Christine And The Queens – Konzertkritik

Sie kam, sah, siegte. Nicht anders ist zu beschreiben, was Héloïse Letissier alias Christine And The Queens am gestrigen Abend bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert in der Berliner Columbiahalle abgeliefert hat. Einen Abend mit vielen Eindrücken, vielen Interaktionen und noch mehr Songs trieben den Siegeszug der französischen Sängerin weiter an – und noch viel mehr, wäre da nicht der Support-Act. Aber alles der Reihe nach.

 

Bereits im Vorfeld des Berliner Konzertes gab es Lobeshymnen und Vorfreude auf allen Kanälen, sei es im Radio, in den Feuilletons oder auf den Fanseiten der Sängerin zu hören und lesen. Und so war es auch kein Wunder, dass das einzige Deutschlandkonzert und eines der wenigen europäischen Konzerte überhaupt – außerhalb Frankreichs und Großbritanniens – in Windeseile ausverkauft war.

Lauren Auder @Columbiahalle Berlin http://www.soundtrack-of-my-life.com

Als Support Act stand Lauren Auder auf der Bühne, bei dem sich verschiedene Quellen noch nicht einmal sicher sind, wo er lebt, und wo er geboren wurde. Heisst es auf der Internetseite seiner Booking-Agentur Primary Talent International, er sei in Großbritannien geboren und in Frankreich aufgewachsen, meldet das Musikmagazin Pitchfork genau das Gegenteil. Hierbei zeigt sich der Widerspruch, den Auder auch am gestrigen Abend auf der Bühne präsentierte. Mit einem Sound, irgendwo zwischen Wave und Gothik orientiert, gab Auder seine Stimme in einer trägen und desinteressierten Art zum Besten und wirkte damit nicht, wie es eigentlich ein Support-Act machen sollte – die Masse anheizen, um den Hauptact danach zu feiern. Ist seine Bariton-Stimme unverkennbar und hat einen hohen Wiedererkennungswert, schaffte es Auder nicht, eine Verbindung mit dem Publikum aufzubauen. Was verwundert, hat der 19-Jährige Sänger doch Ende April in einem Interview gesagt I’m starting to get to where I’m able to make a true connection to the public, which has been kind of crazy. Von dieser Verbindung kann am gestrigen Abend keine Rede gewesen sein. Und so wurde die Ankündigung, dass sein letztes Lied kommen würde, fast schon freudig vom Publikum mit Jubel quittiert.

Nach 15 minütiger Umbauphase trat schließlich Letissier auf die Bühne und verwandelte diese in die Bretter, die die Welt bedeuten. So war die gesamte Show einem Bühnenensemble gleich, welches immer wieder in Trainingssessions zu den Songs performte. Mal abstrakt mit einem sogenannten Shadowing – hierbei kopiert eine Person die Bewegung der Hauptperson. Mal in Form einer Slow-Motion Performance oder wiederum auch ganz klar in Rivalenkämpfen der Bühnentänzer. Dies verlieh der Show eine Dynamik, die das Konzert zu einem Musical werden ließ. Hierbei konfrontierte Letissier das Publikum immer wieder mit Konversationen, die in den nächsten Song übergingen. So trat Letissier beispielsweise zwischen den Tänzern hervor, die gerade einen Freeze-Mode hatten (die Tänzer stehen wie eingefroren da und lassen sich durch Witze oder Bewegungen anderer nicht aus der Fassung bringen), um diese aus der Starre zu bringen um schließlich mit dem Satz Maybe I’m too tilted einen ihrer großen Hits Tilted/Christine überzugehen.

Es sind aber auch die einfachen Dinge, die Letissier so wunderbar beherrscht. So gab es neben Konfettiregen auch eine Art Sanduhr zu dem Lied The Walker bei dem langsam Sand von der Decke aus drei verschiedenen Kübeln auf die Bühne fiel. Schließlich tauchte sie, nach einem schnellen Abgang, mitten im Publikum wieder auf, um ihre Zugabe zu spielen.
Ob bei Doesn’t Matter oder Saint Claude – Letissier geht mit ihrer Sexualität offen um und zeigt sich bei den Performances zu diesen beiden Songs mit offener Bluse bis hin zum – bis auf den BH – freien Oberkörper.

