Dream Wife - Temporary

Dream Wife – Für eine neue Kultur der Musik

Braucht es im Jahr 2020 noch die Riot grrrl Bewegung? Klar ist, dass auch heute noch ein großes Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern existiert. Doch mit unserer zunehmenden Politisierung des Lebens durch soziale Medien und großen Bewegungen, wie zuletzt mit #metoo oder #blacklivesmatter zeigt sich ein immer stärkerer Druck, Stellung zu beziehen. In der Musikbranche ist dies nicht anders. Mit großen Entscheidungen, wie der Ehe für Alle oder der Einführung eines dritten Geschlechts haben sich auch viele Musik-Acts klar positioniert. Im Zusammenhang mit dieser neuen Art sich für Gleichberechtigung einzusetzen, gibt es immer mehr erfolgreiche Musikerinnen und Musiker sowie Bands, die sich dafür einsetzen oder dafür stehen. So gibt es mit Alex The Astronaut und Tash Sultana zwei großartige Acts, die für Gleichberechtigung und Akzeptanz von LGBTQ-Menschen stehen. Aber auch Bands, wie Dream Wife setzen sich ganz bewusst dafür ein, Frauen in der Musikbranche in die erste Reihe zu bringen und unterstützen dies dadurch, dass sie in alle Produktionsschritte und -positionen Frauen wählen – ob als Produzentin ihrer Alben, als Toningenieurin oder Mastering-Engineer. Für ihr neues Album So When You Gonna… haben sich Dream Wife für Themen, wie Abtreibungen, Geschlechtergleichstellung und Fehlgeburten entschieden und thematisieren. Letzteres auf ihrer aktuellen Single Temporary. Hier geht es darum, dass die Band für eine Freundin da war, als diese durch mehrere Fehlgeburten ging und Unterstützung brauchte. Dabei sind die Textzeilen How is it to love and live temporary. If the heartbeat fails. (Wie ist es, vorübergehend zu lieben und zu leben? Wenn das Herz aufhört zu schlagen). Dieses Gefühl können nur wenige nachempfinden und war es der Band wichtig – die aus Alice Go, Rakel Mjöll und Bella Podpadec besteht – dieser Thematik eine Plattform zu geben, da sie selbst finden, dass dieses Thema viel zu wenig in der Öffentlichkeit besprochen wird. Gleichzeitig hört sich Temporary deutlich melodischer an, als man es von der Indie-Band – mit ihren Punksongs – gewohnt ist. Mit einem lockeren Gitarrenspiel und sanften Gesang schaffen Dream Wife mit Temporary eine Umgebung, die sich dem Thema anpasst und es gleichzeitig progressiv an die Oberfläche bringt. Ihr dazugehöriges, zweites Album So When You Gonna… wird am 3. Juli veröffentlicht und enthält eine spannende Mischung aus Punk, Rock, Indie und Pop.

Florence + The Machine – In Gedanken tanzend mit allen Zusammen

Es wird den Moment geben, an dem wir alle wieder zusammenkommen und zu den Songs tanzen könne, die wir alle so lieben. Dass dieser Wunsch momentan einer der größten, von so vielen Musikerinnen und Musikern ist, zeigt nicht zuletzt auch die Veröffentlichungspolitik. Während nicht wenige Musiker ihre Albumveröffentlichungen von April und Mai auf den Herbst verschieben, veröffentlichen sie und andere Künstlerinnen und Künstler Singles, die sich zunehmend mit der aktuellen Situation auseinandersetzen. Habe ich erst gestern einen Song von Angels & Airwaves vorgestellt, bei dem alle Einnahmen an die US-Amerikanische Version der Deutschen Arche gehen, folgt heute mit der neuen Single von Florence + The Machine eine weitere Veröffentlichung, die ihre gesamten Einnahmen an eine Hilfsorganisation spendet. Bei Florence + The Machine handelt es sich um den Song Light Of Love der im Zuge der Arbeiten an ihrem letzten Album High As Hope entstand, es aber nie auf das Album schaffte. Nun ist der perfekte Zeitpunkt, um ihn zu veröffentlichen, wie Florence Welch über ihre sozialen Netzwerke mitteilt und spendet die gesamten Einnahmen an die Intensive Care Society, die sich um die Unterstützung des medizinischen Personals in Großbritannien kümmert. Mit Light Of Love veröffentlichen Florence + The Machine damit eine wunderschön, reduzierte Pianoballade, die sich im Verlauf immer weiter aufbaut und zu einem regelrechten Erwachen der verschiedensten Gefühle führt. Mit einsetzen der Drums zieht schließlich auch die Geschwindigkeit des Songs an und lässt ihn an Intensität wachsen. Nur, um im zweiten Teil des Songs in eine opulente Bombastballade aufzugehen und in gewohnter Florence + The Machine Manier an die ganz großen Gefühle zu appellieren. Florence + The Machines Musik ist jedes Mal aufs Neue die Entdeckung eines kleinen Schatzes, der sich schließlich gekonnt und für Wochen bei uns festsetzt.

