Martin Baltser – Mit Falsett direkt ins Herz

Es ist eine Geschichte über einen Kleinstadt-Jungen, der zu viel Angst davor hat, die Hand eines anderen Jungen zu halten – auch wenn er weiß, dass keiner in der Kleinstadt damit ein Problem hätte. Eine Geschichte eines Schuljungen, der Angst hat, nicht in das System zu passen und Angst vor der Einsamkeit hat, dass dieses Gefühl ihn selbst einsam fühlen lässt. Das ist die Geschichte, des aus Aarhus kommenden Martin Baltser, die er uns auf seinem wunderschönen Debütalbum The Wasteland Incident erzählt. Dabei ist die aktuelle Single Call My Wild ein emotionales Aufstehen, gegen die Erwartungshaltung an einen jungen Erwachsenen in der Schule. Hier hat der Däne selbst erfahren, dass Individualität und individuelle Stärken zurückgedrängt werden, um in ein Schema zu passen. Dabei kling Call Me Wild kaum greifbar aber unglaublich berührend. Mit frickeligen Soundfetzen, folkigen Gitarren und einer behutsam inszenierten Zerrissenheit, führt Baltser im Falsett durch den Song und lässt starke Assoziationen an Sigur Rós aufkommen. Call Me Wild klingt wie eine Katharsis von schlechten Erfahrungen. Baltser wirft alte Erfahrungen ab und will sich auf Call Me Wild neuen Erfahrungen öffnen. Und wir liegen ihm zu Füßen und lauschen, in geborgener Atmosphäre, den Geschichten seines Debütalbums.

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Mumford & Sons – Mit If I Say gehört das Stadion ihnen

Und sie schaffen es immer und immer wieder. Mumford & Sons haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Hatte sich ihr unverkennbarer Folk Ende der 00er Jahre zu einem großen Phänomen entwickelt, ging ihr letztes Album Wilder Mind mit elektronischeren Rocksounds in eine deutlich größere Richtung. Nun haben sie nach Guiding Light mit If I Say die zweite Single ihres vierten Studioalbums Delta – das für Mitte November angekündigt ist – veröffentlicht und zeigen, dass sie diesen Weg konsequent fortführen. Hier kommt zum ersten Mal in der Geschichte der Londoner Band ein Stimmverzerrer zum Einsatz und fügt so, im Intro, Marcus Mumfords Gesang eine ganz besondere Note der Verletzbarkeit hinzu. Darauf folgend setzen immer häufiger Streicher ein und geben dem ganzen eine Opulenz, die im letzten Drittel auszubrechen scheint und doch nach tiefen Emotionen klingt. Zum Schluß fügen sich alle Elemente zusammen – und so wird If I Say zu einem Bombastsong, der zeigt, dass Stillstand ein Wort ist, welches die Band nicht zu kennen scheint. Damit begeistern Mumford & Sons abermals mit einem Song, der den epischen Moment – in einem Stadion aufgeführt zu werden – der Gesamtheit beinhaltet und damit so intim wird und jeden anspricht und doch immer auch die große Weite einfängt.

Miya Folick – Musik im Einklang

Hinter jedem Künstler und jedem Musiker steht eine Geschichte. Eine Geschichte, die demjenigen, der sich vor ein Publikum stellt, Material gibt, worüber es zu sprechen gilt. Bei der amerikanischen Sängerin Miya Folick gilt dies in vielerlei Hinsicht. Halb Japanisch, halb Russisch, wuchs die Sängerin in Kalifornien auf und zeigt sich in ihren Interessen so nerdig wie vielseitig. Da gibt es zum einen das Interesse an Infinitesimalrechnungen – das daher rührt, dass sie im Schulalter stets vom Ehrgeiz angetrieben, besser sein wollte, als alle Jungs ihres Jahrgangs. Zum anderen kam sie bereits früh mit klassischer Musik in Verbindung und sieht ihre Stimme daher primär als ihr Instrument an. Für ihr, am Freitag erscheinendes, Debütalbum Premonitions hat die buddhistisch erzogene Sängerin einen Mix aus Pop, Indie, flotten Dancetunes und klaren Balladen aufgenommen und nun mit Thingamajig eine Single veröffentlicht, die so reduziert und pur klingt, dass man fast das knistern der Gefühle zu hören vermag. Hierbei dreht sich alles um das Irren und sich dafür zu entschuldigen und Kontrolle abzugeben, so Folick. Dass die Ballade entgegen der vielen anderen Songs auf ihrem Debütalbum stripped-down klingt, zeigt ihr lockerer und frecher Sound er anderen Songs, der klingt, wie es einst Lilly Allen oder Kate Nash auf ihren Debüts schafften. Miya Folick könnte es so womöglich – völlig geerdet – an die Spitze der Charts schaffen.

