Lostboi Lino – Vom Mut eine Wunde zu zeigen

Zwischen dem, was wir sehen und hören, gibt es so viele Gegensätze beim Stuttgarter Rapper Lostboi Lino. Von Deutschrap-Songs sind wir in den vergangenen Jahren regelrecht geflutet worden. Keine Woche vergeht, an der nicht irgendein neuer deutscher Hip-Hop-Act auf Platz 1 der deutschen Singlecharts stürmt, ohne dass er je im Radio, oder TV gespielt oder erwähnt wurde. Einzig und allein die Streamingzahlen geben mittlerweile Ausschlag über das Geschehen in den deutschen Singlecharts. Dabei blitzen die Autos und der Schmuck der Rapper in den Videos nur so in die Kamera und wird derbe über Frauen und andere Statussymbole gerappt. Einige wenige Hip-Hop-Acts haben sich daher in den letzten Jahren immer deutlicher davon abgewandt und bewusst ironisch darauf geantwortet. Nun gibt es mit Lostboi Lino einen Rapper, der sich daran wagt, den Weg zu gehen, den einst Casper für sich als den Richtigen empfand. Mit einer Mischung aus Rap, ernsten Texten und einem Mix aus Hip-Hop, Indie und Pop schaffte er es, nicht nur die geballte Ablehnung der Hip-Hop-Szene auf sich zu ziehen, sondern gleichzeitig ein noch viel größeres Publikum mit seinen Texten zu erreichen. Diesen Weg geht auch Lostboi Lino und veröffentlicht heute mit Ich Bin Da die nächste ergreifende Single. Hat er bereits auf Du Fehlst den Tod seines Bruders angefangen zu verarbeiten ist ein so einschneidendes Erlebnis ein Prozess, den man über Jahre mit sich trägt. Auf seiner neuen Single Ich Bin Da thematisiert er die Position des Übrigbleibenden aus genau dieser Sicht.

Lostboi Lino
Lostboi Lino

Gleichzeitig versucht er zu beruhigen und signalisiert, dass er da ist und nicht vor hat zu gehen. Ob für seine Mutter – die nach dem ersten Verlust nun vielleicht Angst empfinde auch den zweiten Sohn zu verlieren – oder für seinen verstorbenen Bruder als Nachruf. Lostboi Lino versucht hier eine Verarbeitung der Gefühle, die sich auch für einen Mittzwanziger nicht mit Toughness wegstecken lassen. Doch wie Lostboi Lino es versteht, seine Erlebnisse in Songs zu verwandeln, ist bemerkenswert. Phonetisch im Deutschrap befindend ist alles andere an Ich Bin Da kaum greifbar und gleichzeitig durch den unglaublich starken Text und die treibenden Beats fesselnd. Mit dem Wissen, um den Hintergrund, kommt für einen Moment das unbehagliche Gefühl auf, zu diesem Song unbekümmert tanzen zu wollen, ehe uns der Text wieder zurückholt. Doch genau diese Gegensätze sind es, die Lostboi Lino auf Ich Bin Da mit so viel Liebe und Feingefühl verbindet und daher ganz bewusst mit diesen Gegensätzen arbeitet. Mit diesem Mut, seine Wunden zu zeigen und diese in Songs zu verwandeln spricht er aus einer Generation heraus, die sich verloren fühlt und mit diesem Gefühl – anders als die Generationen zuvor – ganz offen umgeht. Zusätzlich zur neuen Single wird seine Debütalbum Lost Tape am 09. April erscheinen und ist ab jetzt vorbestellbar.

May And Robot Koch - Bad Kingdom

May and Robot Koch – Das mystische Cover

Es ist ein Moment, in dem die meisten von uns mit Knoten im Hirn auf der Couch sitzen und versuchen, die Wirrungen um die mystische Hit-Serie Dark zu verstehen. Während im fiktionalen Ort Winden noch mehr zu verschwimmen erscheint, ist es in der ersten Folge der dritten Staffel ein Song, der uns nur all zu bekannt vorkommt. Denn mit Bad Kingdom ist ein Song gespielt worden, welchen die Berliner Supergroup Moderat – bestehend aus Modeselektor und Apparat – einst 2013 auf ihrem zweiten Album II veröffentlichten. In der Version aus der Serie Dark ist es jedoch May and Robot Koch, die dem Song eine ganz neue Bestimmung verleihen. Während die Sängerin May dem Song mit ihrer Stimme eine fantastisch, melancholische Stille verleiht, ist es der Produzent Robot Koch, der dem Song diese mystische Gefühlslage verpasst. Dabei ist Robert Koch – wie der in Kassel geborene Produzent bürgerlich heisst – kein Unbekannter.