BENEE feat. Gus Dapperton - Superlonely

BENEE – Wenn Sound und Text differieren

Internetphänomene wie TikTok gab es auch schon mit SnapChat, Instagram, Facebook und MySpace. Alle Plattformen haben bzw. hatten zu ihrer Zeit einen regen Zulauf und sorgten für eine Veränderung unserer Art zu kommunizieren und uns zu präsentieren. Aktuell ist TikTok die am schnellsten wachsende Social Media Plattform und sorgt regelmäßig für neue Hypes. Gewinner dieser Hypes sind auch einzelne Musik-Acts, die bei angesagten Videos oder Challenges im Hintergrund laufen.

So auch bei der Neuseeländerin BENEE, die mit ihrem Song Superlonely gerade für einen Lip-Sync-Hype sorgt und die dazugehörige Karaoke-Dance Challenge mehr als vier Millionen Videos zählt. Von Elton John als nächster weltweiter Hit betitelt und von Jennifer Lopez und Familie viral bekannter gemacht ist Superlonely ein bittersüßer Popsong, der vom Sound nicht abwegiger klingen könnte – hört man sich einmal die Lyrics genauer an. Diesen Unterschied macht sich die 20-jährige Sängerin ganz bewusst zu Nutzen und passt damit perfekt in den Sound der Generation Z – der durch Acts wie Halsey und Billie Eilish gerade äußerst erfolgreich ist und das Genre Bedroom Pop hervorgebracht hat. Dabei klingt Superloney unglaublich locker, abgeklärt und spielt mit funkigen Gitarren und verspielt, geloopten Soundelementen.

Vom People Magazine bereits als Kiwi Queen betitelt holte sich Stella Rose Bennett – wie BENEE bürgerlich heißt – Unterstützung vom US-Amerikanischen Singer/Songwriter und ebenfalls dem Bedroom Pop zugerechneten Musiker Gus Dapperton. Herausgekommen ist eine großartige Popnummer, die sich in unseren Kopf bohrt um darin die nächsten Wochen für einen Dauerohrwurm zu sorgen.

