Cassia – Lasst uns wie die Irren tanzen!

…denn die neue Single Small Spaces der – aus Macclesfield, nahe Manchester kommenden – Indie-Hoffnung Cassia lässt nichts anderes zu. Mit einem Mix aus Afro- und Skaklängen, welche die Band selbst als Calypso Afro-Rock bezeichnet, sowie einer an Beatenberg und Vampire Weekend erinnernden Leichtigkeit schaffen es Rob Ellis, Lou Cotterill und Jake Leff, die sich hinter Cassia verbergen, sich in die Herzen aller Indieliebhaber zu spielen. Auf ihrer neuesten Single liefern sich die Jungs ein wahres Feuerwerk an Gesangswechseln und sind daher alle drei auf Small Spaces zu hören. Mit der Unterstützung von BBC Introducing haben sie es binnen kürzester Zeit geschafft, sich auf der britischen Insel eine Fangemeinde von über 30.000 Menschen zu erarbeiten. Sie selbst beschreiben sich gerne mit den Worten Wir sind eine Band die sommerliche Musik in Manchester macht – so einfach kann es manchmal sein. Dabei drehen sich die Themen nicht immer nur um Sonnenschein. So singen sie beispielsweise auf der aktuellen Single über die Tristesse der Routine und den Wunsch aus der eigenen Realität auszubrechen. Das sind dann schon deutlich erwachsenere Themen, als es die leichte Musik vermuten ließe. Mit einem Album im Gepäck, kommen Cassia im Frühling auf Tour und machen auch in Deutschland für ein paar Konzerte Halt. Bis dahin genießen wir das sommerliche Small Spaces und tanzen mit unseren Beinen drauf los.

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Clueso – Sommervibe im Handgepäck

Einer der erfolgreichsten Musiker Deutschlands geht neue Wege. Mit zwei Nummer-1-Alben im Gepäck steuert der Erfurter Sänger nun mit seinem neuen Album die dritte Pole Position an. Dabei macht er sich Lieder zu nutzen, die über die letzten Jahre auf Tour entstanden sind, allerdings niemals auf eine Platte gepresst wurden. Sie sind zu den unterschiedlichsten Zeiten mit den unterschiedlichsten Problemen entstanden und erzählen den dem Gefühl eines Rastlosen. So wird das – Ende August erscheinende – Album Handgepäck I heißen und der Nummerierung zufolge wohl die Erwartungen auf eine Serie erhöhen. Die erste Singleauskopplung daraus hört auf Du Und Ich und steht dem Sound eines Jack Johnson oder Jason Mraz in nichts nach. Hier gibt sich Clueso lässig, freigeistig und produziert mit seiner Gitarre einen Sound, der Entspannung pur bedeutet. Da singt Clueso vom nach Hause kommen und dem Gefühl, sich daran zu erinnern, wo man herkommt. Du Und Ich klingt dabei, als würde der 38-Jährige gerade erwachsen werden und mit der Sturm und Drang Zeit abschließen. Die erste Single aus dem kommenden, achten Studioalbum überrascht, klingt erfrischend und zeigt Clueso in einer wiederentdeckten Gelassenheit, die vor ein paar Jahren kaum vorstellbar war.

Lily Allen – Von der Rotzgöre zum Kritikerliebling

Für Lily Allen waren die letzten Jahre alles andere als leicht. Hatte sie fünf Jahre lang mit einen Stalker zu kämpfen, der sogar, während sie schlief, in ihr Schlafzimmer einstieg, kamen auch noch die beiden Geburten ihrer Kinder hinzu. Darüber hinaus wurde ihr 2014 veröffentlichtes Album Sheezus von allen Seiten kritisiert. Sicherlich nicht die beste Ausgangssituation, um neue Musik zu produzieren. Und doch waren gerade diese Erfahrungen die Quelle ihres nun veröffentlichten Albums No Shame, welches letzte Woche veröffentlicht wurde. Ist es bei vielen Künstlern wohl eine Phrase, trifft die Beschreibung, dass es wohl ihr persönlichstes Album sei, bei No Shame voll und ganz zu. Hier singt sie über Drogenprobleme, den Stalker und andere Tiefschläge aus ihrem Leben. Auf der nun veröffentlichten Single Lost My Mind verarbeitet Allen die gescheiterte Beziehung und anschließende Scheidung von ihrem Ehemann Sam Cooper. Mit einem Gefühl, das man von Allen sonst nur selten zu hören bekommt, singt sie sich durch den absichtlich naiv klingen Song und zeigt damit, dass auch sie in der Situation war, sich so wohl zu fühlen und den Uns-kann-nichts-trennen-Gedanken zu pflegen. Mit dabei sind Vocoder und tropische Klänge. Wobei der Vocoder so zurückhaltend eingesetzt wurde, dass man ihn nur hier und da heraushören kann. Lost My Mind ist eine ungewöhnlich erwachsene Single einer Künstlerin, die eigentlich nicht erwachsen sein möchte und gerade dieser Widerspruch macht sie auf dem Song so authentisch.

