Jeremias - Keine Liebe

Jeremias – Innere Zerrissenheit

Sie waren eine der wenigen Bands, die bereits zu Beginn des Jahres mit ihrer Clubtour für ausverkaufte Hallen sorgten und gleichzeitig für einen der letzten Momente sorgten, Musik live auf der Bühne gespielt zu erleben – bevor die Pandemie alles zum erliegen brachte. Mit ihrem Tourfinale im Berliner Club Musik & Frieden am 29. Februar sorgten sie ein letztes Mal für eine fulminante Show, die das Publikum zum feiern brachte. Die anschließende Aftershow-Party in der Baumhausbar gleich oben drüber, ließ die Stimmung schließlich noch bis in die Nacht weiter steigen. Mit der – im Herbst veröffentlichten – EP Du Musst An Den Frühling Glauben gab es bereits einen ersten großen Release. Nun steht mit der neuen EP alma eine neue Platte kurz vor der Veröffentlichung und bietet nicht mehr nur den funkigen Indie-Gitarrensound der Vorgänger-EP, sondern wird durch das Element des Singer/Songwritings ergänzt. Hier kommen energiegeladene Songs gleich nach ruhigen Balladen, lassen aber den Kern der Band nach großen Funk-Indie-Songs erneut aufleuchten. Nach der großen Popnummer Schon Okay folgte in mitten in der Pandemie und Lockdown-Phase mir Mit Mir eine wunderschöne Klavierballade, welche das Quartett via Cardinal Sessions von zu Hause aus aufgenommen hatten. Nun haben wir mit Keine Liebe eine hochemotionale Veröffentlichung, in der sich eine innere Zerrissenheit mit dem Gefühl von Vertrauen und Geborgenheit in einer freundschaftlichen Beziehung auseinandersetzt. Es ist der Moment, in dem man nicht mehr weiss, wie man seine eigenen Gefühle deuten soll. Kommt die Wärme, die in einem aufsteigt, wenn man der anderen Person gegenübersteht von einer tiefen freundschaftlichen Vertrautheit oder etwa doch, vom Aufkeimen eines viel tieferen Gefühls? Verbunden mit dem treibenden Funk in ihrem Sound, lassen Jeremias Keine Liebe zu einem Soundtrack der Selbstfindung werden und mischen dies mit einem lockeren Gitarrenspiel und der Kopfstimme von Jeremias Heimbach, die bereits auf Schon Okay hervorragend funktionierte. Die Band selbst beschreibt den Song als etwas brauchen und nicht-haben, wollen und nicht kriegen. Gleichzeitig sagen sie aber auch, dass sich die ganze EP um das Thema Liebe und Kummer drehen wird. Somit dürfen wir eine funkige zweite EP erwarten, die uns – trotz der emotionalen Topics – abermals zum tanzen bringen wird.

PLGRMS - Disappear

PLGRMS – Werden wir uns auflösen oder etwas wagen?

Es ist der Moment, an dem eine Band denkt, jetzt zündet der Antrieb und wir starten durch, wie eine Rakete. Auch das australische Duo PLGRMS stand Anfang 2019 an diesem Punkt. Sorgten sie seit 2015 mit Songs, wie Pieces (2015), Fools And Their Gold (2016), Dream You Up (2017) oder Daylight (2019) dafür, dass sie zu einem immer gefragteren Festival-Act wurden und stand mit der Veröffentlichung des Songs Daylight der finale Durchbruch kurz bevor. Doch plötzlich war das Duo um den Producer Jonathan Bowden und Singer/Songwriter Jacob Pearson von der Bildfläche verschwunden. Später folgte ein Statement, in dem Pearson verriet, das ihn chronische Schmerzen dazu zwangen, alles anzuhalten und seinem Körper eine Phase der Erholung und Heilung zu gönnen. Mit neuer Energie und etwas mehr als einem Jahr Pause, haben sich PLGRMS nun mit der Single Disappear zurückgemeldet und arbeiten dabei am eigenen Anspruch. Auf Disappear singt Pearson schließlich darüber, endlich wieder etwas zu wagen. Man möchte den ersten Schritt wagen und auf etwas Neues zugehen, aber gleichzeitig ist es auch so einfach, weiterhin einem altbewehrten Schema zu folgen. Manchmal ist es das „fast zu Ertrinken“, das wir brauchen, um schwimmen zu lernen – sagt Pearson. Im Deutschen wäre dies am ehesten mit dem Sprichwort – ins kalte Wasser springen – zu vergleichen. Nun haben PLGRMS mit Disappear eine fulminante Rückkehr eingeläutet und stehen bereit, sich ganz nach oben zu arbeiten. Klingt der Song mit seinen Gitarren, Klavier- und Perkussionelementen und dem sanft, melodischen Gesang Pearsons kraftvoll und sensibel zugleich, bildet sich im Refrain eine bombastische Wolke aus Trauer, Kraftlosigkeit und einem aufkeimenden Wunsch nach einem Neuanfang. Szenisch umgesetzt, bildet das dazugehörige Musikvideo die zweite Hälfte des Songs und lässt mit seinen Bildern die sanfte und ebenso brachiale Kraft des Ozeans erahnen, in der sich Pearson schließlich zu verlieren scheint. Disappear ist eine grandiose Rückkehr des Duos und eine großartige Ballade mit der PLGRMS schon bald auch international erfolgreich sein wird.