The Ting Tings – Im Wandel befindend

The Tings Tings hatten ihre großen Jahre während des ersten (We Started Nothing) und zweiten (Sounds from Nowheresville) Albums. Waren sie mit den Überhits That’s Not My NameShut Up And Let Me Go und Hands Stammgäste im Radio und bescherten uns so einige Ohrwürmer. Ihr drittes Album Super Critical notierte mit Belgien, Japan und Großbritannien nur drei Charteintritte und alle samt in den Rängen ferner der Top 100. Nun haben sie The Black Light und damit ihr viertes Studioalbum für den 26. Oktober angekündigt und mit der Single Estranged einen Song veröffentlicht, der zeigt, wie sehr sich die Band mittlerweile von ihren Popnummern der ersten Alben gelöst hat. Dabei begeistern sie zunehmend auch die Musikkritiker und heben ihre Arbeit auf ein höheres Niveau, das jedoch weiterhin Popaffin bleibt. Estranged beginnt hierbei ausschließlich mit einer Gitarre und Katie Whietes – fast schon gesprochenen – Gesang. Dabei ergibt sich eine Tiefe, die roh, ehrlich und berührend klingt. Im weiteren Verlauf der 5:14 Minuten steigert sich White – hört man gar eine Vocoder verzerrte Stimme heraus – und kommen Bass und Schlagzeug dazu. So klingt Estranged am Ende fast chaotisch – nur, um rabiat und mit clever eingesetzten Synthies schließlich zum Höhepunkt zu kommen. The Ting Tings haben damit einen hoch ambitionierten Song veröffentlicht, der die Messlatte, für das vierte Album deutlich höher ansetzt, als man es von den Vorgängern gewohnt war.

Pierce Brothers – Zwillinge erobern die Welt im Sturm

Folk ist auch nach der X-ten Neuauflage immer noch eine Musikrichtung, die Wärme in einem erzeugt. So ist es auch immer wieder möglich, dass alle paar Jahre einmal eine Band nach ganz oben katapultiert wird. Zählen Mumford & Sons zu eine der letzten Bands, stehen nun in der Pipeline zwei Brüder aus Australien, die mit ihrem Folk die Herzen erobern. Die Pierce Brothers sind dabei nicht nur wirklich Brüder, sondern darüber hinaus auch noch Zwillinge. Mit ihrem ehrlichen und warmen Sound haben sie in den letzten Jahren stetig den Weg nach oben bestritten und stehen nun, als Support von Tash Sultana, weltweit auf den Bühnen und erfreuen sich großer Beliebtheit. Kommt am 26. Oktober ihr langerwartetes Debütalbum Atlas Shoulders auf den Markt, begeistern sie uns aktuellen mit ihrer Single Back End Roads auf eine ganz entspannte Art. Dabei fühlt sich Back End Roads nach dem nach Hause kommen an. Mit seinen treibenden Gitarren, sorgsam eingesetzten Banjo und den Stimmen von Pat und Jack Pierce, nehmen sie uns mit auf einen Roadtrip, an dessen Ende wir gerne gemeinsam mit den Jungs zu dem Ort zurückkehren, den wir zu Hause nennen.

Maribou State – Locker und sommerlich zum Ohrwurm

Gerade erst ihr zweites Studioalbum Kingdoms in Colour veröffentlicht, heizt uns das britische Duo Maribou States um Chris Davids und Liam Ivory aktuell mit ihrem Track Nervous Tics ordentlich den Oktober ein. Passend zu den sommerlichen Temperaturen vor der Tür haben Maribou States damit einen Soundtrack für den nicht enden wollenden Sommer 2018 beigesteuert. Dabei bedienten sie sich an einem Instrument aus China, welches bereits vor über 2000 Jahre (!!!) in China zur Erzeugung von Musik genutzt wurde. Das Guzheng ist eine Zither, die durch ihr Wölbbrett und die veränderbaren Stege, immer wieder andere Töne erzeugen kann. Hinzu kommt die sanfte Stimme der Londoner Sängerin Holly Walker, mit der das Produzenten-Duo bereits in der Vergangenheit zusammenarbeitete. Auf Nervous Tics geht es um den aktuellen Zeitgeist und der Flut an Informationen durch die Medien und unsere Smartphones, die zu nervösen Ticks führen und uns das Gefühl geben, etwas verpassen zu können. Dabei haben Maribou State einen so leichten Song produziert, der hier und da eine sehnsuchtsvolle Melancholie ausdrückt aber immer noch so chillig ist, dass er zu den letzten warmen Sonnenstunden dieses Jahres passt.