In dem 110 Minuten langen Konzert verpackte das Energiebündel sagenhafte 19 Songs (hier gehts zur Setlist) aus den beiden Alben Chaleur humaine und Chris, sowie aus der EP Intranquillité. Dabei sprach Letissier auch immer wieder davon, wie wichtig es ihr sei, einen sicheren Platz für alle Arten von Liebe zu schaffen und, dass dieses Konzert ein sicherere Platz ist. Ihre Leidenschaft zur Bühne zieht sich durch ihr gesamtes Leben und so war die Show auch als solches nicht nur das Konzert einer französischen Popsängerin, sondern vielmehr ein Gefühl, eine Geschichte, Dramatik, Erotik, Cleverness und einfordernd und überzeugte in einem Maße, welches das Publikum vor Begeisterung wegbließ. Letissier – als Christine And The Queens auf der Bühne – wird zu Recht als Next Generation Leader (Time Magazine) betitelt und trägt damit einen großen Teil dazu bei, dass in politisch schwierigen Zeiten, die Stimmen für Liberalität, Humanität und Gleichberechtigung lauter sind, als die der Gegner.

Christine And The Queens @Columbiahalle Berlin http://www.soundtrack-of-my-life.com

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Kideko & George Kwali feat. Nadia Rose & Sweetie Irie – Woah!!!

Kideko & George Kwali feat. Nadia Rose & Sweetie Irie - Crank It (Woah!)

Kideko & George Kwali feat. Nadia Rose & Sweetie Irie – Crank It (Woah!)

Was für eine Interpretenriege! Wenn man von vorne beginnt, muss man das Produzentenduo Kideko & George Kwali als erstes vorstellen. Kideko ist ein britischer DJ und Produzent aus Brighton und hat unter anderem einen Remix für den Nummer 1 Hit von Imany Don’t Be So Shy gemacht. George Kwali – ebenfalls aus Brighton hat noch nicht so viel an Material vorzuweisen, dafür aber maßgeblich zu Crank It (Woah!) beigetragen. Beide kommen aktuell noch auf eine recht überschaubare Zahl an Facebook Likes. Für ihren Monsterhit Crank It (Woah!) hat sich das Duo nicht nur die 25 jährige Rapperin Nadia Rose, die in den letzten 12 Monaten mit Songs wie Station und Boom für Furore in der britischen Rapszene gesorgt hat, mit ins Boot geholt, sondern auch Sweetie Irie. Der Reggae-Sänger hat bereits mit den Gorillaz, No Doubt und Ms. Dynamite zusammengearbeitet. Viele Köche verderben den Brei heißt es oftmals. Doch im Falle von Crank It (Woah!) ist es gerade diese Vielzahl von Einflüssen die den Song so interessant machen. Ist er doch vollgepackt mit derben Beats á lá 212 von Azealia Banks und zeigt eine Dynamik, die zum absoluten Ausrasten animiert. Nadia Rose‘ und Sweetie Iries Rap-Parts bringen dem Song nur noch mehr Energie und lassen die Wände beben. Crank It (Woah!) ist ein Song, der das Potential hat über die nächsten Jahre zu einer der meist gewünschten Songs in den Clubs weltweit zu werden.

White Lies – Konzertkritik (Huxley’s Neue Welt Berlin)

White Lies @Huxley's Neue Welt, Berlin

White Lies @Huxley’s Neue Welt, Berlin

31. Oktober 2016 – Halloween! Der Tag, der vielen so viel Spaß am Verkleiden bringt, macht auch vor Konzerten keinen Halt. Und so haben sich die Briten von White Lies eine ganz besondere Show ausgedacht. Doch zuvor waren erst einmal die Jungs von The Ramona Flowers an der Reihe.

Das düstere ist der Freude gewichen

The Ramona Flowers sind als Support längst keine Unbekannten mehr. Hatten sie doch bereits vor zwei Jahre als Vorband von Bombay Bicycle Club im Berliner Postbahnhof gespielt. Damals noch mit einem eher melancholisch, wuchtigen Sound, sorgten sie dieses Halloween dafür, dass das Publikum im Huxley’s bereits im Vorfeld enorm angeheizt wurde. So spielten sie dann, mit Tokyo auch nur einen einzigen Song ihres Debütalbums Dismantle and Rebuild. Alle anderen sechs Songs kamen ausnahmslos vom aktuellen Album Part Time Spies und überzeugten durch mehr Direktheit und stadionlastigen Refrains. Selbst Steve Bird – Frontsänger der Band – zeigte mit einer offensiven und teils schon aggressiv gut gelaunten Art, dass sich die Band in nur zwei Jahren deutlich weiterentwickelt hat. Sehr angenehm wurde es, nachdem sie durch Hurricane, Dirty World und Skies Turn Gold führten, mit dem Song Start To Rust, der demnächst als Single veröffentlicht wird. Hier zeigt sich sowohl die Band, als auch Bird in alter Form und begleiten einen durch ein ruhiges aber intensives Soundkostüm, das durch Birds mal defensiven, mal offensiven Gesang an Tempo zunimmt. Zum Ende führt ein opulenter Sound und intensiver Gesangsausbruch, der beim Publikum punktete. Es ist schön zu sehen, dass The Ramona Flowers sich weiterentwickelt und dennoch den Sound ihres Debüts nicht verloren haben.

