SYML - I Wanted To Leave

SYML – Ganz eigene Gymnopédies

Wir haben schon viele Songs vom US-Amerikanischen Musiker SYML gehört. Mal waren es ganz leise Balladen, die durch Folk, Singer/Songwriter und Pop geprägt waren – wie seine letzte Veröffentlichung The Dark, mal waren es schnelle und laute Rockhymnen, die nach Indie und Alternative griffen. Alle gemein hatten aber immer wieder das Überraschungsmoment. So klingt kaum ein Song, wie der andere. Nun hat sich Brian Fennell – der mit seinem Output an Songs immerhin bereits auf satte acht Beiträge auf SOML gekommen ist – an eine weitere genreübergreifende Ausdrucksweise gewagt – dem Instrumentalsong. Mit nur einem Klavier spielt sich SYML auf dem Song I Wanted To Leave so frei, das wir völlig vergessen, dass dieser Song gerade erst veröffentlicht wurde. Dabei hat SYML bereits einige seiner Songs als Pianoversion veröffentlicht, doch waren diese immer nur Abwandlungen seiner früheren Songs mit Gesang. I Wanted To Leave hat SYML erstmals als reinen Pianotrack geschrieben und komponiert. Mit sanften Klavieranschlägen und markanten Highlights setzt sich I Wanted To Leave fragil zusammen und erinnert an die großartigen Kompositionen von Eric Saties Gymnopédies No. 1, Yann Tiersens Comptine d’Un Autre Été aus dem Film Die fabelhaften Welt der Amélie oder Brian Reitzells Beginners (Theme Suite) aus dem gleichnamigen Film Beginners. Alle gemein haben, dass sie es geschafft haben – ob der klassischen Instrumentierung – im Mainstream beachtet und über Jahre hinweg als zeitlos aktuell empfunden zu werden.

Brian Fennell
Brian Fennell

SYML greift dabei die Sprache der Emotionen auf und erzählt uns über die Dramaturgie des Songs eine Geschichte, die vom kalten Gefühl ferner Orte handelt. Obwohl der Musiker an so vielen großartigen Orten der Welt sein kann, stellt sich im Laufe der Zeit irgendwann das Gefühl von Kälte ein, bei der er immer deutlicher das Verlangen empfindet, nach Hause kommen zu wollen. Als Musiker ist dieses Gefühl ein stetiger Begleiter auf Tour und zeugt von dem unfassbaren Verlangen nach Heimat. Die tiefen Klaviertöne von I Wanted To Leave lassen dieses Gefühl noch stärker werden und zeigen eine Traurigkeit, die gleichzeitig durch das Spiel im Hintergrund eine Dynamik entwickelt, die vom Veränderungsdrang geprägt ist. Mit den hellen Tönen in der Mitte des Songs strahlt schließlich auch der I Wanted To Leave in einem hellen Licht, ehe er wieder in ein tiefes Gefühl der Melancholie versinkt. SYML schafft es, die Sprache seiner Emotionen so gekonnt auf die verschiedenen Musikstile aufzuteilen, dass man sich jedes Mal wieder öffnet und seinen Gefühle freie Lauf lässt. Auffällig dabei ist, dass er über die Jahre in seinen Produktionen immer ruhiger geworden ist und damit den Emotionen deutlich mehr Raum haben. Mit I Wanted To Leave kündigt SYML gleichzeitig weitere Songs dieser Art an und könnte auf eine instrumentale EP hindeuten. Solange wärmen wir uns mit den warmen Klaviertönen seiner aktuellen Veröffentlichung ein wenig.

Amason - Marry Me Just For Fun

Amason – Eine Supergroup ganz verträumt

Sie besteht aus der Crème de la Crème der schwedischen Musiklandschaft – die Supergroup Amason. Steckt hinter der Band doch die Sängerin Amanda Bergman – die seit Jahren unter verschiedenen Pseudonymen Musik macht und mit The Tallest Man On Earth-Kristian Matsson verheiratet war, der Keyboarder Gustav Ejstes – der mit seiner Band Dungen in den vergangenen 20 Jahren bereits neun Alben veröffentlicht hat, der Produzent Pontus Winnberg – der als Teil des Produzenten-Duos Bloodshy & Avant Songs unter anderem für David Guetta, Maroon5 und Britney Spears produziert hat und gleichzeitig Teil der Band Miike Snow ist, der Produzent Petter Winnberg – der vor allem als Produzent für Film- und Serienmusik für Netflix, HBO, H&M und Vogue in Erscheinung tritt und der Schlagzeuger Nils Törnqvist, der ebenfalls mit der Band Little Majonettes erfolgreich ist. Hat sich die Band 2012 gegründet, veröffentlichte sie 2015 mit Sky City ihr Debütalbum. Nun ist mit Galaxy I ihr langersehntes Nachfolgealbum rausgekommen und besitzt mit der aktuellen Single Marry Me Just For Fun eine wunderbar, nostalgische Popballade, die mit 80er Jahre Synthies und melancholischer Grundstimmung eine Art Ode auf den Moment darstellen soll. Amason haben damit gleichzeitig den ersten Teil ihres Doppelalbums Galaxy I veröffentlicht, welches aus fünf Songs besteht und Anfang 2020 mit dem zweiten Teil komplettiert wird. Mit der wunderbar hohen und brüchigen Stimme Bergmans, dem poplastigen Sound und dem grandiosen Songwriting kommt einem bei Amason momentan die Frage auf, warum die Band eigentlich nicht ähnlich schnell durch die Decke geht, wie es sonst bei den einzelnen Bands und Projekten der Musiker passiert ist. Mit Marry Me Just For Fun haben sie auf alle Fälle einen veritablen Hit im Angebot, der mit Sicherheit die Fanbase der Band vergrößern wird.

