Elton John – Das ultimative Weihnachtsgefühl

Im Herbst 1970 veröffentlicht, hat Your Song von Elton John nunmehr fast 50 Jahre hinter sich. Dabei stellt er eine Art Evergreen dar, der durch die Popgeschichte wandert und immer wieder einer Neuinterpretation anderer Künstler dient. Als größte Erfolge sind hierbei die Versionen von Rod Stewart (1992), Ellie Goulding (2010) und Lady Gaga (2018) zu nennen, die sich allesamt in den Charts verschiedener Länder platzieren konnten. Dabei übertraf vor allem die Version Ellie Gouldings den Erfolg des Originals um das Doppelte im Heimatland Johns. Dies hatte allerdings nicht allein etwas mit Gouldings fantastischer Interpretation zu tun, sondern lag vor allem daran, dass die britische Warenhauskette John Lewis für seinen jährlichen Weihnachtsclip Gouldings Version auswählte. In dieser Tradition werden immer wieder äußerst bekannte Originale von Künstlern gecovert und als Balladen in der dazugehörigen Weihnachtswerbung des Kaufhauses verwendet. Dieses Jahr bricht die Warenhauskette allerdings mit dieser Regel und lässt – den zum britischen Kulturgut gehörenden – John selbst seinen 48 Jahre alten Song in der Werbung erklingen. Dabei mimt John ebenfalls sich selbst und sehen wir seinen Werdegang und die herausragenden Momente des Songs rückwärts abspielen, bis zu dem Punkt, an dem der vier- oder fünfjährige John Anfang der 50er Jahre zu Weihnachten ein Klavier geschenkt bekommt. Diese Minuten der Retrospektive und der Abfolge von emotionalen Erinnerungen münden in einem so warmen Gesichtsausdruck Johns, der einem in nur zwei Sekunden die Geschichte eines Lebens erzählt. Mit diesem Weihnachtsclip hat die Warenhauskette einmal mehr geschafft, was viele immer wieder zur Weihnachtszeit suchen. Herzlichkeit, Wärme und Zufriedenheit auszustrahlen und das mit einem Song, der diese Gefühle seit fast 50 Jahren ebenso transportiert.

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The Blaze – Gewaltiges Glück, gewaltiger Schmerz

Die Bildsprache, der Sound, die Geschichten – das alles im Zusammenspiel präsentieren die beiden Cousins Jonathan und Guillaume Alric mit ihrer Band The Blaze. Dabei lassen sie Eindrücke und Gefühle entstehen, die von Wärme, Zuneigung, Trauer, Herzlichkeit, Aggression und Liebe handeln. Ihre kräftige Bildsprache erzählt kleine Kurzgeschichten, wie die in Territory. Hier geht es um einen Migranten, der aus Frankreich in seine Heimat – Algerien – zurückkehrt. Bei Virile erzählen die beiden Pariser die Geschichte einer männlichen Freundschaft, die durch Gemeinsamkeiten und Lebensfreude mehr als nur zwei Freunde darstellt. Auf Queen wiederum, dreht sich alles um die innige Freundschaft unter zwei jungen Frauen, die in einem Trailerpark leben und mit einer stets aggressiven Grundstimmung ihre Freundschaft bemessen. Das Gefühl – mit der besten Freundin – die Welt zu erobern, stärker als der Rest Dieser zu sein oder sich auch ganz einfach beweisen zu müssen, ist für den Ein oder Anderen sicherlich nicht unbekannt. Auf Queen wird jedoch die Zerbrechlichkeit dieser Beziehung deutlich und die Bedeutung derer in eindrucksvolle Bilder gepackt. Dabei klingt die Musik von The Blaze emotional, nostalgisch, ist aber immer auch tanzbar – und damit das Ziel der Band erreicht. Mit tiefem, gepitchten Gesang, treibenden French-House-Beats und einer Popanleihe verknüpfen The Blaze verschiedene Elemente zu einem hypnotisierenden Dancesound und erreichen uns damit auf verschiedenen Ebenen. Ihr Debütalbum Dancehall ist bereits im September erschienen und wird im kommenden März mit Konzerten in München (05. März 2019) und Berlin (18. März 2019) auch live zu erleben sein.

