Kettcar – Aufbruch der Verlierer

Er ist kess, er ist schnell und er ist zynisch – der neue Song Palo Alto von den Hamburger Indierockern von Kettcar. Sind sie für ihre politischen Texte bekannt, verfolgen sie auf Palo Alto einer Gruppe von Menschen, die durch die Digitalisierung ihre Jobs verloren haben und damit ihrer Identität hinterherlaufen. Mit einem Plan – nach Palo Alto zu fahren – um die digitalen Riesen niederzubrennen – begeben sie sich auf ein verrücktes Abenteuer. Dabei sind es wieder einmal Marcus Wiebuschs erzählerischer Gesang, und seine vertrauenerweckende Stimme, die den treibenden und hymnischen Song tragen. Mit schnellen Gitarrenriffs, einem verdammt schnellen Refrain und einem ebenso wortreichen Text, wie Und wenn die vom Jobcenter fragen, kannst du ihnen sagen, wir sind unterwegs, mit allem was wir haben. Die Algorithmen zu zerschlagen und, dass die Benzinkanister und Streichhölzer zu uns gehören. Burn Palo Alto Burn spiegeln Kettcar genau die Mitte der Gesellschaft zwischen Abhängenden und Abgehängten wider. Dass vor allem die letzte Aussage des Refrains für das Verhalten einer verrückten Truppe aus Menschen besteht, möchte Wiebusch – wie in einem Deutschlandfunk Kultur Interview auch explizit hingewiesen – nicht als Sympathisieren verstanden wissen. Mit Palo Alto kündigen Kettcar die EP Der süsse Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich) an, die am kommenden Freitag veröffentlicht wird.

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Puder – Wenn wir lieben, sind wir nackt

Es ist ein Traum von einem Song – denn er ist anders. Die Hamburger Sängerin Puder, hinter dessem Pseudonym sich Catharina Boutari verbirgt, versucht damit ein Gefühl, welches sie selbst als Geschichte vom Ende der Welt beschreibt, zu transportieren. Dabei übt Nackt hier eine enorme Faszination aus. Mit Boutaris extrem fragilen Gesang, der nach Entrüstung, nach Aufgabe, nach Liebe und nach Hoffnung klingt, hat sie auf 3:38 Minuten einen Raum der Ruhe geschaffen. Er lädt zum Nachdenken ein und ist textlich dabei ein Wachrütteln der sanften Art. Puder hat mit Nackt einen Song eingesungen, der die Hast des Alltags rausnimmt und eine Bodenständigkeit vermittelt, die so roh und ehrlich ist, dass man die starke Frau hinter den leisen Tönen so deutlich erkennt und sich ihren Texten einfach hingeben möchte.

Fettes Brot – Nichtig? Richtig? Auf jeden Fall wichtig!

Mit 27 Jahren Bandgeschichte sind die Hamburger von Fettes Brot mittlerweile zum deutschen Kulturgut avanciert. Mit ihrer Mischung aus extrem Pop-affinen Sounds, bissigen Texten und schrägen Videos haben sie sich einen Platz im kollektiven Gedächtnis erobert. Nun sind sie mit einer neuen Single zurück und vereinen abermals genau diese Mischung zu einem Ohrwurm mit Aufhorch-Moment. Denn auf Du driftest nach rechts sprechen Doktor Renz, König Boris und Björn Beton einmal mehr an, was nicht oft genug ausgesprochen werden kann. Hier geht es um eine Liebe zwischen schwarz/weiss und bunt, zwischen Tag und Nacht, zwischen Krieg und Frieden. Nicht immer miteinander vereinbar sind die Unterschiede zu gravierend, als dass sie nebeneinander her laufen könnten. Dabei klingt Du driftest nach rechts nach einer Disco-Ballade – wie die Jungs sie selbst beschreiben. Und genau das ist der Schlüssel zum Erfolg der Band. Ob mit Schwule Mädchen (gegen Homophobie und Frauenfeindlichkeit), An Tagen wie diesen (über Massenflucht und Anschläge), Lass die Finger von Emanuela (Drogenkonsum) oder Bettina, zieh dir bitte etwas an (dem allgegenwärtigen Alltags-Sexismus‘), all diese Songs vereinen gesellschaftskritische Themen mit Ohrwurmsounds für das Radio. Damit schafft es das Trio immer wieder aufs Neue kritische Themen ins Mainstreamradio zu bringen und das, ganz ohne den Zeigefinger immer wieder zu erheben. Das und ganz sicher noch vieles mehr können wir auf dem neunten Album Lovestory der Hamburger erwarten, welchen Anfang April erscheinen wird.

