SIND - Welt verändern (Cover Copyright Johannes Schröder und EyeCandy)

SIND – Von der Resignation, die Welt zu verändern

Schnelle Gitarren, ein wehmütiger Unterton und der singende Sprech von Sänger Hannes – das alles klingt vertraut. Aus der Bubble des Berliner Holzmarktes und dem suburbanen Raum Berlins lassen SIND nun mit ihrer neuen Single Welt Verändern einem Schmerz freien Lauf, der in uns allen schlummert. Mit den Worten Ich wollte nur, die Welt ein wenig verändern. Aber wenn dann nur mit dir. schreit SIND in genau diese Welt hinaus, was sich unser innerstes Gefühl seit jeher wünscht. Die Welt regieren – im übertragenen Sinne. Zusammen das Gefühl haben, Grenzen einreissen zu können und für ein paar Momente die Größten zu sein. Sei es, in dem wir auf den Dächern Berlins in den Sonnenuntergang tanzen oder rebellisch für Gerechtigkeit kämpfen. Die Sturm und Drang Zeit der Jugend zieht sich bis weit in das Erwachsenenalter hinein – wird nur nicht mehr so stark ausgelebt. Die Komfortzone nicht mehr verlassen wollen – genau hier setzten SIND an und fragen sich selbst, was eigentlich vom Aktivismus bleibt, wenn Facebook und Instagram auf dem Smartphone geschlossen werden?

SIND (Copyright EyeCandy)

SIND (Copyright EyeCandy)

Denn in dieser Welt sind wir die größten Verfechter des Guten. Und am Morgen davor, wenn es so richtig losgehen soll, stellen SIND fest: Doch wenn mir einfällt, dass Du weg bist, bleib ich liegen. Dabei erinnert die Kombo – bei der im Netz widersprüchliche Informationen über die Bandgröße und -mitglieder zu finden sind – an Bands, wie Frittenbude oder OK KID. Ihre neue Single Welt Verändern transportiert dieses Gefühl der Rastlosigkeit, gepaart mit einer Resignation und dem Wunsch eines Neuanfangs. Der treibende Gesang, die schnellen Gitarren und ein euphorischer Refrain sorgen für ein Gefühl von Unbekümmertheit – mitten in der erwähnten Resignation. SIND stehen damit kurz davor, ihr zweites Album zu veröffentlichen, welches am 23. Oktober erscheinen wird und den Namen Vielleicht ist es anders als Du denkst tragen wird. Doch sollte sich die Richtung von Welt Verändern durch das Album ziehen, wären sie eine würdige Ablöse auf dem Thron, auf dem bisher Frittenbude und OK KID residierten.

Hollow Coves - Evermore

Hollow Coves – Wenn der Moment die Musik schreibt

Es ist eine Liebeserklärung an all die wundervollen Gefühle, die man entwickelt, wenn man auf eine Person trifft, die in uns das Herz zum Pochen bringt. Oder diese Gefühle, die unsere Brust vor Stolz und Liebe fast bersten lassen. Ein Moment, der von so viel Herzlichkeit getragen wird, dass man fast schon eine Träne die Wange runterrollen fühlt. Das australische Duo Hollow Coves zieht uns immer wieder mit Songs, wie CoastlineWhen We Were YoungBorderlines oder Anew in diesen Strudel aus Emotionen und starken Gefühlen. Nun haben Ryan Henderson und Matt Carins mit Evermore eine erste Single nach ihrem gefeierten Debütalbum Moments – das im Oktober 2019 erschien – veröffentlicht und schlagen direkt wieder in unser Herz ein. Als Idee hinter dem Song hatten die beiden Jungs den Moment, jemanden zu finden, mit dem man den Rest seines Lebens zusammen verbringen möchte. Dabei zeigt vor allem das dazugehörige Musikvideo, wie dies aussehen kann. Modern und für das Smartphone gerecht im Hochformat gefilmt, begleiten wir ein Paar von ihrer ersten Begegnung, ihren Reisen, unvergessliche Momente und Ausschnitte, die Zuneigung, Wärme und Liebe transportieren. Musikalisch bleiben Henderson und Carins dabei bei ihrem sanften Folksound und singen zu leichten Gitarren. Dass dieser Song nicht nur für den Hörer etwas ganz besonderes sein soll, zeigt die Geschichte hinter dem Track. Wurde Evermore doch geschrieben, um den Moment hervorzuheben, bei dem Carins Schwester auf ihrer Hochzeit auf den Traualtar zuläuft. Dieser Moment, an dem alle Beteiligten nur eines im Kopf haben, dieses Gefühl für immer in Erinnerung halten zu können. Evermore könnte dafür nicht besser passen und erreicht genau diese Wärme, welche die Band beabsichtigt hat. Ob Evermore auch gleichzeitig der Vorbote für ein neues Album sein könnte, dürfte – nachdem das Debütalbum gerade einmal 8 Monate alt ist – eher unwahrscheinlich sein. Doch auch über einzelne Veröffentlichungen freuen wir uns immer wieder und kommen bei Evermore sofort wieder ins Schwelgen.

