Heather Nova - Just Kids

Heather Nova – Wenn Weite in der Stimme liegt

Heather Nova war – gefühlt – schon immer da. Nie ganz oben, nie wirklich weg. Mit ihren bisherigen neun Alben hat sie es immer wieder geschafft, Songs zu platzieren, die von einer Weite geprägt sind und Sehnsucht ausdrücken. In Deutschland dürfte Heather Nova vor allem durch ihren 2001er Song I’m No Angel bekannt geworden sein. Dabei kommt dieses Gefühl der Weite nicht von ungefähr. Ist sie auf der Insel Bermuda geboren, verbrachte sie den Großteil ihrer Kindheit mit ihren Eltern und Geschwistern auf einem Segelboot. Davon beeinflusst klingt Novas Alternative Folk sehnsuchts- und liebevoll. Nun ist die Überseebritin mit ihrem zehnten Album Pearl zurück und zeigt darauf einen zeitgemäßen Sound, der allerdings von ihrem Debütalbum Oyster inspiriert ist. Hier geht es um Liebe, Trennung und dem Weg, zu sich selbst zurückzufinden. Die aktuelle Single Just Kids zeigt dies eindrucksvoll und ist getragen von der Sehnsucht, einfach loslassen zu können. Sich wieder ohne Ballast dem Leben hinzugeben und Dinge zu tun, die einem Spaß machen – ohne daran zu denken, wie es wirken könnte. Diese Haltung hat Nova schließlich minimalistisch im dazugehörigen Musikvideo umgesetzt und lässt uns immer wieder Schmunzeln. Heather Nova schafft es sommerliche Wärme mit Sehnsucht und Weite zu verbinden und trifft damit immer wieder direkt ins Herz.

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Grace Carter – Emotionale Suche nach einer Antwort

Inspiriert von den Sängerinnen Lauryn Hill und Nina Simone hat die heute 21-jährige Sängerin Grace Carter schon früh die Musik für sich entdeckt. Auch oder vielmehr gerade durch ihren Stiefvater motiviert, bekam Carter zu ihrem 13. Geburtstag eine Gitarre geschenkt und wurde von ihm ermutigt, Songs zu schreiben. Acht Jahre später steht sie bei Warner Bros. unter Vertrag und veröffentlichte mit Silence bereits eine respektable Debütsingle. Nun ist sie mit Why Her Not Me zurück und schöpft aus den Vollen ihrer Songwriting-Kunst. Denn Carter zieht die Inspiration für Texte aus ihren ganz persönlichen Erlebnissen, die allesamt von Wut, Frust, Enttäuschungen und Niederschlägen geprägt sind. Hieraus sammelt Carter ihre Energie und schafft es ihren Songs etwas aufbauendes zu geben und sie nicht als das Ende verstanden zu wissen. Auf Why Her Not Me thematisiert sie die Entscheidung ihres gebürtigen Vaters, die Familie zu verlassen um mit einer anderen Frau und Kindern glücklich zu werden, seiner alten Familie aber Schmerz zuzufügen. Dies schafft Carter mit einer so emphatischen Art, dass man meinen würde, sie könnte es nicht selbst erlebt haben. Durch die kräftige Stimme der Britin, ihr dunkles Timbre und einen bombastischen Sound ist Why Her Not Me so, eine Hymne der Stärke und des nicht Aufgebens und ein großes Ausrufezeichen einer noch jungen Sängerin.

Dido – Sanfte Rückkehr nach fünf Jahren der Stille

Die Stimme Englands ist zurück! Was Adele für unsere aktuelle Dekade ist, ist Dido für die 2000er. Eine so einfühlsame Stimme mit sensiblen Texten und noch fragileren Sounds – das ist Dido Armstrong. Mit ihren ersten beiden Alben No Angel und Life For Rent verkaufte sie zusammen mehr als 34 Millionen Einheiten. Mit den beiden Nachfolgealben Safe Trip Home und Girl Who Got Away konnte sie jedoch den Erfolg nicht wiederholen und verkaufte je nur rund 500.000 Einheiten. Als Grund hierfür zählt sicherlich auch, dass Dido sich auf diesen beiden Alben eher dunkleren Sounds zugewandt hatte und daher eine Massentauglichkeit nicht mehr unbedingt gegeben war. Darüber hinaus veröffentlicht Dido in einem ungefähren Fünfjahres-Rhythmus ihre Alben, was in der heute, sehr schnelllebigen Musikwelt, fast schon wie eine ganze Generation zählt. Und dennoch hat uns Dido auf ihrer gestern veröffentlichten Single Hurricanes von der ersten Sekunde und dem ersten Ertönen ihrer Stimme sofort zurück. Ist es doch diese warme, sanfte, fast schon hauchende Stimme, die uns ein Gefühl der Geborgenheit gibt und uns vorkommt, als würden wir einen alten Freund wiedersehen. Dabei verbindet Dido zwei großartige Elemente – anfangs noch an den Sound ihres zweiten Albums Life For Rent erinnert, wandelt sich Hurricanes zur Mitte hin, zu einer sanft, elektronischen Wolke, in der die Sängerin mit einem großartigen Hall zu verschwinden droht. Bis sich ihre Stimme schließlich zum Höhepunkt am Ende des Songs auflöst, um nach Sekunden der Stille wiederzukommen und sich klar und warm zu verabschieden. Auf Hurricanes kann man den Wunsch nach Veränderung der britischen Sängerin durchleben und hört dabei deutlich die Zusammenarbeit mit ihrem Bruder Rollo heraus. Erstmals, seit 15 Jahren, wird Dido zur Veröffentlichung ihres fünften Studioalbums Still On My Mind, am 8. März 2019, auch wieder auf Tour gehen. Bis dahin wird uns Hurricanes durch den Winter begleiten.