NEØV – Sphärischer Indierock

Vor zehn Jahren gegründet, hat das finnische Trio NEØV bereits einige Turbulenzen durchlaufen – stehen bereits drei Bandmitglieder-Abgänge auf ihrem Lebenslauf und auch der ein oder andere Wechsel der Plattenfirma. Dass sie allerdings eine Idee verfolgen, kann man nicht zuletzt dadurch sehen, dass die Band in Finnland mit Gramofon Fest ihr eigenes Festival organisiert. Dieses ist geprägt von Musik der einzelnen Jahrzehnte und umspannt Songs aus den 60ern bis in die 90er. Im Juni dieses Jahres zum Hamburger Label Clouds Hill gewechselt, veröffentlichen die drei nun mit Elysion eine sphärische Indienummer, die mit Dreampop-Elementen und einem choralen Refrain überzeugt und einen satten Fußabdruck in der hiesigen Indielandschaft hinterläßt. Zeit wird es für die Jungs, den großen Durchbruch zu feiern – haben sie für 2019 ihr drittes Album Volant angekündigt und werden seit ihrem Debütalbum Orange Morning aus dem Jahr 2012 von Magazinen, wie dem Q-Magazine oder dem Rolling Stone hochgelobt und als das nächste, große Ding aus Finnland betitelt. Mit Elysion kommen sie diesem Ziel einen großen Schritt näher.

Pool – Back to the 80’s!

Mit Lorbeeren überschüttet und selbst vom britischen The Guardian gefeiert, ging es in den letzten Jahren für das Hamburger Trio Pool auf und ab. Haben sie 2012 mit dem Song Don’t Call My Name Aufmerksamkeit auf sich gezogen, veröffentlichten sie 2015, nach einigen EP’s, Ihr Debütalbum Snacks & Suppliers. 2016 noch zwei Songs veröffentlicht, wurde es in den letzten beiden Jahren ruhig um die Jungs. Dabei standen Frontsänger Nils Hansen, Daniel Husten und David Stoltzenberg keinesfalls still. So haben sie in der Zeit etliche Songs aufgenommen, die nie das Licht der Welt erblickten. Und dennoch war diese Phase für die Band sehr wichtig, fanden sie doch immer mehr gefallen am Produzieren und veröffentlichen nun mit Moving On ihren ersten selbst geschriebenen, produzierten und gemixten Song, der als funky Indiepop-Song mit klebrigen 80er-Jahre-Synthies aufwartet und uns den Sommer noch bis weit in den Oktober hinein sichert. Und so gibt es das Trio bereits seit bald acht Jahren. So gesellen sich heute Bands wie Parcels zu ihrem Sound dazu und lassen die Hamburger damit zu Vorreitern des Genres werden.

Little Hours – Folk trifft Remix

Über zwei Jahre begleitete SOML das irische Duo Little Hours und hatten uns vom ersten Song an in die handgemachte Musik der beiden Jungs verliebt. Zuletzt hatten sie im März 2017 mit Water, aus der Too Much Patience EP, einen so gefühlvollen Song veröffentlicht, dass die Gänsehaut vorprogrammiert war. Auf dieser EP enthalten, ist auch der Mitte November veröffentlichte Song Later On, der deutlich mehr nach vorne geht. Hier sorgt ein treibendes Gitarrenspiel und das, im Refrain im Vordergrund stehende, Schlagzeug für einen wunderbar vollen Sound. Um diese Zeit der Veröffentlichung herum, passierte allerdings mit dem Duo eine Menge. Persönliche Wünsche nach neuen Projekten führten schließlich dazu, dass sich das Duo im Herbst dazu entschloss, getrennte Wege zu gehen. Somit verließ Ryan McCloskey die Band im freundschaftlichen und macht John Doherty nunmehr als Solokünstler hinter Little Hours weiter. Klingt Little Hours auch weiterhin natürlich und roh, gab es anscheinend von Doherty den Wunsch, nach einer Zäsur. Diese sah so aus, dass – ihr noch gemeinsam geschriebener Song Later On – als Remix veröffentlicht werden sollte. Und so hat das österreichische Produzenten-Duo MÖWE den Song geremixt und dafür gesorgt, dass sich Later On dem Tropical House hin gibt, den MÖWE so gut beherrschen. Dabei haben sich MÖWE mit etwas Ehrfurcht an den Song gewagt – denn hier bleibt der treibende Sound und Gesang Dohertys klar im Vordergrund, wird allerdings von einem prägnanten House-Beat unterstützt. Wir dürfen gespannt sein, wie sich Doherty als Solokünstler mit Little Hours weiterentwickeln wird, sind uns aber sicher, dass uns der Singer/Songwriter Sound noch lange begleiten wird. Live sehen könnt Ihr Little Hours übrigens am 2. Februar im Berliner Privatclub und am 3. Februar im Hamburger Molotow als Support des Singer/Songwriter und Geschwister-Duo’s Hudson Taylor. Hier könnt Ihr jetzt beide Versionen hören und selbst entscheiden, welcher Euch besser gefällt.