Maribou State – Locker und sommerlich zum Ohrwurm

Gerade erst ihr zweites Studioalbum Kingdoms in Colour veröffentlicht, heizt uns das britische Duo Maribou States um Chris Davids und Liam Ivory aktuell mit ihrem Track Nervous Tics ordentlich den Oktober ein. Passend zu den sommerlichen Temperaturen vor der Tür haben Maribou States damit einen Soundtrack für den nicht enden wollenden Sommer 2018 beigesteuert. Dabei bedienten sie sich an einem Instrument aus China, welches bereits vor über 2000 Jahre (!!!) in China zur Erzeugung von Musik genutzt wurde. Das Guzheng ist eine Zither, die durch ihr Wölbbrett und die veränderbaren Stege, immer wieder andere Töne erzeugen kann. Hinzu kommt die sanfte Stimme der Londoner Sängerin Holly Walker, mit der das Produzenten-Duo bereits in der Vergangenheit zusammenarbeitete. Auf Nervous Tics geht es um den aktuellen Zeitgeist und der Flut an Informationen durch die Medien und unsere Smartphones, die zu nervösen Ticks führen und uns das Gefühl geben, etwas verpassen zu können. Dabei haben Maribou State einen so leichten Song produziert, der hier und da eine sehnsuchtsvolle Melancholie ausdrückt aber immer noch so chillig ist, dass er zu den letzten warmen Sonnenstunden dieses Jahres passt.

Lollapalooza Berlin 2016 – Großstadtdschungel – Tag 2

Lollapalooza Berlin 2016

Lollapalooza Berlin 2016

Tag zwei auf dem Lollapalooza Berlin Festival und auch an diesem Tag knallte die Sonne erbarmungslos vom blauen Himmel. 32°C zeigte das Thermometer an und ließ den ohnehin schon vertrockneten Rasen des Festivalgeländes noch mehr Wärme aufnehmen. So brannte die Sonne nicht nur vom Himmel, sondern wurde man auch von unten erhitzt. Da wurde es selbst dem einen oder anderen Smartphone zu heiß.

Lollapalooza Berlin 2016

Lollapalooza Berlin 2016

Mit einer ungewöhnlichen Künstlerin begann dann auch der hitzige zweite Tag. War es doch die Norwegische Sängerin Aurora, die den Treptower Park verzauberte. Und verzaubern konnte man bei Ihr wirklich für bare Münze nehmen. Denn wer bereits in den Genuß kam, Aurora einmal live zu sehen, wird wissen, wie zart sich die blonde Sängerin bewegt und mit welch, fast schon mystischen, Gesten sie ihre Songtexte umhüllt. So sang sich Aurora durch verschiedene Höhen ihrer Stimme und war dabei immer so unglaublich sympathisch. Als wäre sie ein Mädchen aus der Nachbarschaft. So bedankte sie sich stets nach jedem Song brav und hatte hier und da auch ein kleines verschmitztes Lachen parat. Dass sie der Natur mehr verbunden ist als der Großstadt zeigte sich in Äußerungen wie, dass es ihr so unglaublich viel Spaß machte vor einer so grünen Kulisse wie dem Treptower Park zu singen. Und gesungen hatte sie unter anderem ihre bekanntesten Songs Warrior, Running With The Wolves und Conqueror aber auch Songs von ihrem Debütalbum All My Demons Greeting Me As A Friend, wie Winter Bird, Runaway und I Went To Far. Selbst nach dem fünften Konzert des nordischen Mädchens ist es immer noch wunderschön zu sehen, wie ihr ganz eigener Charakter das Gefühl eines jeden Konzertes entscheidend beeinflusst.