Aus der Gruft zwischen Orgeln und Sorgen um eine Stimme

So konnte man den Konzertauftritt der White Lies beschreiben. Kamen sie doch in Halloweenkostümen auf die Bühne, waren umgeben von Spinnweben und einer Gruftathmosphäre und schienen selbst den Sound angepasst zu haben. So fiel bereits bei den ersten beiden Songs Take It Out On Me und There Goes Our Love Again auf, dass die Synths deutlich klarer und fast schon nach einer Kirchenorgel klangen. Verstärkt wurde das ganze durch Charles Cave am Bass, der hier an den Sound der Rocky Horror Picture Show erinnerte. All diese Nuancen wurden so fein in die Songs eingearbeitet, dass man es kaum merkte. Doch spätestens bei To Lose My Life kamen dann diese Nuancen deutlich hervor und vom Nebel umgeben, verwandelte sich das Huxley’s in eine Hiernach sollte dann auch eine kleine Erklärung zwecks des Bühnenoutfits folgen. So hatte der Tour-Manager der Band zwar gesagt, dass Halloween in Deutschland nicht ganz so groß zelebriert wird, wie bei Ihnen, doch war Frontsänger Harry McVeigh dennoch überrascht, dass es so wenig verkleidete Menschen gab. Denn die Quote ging gegen Null.

Zurück in die 80er

Mit Hold Back Your Love sorgten sie dann für ein sattes 80er Jahre Gefühl. So passten Nebel, lila-blaue Bühnenstrahler, Synthies und ein Retrobeat in die 80er, dass man sich kurzzeitig nach dem DeLorean aus Zurück in die Zukunft umsah. Abermals zurück zu den Orgeln ging es dann natürlich mit Unfinished Business, bei dem das Publikum ohne Aufforderung mit klatschte und den Text mit sang. Als nächstes folgte eine kleine Überraschung, spielten sie doch mit Price Of Love einen Song, den sie seit 5 Jahren nicht mehr live performten und sorgten so für viele zufriedene Gesichter. Hier war dann auch das erste Mal festzustellen, dass McVeigh’s Stimme zum Ende hin brach, was im Laufe des Abends noch häufiger der Fall sein sollte. So viel gerade bei den langgezogenen Gesangsparts auf, dass McVeigh die Tonlage auf Dauer des Öfteren nicht halten konnte. Dies tat allerdings der Dynamik und Sound keinen Abbruch und überzeugte die Band umso mehr mit einer energievollen Show.

In die Vergangenheit und zurück

Zwischen Farewell To The Fairground und E.S.T. fassten die White Lies zwei ihrer poppigsten Nummern des neuen Albums FriendsMorning In LA und Is My Love Enough, ein. Immer wieder sorgten McVeigh und Cave mit kurzen Smalltalks dafür, dass das Publikum dran blieb und bei Songs wie Getting Even mitsang und tanzte. Es kamen selbst Parts vor, an denen McVeigh aufhörte zu singen, da das Publikum so laut mit sang und so den Song weiter trug. Immer wieder in den Gesichtern der Band zu lesen, war die Freude und Dankbarkeit, die sie dann auch nach jedem zweiten Song zum Ausdruck brachten.

Mit viel Euphorie ins Finale

Setzt bei anderen Konzerten im letzten Teil des Konzertes eine Müdigkeit ein, trat bei Songs wie Streetlights, A Place To Hide , Don’t Want To Feel It All und Death eine Euphorie ein, die sich in Jubel und langanhaltendem Klatschen äußerte. Stimmlich von Cave unterstützt, beendete McVeigh das Konzert mit einem Danke und wenig später nochmals für Big TV, Come On und schließlich Bigger Than Us zurück auf die Bühne zu kommen. Nach mehrmaligen Verbeugungen und einem Versprechen, so schnell wie möglich wieder nach Berlin zu kommen, verschwand die Band im Dunkeln.

Nach dem Nummer 1 Debütalbum To Lose My Life… wurde es in den letzten Jahren nicht einfacher für das britische Trio erfolgreich zu bleiben. Spülte es doch in den letzten Jahren unzählige Bands an die Oberfläche, die einen langanhaltenden Erfolg kaum noch möglich machen. Doch mit einer kontinuierlichen Weiterentwicklung und der Öffnung zu Soundelementen, die man noch vor drei Jahren niemals bei den White Lies vermutet hätte, zeigen sie, dass die Band in Bewegung ist und ihr eigenes Erfolgsrezept nicht einfach nur kopieren wollen. Dies ist Harry McVeigh, Charles Cave und Jack Lawrence-Brown mit dem vierten Album Friends gelungen. Sowohl im Studio, als auch Live.