Sion Hill – Dublin, Hamburg, Berlin

Sion Hill – Elephant

Die Reise geht weiter – so könnte man Sion Hill’s (alias Nathan Johnstons) Aufstieg beschreiben. Denn stillstehen würde für den jungen Iren nie in Frage kommen. Spielte er noch vor 3 Jahren in seinem irischen Heimatort Mullingar, zog es ihn kurze Zeit später nach Dublin, wo er auf den Straßen Musik machte. Hier entdeckte ihn eine Plattenfirma und veröffentlichte seinen Song Nothing’s Wrong With Loving You. Wenig später zieht er, nach kurzem Aufenthalt in Hamburg, nach Berlin – in dem er seitdem lebt. Hier nimmt seine Karriere nochmals Fahrt auf und so kam vor zwei Wochen sein Debütalbum Elephants auf den Markt. Mit der gleichnamigen Single veröffentlicht und präsentiert Hill eine rockige Mischung aus Pop und Folk. Mit seiner tiefen und rauchigen Stimme lässt er eine Größe zu, die für einen 22-jährigen Newcomer erstaunt. Dazu passend ist das markante Gitarrenspiel im Refrain und die Frische im Sound. Hier brennt nichts an und Sion Hill stehen nicht still. Wir sind also auf den nächsten, großen Schritt gespannt.

Gløde – Von der Insel in die Welt

Gløde – As We Speak

 Ø – ein Buchstabe – nicht mehr. Zugegeben, ein sehr interessanter Buchstabe. Doch im dänischen ist das nicht nur ein Buchstabe, sondern auch ein Wort. Denn Ø  steht für Insel. Und gleichzeitig hat die Hamburger Band Gløde diese Insel in ihrer Mitte. Dass das nicht von ungefähr kommt, zeigt der Name des Frontsänger, Simon Gløde, der aus Dänemark kommt und 2014 in Hamburg auf der Suche nach einer Band war. Dass diese Suche erfolgreich war, bestätigt das Facebook-Geburtsjahr der Band, das den 1. Juni 2016 angibt. Doch von der Entstehungsgeschichte abgesehen ist heute auch ein ganz besonderer Tag für Gløde. Denn heute kommt ihr Debütalbum Ø raus, welches so abwechslungsreich ist, wie nur wenige Alben dieses Jahr. Darauf enthalten sind Songs, der verschiedensten Genres. Haben wir mit der Debütsingle As We Speak einen wunderschönen und starken Alternativesong mit sanftem Schlagzeug, weichen Gitarren und Simon Glødes warmer Stimme, zeigt sich die Band auf Lady In A Dress mit einem gwissen Bezug zum Jazz. Bei Rose wiederum klingen Gløde in den lauten Momenten fast schon nach 80er-Jahre-Balladenrock. Dazwischen findet sich viel atmosphärischer Indie-Pop. Gløde zeigen beeindruckend, wie gut ein Debütalbum, von einer Band, die sich gerade mal vor gut einem Jahr gegründet hat, klingen kann. Glødes Stimme, die mal rauchig, mal glasklar klingt, hat viel von Künstlern wie Damien Rice und David Gray und auch die akustische Nähe zu diesen Künstlern lässt sich nicht ganz ablegen. Gløde sind spannend und haben mit Ø  ein Debütalbum veröffentlicht, dass neun Songs voller Abwechslung und Spannung hat und die sich beim Hörer in Neugier und Interesse verwandeln. Mit dem starken Opener As We Speak blasen sie so zum Angriff. Stark, intensiv und frisch – eine Insel voller musikalischer Vielfalt – das ist Ø von Gløde.