Flecks – Das überwältigende Gefühl der Gefühle

Es ist ein Song, wie für dieses Gefühl geschrieben- der neue Song You Bet I Would des Irische Duo Flecks. Haben Freya und Scott mit Doubles und Samurai vor Kurzem erst wieder auf sich aufmerksam gemacht, folgt nun dieser großartige Popsong. Von der Schnelligkeit eines Moments des Verarbeitens neue Eindrücke klingt You Bet I Would nach einer endlosen Taxifahrt durch die Häuserschluchten New Yorks. Immer das Gesicht an die Scheibe gedrückt und den Blick nach oben schweifend, entsteht so das Gefühl der Überwältigung. Gleichzeitig läutet der Song mit seinem fulminanten Aufbau ein regelrechtes Bersten des Körpers durch genau dieses Gefühl der Überwältigung ein. Wir alle kennen diesen unbeschreiblichen Druck im Körper, wenn wir uns in einem Moment des absoluten Glücks wiederfinden. Flecks haben dieses Gefühl auf You Bet I Would wunderbar eingefangen und durch große Synthiebetten und einem energischen Gesang Freyas so, einen großen Popsong geschrieben, der sich an die Momenten anlehnt, die so individuell, wie bedeutsam sind. Es wird Zeit, dass dieses Duo mehr Aufmerksamkeit erfährt und zum Soundtrack unseres Alltags wird.

Purity Ring - Stardew

Purity Ring – Mysteriöse Homepage und Album Nr. 3

Es scheint momentan eine Zeitspanne zu sein, die viele Musiker motiviert, wieder ein Album zu veröffentlichen. Nach Shrines (2012) und Another Eternity (2015) hatte sich das kanadische Duo Purity Ring lange fünf Jahre nicht mehr zurückgemeldet. Dabei standen sie Anfang der 2010er-Dekade mir Bands wie MS MR und Poliça für eine Welle mystisch, epischer Synthiepop-Songs. Nach zwei ausgedehnten Tourjahren 2016 und 2017 gab das Duo um Megan James und Corin Roddick 2017 schließlich bekannt, sich eine Auszeit zu nehmen, um an neuem Material zu arbeiten. Nun ist das lange Warten vorbei – denn mit einem kleinen Puzzle auf ihrer Homepage kündigen Purity Ring nun mit der Single Stardew nicht nur neue Musik an, sondern gleichzeitig ihr drittes Studioalbum Womb und eine ausgedehnte Tour, die sie im September auch nach Berlin führen wird. Auf Stardew verbinden Purity Ring einmal mehr ihren typischen Synthiesound mit Glocken und dem mädchenhaften Gesang James‘. Dabei klingt Stardew deutlich positiver und heller, als es die ersten beiden Alben taten. Mit einer regelrecht euphorischen Stimmung singt sich James durch pulsierende Synthies und tanzt förmlich auf einem wabernden Beat. Mit Stardew lassen Purity Ring die letzten fünf Jahre der Stille fulminant enden und versprechen nicht weniger, als ein weiteres großartiges Album zu veröffentlichen.

 

Like Elephants – Das sanfte Aufwachen an einem kalten Morgen

2016 veröffentlichten die Österreicher von Like Elephants ihr fulminantes Debütalbum Oneironaut mit ihrem zweiten Album Kaleidoscope (2018) setzten sie dem 80er-Synthiepop noch eine satte Ladung ihrer eigenen Individualität drauf. Nun hat das Quartett um Frontsänger Viktor Koch mit Askja eine erste neue Single veröffentlicht und gleichzeitig neue Musik für 2020 angekündigt. Bleiben die Jungs ihrem Rhythmus treu, würde diese Musik wieder in einem zweijährigen Abstand zu ihrem vormals veröffentlichten Album erscheinen. Auf Askja klingen Like Elephants nach dem Moment, an einem kalten Wintertag in einem warmen Bett neben dem Partner aufzuwachen, der einem auch die Seele wärmt. Dabei ist Askja als Sinnbild des, so nahe Liegenden und doch Unerreichbaren zu verstehen. Denn Askja ist ein Vulkan auf Island, um den sich die Inselstraße komplett drumherum bewegt, doch nur zwei Straßen zum Vulkan selbst hinführen. Sind diese unpassierbar, ist es unmöglich, dort hinzukommen. Diese Sehnsucht nach der rauen Wärme der Einsamkeit haben Like Elephant auf Askja wunderbar umgesetzt und lassen uns als Hörer förmlich Teil ihrer Reise gewesen sein.