Felix Räuber – Konzertkritik (ACUD Berlin)

Wenn ein Mensch einem Anderen die Worte zuwirft Schön, dass du die Zeit findest, deine Aufmerksamkeit meiner Musik zu schenken. Ich würde dir gerne ein paar Worte dazu erzählen. Dann möchte er wirklich etwas teilen. Dass dieser Mensch, der an diesem Abend auf der Bühne steht, eine ganze Menge zu teilen und mitzuteilen hat, liegt an seiner Vergangenheit und wie er seine Gegenwart und Zukunft gestaltet.

Es ist Mittwoch, der 23. Mai 2018 und im Berliner ACUD läuft Felix Räuber mit Wunderkerzen in der einen und einem Kassettenrekorder in der anderen Hand, durch das Publikum zur Bühne. Es ist der Beginn seiner Geschichte. Nach dem herausragenden Erfolg mit der Band Polarkreis 18, kam es 2012 zum Bruch. Was folgte, waren diverse Projekte in Chören oder dem Pop-Duo Zwei von Millionen. Hiebei nagte bei Räuber die Unzufriedenheit immer deutlicher und die Frage kam auf, ob er als Künstler überhaupt noch arbeiten könne.

Mit seiner, am heutigen Freitag erscheinenden EP Wall beweist Räuber eindrucksvoll, wie relevant er noch ist. Denn ähnlich wie das gleichnamige Polarkreis-18-Album aus 2007, ist die EP voller Vielfalt, Mut und Experimentierfreudigkeit. Über 14 Songs und 75 Minuten nahm Räuber das Publikum in diesem intimen Umfeld mit in eine Welt, die sich nicht im Hier abzuspielen schien. Über drei Interludes präsentierte der, mittlerweile in Berlin lebende, Sänger Songs, die selbst auf der Wall EP noch nicht zu finden sind. Zwischen massiven Basslines, Pianostücken, Falsettstimme und Rock, bot Räuber eine Palette, die den verschiedensten Emotionen des Menschen ähneln. Dabei gelang Räuber der Spagat zwischen penibler Perfektion und charmanten Verlieren-im-Sound. Nicht von ungefähr kommt die Perfektion, die er bereits zu Zeiten der Band Polarkreis 18 besaß.

Es sollte alles stimmen, zu wichtig war es Räuber seine Songs so zu präsentieren, wie er sie einst im Kopf hatte. So war er an diesem Abend nicht nur als Sänger und am Keyboard aktiv, sondern gleichzeitig auch immer wieder Dirigent. Als charmanten Höhepunkt, kam es bei er Performance von Wall zu einem Abbruch und Neustart des Liedes, sowie einem zweiten Abbruch und der Wiederaufnahme. Sinngemäß kommentierend, dass es Hits geben soll, bei denen immer etwas schief geht, arbeitete sich Räuber dabei so professionell durch, dass am Ende genau dieser Moment die Einzigartigkeit der intimen Record-Release Show ausmachte.

Kam es erst wenige Tage vor dem Konzert zu der Entscheidung, die beiden Orchesterspieler mit auf die Bühne zu nehmen, zahlte sich die musikalische Vielfalt vollends aus. Schließlich begleiteten sie fast jedes Lied an diesem Abend. Dass sich Räuber hier – im allerbesten Sinne – immer wieder in seiner Musik verlor, sprach nur für die Vielschichtigkeit und übertrug sich auf das Publikum. Dabei wankten Menschen, mit geschlossenen Augen wohlwollend zum Sound und ließen ihre ganz eigenen Erinnerungen Teil des Songs werden.

Mit dem herausragenden Wall-Remix vom deutschen Musiker Geistha, der bisher leider nirgendwo zu finden ist und dem Après Minuit hat sich Räuber mit letzterem Song sogar einen kleinen Die-Fabelhafte-Welt-Der-Amelie-Moment gezaubert. Denn hier hatte er sich für den Auftritt, den ebenfalls aus Berlin kommenden Musiker und Produzenten Schlindwein mit ins Boot geholt. Ebenso dabei war zum Schluß des Konzertes eine Coverversionen des Scott Mathew Songs Effigy, den Räuber völlig auslebte. Dabei griff er sich schließlich das  Kassettenradio und lief mit der Textpassage Find my way home abermals durch das Publikum, um den Raum schließlich zu verlassen.

Mit Wall beginne ich nun eine Reise, die noch viele spontane Momente hervorbringen wird, darauf kann ich endlich wieder vertrauen. Ich freue mich, dir auf diesem Weg zu begegnen erwidert Räuber schließlich am Ende seines EP-Booklettextes. man merkt in jedem Moment, dass Räuber hierbei unglaublich viel Herz und Energie hineingesteckt hat.

Zuletzt auf einem Konzert von Polarkreis 18 im Jahr März 2009 live gesehen, ist Räuber nicht nur erwachsener geworden, sondern präsentiert sich auch angekommen und selbstsicher. Und so endet der Abend schließlich darin, dass man – förmlich überrumpelt von der Frage was man sich in die gerade erworbene EP notieren lassen möchte – keine Antwort parat hat und somit ein schlichtes aber charmantes Liebe Grüße von Felix Räuber zu lesen bekommt. Räuber ist damit mit seiner Wall EP zurück und stärker denn je.