Clueso – Konzertkritik (Huxley’s Neue Welt 2018)

Er kam, sah, siegte! Nicht anders ist zu beschreiben, was der Thüringer Musiker Clueso am vergangenen Dienstag in Huxley’s Neue Welt ablieferte. Clueso hat Erfahrung, ist in die Popwelt hinein gewachsen und hat alle Phasen eines Musikers durchlaufen. Vom Newcomer-Dasein, über die ersten Hypes, bis zu Zweifeln und einer Neuausrichtung – die ihm abermals einen Erfolgsschub bescherte – verpackt der 38-jährige Sänger all seine Erfahrungen und Emotionen immer wieder in Songs und erreicht damit ein Publikum zwischen Jung und Alt. Mit seinem aktuellen Album Handgepäck I schaffte es Clueso zum dritten Mal hintereinander die Pole-Position der deutschen Albumcharts zu erreichen und überraschte gleichzeitig mit einem Sound, der von akustischer Musik und Zurückhaltung geprägt ist. Sind doch alle Songs auf Handgepäck I im Laufe der vergangenen sieben Jahre entstanden, als der Sänger auf Reisen war. Davon beeinflusst, klingt Handgepäck I nach Weite, vorbeiziehenden Landschaften und einer entspannten Grundhaltung, die selbst Cluesos entspannte Art nochmal steigern lässt.

An diesem kalten Novemberabend rief er nun schließlich seine Fans auf, in die Konzerthalle am Neuköllner Hermannplatz zu kommen. War die Halle zum bersten voll und ausverkauft, folgten diesem Aufruf anscheinend viele seiner Fans. Pünktlich wie ein Maurer betrat der Sänger um 20:30 Uhr – ohne Vorband – die Bühne und begann mit den ersten Songs Morgen Ist Der Winter VorbeiEs Ist Schon Spät und Neue Luft. Dabei knisterte es still in der Halle und klangen die Gitarrensaiten voluminös und warm. Hiernach begrüßte er das Berliner Publikum und ließ sympathisch von der Stange, dass er ja doch immer etwas aufgeregt sei, das Publikum hier ihn aber so herzlich empfangen habe, dass dieses Gefühl schon fast verflogen sei.

Songs seiner Idole

Mit Vier Jahreszeiten An Einem Tag kündigte Clueso im weiteren Verlauf sein erstes Cover an diesem Abend an. Hat es der – im Original von der Australischen Band Crowded House geschriebene – Song tatsächlich in übersetzter Version auf das Album und sogar zur Singleauskopplung geschafft, kommentierte der Sänger, dass Englisch nicht so sein Ding sei und er diesen Song aber so sehr mochte, dass er ihn übersetzte und neu interpretiert habe. Dabei blieb der Sänger sehr nahe am Original und erhielt die traurig, emotionale Stimmung des der englischen Version. Mit Du Und Ich folgte anschließend eine poppigere Nummer, die ebenfalls als Singleauskopplung im vergangenen Sommer durch die Radios hallte und die gedämpfte Stimmung im Publikum wieder mit Energie füllte.

Mit den folgenden Songs läutete Clueso schließlich eine Strecke von älteren Songs ein, die auf die akustische Tour angepasst wurden. Da fielen mit Keinen Zentimeter und der Udo Lindenberg Kollaborationssingle Cello spätestens hier alle Hemmungen mitzusingen und hörte man bei den einschlägigen Textzeilen das Publikum um sich herum mal ruhig, mal frenetisch mitsingen. Mit den Worten, dass das Berliner Publikum immer etwas anders sei, quittierte er die Aussage mit dem Zusatz, dass es den Sänger mit einer ruhigen und offenen Haltung aufgenommen habe und er sich pudelwohl fühlte. Nach Cello kam der Sänger allerdings nicht drumherum, vom Hamburger Panikrocker Udo Lindenberg zu reden und teilte Anekdoten wie, dass Lindenberg rauchend in der Lobby eines Hotels darauf hingewiesen wurde, dass das Rauchen hier nicht gestattet sei und es noch nicht einmal einen Aschenbecher gäbe, mit den Worten Ja… früher stand hier mal einer. Diese Erinnerungen zauberten Clueso, während er sie erzählte, eine kindliche Begeisterung ins Gesicht und man mochte fast eine Art Heimeligkeit durch das Geschichten erzählen zu vernehmen.

