einem schwarzen Oberteil, das ihre Tattoos an den Armen wie Marienkäferflecke hervorstechen ließ. Mit so wunderbaren Songs wie Over Now BreatheYours und Alone stimmte AVEC den Abend fast gänzlich in eine heimelige Atmosphäre. Immer wieder auch zum Publikum sprechend, bedankte sich AVEC für die Aufmerksamkeit, die hier so hoch war, dass selbst in den hintersten Reihen nicht gesprochen wurde. Die daraus entstandene Stille, ließ selbst die Sängerin staunen und so scherzte sie, dass man dann ja auch jeden Fehler hören würde. Natürlich gab es aber keine Fehler, die es zu hören möglich gewesen wäre. Bei Under Water und Close kam es dann zu einem schönen Sternenhimmel, der durch die überdimensionale Discokugel des Gretchens, die Decke zum Leuchten brachte. Schließlich kamen auch noch Ida Leidl mit ihrem Cello und Lukas Staudinger von We Love Silence auf die Bühne, um AVEC zu begleiten. Dabei begeisterte AVEC mit einer Stimme, die so warm, wie das Knistern eines Kaminfeuers war.

AVEC zeigte an diesem Donnerstagabend sehr viel von sich. Sinnlich, bestimmt, fragil, verletzlich und stark waren die vorherrschenden Emotionen, die hier auf der Bühne zum Vorschein kamen. Und immer mit dabei – ein Soundteppich, der vom Träumen und Sehnsucht geprägt war. Mit einer mal verführerisch tiefen, mal drängend klaren Stimme ließ uns AVEC an ihren Emotionen teilhaben und hatte damit den Abend im Gretchen in einen Moment der Geborgenheit verwandelt.

Eine so sympathische, bodenständige, wie starke Künstlerin live auf der Bühne zu sehen gehört auf jede Liste eines Konzertgängers und kann im Falle der österreichischen Sängerin nur wärmstens empfohlen werden.

Tash Sultana – Stripped down

Tash Sultana ist ein Phänomen. Mit ihren Songs berührt sie rund um den Globus Fans und sorgt für ausverkaufte Hallen – lange bevor sie überhaupt einen Plattenvertrag unterschrieben hatte. Nun hat Sultana mit Harvest Love einen ganz untypischen Song veröffentlicht, der sie ohne Looping-Machine zeigt und auf dem sie vollkommen akustisch auf ihrer Gitarre spielt und dabei ganz intim aber unglaublich kräftig Zeilen wie Put your love in the sand as it makes no demands I believe singt. Mit ihrer starken Stimme, ihrer Spielwut auf der Gitarre und dem Hang zum tragischen klingt Sultana so großartig und fast schon legendär, dass man vermuten möchte, sie sei bereits ein alter Hase. Der Weg für ihren Durchbruch ist geebnet – nun fehlt nur noch das, in knapp zwei Monaten erscheinende Debütalbum.

Schwarz – Singer/Songwriter im Housebett

Bereits im Frühjahr dieses Jahres hatte Roland Meyer de Voltaire, alias Schwarz, mit Home für neugieriges Aufhorchen gesorgt – war der melancholische Gesang Schwarz‘ und der moderne Beat doch eine ungewohnte Mischung. Diese wiederholt Schwarz nun abermals mit dem neuen Song In Your Eyes, bei dem er auf einer weichen und verletzlichen Stimme, die von herben Housebeats getragen wird, setzt. Hierbei fungiert der Beat wie eine tickende Uhr, welche die Dringlichkeit in Voltaires Stimme betont. In der zweiten Hälfte des Songs wird schließlich, mit zackigen Geigen eine Klangkulisse erzeugt, die fast schon tragisch wirkt und mit einem Kinderchor zu einem epischen Finale führt. In Your Eyes ist voller Gefühl, tanzbarer Musik und hat perfekt aufeinander abgestimmte Elemente die von Schwarz genau das richtige Gefühl bekommen – drückend, melancholisch, stark und emotional zu sein.