Bear’s Den – Konzertkritik

Bear's Den

Bear’s Den

Die neuen Folkhelden sind geboren. Bear’s Den hatten am vergangenen Sonntag bewiesen, wie leise eine Band in das Bewusstsein der Hörer eindringen kann. An diesem Herbstabend passte alles, so luden die Londoner in das Berliner Kesselhaus ein, das, durch seine einzigartige Lage – in der Berliner Kulturbrauerei – eine ganz besondere Atmosphäre erzeugte. Wurde Lisa Mitchell als Support leider verpasst, kamen nach knapp einer dreiviertel Stunde Andrew Davie, Kevin Jones und Joey Haynes auf die Bühne und legten gleich mit ‚Elysium‘ los. Mit einer Gitarre begleitet, sang Andrew Davie so einfühlsam, dass man sich direkt geborgen fühlte. Langsam steigernd setzte schließlich das Schlagzeug ein und ließ bis zum opulenten Knall eine Stille im Raum entstehen, die es so den Abend über noch des Öfteren geben sollte. Mit einsetzen der Trompete, weitete sich das Kesselhaus zu einer Arena, die den Klang nicht für sich behalten konnte. Hörten sich Bear’s Den doch, gleich mit ihrem Opener an, als würde ihnen die große Weite gerade so passen. Mit ‚Mother‘ und ‚Don’t Let The Sun Steal You Away‘ folgten zwei weitere, ruhige Folkballaden, die mit dem Banjo und Chorgesang für Lagerfeuerstimmung sorgten.

Er geht auf das Publikum zu

Nach drei Liedern folgte dann auch das erste Gespräch mit der Menge, indem er darüber sprach, wie sehr es die Band beeindruckt habe, dass das Berliner Konzert restlos ausverkauft sei. Hält man dagegen, dass Bear’s Den hierzulande eigentlich noch so gut wie unbekannt sind und das Debütalbum nur unter Liebhabern des Folks eine gewisse Bekanntheit hat, war dies schon beachtlich. Andrew Davie wurde dann auch nicht müde, immer wieder zu betonen, wie sehr er diese Stadt liebe und, dass es für die Band immer wieder eine Freude wäre, nach Berlin zu kommen.
Ist dieser Satz aus den Mündern so vieler Bands zu hören, klingt er bei Bear’s Den dann doch so, dass man ihn ernsthaft glauben mochte. Lassen sich diese drei vollbärtigen und mit Flanellhemden bekleideten, gestandenen Männer doch nicht gerade als Beispiel für Oberflächlichkeit verwenden.

Mit ‚Magdalena‘, ‚Think Of England‘ und ‚Red Earth And Pouring Rain‘ lieferten sie dann auch gleich drei weitere große Songs ab, die sich alle melancholisch klingend, hinüber in eine epische Gesamtkomposition verwandeln. Hier wurden Trompeten, Banjos, Schlagzeug und Bass so opulent eingesetzt, dass Davie’s Gesang darin zu verschmelzen vermochte und dadurch eine einzige Traumwelt entstehen ließ.

Bear's Den

Bear’s Den

Und plötzlich hört man irgendwo eine Nadel fallen

Bei der nun folgenden Performance von ‚Sophie‘ entschieden sich die drei, gänzlich auf Verstärker und Mikrofon zu verzichten. So spielten sie ‚Sophie‘ schließlich komplett akustisch und ließen das Publikum staunend in Richtung Bühne schauen. War doch das Kesselhaus so leise, dass man die Lüftung an den Decken ziehen hören konnte. Hier gab es ein Publikum, dass wusste, wann es Zeit ist ruhig zu sein und wann nicht. Und so hörte man tatsächlich bis in die letzte Reihe des Saales, was Davie vorne sang.