Nena - Licht

Nena – Die Neuerfindung perfektioniert

Da steh sie nun, die große Zahl 60. An diesem Dienstag wird eine der erfolgreichsten deutschen Sängerinnen 60 Jahre alt. Mit 99 Luftballons erreichte Nena 1983 international die Chartspitzen und ging die Single knapp 3 Millionen über den Ladentisch. Doch nicht nur mit 99 Luftballons war die Sängerin erfolgreich – so zählte sie in den 80er Jahren weitere Top-5 Hits wie Nur Geträumt, Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann, ? (Fragezeichen) und Leuchtturm zu den ganz großen Hits. Während sich ihr Erfolg in den 90er Jahren abkühlte, gab es ein zunehmendes Interesse anderer Künstler, ihre Songs zu covern. Allen voran machte Jan Delay mit seiner 1999er Version von Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann Schlagzeilen und schaffte es sogar, das Original sowohl von der Chartplatzierung, als auch von den Verkaufszahlen deutlich zu übertreffen. Denn kam das Original 1984 bis auf Platz 3, schaffte es Delay bis auf Platz 2 und verkaufte mehr als 500.000 Singles. Davon beflügelt, arbeitete Nena Anfang der 2000er an einem Best-Of Album der besonderen Art. Hier veröffentlichte sie mit Nena feat. Nena 2002 ihre größten Songs nochmal – allerdings in einem neuen Gewandt und mit musikalischer Unterstützung von Joachim Witt, Kim Wilde oder Udo Lindenberg. Mit über 1,5 Millionen verkauften Alben zählt es zu den meistverkauften Alben der Sängerin und markierte ihre Rückkehr auf die ganz großen Bühnen des Musikbusiness. Seitdem ist sie aus den oberen Rängen der Charts nicht mehr wegzudenken und erreichte 2005 mit Liebe Ist sogar wieder Platz 1 der deutschen Singlecharts. Trotz der mittlerweile 30 Studioalben, 47 Singleveröffentlichungen und 60 Jahren pfeift Nena auf das Alter und veröffentlicht an ihrem runden Geburtstag mit Licht einen neuen Song, über den es momentan noch nicht all zu viel Informationen gibt. Was allerdings sofort auffällt – der große 80er-Jahre Vibe, den Licht versprüht. Gepaart mit modernen Drums und einem großartigen Soundkostüm, tritt Licht ohne Umschweife in die Fußstapfen des momentan äußerst erfolgreichen Songs Blinding Lights von The Weeknd. Warum gerade Blinding Lights?! Beide nutzen die Synthies der 80er Jahre, haben ein sportliches Tempo, beinhalten melancholische Parts und Textzeilen und bauen auf einem Nostalgiegefühl auf, das momentan äußerst gefragt ist. Natürlich unterscheiden sich beide Künstler deutlich voneinander, doch macht Nena mit Licht so ziemlich alles richtig und erfindet sich einmal mehr neu. Ob mit dem Hashtag #gehtumalles womöglich der Albumtitel ihres neuen Studioalbums gemeint sein könnte, oder er sich einfach aus den Textzeilen zu Licht ergibt, kann nur vermutet werden. Licht ist eine der Überraschungen 2020 und lässt uns mit hochgerissenen Armen durch die Zeit der sozialen Distanz tanzen.

Sara Hartman - Girl

Sara Hartman – #whathappenedtohartman?

Es ist ein Hashtag, der Bestürzung hervorruft – vermutet man doch Schlimmeres dahinter. Doch im Falle von Sara Hartman kann Entwarnung gegeben werden. Denn, auch wenn der Hashtag auf eine Phase voller Fragen deutet, kann ich vermelden, dass die Sängerin wohlauf ist. Gleichzeitig befeuert der Hashtag aber auch unsere Neugier um die 24-Jährige. Denn vor 5 Jahren trieb es die aus Sag Harbor von den Hamptons – nahe New Yorks City – kommende US-Amerikanerin nicht etwa in die Häuserschluchten New York Citys, sondern nach Berlin. Und steht Berlin damit dem Stellenwert New Yorks in der Musikbranche einmal mehr in nichts nach. So ließt man in ihrer Bio, dass es ziemlich offensichtlich sei, dass der Umzug in die blühende Stadt die Sängerin nachhaltig beeinflusst hat. Bei Vertigo (Universal Music) unter Vertrag, hat Hartman 2016 die EP Satellite veröffentlicht. Herauf zu finden, sind wunderschöne Popballaden, die Hartmans hauchenden Gesang eine wunderbare Atmosphäre geben. Es schien gut zu laufen, trat sie doch mit Clueso auf dem Erfurter Domplatz auf, spielte als Support von X Ambassadors, Ellie Goulding, MS MR und Family Of The Year. Es folgten einzelne Veröffentlichungen – wie Buttons – die in die Richtung großer Popsongs gingen. Doch plötzlich war sie weg. Seit 2018 hörte man nichts mehr von der Sängerin und fragte sich What happened to Hartman? – Was ist mit Sara Hartman passiert? Was in den vergangenen zwei Jahren bei der Musikerin los war, kann nicht gesagt werden, doch hat sich ihr Sound signifikant verändert. Denn mit der Single Girl ist die Wahlberlinerin nun zurückgekehrt und holt mit der Unterstützung einer großen Youtube-Promoaktion die ganz großen Geschütze raus, um sich wieder zurück ins Rampenlicht zu singen. In diesem Rampenlicht stehend, wird es dann wieder ganz ruhig um die Sängern – allerdings nur, weil ihr neuer Song Girl eine Tiefe besitzt, die sich aus scheinbar völlig neuer Motivation speist. Mit sanften Synthesizerklängen und einer erstaunlichen Tiefe in ihrer Stimme, wirkt Hartman wie neu erfunden. Hinzu kommen epische Sequenzen von Streichern und Hartmans intim gehaltener aber großer stimmlicher Ausbruch. Auf ihrem, vor wenigen Tagen hochgeladenen, Video #CORONAGIRL stellt sie Fragen – Fragen die sich mit ihrem Sein auseinandersetzen, mit ihrem Abdruck, den sie hinterlassen wird, mit den Erlebnissen, die sie erfahren hat und mit den – von der Gesellschaft – vorgegebenen Stigma. Und stellt fest, dass all diese Punkte von äusseren Umständen und Handelnden beeinflusst werden. Doch was wäre, wenn man wieder mehr zu sich selbst findet? Sein Leben selbst bestimmt und sich nicht von der Aussenwelt diktieren lässt, wie man zu leben hat? Ihre Geschichte scheint dunkler geworden zu sein – konstatiert der Text in ihrer Bio. Und tatsächlich klingt Hartman tiefer, trauriger, erfahrener und erwachsener, als auf all ihren bisher veröffentlichten Songs und trifft damit ein Gefühl, welches nicht allein um das Herz herum funktioniert, sondern vielmehr auch unsere Motivation und unseren Antrieb anregt.