Bombay Bicycle Club - Eat, Sleep, Wake (Nothing But You)

Bombay Bicycle Club – Nach halbem Jahrzehnt zurück

Als Band fünf Jahre keine neue Musik zu veröffentlichen, ist im Musikbusiness schon ein gewagter Schritt. Doch bei den Bombay Bicycle Clubs war es bitter nötig. So konnte man es 2014 zumindest lesen, als die Band mit dem Post After 10 years of doing this—and it being the only thing we’ve known since we were 16—we thought it was time for all of us to try something else das letzte Lebenszeichen – vor einer für fünf Jahre andauernden Stille – veröffentlichte. In der Zwischenzeit hatten Ed Nash, unter dem Alias Toothless, und Frontsänger Jack Steadman, unter dem Alias Mr. Jukes, jeweils Soloalben auf den Markt gebracht. Nun hat das Londoner Quartett seine Bandpause beendet und mit der Single Eat, Sleep, Wake (Nothing But You) eine fulminante Comebacksingle veröffentlicht. Darin scheint es so, als würden die Briten den stetigen Wunsch er Fans Tribut zollen und gleichzeitig auch selbst in der Band gespürt haben, dass es Zeit wäre, wieder zusammenzukommen. Mit Eat, Sleep, Wake (Nothing But You) machen die Bombay Bicycle Clubs dort weiter, wo sie 2014 mit ihrem vierten Studioalbum So Long, See You Tomorrow aufhörten. In einem Interview mit Annie Mac beschrieben die Jungs den neuen Song schließlich als eines der besten Gitarrenriffs, die sie jemals geschrieben hatten und wollen damit eine Art Back-To-Basic mit ihrem neuen Material signalisieren. Das fünfte Studioalbum ist für das Frühjahr 2020 angekündigt und so dürfen wir sicher sein, dass uns bis dahin nicht nur die wunderbare Single Eat, Sleep, Wake (Nothing But You) begleiten wird.

Róisín Murphy – Dancefloor-Queen auf ewig

Seit nunmehr 24 Jahren ist die irische Sängerin Róisín Murphy bereits im Musikbusiness zu Hause. Gründete sie zusammen mit Mark Brydon 1994 die Band Moloko, folgte damit ein unaufhaltsamer Siegeszug in den Olymp der britischen House-Musik. So wurden Songs, wie Sing It BackThe Time Is NowFamiliar Feeling oder Forever More zu großen Hymnen der Millenium-Jahre. Dabei ist es erstaunlich, dass es die Band Moloko nur neun Jahren gab und Murphy als Solokünstlerin auf mittlerweile 15 Jahre zurückblicken kann. Aber auch hier stand Murphy immer im Zeichen von Acid-House, Disco und großen Dancefloorkrachern. Hier kann Murphy bereits auf vier Studioalben zurückblicken und ist trotzdem nie müde, auch zwischendurch Songs zu veröffentlichen. Schaut man sich ihre Diskografie in diesem Jahr einmal an, steht diese ganz im Zeichen neuer Musik, welche die irische Sängerin ganz ohne Albumkorsett veröffentlichte. The Rumble ist dabei die achte Songauskopplung in 2018 und beschließt das Jahr mit einer fulminant, ekstatischen Clubhymne, die polternd anfängt, nur, um dann zu einem unglaublich tanzbaren Dancesong zu mutieren ohne die Geschwindigkeit abebben zu lassen. Murphy ist eine Expertin in ihrem Genre und zeigt seit fast einem Vierteljahrhundert, wie Clubmusik funktioniert und ist dabei nie scheu, neue Wege auszuprobieren. The Rumble gehört daher ganz sicher auf jede Silvesterplaylist.

Editors – Mit elektronischer Brutalität zurück

Mit einem Faustschlag sind sie zurück! Die britische Band Editors hat vor wenigen Tagen ihre Leadsingle des sechsten Studioalbums Violence veröffentlicht und damit ein fettes Ausrufezeichen gesetzt. Denn die Entwicklung, der aus Birmingham kommenden Band, hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. So spricht Tom Smith selbst, im Vorfeld der Veröffentlichung davon, dass die Band eine Entwicklung in Richtung elektronischer Musik genommen hat und der Status Quo eines Bandorientierten-Sounds immer deutlicher nachlässt. Davon können wir uns nun auch auf der neuen Single Magazine überzeugen. Mit einem psychedelischen Soundwirrwarr lädt uns Tom Smith zu einer Art Beschwörung ein. Klingen die ersten 45 Sekunden nach einer zurückspulenden Kassette, explodieren die Editors anschließend regelrecht. Mit fast schon brachialer Rockgewalt brechen Gitarren, Schlagzeug und schnelle Beats über Tom Smith‘ Stimme herein. Fast schon wie ein Gewitter wirkt Magazine und zeigt imposant, wie sehr die Editors ihren Sound beherrschen und gleichzeitig neues wagen. Auf Magazine hat sich die Band stark vom britischen Musiker Blanck Mass – hin zu mehr Elektrosound – beeinflussen lassen. Dies kann man auf der Leadsingle klar hören. Mit Magazine feiern die Editors eine fulminante Rückkehr und lassen keinen Zweifel daran, dass das am 9. März erscheinende Album Violence spannend und groß sein wird.