Kettcar – Mit einem Schlag ins Gesicht zurück

Kettcar – Sommer ’89

Wie politisch darf oder viel mehr muss Musik sein, um ihren Einfluss auch geltend zu machen? Hier gibt es viele Beispiele von oberflächlicher, politischer Meinungen, die allerdings immer nur eine Strömung wiedergeben. Anders sind Bands wie Kettcar, die sich klar positionieren. Hierbei sympathisieren sie allerdings nicht etwa mit einer bestimmten Parteienrolle, sondern treten für Menschlichkeit, und Gleichberechtigung aller ein. Dass wir dieses Einstehen fünf Jahre lang bitterlich vermissten, wird bei Kettcars neuer Single Sommer ’89 klar, die in nur fünf Minuten so viel, der Geschehnisse der letzten Jahre, zusammenfasst und sich dabei auf ein Beispiel aus der Geschichte bezieht. Denn wir wissen alle, Geschichte wiederholt sich und ist der Ausgang bekannt und negativ, muss man dagegen aufstehen. In Sommer ’89 stehen Kettcar, um den Frontsänger Marcus Wiebusch auf und besingen die Situation des Flüchtenden. Nicht etwa auf seinem Weg über die Balkan-Route, sondern über den Weg von Ost- nach Westdeutschland. Und hier treffen sich dann auch die wiederholenden Geschichten. Mit Wiebuschs rauchig, eindringlicher Stimme und einem bedrohlichen Gitarrensound besingen Kettcar diese Situation und klingen nach einer erwachsenen Gitarren-Pop-Band, die an Relevanz gerade dadurch noch zugenommen haben. Ist ein großer Teil des Songs als Sprechgesang aufgenommen, kommt Wiebusch im Refrain noch eindringlicher und fast schon flehender zurück. Sehr zu empfehlen ist hierbei das Musikvideo, welches die Geschehnisse vom August 1989 als Kurzfilm wiedergibt. Damit haben sich Kettcar mit einem Schlag zurück in die politisch, musikalische Landschaft katapultiert und sind dabei wichtiger denn je.

Romano – Zurück mit Kurzfilm und derben Beat

Romano – Copyshop

Vom Berliner Romano ist man seit 2015 schon einiges gewohnt. Dass nun allerdings auch ganz offiziell die Marketingabteilung der Stadt Berlin – visitBerlin auf den Köpenicker abfährt, zeigt sich durch das gesponserte Übermut Projects – welches auch mit Hamburg Marketing zusammen finanziert wird. Hier werden, um die verschiedenen Kulturen der Städte zu präsentieren, Künstler zwischen Berlin/Hamburg und Hongkong ausgetauscht. Spannend dabei ist, dass Romano dazu gleich noch ein Kollektiv aus einem Regisseur, Musikproduzenten, einer Produzentin und einem Kameramann um sich vereint hat, um einen fast elf Minuten langen Kurzfilm Copyshop aufzunehmen. Daraus entstanden ist ein derber Elektro-Rap Song mit typischen Romano Rhymes. Von der Produktion schon sehr an amerikanischen Vorstadt-Hip-Hop erinnernd, springt der Beat flippig rum – wie Romano in seinen Videos. Copyshop als Kurzfilm kann dabei in drei Sequenzen aufgeteilt werden. Während der erste und letzte Teil den eigentlichen Song Copyshop präsentiert und nur durch – auf Interview gehaltene – Gesprächsfetzen setzt, wird im Mittelteil ein düsterer, mystischer und experimenteller Sound gespielt, zu dem Romano auf seine ganz eigene Art performt um darauf zu warten, dass im dritten Teil der kantonesische Rapper MastaMic auf kantonesisch rappt. Somit hat sich das Übermut Projects gleich doppelt verdient gemacht, den Austausch der kulturellen Vielfalt zu präsentieren. Romano ist dabei schon lange kein, rein auf Berlin begrenztes, Phänomen mehr und zeigt gleichzeitig auch einen großen Schritt zur Professionalisierung seines einzigartigen Sounds.