Boris Brejcha feat. Ginger - Happinezz

Boris Brejcha – Mit High-Tech Minimal in den Jahreswechsel

Mit dunklen Beats, Houseelementen und einer mystisch-hallenden, weiblichen Computerstimme kriecht der Rheinland-Pfälzische DJ und Produzent Boris Brejcha mit seinem aktuellen Song Happinezz in die Köpfe der Leute. Dabei hat der – mittlerweile in Frankfurt am Main lebende – Produzent bereits fünf Alben veröffentlicht und macht seit 2006 professionell Musik. Sein Markenzeichen ist immer wieder die venezianische Maske, unter der er bei seinen Auftritten sein Gesicht verdeckt. Nun hat Brejcha für den 24. Januar 2020 sein neues Album Space Diver angekündigt und sorgt gleichzeitig mit der Auskopplung Happinezz für Furore. Diese schafft den Sprung von den Clubs und Tanzflächen der Stadt in die Radios des Landes und wird gleichzeitig zum Soundtrack des nahenden Jahreswechsels. Auf Happinezz holt sich der DJ die gesangliche Unterstützung seiner Freundin Ginger dazu und erzeugt einen dunklen, hypnotisierenden Song, der mit Retro-Soundschnipseln spielt und einmal gehört, nicht mehr aus den Kopf gehen möchte.

Julian Wassermann feat. Yates - Guard

Julian Wassermann feat. Yates – Ein Déyà-vu ohne Erlebnis

Eigentlich ist man geneigt, zu dem Song zu tanzen – hat doch der Münchener Produzent und DJ Julian Wassermann mit Guard einen Track veröffentlicht, der nicht nur die gesangliche Unterstützung des Berliners Yates hat, sondern sich auch in eine so unaufgeregte Art und Weise präsentiert, dass man sich fast schon meditativ um die Beats tänzeln sieht. Dabei baut sich Guard wunderbar geschmeidig auf und setzt mit einem Timelaps-Beat und den Lyrics zu einer Art Mahnung an. Wassermann selbst ist in den letzten Jahren zu einem neuen Bestandteil der deutschen Produzentenriege geworden. Dabei bekommt er von allen Seiten Lob für seinen melodischen House und Deep Techno, der energiereich und euphorisch auf das tanzende Publikum übergreift und sie so immer wieder zu ekstatischen Momenten führt. Guard jedoch ist eine Art Brücke – zeichnet sich der Song doch durch einen deutlich größeren Anteil an Popelementen aus und wird dadurch für ein größeres Publikum greifbar ohne, dass er die Grundbausteine der Harmonien und des Genres House antastet. Guard fühlt sich wie eine träge Erinnerung an ein Ereignis an, welches wir nie erlebt haben aber uns wünschten, Teil dessen gewesen zu sein.