Vom Engel zum Bengel

Auf der Mainstage 2 spielten sich unterdessen die Wiener Buben von Bilderbuch warm und sangen mit spitzer Zunge Songs wie Willkommen im Dschungel, OM, Schick Schock, Spliff, Feinste Sahne und natürlich Maschin. Als sie dann zum Song Rosen zum Plafond (Besser wenn du gehst) kamen, flogen der Band gar Rosen entgegen, worauf Sänger Maurice Ernst die fragte, wie es denn möglich sei, bei solch rigorosen Sicherheitskontrollen eine gefährliche Rose mit so vielen Stacheln auf das Festivalgelände zu bringen. Dass Maurice Ernst mit seinem Wiener Schmäh zwischen abgerockt und arrogant changiert und ihm dabei das Publikum zu Füßen liegt, passiert fast ganz nebenbei. Schließlich haben sich die vier Österreicher über die letzten elf Jahre ihrer Bandgeschichte eine feste Fangemeinde erspielt. Auf dem Lollapalooza konnte man sich zumindest davon überzeugen, dass die Band ein sehr großes Standing in Berlin genießt und konnte somit fast wie bei einem Heimspiel performen.

Sphärischer Indie-Rock mündet in einer Maskerade

Von der Mainstage 2 ging es direkt zur Alternative Stage, auf der uns die Australier von The Temper Trap mit ihrem Titelsong des dritten Albums Thick As Thieves begrüßten. Dieser Song war nicht nur eine energievolle Eröffnung des Auftrittes, sondern sorgte auch für die richtige Einstimmung zum tanzen. Und so wurde dies gleich beim ersten Song ausgelassen getan. Sänger Dougy Mandagi hatte allerdings auch alles daran gesetzt, die Menge zum Ausrasten zu bringen, so sprang er immer wieder von der Bühne und stellte sich an die Absperrung um ganz eng mit den Fans zu singen. Interessant war hierbei die Auswahl der Setlist. Wurden vom Debütalbum Conditions gleich sechs Songs und vom neuen Album Thick As Thieves sieben Songs gespielt gab es mit Trembling Hands und Rabbit Hole nur zwei Songs ihres zweiten Albums The Temper Trap. Dies bestätigte auch den Eindruck, dass die Band mit dem Ergebniss des zweiten Albums nie ganz zufrieden war. Und so beglückte sie ihre Fans mit Sweet Disposition, Soldier On, Love Lost, Drum Song, Fall Together oder Resurrection. Darüber hinaus spielten sie eine energievolle Show und ließen der Wärme keine Möglichkeit Ruhe auszulösen. Waren The Temper Trap nach knapp 60 Minuten mit ihrer Show fertig, sollte es knapp 45 Minuten später, auf der selben Bühne, mit einer Künstlerin weitergehen, die man sich nicht hätte anders vorstellen können. Róisín Murphy kennen viele vorrangig durch das Britisch/Irische House-Duo Moloko. War die Band doch zwischen 1994 mit vier Alben in den britischen Charts und hatte weltweite Hits wie Sing It Back und Time Is Now. Seitdem sich die Band 2003 trennte, macht Murphy solo Musik und hat mittlerweile vier Alben veröffentlicht. Ihre Performance auf dem Lollapalooza Berlin eröffnete sie gleich mit dem Opener-Track ihres aktuellen Albums Take Her Up To MontoMastermind. Dabei war Murphy gekleidet, wie eine etwas überarbeitete Stewardess, die gerade auf dem Weg zur Bar war. Dauerte das komplette Konzert 60 Minuten, sollte sich Murphy in dieser Zeit mindestens 13 mal umziehen. So performte die Dubliner Sängerin ihre Songs in verschiedensten Kostümen und war mal als TwoFace, mal als Politesse oder einfach mit ganz viel Girlanden behangen. Amüsant war hierbei das Securitypersonal zu beobachten. Konnten sich doch zwei der sechs Securities einfach nicht mit dem Showstil der Sängerin anfreunden und starrten zeitgleich ununterbrochen und mit offenen Mündern zur Bühne. Dass die 43 jährige, zweifache Mutter, eine derart powervolle Show hinlegt, hatte man nicht im entferntesten erwartet.  Immerhin powerte sie 60 Minuten durch, als wäre sie auf einem Marathon und zeigte, dass sie es genießt sich zu präsentieren. Mit ihren Songs und der Kreativität wäre alles andere unter ihrem Anspruch. Und für alle, die Moloko noch hinterher trauern, wurde dann auch Forever More, Dirty Monkey und Tatta Narja und ein Medley, das Sing It Back beinhaltete, gespielt.