Mit Chicago folgte schließlich einer seiner stärksten Songs und erzeugte dabei mit der Tragik, die der Text ausdrückt eine Gänsehautstimmung unter dem Publikum, die eine Mischung aus Empathie und Willenskraft ausstrahlte. Im Anschlus folgte mit Es Brennt Wie Feuer eine deutsche Interpretation des Bruce Springsteen Songs I’m On Fire. Dabei outete sich Clueso als großer Springsteen Fan und sorgte zur Mitte des Songs für einen – fast schon ekstatischen – Moment als er in den Refrain des Kings Of Leon Hits Sex On Fire überging und auf der Bühne kurzzeitig durch flirrende Gitarren das Gefühl, ein Rockkonzert zu besuchen, aufflammte.

Clueso mit Baguette aber ohne Annett Louisan

Fanpost war schließlich der älteste Song seiner Diskografie an diesem Abend – wurde dieser doch auf dem 2005er Album Gute Musik veröffentlicht. Mit Freidrehen und Gewinner drehte Clueso schließlich noch einmal voll auf und animierte das Publikum mitzusingen, bevor mit Paris eine kleine Chansonnummer folgte. Hierbei erinnerte Paris an Songs aus Annett Louisans Repertoire und würde sicherlich auch eine wunderbare Kollaboration mit ihr ergeben. Mit einer kurzen Verabschiedung kam die Band und Clueso nach knapp einer Minute wieder auf die Bühne um mit dem Mash-Up Achterbahn und Zusammen – eine Zusammenarbeit mit den Fantastischen Vier – nochmal richtig durchzustarten. Im Anschluss mit einer Jam-Session über Berlin, Zugehörigkeit, Toleranz und Umwelt rappend, zeigte Clueso, dass er immer noch die Skills des Freestyles beherrscht und beendete schließlich das Konzert mit dem melancholisch, schönen Barfuß.

Nach 18 Songs, 2 Stunden und 10 Minuten voller Power, einem unglaublichen Unterhaltungswert und Musik aus den Genres Hip-Hop, Rock, Pop und Chanson, verabschiedete sich Clueso schließlich endgültig von der Bühne und bedankte sich für die Herzlichkeit und das mal totenstille Lauschen, mal begeisterte Abgehen.
Hatte Clueso in den letzten vier Jahren insgesamt sechs Konzerte in der Hauptstadt gegeben, überraschte und begeisterte die Stimmung der Fans, die keine Ermüdungserscheinungen – den Musiker zu sehen – zeigten. Ebenso legte Clueso eine Energie an den Tag, die in Anbetracht der Anzahl an Berliner Konzerten zusätzlich begeisterte. Clueso ist ein Profi durch und durch. Er weiss, worauf es ankommt und wie er ein Publikum mitziehen kann. Dies schafft er allerdings so sympathisch und unterschwellig, dass man das Gefühl bekommt, einen Freund auf der Bühne zu haben.

Hollow Coves – Sehnsucht in jeder Melodie

Hollow Coves – Coastline

Zwei Freunde aus Brisbane, finden sich 2013 zusammen um Musik zu machen. Getrieben durch Fernweh trennen sich beide um die Welt zu erkunden. Mit dieser Wanderlust – die auch im englischen die Bedeutung von dem steten inneren Antrieb, sich zu Fuß die Natur und die Welt fern der Heimat zu erschließen – haben sich Ryan Henderson und Matt Carins mit einem Rucksack aufgemacht, um die Welt zu entdecken. Dies findet sich auch auf der Facebook-Seite der australischen Band wieder – posten sie doch unglaublich beeindruckende Fotos von, fast schon, überwältigend schönen Landschaften. Hierher kommt dann auch der musikalische Stil des Duos. So hört man Sehnsucht, Neugier, Melancholie und Aufbruch heraus – schlicht Wanderlust. Hollow Coves erste EP heißt dann auch passenderweise Wanderlust und beinhaltet sechs Songs, die alle samt das Herz berühren. Einen hervorzuheben scheint fast wie ein Frevel und doch sticht gerade Coastline besonders hervor. Hier treffen Bear’s Den, Mighty Oaks und The Slow Show aufeinander. Mit einer akustischen Gitarre, einem schwebenden Gesang und treibenden Sound ist Coastline die Perfektion der Sehnsucht. Sehnsucht nach der Ferne, nach neuen Abenteuern und engen Momenten. Traurigkeit spielt genauso eine Rolle wie Herzlichkeit und Offenheit. So wird Coastline im Verlauf intensiver und lässt die Träume plastisch werden. Der Moment, sich in einem Gefühl zu verlieren ist bei Coastline nicht nur eine „Gefahr“, sondern allgegenwärtig. Hollow Coves sind dabei so intim und groß, dass sie es gleichzeitig schaffen expressiv und klein zu wirken.