Mit ‚Isaac‘ öffneten sie schließlich den Teil der Band, der sie nahe und gefühlvoll zeigte. War ‚Isaac‘ doch der ruhigste Song bis dato und wirkte, als würde man ihn von einer alten Liebe ins Ohr geflüstert bekommen. So lagen Töne der Resignation dicht neben denen der Hoffnung und Angst.
Mit dem darauffolgenden ‚The Love We Stole‘ tauchten Bear’s Den dann auch wieder auf und ließen das Publikum in die Höhe greifen. Nach Aufbruch hörte es sich an. Und man begann die Vermutung zu hegen, dass das komplette Konzert eine Geschichte in chronologischer Reihenfolge werden sollte. Läutete er doch die Größe der nachfolgenden Songs ein.
‚When You Break‘, tanzte da noch etwas aus der Reihe, war er doch deutlich elektronischer mit Bass und E-Gitarre und ließ die Band abdriften, in eine Welt die Coldplay vorher nur zu gehören schien. So gab es sphärische Längen die in einem intensiven Schlagzeug und Trompetenklang übergingen und dabei eine Weite transportierte die so nur bei der Band um Chris Martin zu hören war.

Bear's Den

Bear’s Den

Wenn das Herz bricht

Es folgte der wohl stärkste Song des Abends und auch der stärkste der Band. ‚Sahara‘ war eine epische Komposition die mit Trauer gefüllt, nicht nur Gänsehaut sondern auch Tränen forderte. Steckte in diesem Song doch so viel Emotion, so viel Pathos und wurde dieses Gefühl durch die Gitarre und der so entstandenen Weite ins unermessliche verstärkt, dass im Saal eine Stimmung entstand, die von Ergriffenheit und Reflektion zugleich gefüllt war. So brach es einem das Herz und war dennoch glücklich diesen Moment erlebt zu haben.

Mit ‚Above The Clouds Of Pompeii‘ leitete die Band dann auch das letzte Lied ein. Hier wurde Davie dann nicht müde immer wieder zu betonen, dass dies der letzte, der allerletzte Song sein würde – schließlich habe man ja erst ein Album veröffentlicht. Doch sprach er diese Aussagen mit einem grinsenden Unterton aus und erwartete wohl kaum, dass das Publikum ihm das abnehmen würde. So zählte er ein und begann zu singen. Doch nicht nur er setzte hier ein. Viele aus dem Publikum folgten ihm – jeder für sich, ganz leise, doch trotzdem zusammen. Aus allen Richtungen kam diese Vertrautheit, als würde man sich schon ewig kennen.
Schließlich verhallte ‚Above The Clouds Of Pompeii‘ mit dem Abgang der Band. Lange Minuten vergingen und einige im Publikum ließen sich zu den Garderoben treiben, als das wohl schönste passierte, was an diesem Abend hätte von der Band kommen können.
Es war nicht etwa der Umstand, dass die Band eine Zugabe spielte, obwohl sie es vorher so vehement ausschlossen. Es war der Umstand, dass sie sich für den Song ‚Bad Blood‘ direkt in die Menge stellte, in den Mittelpunkt des Saals und diesen Song akustisch spielten. Das Publikum huldigte dies mit einem großartigen Kniefall und hockte sich um die Band herum hin. So entwickelte sich aus dem Moment heraus eine Zusammenkunft, die auf beiderseitiger Anerkennung basierte. Man konnte das Gefühl bekommen, bei einem Wohnzimmerkonzert gelandet zu sein.

Bear's Den

Bear’s Den

Zu ewigen Dank verpflichtet

Hatten sie sich hiernach wieder zur Bühne zurückgearbeitet, sprach Davie nochmals an, wie wunderbar die Band Berlin finde und, was wohl eher spaßig gemeint war, dass sie sich bereits nach Wohnungen umgesehen hätten. Berlin gibt viel und deshalb seien sie besonders überwältigt hier spielen zu können.
Was folgte waren ein hymnisches ‚Gabriel‘ und der Opener des Debütalbums ‚Island‘ – ‚Agape‘.
‚Agape‘ schloß den Abend ab, wie der Epilog eines großartigen Buches – mit choralem Gesang, Gitarrenbegleitung und bedächtiger Stille.
Und plötzlich waren sie weg. Angekündigt und doch unerwartet entließen Bear’s Den das Publikum in die herbstliche Sonntagnacht und gaben der Menge eine Stimmung mit auf den Weg, die wirkte, als hätte man einen jahrelang nicht gesehenen Freund wieder getroffen und festgestellt, dass man sich eigentlich ganz schön vermisst hatte.