Róisín Murphy @Lollapalooza Berlin 2016

Róisín Murphy @Lollapalooza Berlin 2016

Zwischen absolutem Kommerz und absoluter Kunst

Mit großartigen Künstlern sollte auch die Mainstage 1 und 2 geschlossen werden. So spielten als erstes Major Lazer auf der Mainstage 2 einige ihrer eigenen Songs wie Pon De Floor, Too Original, Lean On und Watch Out For This aber auch zahlreiche Remixe von bekannten Dancefloor-Hits wie Intoxicated. Immer dabei der unverwechselbare Soundmix aus Raggae, Dancehall und House. Selten hatte ein Auftritt auf einem Festival mehr das Gefühl vermittelt auf einem angesagten Open Air fernab der großen Planer zu feiern, als hier. So tanzten 40.000 zu den Songs des Trios, dass obendrein mit spärlich bekleideten Tänzerinnen für Unterhaltung sorgte.

Keine zehn Minuten später folgte dann das Highlight des gesamten Festivals und auch des Festivalsommers. Gab doch die britische Rockband Radiohead, auf dem Lollapalooza Berlin, ihr einziges Deutschlandkonzert. Dieses Konzert sollte ein besonderer Moment für so viele Fans werden. Spielten sie doch satte 120 Minuten und 24 Songs, bei dem alles relevante dabei war, was die Band über die letzten 31 Jahre zu einer der größten und einflussreichsten Bands unserer Zeit gemacht hat. Ob Daydreaming, 2+2=5, The Gloaming oder natürlich Creep war alles vertreten. Wer hier allerdings auf einen Act wartete, der nochmal die Hütte abbrennen würde, wurde von Radiohead dann wohl nicht ganz überzeugt. Hatten sie ihr Konzert doch in Segmente aufgeteilt, die mal ruhiger, mal schrammeliger oder treibender waren, um ihre teilweise verkopften Songs zu präsentieren. Doch immer schwebte über den Songs das Gefühl, der stetigen Verletzlichkeit. Und genau dieses Gefühl ist es, das Radiohead wie keine andere Band beherrscht.

So ging das Lollapalooza Berlin Festival 2016 zu Ende und ließ ein wenig Wehmut aufkommen, dass es bei einem einmaligen Ausflug in den Treptower Park bleiben sollte. Ist doch ein Festival im Wald so wunderbar und lässt das Publikum völlig aus dem Großstadtdschungel entfliehen. So darf man gespannt sein, welche Location sich die Veranstalter für 2017 überlegt haben. In der Zwischenzeit spielen wir einfach die Playlist der 2016er Ausgabe ab und schwelgen in Festivalerinnerungen.

Foals - Mountain At My Gates

Foals – Mit der zweiten Single brechen sie dann doch

Vor gar nicht all zu langer Zeit wurde hier die erste Singleauskopplung What Went Down des gleichnamigen, vierten Studioalbums als brachiale Rocknummer vorgestellt. Nun haben Foals nachgelegt und veröffentlichen nicht nur die Folgesingle des, am 28. August erscheinenden, Albums, sondern koppeln mit Mountain At My Gates eine Nummer aus, die als Reaktion des Songs My Number zu sehen ist. War My Number ein ziemlich poppiger Bruch in der Discografie der Band, haben sie mit Mountain At My Gates eine wunderbare Symbiose aus Alternative-Rock und Pop geschaffen. Dazu kommt, dass das Video zur Single einen phänomenalen, interaktiven Part besitzt. Guckt man sich das Video nämlich über ein Tablet oder Smartphone an, kann man sich mit dem Gerät bewegen und verändert so die Perspektive auf die Band während ihrer Performance. Foals machen Spaß, überraschen immer wieder und setzen sich mit ihrem Dasein auseinander – und bleiben spannend.