HAEVN – Symphonie im Popgewand

HAEVN – das sind die beiden Niederländer Marijn van der Meer und Jorrit Kleijnen. Jahrelang haben sie zusammen Filmmusik komponiert und so einen Sinn dafür bekommen, zu welcher Stimmung, welche Musik passt. Dies wollten Sie nicht länger nur für Filmproduktionen machen und gründeten kurzerhand das Duo HAEVN. Unter diesem Namen haben sie seit 2015 bereits Songs wie Finding Out More und  Bright Lights veröffentlicht, sind cineastisch produziert und leben den Moment. Dabei kommt es gar nicht so sehr auf einen Partymoment an, vielmehr liegen HAEVN’s Stärken in der ruhigen, bedächtigen Produktion. Mit Fortitude haben die beiden nun eine neue Single veröffentlicht, die nicht nur das Debütalbum für Februar 2018 ankündigen soll, sondern auch alle Facetten dieses Duos aufzeigt. Da kommt ein Klavier, kommen Streicher, vorsichtige Tiefen und ganz viel Verletzlichkeit zusammen. Bei HAEVN existiert immer der Anspruch, eine musikalische Vollkommenheit zu zeigen, die dennoch leicht und schwer zugleich klingt. Fortitude ist hier der neuste Beweis und lässt uns die Tage, bis zur Veröffentlichung des Debütalbums Eyes Closed runterzählen.

Schwarz – Das Gefühl von Heimat

Schwarz – Home

Es ist immer wieder Teil von aberwitzigen Aufzählungen deutscher Worte, die es in anderen Sprachen nicht gibt. Da wäre zum Beispiel Geborgenheit, Weltschmerz oder Heimweh. Für Letzteres muss es zwingend einen ausgemachten Ort geben, den man als Heimat bezeichnet. Mit diesem tut sich Schwarz schwer. Dabei fällt auf, dass Schwarz, als Bandname, so ungewöhnlich ist und dabei so viel Normalität ausstrahlt. Diese Normalität ist es, die der Kopf hinter Schwarz anstrebt. Steckt doch kein geringerer als Roland Meyer de Voltaire dahinter, der in den frühen 2000ern mit der Band Voltaire zwei deutschsprachige Alben veröffentlichte. Hinzu kommt, dass Meyer de Voltaire als Junge, mit seiner Familie, das beschauliche Bonn verlassen und in die große, laute Stadt Moskau zog. Hier lernte er schnell mit dem Gefühl umzugehen, was es heißt, eine Heimat und eine Zugehörigkeit zu haben. Und eben diese auch zu vermissen. Für Voltaire hatte Meyer de Voltaire lange Jahre Texte geschrieben und Musik gemacht, bis er dieses Schema nicht mehr bedienen wollte. Er sehnte sich nach Tiefe, Empathie und auch Geborgenheit in der Musik. So legte Meyer de Voltaire die Gitarre beiseite, entdeckte das Klavier für sich und komponierte Musik für Filme. Herausgekommen ist eine EP, die den Song Home beinhaltet. Home lehnt sich hierbei stark an frühere Songs von Keane an und trumpft mit der Kopfstimme Meyer de Voltaires auf, die zu Klavier und sanfter Instrumentierung begleitet wird. Im Verlauf des Songs folgen seichte elektronische Elemente aber auch ein drückender Tackt, der Home schwelgerisch werden lässt. Hinzu kommt, dass das zugehörige Musikvideo zu Home, einen Ausschnitt aus Benjamin Kahlmeyers 2010er Dokumentarfilm Meanwhile in Mamelodi – Die Welt zu Gast bei Fremden beinhaltet und das Thema Heimat zusätzlich beschreibt. Home ist ein raffinierter aber zugleich unglaublich sensibler Song, der durch die Schwere und seines massiven Sounds Eindruck hinterlässt.