Dark - Netflix Original

Dark – Netflix Original

Denn mit Produktionen für Marteria, OK KID, Claire, Markus Wiebusch, Tensnake, K.I.Z., Casper oder Max Herre hat Koch bis zu seinem Umzug nach Los Angeles im Jahr 2013 Songs für äußerst erfolgreiche deutsche Acts produziert. Daneben bringt Koch über Four Music oder BMG noch eigene Alben auf den Markt und platziert Songs daraus erfolgreich in großen US-Serien. Wie schon im Original, ist es auch in der Version von May and Robot Koch die Songzeile This is not what you wanted. Not what you had in mind die uns immer wieder berührt. Im Fall der Dark-Version fördert sie aber eine Melancholie, die angereichert mit Trauer, Resignation und Müdigkeit ist. Vom traurigen Moment eines Verlustes, bis hin zum erschöpften Kampf um ein bereits verlorenes Gut, lässt uns Bad Kingdom in der May and Robot Koch Version zu uns selbst finden und dabei fast vergessen, wie stark, positiv und reich das Leben ist. Bad Kingdom ist ein Song für die Ewigkeit – May and Robot Koch haben daraus einen Song für immer gemacht.

Marteria & Casper – Hip-Hop mit ganz viel Hip

Jahrelang dürfte sich Casper anhören, seine Musik sei nicht Hip-Hop genug, zu Indie, zu viel Skinny-Jeans und zu wenig Arschloch. Das letztere versucht er auch heute nicht zu sein, dafür hat er nun mit Marteria einen absoluten Coup gelandet. Denn beide arbeiten derzeit an einem gemeinsamen Album, welches sie am 31. August veröffentlichen werden. Mit der ersten Singleauskopplung Champion Sound klingen die beiden dabei gleich einmal unverschämt Südstaaten-Amerikanisch. Hier drücken sich Marterias und Caspers unverwechselbare Stimmen gegenseitig die Rhymes zu und bleiben dabei immer dicht am Sprung zum Pop. Dass die beiden mehr gemeinsam haben, als man sich zu erst hätte denken können, zeigt ein Blick auf ihre Vergangenheit. Beide sind Wahlberliner, haben mit nur zweimonatigem Abstand 2015/2016 geheiratet und sind im Jahr 1982 geboren. Und so heißt dann auch ihr gemeinsames Album 1982 und dürfte noch so einiges ans Überraschungen beinhalten. Wir vergnügen uns nun erst einmal mit Champion Sound und gehen mit den Jungs ab!