Shallou & Emmit Fenn - All Your Days

Shallou – Verträumt aber groß gedacht

Vor fast genau einem Jahr konntet Ihr hier auf SOML über den US-Amerikanischen Produzenten Joe Boston – alias Shallou – und seiner Single You And Me lesen. Nachdem seine EP Souls im Frühjahr 2018 erschien und er eine ausgedehnte Welttournee – auch durch Europa – hatte, blieben die Mühlen nicht stehen. So veröffentlichte Shallou neben Remixen für andere Musiker Ende November mit Count On eine frische neue Single. Diese wird jetzt abgelöst durch All Your Days und der Zusammenarbeit mit dem Singer/Songwriter und Multiinstrumentalisten Emmit Fenn. Hier mischt Shallou die gewohnt entspannten Elemente mit hymnenhaften Highs und wird Fenns beruhigender Gesang durch einen öffnenden Sound – zusätzlich zu seiner treibenden Stimme – angehoben. Schließlich bricht Shallou mit seiner Produktion in der letzten Minute völlig aus und kreiert eine grandiose Stimmung – getragen von Kraft, Emotionen, Energie und einem Willen, dass jeder Schritt zählt. Dabei zeigt die Geschichte All Your Days wo die Reise hingehen sollte. Geschrieben von Fenn, war der Text eigentlich für Coldplay gedacht. Zusammengekommen mit Shallou erzeugten sie ein positives Liebeslied, welches mit dem elektronischen Soundbett seine emotionale Wirkung nochmals steigert. Diesem Credo des groß Denkens folgt Shallou auch abseits seiner Musik und unterstützt mit seiner 2016er EP All Becomes Okay den EDF – Environmental Defense Fund – der sich für den Klimaschutz und das bewusst werden in der Bevölkerung einsetzt. Mit jeder Spende an den EDF gibt Shallou hier seine EP All Becomes Okay kostenfrei raus und mischt damit wunderbar die Unterstützung einer so wichtigen Organisation mit dem Willen Musik zu genießen. Nach veröffentlichten EPs im Frühjahr 2017 und Frühjahr 2018 dürfte jetzt bald auch auf eine neue EP mit Count On und All Your Days zu hoffen sein. Ich bin gespannt und werde Shallou weiterhin begleiten.

MØME – In kleinen Schritten zu grandiosen Beats

Bereits mit den Songs Alive (2016) und When We Ride (2018) bewies der französische Produzent MØME, dass er die ganz großen Beats wie ein Leichtes aus den Ärmeln zaubert. So setzt Jérémy Souillart – der hinter MØME steckt – abermals auf die Unterstützung einer markanten Stimme und hat sie auf Sail Away beim kalifornischen Sänger Ricky Ducati gefunden. Dabei präsentiert sich der Tropical-House Song in einem tosend, stampfenden Sound, der sich thematisch um die dunkle Seite des Alltags dreht. Dabei steht der treibende Sound bewusst im Zwiespalt zu dem Text, der sich um das unterdrücken von Problemen kümmert, welche MØME in unserer heutigen Zeit als eine der größten Herausforderungen empfindet. Sind wir doch so aufgewachsen, dass wir uns nur an den positiven Erlebnissen festhalten und Negativen oftmals keinen Platz geben. Mit dieser Herangehensweise zeigt dann auch das Musikvideo zu Sail Away ganz bewusst, diese Kontraste. Ist Sail Away als Teil der im Dezember veröffentlichten EP Møment II erschienen, fügt MØME seiner Diskografie damit ein weiteres Puzzlestück hinzu, welches ein immer größeres Bild des, aus Nizza kommenden, Produzenten zeichnet.

NEØV – Konzertkritik

Im Herbst letzten Jahres hatte es mir die Single Elysion der finnischen Band NEØV besonders angetan. Der Mix aus Alternative, Indie und Dreampop übte dabei die Faszination dieser Band aus. Dass auf ihrem neuesten Album Volant dabei einige Songs an The XX erinnern, ist zwar eine schöne Seitenerwähnung, wird der Band aber nur zu einem geringen Teil gerecht. Denn NEØV haben in den letzten Jahren so einiges auf die Beine gestellt. Neben ihrem Musik-Festival Gramofon Fest haben sie mittlerweile drei Alben veröffentlicht und vor allem mit Volant eine ganz große Platte eingespielt. Kam diese am 1. Februar dieses Jahres raus, galt es nun, die Songs auch live vorzustellen. Und so machten sie am vergangenen Montag im Berliner Monarch Club halt und gaben ein Konzert, welches mit den Reizen spielte.