RY X – Neue Single, neues Album, neue Tour

Die dunkle Jahreszeit kommt zurück und mit ihr auch neue Musik des Ausnahmekünstlers RY X. Vor wenigen Stunden erst veröffentlicht, geht sein neuer Song Untold schon jetzt durch die Blogs und sorgt für Begeisterung. Denn hat die Stimme hinter so großartigen Songs wie Berlin, Bad Love, Sweat, Beacon und Only damit auch gleichzeitig ein neues Album und eine neue Tour angekündigt. Mit Untold setzt RY X seine zerbrechliche Stimme einmal mehr so zurückhaltend ein und spart an Opulenz – nur, um Gefühle entstehen zu lassen und eine Intimität zu erzeugen, die nur er beherrscht. Jedes einzelne seiner Lieder ist an Lagerfeueratmosphäre nicht zu übertreffen und ist eine Bereicherung in jeder Plattensammlung. RY X schafft es, auf digitalen Songs ein Knistern zu erzeugen und den Hörer ganz zu sich selbst zu bringen.

Lauren Daigle – Stark wie Adele

Lauren Daigle hat bereits drei Alben in den USA auf Platz 1 bringen können – den Christian Top 100 Billboard Album Charts. Nun ist sie auch mit ihrem dritten Album Look Up Child in die Top-5 der Billboard-Top 100 Albumcharts eingestiegen und zeigt damit, dass sie dieses Spartendenken nicht nötig hat. Denn Daigle besticht durch eine so starke Stimme, die völlig konträr zu ihrem Erscheinungsbild steht. Ist die in Louisiana lebende Sängerin doch eine zierliche Frau, die darüber hinaus noch deutlich jünger aussieht, als ihre 27 Jahre es vermuten lassen. Dabei erinnert vor allem der Beginn ihrer aktuellen Single You Say an die britische Sängerin Adele und ihrem kraftvollen Someone Like You. Daigle hat den passenden Song für die zunehmend kälter werdenden Tage, berührt uns durch ihre warme Stimme, sowie dem opulent arrangierten Sound und wird uns sicherlich bis weit in den Winter begleiten.

Cat Power – Begeistert nach sechs Jahren Stille

Neun Alben hat die Amerikanerin Cat Power bereits veröffentlicht. War ihr Veröffentlichungrhythmus dabei stets zwischen einem und drei Jahren pro Album angesetzt, hatte sie bei Ihrem 2012er Album Sun bereits vier Jahre gebraucht, um dieses der Welt zu übergeben. Nun schreiben wir Herbst 2018 und somit sind satte sechs Jahre vergangen, seitdem ihr letztes Album veröffentlicht wurde. Damit ist es nun vorbei – für diesen Freitag hat Cat Power ihr zehntes Studioalbum Woman angekündigt und findet darauf zu alter Stärke zurück. Sie sei erwachsen geworden, hört man hier und da. Und tatsächlich behandelt Cat Power auf Woman Themen, die von Emanzipation, Realismus und Reflektion handeln. Dabei wurde ihr in den vergangenen Jahren von Plattenbossen nahegelegt, doch endlich auch mal so zu klingen, wie die großen Popstars. Dass dies nicht zu der Amerikanerin passt, wurde hierbei gänzlich ignoriert. Nun hat Cat Power mit dem Titelsong Woman ein Duett mit Lana Del Rey veröffentlicht, das so weich und ausgeglichen klingt, dass man sich fast hineinlegen möchte, in dieses Klangbett aus warmen Sound. Lana Del Rey unterstützt hierbei mehr, als im Vordergrund zu singen. Choral kommt Woman nicht daher, allerdings singen sich beide im Verlauf durch den Refrain, obgleich sie in den Versen in eine Art Frage-Antwort Gesang verfallen. Cat Power hat mit Woman wunderbaren Folkrock produziert, der ihre eigene Identität behält und dennoch überrascht.

Highasakite – Rauheit so sanft verpackt

Die norwegische Band Highasakite ist bekannt für große Indie-Hymnen wie Since Last Wednesday, Darth Vader oder Golden Ticket. Doch nun kommen sie für ihr viertes Studioalbum, welches mit viel Glück noch dieses Jahr erscheinen könnte, deutlich ruhiger daher. Dabei beginnt ihre neue Single I Call Bullshit mit einem Klavier und sanften Tönen, zu denen Frontsängerin Helene Håvik ebenfalls sanft die rauen Zeilen wie I call bullshit the night is youngMy drug of choice and I sure ain’t done singt. Bereits 2014 geschrieben, sollte I Call Bullshit eigentlich deutlich lauter werden. Die, dem Umfeld geschuldete Zurückhaltung – Håviks Freund schlief nebenan, weshalb sie den Song nicht laut einsingen konnte – brachte die Wirkung des Songs allerdings in eine komplett neue Richtung, die der Band so sehr gefiel, dass sie es beibehalten. Dabei fungiert auch I Call Bullshit als astreine Hymne für den Moment, wenn man die Nacht durchgefeirt hat, die Freunde nach Hause ziehen, man selbst aber noch nicht aufhören möchte.