The Best Of 2017 Vol.: 07

01. Giant Rooks – Bright Lies

02. Casper feat. Drangsal – Keine Angst

03. George Ezra – Don’t Matter Now

04. Beyoncé – Irreparable (Ralphi & Craig Radio Remix)

05. Arcade Fire – Everything Now

06. La Roux – Sexotheque

07. Childish Gambino – Redbone

08. Halsey feat. Lauren Jauregui – Strangers

09. Angus & Julia Stone – Snow

10. HONNE – Just Dance

11. Katy Perry – Chained To The Rhythm

12. Harry Styles – Sign Of The Times

13. Jain – Dynabeat

14. Everything Everything – Can’t Do

15. San Jua – Laid To Waste

16. Hollow Coves – Coastline

17. Lena – If I Wasn’t Your Daughter

18. Jata – Monster

19. RY X – Beacon
Casper & Drangsal - Keine Angst

Casper feat. Drangsal – Mit Drangsal zur Ikone

Kurzzeitig hatte man einen Schreck, ja fast schon Angst bekommen – waren doch die ersten Töne des neuen Albums ungewohnt schroff. Sirenen oder auch Lang Lebe Der Tod gingen in eine Richtung, die für Casper ungewöhnlich hart und elektronisch klangen und mit brachialer Gewalt ihren Weg zu den Fans fanden. Nun gibt es mit der dritten Single vom neuen, im Herbst erscheinenden, Album Lang Lebe Der Tod möglicherweise eine Kehrtwende. Denn auf Keine Angst ist Casper wieder so zurück, wie wir ihn lieben, mit rauer, starker Stimme und dieses Mal mit einer Gegenstimme, die vom Rheinländer Drangsal kommt. Die volle Ladung Indie ist bei Casper genauso vertreten, wie der schnelle Sound und die neue Suche nach elektronischen Einflüssen. So verbindet Kein Angst Indie, Rap und Synthies miteinander und gibt ein Tempo vor, dass sich an der Tanzwut der Fans orientiert. Casper ist eine Ausnahme im Deutschen Indie/Rap und zeigt, dass man viele – scheinbar unpassende – stilistische Hilfsmittel zu einem homogenen Song zusammenbringen kann – man sollte nur keine Angst haben es zu probieren.

Liam X - Herbst

Liam X feat. Egon Holz – Unterschwellige Anklage

Wenn ein Plattenlabel einen Künstler als Mischung aus SOHN und Woodkid ankündigt, sollte der Künstler mit diesem Druck klarkommen. Denn beide Acts stehen für ungewöhnliche und freigeistige Musik. Im Falle des Wahlberliner Liam X kann von Druck keine Rede sein, produziert er doch Songs, die auch von Chet Faker stammen könnten. Mit seinem dunklen Dub-Step und deutschen Texten hatte Liam X bereits vor gut einem Jahr für Aufmerksamkeit gesorgt. Hatte er doch den Song Teil Von Mir veröffentlicht. Nun kommt er mit seinem neuen Song Herbst zurück und kündigt gleichzeitig für das Frühjahr 2017 sein Debütalbum an. Auf Herbst thematisiert er den aktuellen Rechtsruck der Gesellschaft und zieht Parallelen zum zweiten Weltkrieg. Mit dabei ist OK KID Frontsänger Jonas Schubert, der als Egon Holz mit seiner Reibeisenstimme wie Casper klingt. Was Liam X macht ist tatsächlich Kunst. Nicht Pop, nicht berechenbar. Seine Songs sind modern, international und experimentell. Damit wird das Debütalbum nicht nur richtungsweisend für die deutsche Popkultur sein, sondern auch eines der wichtigsten Alben 2017 werden. Ob Liam X diesem Druck gewachsen ist, stellt sich bei Songs wie Herbst gar nicht erst.

The Best Of 2014 Vol.: 08

The Best of 2014 Vol.: 08

01. Amber Run – Spark

02. The Avener – Fade Out Lines

03. Kele – Doubt

04. Call To Mind – A Family Sketch

05. George Ezra – Cassy O‘

06. Juli – Insel

07. The Gaslight Anthem – Get Hurt

08. Echosmith – Cool Kids

09. Duke Dumont – Won’t Look Back

10. Talisco – Your Wish

11. Highasakite – Since Last Wednesday

12. MC Fitti – Mama Halblang

13. Run River North – Fight To Keep

14. Oliver $ & Jimi Jules – Pushing On

15. Kiesza – Giant In My Heart

16. Ten Walls – Walking With Elephants

17. Casper – In Der Luft

18. Ben Howard – I Forget Where We Were

19. Zinc feat. Sneaky Sound System – Show Me

20. The/Das – Miami Waters

21. Saint Motel – My Type
OK KID - Grundlos

OK KID – Alles OK KID?

Die drei Kölner Jungs von OK KID sind eine der Bands die man dem Kosmos der neuen Deutschen Rap und Pop Musik zuordnen kann. Sind sie doch eng verbändelt mit Casper, Kraftklub oder K.I.Z. Diese Acts treffen auf Festivals und in Videos immer wieder aufeinander. Die Band in ihrer jetzigen Form besteht allerdings erst seit 2012 und somit gerade einmal seit zwei Jahren. Hatten sie sich mit Stadt Ohne Meer 2013 als Achtungserfolg in die Indieradios Deutschlands katapultiert, kommt nun mit dem Song Grundlos die neueste EP raus. OK KID sind eher genreübergreifende Musiker, mögen sie doch sowohl Gitarrenriffs als auch eingängige Melodien und zeichnen sich durch Sprechgesang aus der kein direkter Rap aber auch kein singen im gewohnten Sinne ist. Man könnte sagen, dass Jonas Schubert eine Art Geschichtenerzähler ist und uns seine Sicht der Welt darbietet. Was allerdings alle Songs von OK KID gemein haben ist der fast schon euphorische Refrain der einen zu beflügeln scheint.