Introvertiert und doch so stark

Als Vorband gab es mit Sea Change gleich eine angenehm positive Überraschung. Hatte die Norwegerin Ellen A. W. Sunde doch mit ihrer Loop-Station und der Unterstützung am Pad-Controller eine kleine Klangwelt kreiert, die voller Bass, mystischen Soundwolken und Sundes fragil und verträumt klingender Stimme zu einer vollkommenen Mischung verschmolz. Mit, zum Teil, harten Beats und verspielten Elementen kratzte Sundes immer wieder an der Schwere ihrer Songs und brach sie hier und da schließlich auf. Damit hat die, mittlerweile in Berlin lebende Künstlerin, eine wunderschöne Art gefunden, ihre Musik zu präsentieren und begeisterte das Publikum gleichermaßen.

Sea Change @ Monarch Berlin
http://www.soundtrack-of-my-life.com

Von The XX bis Timbaland

Nach kurzer Umbaupause traten schließlich NEØV auf die kleine Bühne am Ende der Tanzfläche im Monarchen und startete direkt mit einem der stärksten Songs des neuen Albums in den Abend. Lost In Time macht dabei die Anfangs vorherrschende Ruhe so stark und baut sich über die 4:16 Minuten zu einer großartigen Indiehymne auf, die mit den, eingangs angesprochenen, The XX Elementen über die Gitarre spielt. Gleichzeitig bekam man den Eindruck, dass durch ein simples Yeah – welches so eingesungen wurde, dass man meinen könnte Timbaland persönlich hatte seine Produzentenhände an diesen Song gelegt – die Musik von NEØV einem großartig, internationalen Sound angelehnt ist.

Auch wenig Worte zählen

Von der Vorabsingle Elysion ging es im anschließenden Brothers um eine Beziehung zwischen zwei Brüdern, die sich zwischen dem nahestehen und auseinanderleben immer wieder aufs Neue kennenlernen und reiben – so Frontsänger Anssi Neuvonen. Hier sollte sich der erste Eindruck – dass die Jungs all ihre Stärken in der Präsentation ihrer Songs stecken, anstatt viel mit dem Publikum zu interagieren, dabei allerdings nie ihre wachen Augen von Diesem lassen – immer weiter festigen.

Musikalischen Zyklus durchbrechen

Mit dem anschließenden Dominique I fügten die Jungs dem Konzert dann auch Songs des zweiten Albums Dominique hinzu. Diese gingen von Laketown – bei dem Neuvonen simple konstatierte, dass der Song deshalb existiere, weil die Jungs aus einer Stadt kommen, welche an einem See liegt – über The Rain People bis hin zu dem Zugabesong Woolen Pumpkin Shirt. So lockerten sie sich vom Sound immer wieder auf und spielten zwischen den Volant Songs The Golden FrontThe Half HorizonBirds Are Late und Person I Used To Be auch immer wieder deutlich rauere und gitarrenlastigere Songs.

Zwischen U-Bahn und Blaulicht

Mit einer angenehm vertrauten Selbstsicherheit bewegte sich die Band ohne viel Aufregung durch eine Songpalette, die für deutlich größere Bühnen, als die des Monarchen geschrieben scheint. Doch in einem so urbanen Raum zu spielen, bei dem draußen die U-Bahnen über die Hochtrassen rattern, unten der Kiez immer wieder mit vorbeirasenden Blaulichtern auf sich aufmerksam macht und einem erfrischend durchmischten Publikum – welches sich fast schon hypnotisiert zu den Songs bewegt -b ist für diese Band kaum passender gewählt. Nun dürfen aber so langsam ruhig auch die größeren Bühnen  kommen, denn auf Dauer ist der Sound von NEØV nicht auf kleinen Bühnen zu bändigen.